Franz Mehring: Betrogene Betrüger

[Die Neue Zeit, XV. Jahrgang 1895-96, I. Band, Nr. 3, S. 65-68]

f Berlin, 7. Oktober 1896

Die abgeschmackten Szenen, die sich eben in Paris abspielen, erleichtern etwas die Beklemmung, die seit den Breslauer Tagen auf den Herzen derjenigen deutschen Patrioten lag, denen ihr Patriotismus noch als etwas mehr gilt, denn als Aushängeschild für flotte Karrieren. So ganz reinlich und zweifelsohne liegt freilich die Sache noch immer nicht. Denn nach Paris kommt der Zar wenigstens als angeblicher Freund, während er in Breslau als tückisch verbissener Feind erschien. Aber trotz alledem nimmt sich das Wettkriechen der französischen Republik: vor Väterchen nicht viel absonderlicher aus, als sich nur immer ausnehmen. mögen die offiziellen Beflissenheiten monarchischer Höfe vor dem jungen Menschen, der in seines Nichts durchbohrendem Gefühl den Selbstherrscher aller Reußen tragieren muss.

Bei solchen Haupt- und Staatsaktionen spielt, wenn sie den Dummen imponieren sollen – denn den Klugen imponieren sie längst nicht mehr – die Persönlichkeit eine gewichtige Rolle. Von diesem, in den monarchischen Regionen überhaupt etwas rar gewordenen Artikel besitzt der gegenwärtige Kaiser von Russland augenscheinlich nichts. Scheu und mit unsicheren Blicken, wie ein Flüchtling, auf dessen Fährten die Furien jagen, streicht er durch Europa, und mit einigen lallenden Phrasen, die er mühsam her stottert, wie sie ihm mühsam eingepaukt sein mögen, antwortet er auf die begeisterten Huldigungen, die ihm zu Füßen gelegt werden. Wie ganz anders spielten im Anfange des Jahrhunderts der Zar Alexander I. und der gekrönte Plebejer Napoleon dieselben Komödien, die am Ende des Jahrhunderts der Zar Nikolaus Il, und der nun gekrönte Bourgeois Faure so kläglich spielen! Die Zeiten ändern sich eben, und mit ihnen die Komödianten wie die Komödien.

Eine größere Dauerhaftigkeit bewähren die Titel der Komödien, und dem Spektakelstück in Paris sitzt wie angegossen der Titel der betrogenen Betrüger, der vor neunzig Jahren dem Spektakelstück auf dem Floß in Tilsit wie angegossen saß. Der Zar, der bei einer Bourgeoisrepublik hofieren muss, um einen großen, großen Pump durchzudrücken, ist eben doch kein Autokrat mehr; der frenetische Jubel, der ihn auf den Pariser Boulevards umtobt, wird ihn bei all seiner sonstigen Nichtigkeit nicht darüber täuschen, dass keiner seiner Vorfahren zu einer gleich demütigenden Rolle verurteilt worden ist. Die russischen Zaren, die in ihren Palästen stranguliert oder auf der Straße massakriert wurden oder sich selbst umbrachten, um sich nicht vor auswärtigen Feinden zu demütigen, starben stehenden Fußes in ihren angeborenen Rollen als Selbstherrscher; der Zar aber, der mit dem Hute in der Hand bei den Finanzkönigen der Bourgeoisie antichambriert, ist ein entarteter und entwürdigter Zar, ein Zar, der nicht mehr ein Zar ist. Er macht ein sehr einträgliches Geschäft, indem er sich ein paar Tage lang in der Stadt der Revolutionen herumschleppen lässt, aber heimkehrend mit goldstrotzenden Taschen hat er mit seinem Leben gezahlt, um leben zu könnten. Als Ludwig XIV. in seinem Schlosse zu Versailles den Hut zog vor dem Juden Samuel Bernard, um ihn zu einem Anlehen geneigt zu machen, schlug die Totenglocke der altfranzösischen Monarchie.

