Franz Mehring: Kapitalistischer Theaterskandal

[Die Neue Zeit, XV. Jahrgang 1895-96, I. Band, Nr. 2, S. 33-37]

f Berlin, 30. September 1896

Morgen soll hier ein neues Theater eröffnet werden, das nach dein monate- und jahrelangen Reklamenotizen der Presse alle Wunder der alten und neuen Welt übertreffen wird. Gestern erschien zur Begrüßung dieses Kunsttempels eine „Festschrift“ von einem Herrn Paul Blumenreich, der von Anbeginn zu seinem Direktor bestimmt war, aber im letzten Augenblick vom Aufsichtsrat abgesetzt worden ist. Das Pamphlet liegt in allen Buchläden aus und wird rasend gekauft. Es wäre ungerecht zu leugnen, dass es für eine Mark eine Masse Belehrung spendet über die Kulissengeheimnisse der kapitalistischen Welt.

Herr Blumenreich ist kein Cato und beansprucht auch durchaus nicht, ein Cato zu fein. Eine Gesellschaft von Schwindlern ist unter dem Zwange, ihren Schwindel sonst nicht weiter treiben zu können, gezwungen worden, einen aus ihrer Mitte zu opfern, und dieser Sündenbock ist Herr Paul Blumenreich. Als billig denkender Mann kennt er die Lebensbedingungen des Kapitalismus viel zu gut, um nicht zu begreifen, dass seinesgleichen je nachdem auch die Rolle des Pechvogels mit Würde muss spielen könne. Nur eins beansprucht er für diesen Fall: eine angemessene Abfindung in bar. Er sagte zu seinen Komplizen, wie jener Schneider zu Talleyrand: Mais il faut vivre; seine Komplizen aber antworteten ihm, wie Talleyrand dem Schneider: Je n’en vois pas la nécessité. Und das war sehr dumm von ihnen.

Bei jedem großen Schwindel, der heutzutage inszeniert wird, spielt die kapitalistische Presse eine große Rolle, und die Art, wie sie sich zu dem neuesten Skandal stellt, gibt einen treffenden Begriff von der Verlegenheit, in welche die Enthüllungen des Herrn Blumenreich diejenigen versetzen, welche sie angehen. Mit dem vielbeliebten Totschweigen ist es diesmal nicht getan, Herr Blumenreich gehört selbst zur Zunft und kennt den Rummel; seine Reklametrommel übertönt noch die Reklametrommeln, die eben das „Theater des Westens“ in der bürgerlichen Presse lärmend begrüßen. Als alter Zeitungsmensch beherrscht Herr Blumenreich, wie er selbst mit einem immerhin zweifelhaften Bilde sagt, die Klaviatur dieses lieblichen Instruments, nämlich der Reklametrommel, so einigermaßen. An allen Anschlagsäulen kündigt er seine „Festschrift“ an, und sie hat sich innerhalb vierundzwanzig Stunden viel zu schnell verbreitet, als dass mit „vornehmen Schweigen“ über sie hinwegzukommen wäre. So muss die kapitalistische Presse reden, und wie redet sie!

Nehmen wir eins der „feinen Blätter“, so sagt die „Vossische Zeitung“, Herr Blumenreich stelle sich als den einzigen Ehrenmann in einer Gesellschaft von Lügnern und Betrügern hin. Ihm selbst entwischten aber im Bestreben, sich rein zu waschen, unwillkürlich die bedenklichsten Zugeständnisse. Harmlos lächelnd erzähle er, wie er fünf hervorragende Dramatiker aufgefordert habe, einen „literarischen Aufsichtsrat“ zu bilden und dann mache er sich über die Dichter lustig, die seinen Antrag „ganz ernsthaft“ genommen hätten. Solche und ähnliche Wendungen stellten die sittliche Entrüstung des entlassenen Direktors in ein ziemlich fahles Licht. Um ihn als „ungebildet“ vor dem Weißbierphilister erscheinen zu lassen, rügt die „Vossische Zeitung“, dass er ein Wort, das sie mit t zu schreiben für richtig hält, mit einem th schreibe. Endlich erklärt sie, dass ein hiesiger Rechtsanwalt, wie er ihr mitteile, im Auftrage der beleidigten Personen die gerichtliche Klage gegen Herrn Blumenreich angestrengt habe, so dass die „Befürchtung“ gehoben sei, ihm könnte andererseits in seiner eigenen Tonart geantwortet werden.