Indem der Zar die französische Bourgeoisie narrt, narrt er sich selbst. Aber auch die französische Bourgeoisie narrt sich selbst, indem sie den Zaren narrt. Sie verschüttet ihr Gold und mehr noch, sie schändet ihre großen Überlieferungen um eines Trugbildes willen, das niemals greifbare Gestalt gewinnen wird. Wäre der zarische Despotismus auch so ehern, wie er tönern ist, er würde sich nie zum Vorspann der französischen Revanchegelüste machen, es sei denn um einen Preis, der für die französische Bourgeoisie unerschwinglich ist. Die Erfahrungen der Geschichte sprechen in dieser Beziehung lauf genug. Dreimal hat in diesem Jahrhundert eine französisch-russische Allianz bestanden, die ihre Spitze gegen Deutschland richtete, und alle drei Male richtete sie ihre Spie auch gegen die französische Bourgeoisie.

Das erste Bündnis wurde 1807 in Tilsit geschlossen. Russland gab Deutschland vollständig in die Gewalt Napoleons und nahm sogar zum schimpflichen Unterpfande seiner Treue im Verrat ein seinem bisherigen preußischen Bundesgenossen geraubtes Stück Land an. Dafür erhielt es freie Hand in der Türkei. Es beeilte sich, Bessarabien und die Moldau zu erobern und seine Truppen über die Donau zu schien. Bald nachher aber „studierte“ Napoleon „die türkische Frage“ und änderte seine Meinung über den Gegenstand ganz bedeutend. Das wurde für Russland ein Hauptgrund zum Kriege von 1812, der in seinen weiteren Folgen zum Sturze Napoleons führte. An diesem Sturze arbeitete die französische Bourgeoisie eifrig mit, aber nicht sie durfte die Kastanien essen, die sie dem Zaren aus dem Feuer geholt hatte. Der Zar drang ihr die alt-bourbonische Restauration auf, und der wahre Herrscher von Frankreich wurde der russische Botschafter Pozzo di Borgo.

Das zweite französisch-russische Bündnis, das seine Spitze gegen Deutschland richtete, stammt aus dem Jahre 1829. Es wurde geschlossen auf Kosten der französischen Bourgeoisie, die sich so weit entwickelt und gekräftigt hatte, dass sie die restaurierte Adels- und Pfaffenherrschaft abzuschütteln gedachte. Um den drohende Ausbruch zu verhindern, schloss das Ministerium Polignac mit dem zarischen Despotismus ein Bündnis, wonach Frankreich das linke Rheinufer und Russland wieder freie Hand in der Türkei bekommen sollte. Der feine Plan misslang, weil die französische Bourgeoisie diesmal klug genug war, selbst die Kastanien zu verspeisen, die sie aus der glühenden Asche der Julirevolution holte. Als die Anklage gegen Polignac vorbereitet und dabei der französisch-russische Vertrag vorgefunden wurde, warf Talleyrand ihn ins Feuer. Die französische Bourgeoisie begriff damals noch, dass selbst das linke Rheinufer zu teuer erkauft worden wäre mit der Befestigung der russischen Hegemonie über Europa, die wie ein Alb auf aller bürgerlichen Entwicklung des Erdteils lastete.

Dann wurde im Jahre 1859 ein drittes Bündnis zwischen Frankreich und Russland geschlossen, unter ähnlichen Bedingungen, wie das Bündnis von 1829, aber auch wieder auf Kosten der französischen Bourgeoisie, deren gärendes Missbehagen den dritten Napoleon eben dazu trieb, den Bonapartismus durch einen erfolgreichen Krieg zu befestigen. Soweit gelang der Plan, und die Befestigung eines blut- und schmutztriefenden Despotismus auf elf weitere Jahre hatte die französische Nation der russischen Freundschaft zu danken. Was aber damals schon klar genug hervortrat, war die Tatsache, dass der Zarismus sich nicht mehr in der Lage befand, der französischen Bourgeoisie im linken Rheinufer ein neues Absatzgebiet zu verschaffen. Seine Kraft reichte gerade noch aus, um dem nachgemachten Napoleon zu einem in Oberitalien lokalisierten Kriege gegen Österreich die nötige Deckung zu geben, aber weiter reichte sie nicht, Russland drängte am eifrigsten zum Frieden, sobald die Rheinfrage durch die preußische Mobilmachung praktisch zu werden begann. Da die Berichte über die Stimmung in Russisch-Polen sehr schlecht lauteten, da die versuchte Mobilmachung von vier russischen Armeekorps die noch nicht überwundene Erschöpfung des Landes bewies, da die Bauernbewegung sowohl wie der Widerstand des Adels Dimensionen annahmen, die im Falle eines auswärtigen Krieges gefährlich werden konnten, so erschien ein Generaladjutant des Zaren im französischen Hauptquartier und der Friede von Villafranca wurde geschlossen.

Die Gründe, die damals den hilfreichen Arm des zarischen Absolutismus lähmten, find heute in noch zehnfach verstärktem Maße vorhanden. Die Illusionen der französischen Bourgeoisie würden deshalb ganz unbegreiflich sein, wenn sie nicht allzu begreiflich würden dadurch, dass es in der Komödie der betrogenen Betrüger, die sich eben in Paris abspielt, noch einen dritten Mitspieler gibt: nämlich die deutsche Bourgeoisie. Die Frage des linken Rheinufers heißt heute die Frage Elsass-Lothringen. Die Illusion der deutschen Bourgeoisie und ihres genialen Abgotts Bismarck, durch die Annexion Elsass-Lothringens endlich einmal den europäischen Frieden zu sichern, war um kein Haar breit weniger närrisch als die Illusionen, in denen jetzt der Zar und die französische Bourgeoisie ihre Veitstänze aufführen. Sie war sogar die Mutter dieser Illusionen, und wenn der Ehrengreis im Sachsenwalde noch einen Funken Selbsterkenntnis besitzt, so müssen ihn die Pariser Zarentage mit ganz absonderlichen Gedanken über seinen Nachruhm erfüllen.

Für Leute, welche ein wenig die Geschichte studiert hatten, war die Situation 1870 und auch schon 1859 vollkommen klar. Die russische Hegemonie in Europa beruhte, je stärker die bürgerliche Entwicklung in Europa vorschritt, um so mehr auf der dauernden Verfeindung Deutschlands und Frankreichs. Die Geschichte der französisch-russischen Bündnisse offenbarten die natürliche und traditionelle Politik Russlands: Frankreich den Besitz des linken Rheinufers zu versprechen und ihm dazu zu verhelfen gegen die Gestattung und Unterstützung russischer Eroberungen an der Weichsel und an der Donau, und dann Deutschland, das zum Dank die russischen Eroberungen anerkennt, in der Wiedereroberung des an Frankreich verlorenen Gebiets zu unterstützen. Dieser russischen Politik konnten nach Sedan durch den Frieden zwischen Deutschland und Frankreich die Giftzähne ausgebrochen werden. Die Frage des linken Rheinufers war dann keine Frage mehr, und sonst gab es keine Kompensation, durch die der Zarismus die Franzosen für die Unterstützung seiner Eroberungspläne hätte gewinnen können.

Statt dass die russische Hegemonie, die in erster Reihe über Deutschland so viel Schmach gebracht hatte, endlich den Todesstoß empfing, wurde ihr Leben durch die Annexion von Elsass-Lothringen in unberechenbarem Maße verlängert, weit über ihr natürliches Maß hinaus, bis zu der grotesken Karikatur, dass derselbe Zar, der in seinem eigenen Reiche schon ein Gefangener der Revolution ist, sich in dem zivilisierten Europa als Oberherr gebärden kann, dem sich, wo er naht, Alles in zitternder Ehrfurcht zu Füßen wirft. Will man gerecht sein, so muss man zugeben, dass an diesem ungeheuerlichen Zustande weniger Bismarck schuld ist, als die deutsche Bourgeoisie, Bismarck war schließlich ein Junker, der die Begeisterung für die Knute mit der Muttermilch eingesogen hatte und es nicht besser wusste, als dass ein siegreicher Krieg mit einer Beute an Land und Leuten enden müsse, aber die deutsche Bourgeoisie hätte so viel Einsicht und Umsicht haben sollen, um sich der Annexion Elsass-Lothringens zu widersetzen. Ihr gebührt der Ehrenplatz, wenn die betrogenen Betrüger in Paris pokulieren und toastieren.

Zu pharisäischem Klugreden über die Pariser Tage haben die deutschen Patrioten also durchaus keinen Anlass. Die Bank, wo die Spötter über dies Spektakel sitzen dürfen, steht in der bürgerlichen Welt überhaupt nicht. Und die Leute, die darüber spotten dürften, verzichten auf den wohlfeilen Genuss und werden sich lieber, in bitterem Ernste wie in froher Hoffnung, darüber klar, dass die herrschenden Klassen, welche die europäische Politik seit den Tagen von Sedan bis zu den Tagen von Paris gemacht haben, nicht mehr herrschen können und also in absehbarer Zeit auch nicht mehr herrschen werden.


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