Alles das schwindelt die Tante Voss, und sie weiß natürlich sehr gut, dass sie schwindelt. Die Klage der „beleidigten Personen“ gegen Herrn Blumenreich ist weder angestrengt worden, noch wird sie jemals angestrengt werden. Diese Ausrede ist ein bekanntes Hausmittelchen der kapitalistischen Korruption, um vorläufig über unbequeme Enthüllungen hinwegzukommen. Eine gerichtliche Klage beansprucht mehrere Monate Zeit – und Zeit gewonnen, Alles gewonnen. Nach einigen Monaten ist entweder das „Theater des Westens“ verkracht, und dann geht die verfrachte Injurienklage in einem Aufwaschen mit hin. Oder aber der große Schwindel ist geglückt, und dann haben die „genialen Männer“, die diese „Zierde der Reichshauptstadt“ gegründet haben, „vernünftiger Weise“ darauf verzichtet, gegen ein Subjekt, wie Herrn Blumenreich, mit einer gerichtlichen Klage vorzugehen. Vorausgesetzt, was nicht einmal wahrscheinlich ist, dass sich in diesem Falle überhaupt noch ein müßiger Zweifler an der Herrlichkeit des Kapitalismus nach der angeblich angestrengten Klage erkundigt. Die „Vossische Zeitung“ sollte so viel Achtung vor ihren Lesern haben, um sie nicht mit so abgestandenen Vorspiegelungen zu behelligen. Eher mag dem würdigen Blatte, das mindestens jede Woche einmal zum Gaudium für den „Kladderadatsch“ den armen Goethe mit den blödsinnigsten Zitaten anfällt, die heitere Selbsterkenntnis nachgesehen werden, womit es sich als Richterin über deutschen Stil oder auch nur deutsche Orthografie aufspielt.

Um nun aber auf den Hammel selbst zurückzukommen, so ist gleichfalls erfunden, dass Herr Blumenreich sich als „einziger Ehrenmann“ aufspiele und seine Genossen bei Gründung des „Theaters des Westens“ als eine Gesellschaft von Gründern und Betrügern hinstelle. Da jeder Versuch des Herrn Blumenreich, sich als „einzigen Ehrenmann“ hinzustellen, allerdings hoffnungslos wäre, so soll durch die unwahre Behauptung, dass er es dennoch getan habe, der Schein hervorgerufen werden, als beurteile er seine Komplizen ebenso ungerecht wie sich selbst, so dass er der „Lügner“ und sie die „Ehrenmänner“ wären. Tatsächlich macht Herr Blumenreich durchaus kein Hehl daraus, von welchem Kaliber er ist. Moralische Skrupel irgend welcher Art plagen ihn nicht im Entferntesten; er plaudert nicht einmal, getrieben von der Leidenschaft, sich für eine ihm angetane Unbill zu rächen, sondern stellt auch diese Empfindung, die in ihrer Art noch Selbstachtung verriete, gern dem geschäftsmäßigen Prinzip unter, dass eine Gesellschaft von Schwindlern, die notgedrungen einen aus ihrer Mitte fallen lassen muss, dies Opfer wenigstens in Baar zu entschädigen habe. Herr Blumenreich ist schon auf der letzten Entwicklungsstufe der kapitalistischen Welt angelangt, wo diese sich in vollendeter Reinheit kristallisiert und jeden Zeugen menschlicher Bedürftigkeit ausgestoßen hat; auf ihre vorletzte Entwicklungsstufe, das Stadium der eigenen moralischen Verheuchelung, in dem sich die „Vossische Zeitung“ noch hoffnungslos abquält, blickt er verächtlich als auf einen überwundenen Standpunkt zurück.

In seinem Pamphlet erzählt er, wie zwei arme Teufel, er selbst und ein hiesiger Baumeister und Reserveoffizier, hungrig nach den guten Dingen dieser Welt, aber ohne einen Pfennig Geld in der Tasche, Millionen über Millionen locker zu machen verstanden haben, um zwei große Theater, erst das „Theater Alt-Berlin“ in der Gewerbeausstellung, dann das. „Theater des Westens“ zu erbauen, und dies Theater sogar nach der einstimmigen Versicherung der bürgerlichen Presse als den künstlerisch vollendetsten und prunkvollsten Bau, der je der dramatischen Muse errichtet worden ist. Es ist unmöglich, auf knappem Raum den ganzen Rattenkönig von finanziellen Schiebungen zu entwirren, wodurch die Schelme ihren Zweck erreicht haben; man glaubt einen Roman zu lesen, wenn man die durchweg mit Daten, Namen und Zahlen belegte Darstellung verfolgt. Aber so romanhaft sie erscheint, so geringe Zweifel sind an ihrer Richtigkeit gestattet. Sie ist gewiss nicht richtig in dem Sinne, dass jedes Wort des Herrn Blumenreich lauteres Gold der Wahrheit wäre; schon die naheliegende Rücksicht auf den Staatsanwalt musste ihm starke Reserven auferlegen. Möglich auch, dass Herr Blumenreich bei aller zynischen Offenheit doch auf sich ein besseres Licht fallen lässt als auf seine Komplizen. Aber richtig ist seine Darstellung in dem Sinne, in dem sie allein ein allgemeines Interesse beanspruchen kann: sie schildert einen kolossalen Schwindel, so wie er sich in der kapitalistischen Welt entwickelt hat, als echtes und rechtes Gewächs dieser Welt. Ob dabei gegen den Wortlaut der Gesetze verstoßen worden ist, mag den Staatsanwalt, oder ob dabei Hinz oder Kunz ärger bloßgestellt worden ist, mag die Klatschmäuler interessieren: was den Sozialpolitiker interessiert, ist der mit naivem Zynismus aufgedeckte Prozess, wie der kapitalistische Schwindelhafer gesäet, gepflegt und endlich in die Scheunen gebracht wird.

Die „moralischen“ Hebel des in seiner Art grandiosen Humbugs waren erstens Königstreue, patriotische Gesinnung, zweitens bürgerliche Begeisterung für die Kunst und ihre lauteren Zwecke. Jener wurde mehr beim „Theater Alt-Berlin“, dieser mehr beim „Theater des Westens“ angesetzt. Das „künstlerische „Programm“ für das Theater in der Gewerbeausstellung entstand in Herrn Blumenreich dadurch, dass der „Kaiser lebhaft eingetreten war für die Wiederbelebung „der Berlinischen Historie“. Herr Blumenreich ließ von „modernen“ Dramatikern zehn Dramen zusammenschreiben, die von untertäniger Gesinnung strotzten. Herr Konrad Alberti beispielsweise puffte einen aus den gemeinsten Motiven begangenen Wortbruch eines hohenzollernschen Kurfürsten zu einem tragischen Opfer auf, das dieser Biedermann dem Wohle seines geliebten Volkes gebracht habe. Die Sache war selbst dem bürgerlichen Publikum zu albern; es gab so viele andere und bessere Gelegenheiten, sich in der Gewerbeausstellung zu amüsieren, dass die bravsten Patrioten an dem „Theater Alt-Berlin“ vorübergingen. Den Tageskosten von 1400 bis 1500 Mark stand eine Einnahme von manchmal nicht 100 Mark gegenüber. Die meiste Schuld an dem Krache dieses Theaters schreibt Herr Blumenreich dem Umstande zu, dass er keine „Förderung von Oben her“ erhalten habe, Herr Lucanus scheint den Braten rechtzeitig gerochen zu haben, war also in diesem Falle „moderner“ als die „Moderne“, die ihn nicht roch, Herr Blumenreich hatte seine zehn Dramen in „überaus kunstvollen, kostbaren Einbande Seiner Majestät dem Kaiser unterbreitet mit der Bitte, das Darstellen der kaiserlichen Vorfahren zu gestatten“. Aber auf dieses dem Chef des kaiserlichen Zivilkabinetts eingereichte Gesuch kam überhaupt keine Antwort, sondern der Amtsvorsteher in Treptow eröffnete dem Regisseur des „Theaters Alt-Berlin“, dass der Kaiser die Aufführungen genehmigt habe und dass die zehn prachtvoll gebundenen „Modernen“ wieder abgeholt werden könnten.

Hierin sieht Herr Blumenreich die eigentliche Quelle allen Unglücks. Der Kaiser habe das „Theater Alt-Berlin“ nicht besucht, auch habe sich nie ein Offizier darin blicken lassen. Herr Blumenreich deutet an, dass er sich als „Jude“ und als bestrafter „Redakteur demokratischer Zeitungen“ die „Förderung von Oben her“ verscherzt habe. Jedenfalls verkrachte das „Theater Alt-Berlin“ in der unheimlichsten Weise, und Herr Blumenreich musste als Sündenbock über die Klinge springen, wobei sein Hauptkomplize, jener Baumeister und Reserveoffizier, behauptet haben soll, das Offizierskorps dränge ihn, dass er sich von Herrn Blumenreich trenne.

Was nun diesen Baumeister und Reserveoffizier anbetrifft, so ist er zuerst auf die Idee verfallen, das „Theater des Westens“ zu bauen, wie auch Herr Blumenreich anerkennt. Er war nur für sich allein zu unbeholfen, um die Idee zu verwirklichen. So hatte er ein Souper mit Ball gegeben, das mehr als tausend Mark kostete, bloß um einen der Gäste, einen Generalkonsul und Direktor einer großen Bank, für das Theater „herbei zu kriegen“. „Er zeigte mir dabei noch“, erzählt Herr Blumenreich, „die Haken im Plafond seines Salons, an denen, von Gazewolken verhüllt, die vollkommen servierte Tafel geschwebt hatte, bis man sich zu Tische setzte … Ich musste bei allem Mitgefühl lächeln über den kindlichen Mann, der mit solchen Scherzen ernsthaft große Geschäfte zu machen gedachte.“ Nun nahm Herr Blumenreich die Sache in die Hand und fasste in seiner praktischen Weise einen großen Pressespektakel als das zunächst notwendige Mittel ins Auge, um die Sache in Schwung zu bringen. Eine „neue Ära der dramatischen Kunst“ musste eingeläutet werden. Ein „literarischer Aufsichtsrat“ von lauter genialen Dichtern, Sudermann, Fulda, Wildenbruch (oder Wolzogen), Hauptmann, Hopfen, sollte über dem „Theater des Westens“ schweben. Der naivere Baumeister sah darin eine Spekulation auf die neuen Werke dieser Dramatiker und rieb sich vergnügt die Hände über die Schlauheit seines Kumpans, aber Herr Blumenreich schüttelte mit überlegenem Lächeln den Kopf, Er – doch geben wir ihm für einen Augenblick selbst das Wort:

„Ich wusste, dass ein solches Hirngespinst undurchführbar sei: die Herren vom literarischen Ausschuss würden natürlich nur ihre Stücke aufführen wollen. Und derjenige unter ihnen, dem etwa ein Kassenerfolg beschieden wäre, würde entweder die anderen vier hinaus beißen, damit sie ihm keine Konkurrenz machten, oder von den Vieren hinaus gebissen werden, damit auch sie an die Reihe kämen. Das würde so fort gehen, bis alle sich gegenseitig aufgefressen hätten. Aber ich schrieb ehrpusselig an Hauptmann und Sudermann, suchte Fulda, Wolzogen, Wildenbruch und Hopfen persönlich auf. … Ganz auf der Höhe der Situation stand nur Sudermann, der höflich, verbindlich, aber doch mit aller Entschiedenheit ablehnte. Wildenbruch zeigte sich schon zugänglicher, er hatte damals seinen ,Heinrich‘ eben vom Schauspielhause zurückbekommen, Fulda fürchtete zwar für sein Dichtertum, sagte aber nicht Nein. Hauptmann schwieg – er meldete sich später zum Wort. Es sei hier gleich eingeschaltet, dass Hauptmann nach Herrn Blumenreichs Behauptung später sich erboten haben soll, das ,Theater des Westens‘ auf fünf Jahre zu pachten.) Völliges Eingehen auf den närrischen Plan fand ich nur bei Wolzogen, der allerdings die Bedingung machte, dass er als der einzige ,Theaterkundige‘ unter den Fünfen Direktor mit unumschränkter Vollmacht und beinahe ebenso unbeschränkten Bezügen würde. Ein wenig bescheidener, verlangte Hopfen nur eine Position als ,maßgebender Dramaturg‘ – mit einem Jahresgehalt von 15.000 Mark und 35 Prozent des Reingewinns. Ich zog im Geiste den Hut vor den großen Herren und lachte sie im Stillen aus. Mein Zweck war erreicht: das ,Theater des Westens‘ fing an, ernst genommen zu werden.“

Soweit Herr Blumenreich. Sein Plan, auf diese Weise das Theater, zu dessen Bau er und sein Komplize keinen roten Heller in der Tasche hatten, zum Gesprächs- und Lesestoff zu machen und dadurch „offene Herzen – nein offene Geldschränke“ zu finden, gelang vollkommen. Zur selben Zeit, wo die bürgerliche Presse mit heimlichem oder lautem Beifall die polizeiliche Abwürgung der Freien Volksbühne begleitete, weil sie die „wahre Kunst“ entweihe, förderte sie die „wahre Kunst“ durch Abdruck der Waschzettel, die ihr Herr Blumenreich über den „literarischen Aufsichtsrat“ zusteckte.

Ist es nun aber wohl möglich, in dem blutigen Hohne des Herrn Blumenreich eine „lächelnde Harmlosigkeit“ zu erblicken, der „unwillkürlich die bedenklichsten Zugeständnisse“ entschlüpfen? Nein, diese Manier der „Vossischen Zeitung“ und ähnlicher Blätter, sich auszureden, beweist eben nur, dass sie gegen die Enthüllungen des Herrn Blumenreich nicht an können. Die kapitalistische Gesellschaft ist soweit herunter, dass sie sich von ihren verfaulten Früchtlein vor aller Welt ohrfeigen lassen und sich dabei anstellen muss, als sei sie nur aus Versehen sanft gestreichelt worden.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert