Clara Zetkin: Johanna Greie-Cramer

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 22. Jahrgang Nr. 2, 23. Oktober 1901, S. 19 f.]

Es lässt sich kaum ein größerer Gegensatz der äußeren Verhältnisse denken als der zwischen dem Lebensgang der beiden hervorragenden ausländischen Genossinnen, die der Tod kürzlich aus unseren Reihen gerissen hat: Margaret Ethel MacDonald und Johanna Greie-Cramer. Die treue Verfechterin der proletarischen Interessen in England kam an Bildung wohlgerüstet für ihr Lebenswerk von den lichtbeglänzten Höhen der bürgerlichen Gesellschaft, die deutsche Vorkämpferin des Sozialismus in den Vereinigten Staaten stieg aus den sozialen Niederungen empor und musste der Ungunst der Umwelt jeden Fuß breit vorwärts in ihrer Entwicklung abtrotzen. Jedoch wie sich die beiden schließlich in der großen internationalen Gemeinschaft des Wirkens für das gleiche Ziel zusammenfanden, so wurde auch ein Gemeinsames die treibende, reifende Kraft ihres Werdens. Es war die befreiende Macht des sozialistischen Ideals, die Genossin MacDonald aus der Engherzigkeit und Kurzsichtigkeit in der Welt des Reichtums löste, die Genossin Greie-Cramer aus der dumpfen Hoffnungslosigkeit und dem „Unverstand der Massen“ in der Welt der Armut empor riss Ihr verdanken die beiden Genossinnen das Beste, was sie geworden sind, was sie geleistet haben, denn sie ließ ihnen bei Arbeit und Kampf im Dienste der Menschheitserlösung die reichen Fähigkeiten des Geistes und Herzens erblühen.

Johanna Greie-Cramer zählte zu den Deutschen, die der bleierne Druck des Sozialistengesetzes über den Ozean trieb und die in der neuen Heimat zu Bahnbrechern des wissenschaftlichen Sozialismus wurden. Sie war 1864 zu Dresden als das Kind kleiner Bürgersleute geboren und konnte daher nicht die Erziehung erhalten, nach der ihre vielseitige Begabung verlangte. Was die Volksschule bot, das genügte dem Wissenshunger des regsamen Geistes nicht; fleißiges Lesen half nach, soweit es möglich war. Stärker noch als der Zwang des Verdienenmüssens trieb der Drang, auf eigenen Füßen zu stehen und „etwas Rechtes zu werden“, Johanna in das Erwerbsleben, kaum dass die Schulzeit vorüber war. Sie trat in ein kaufmännisches Geschäft ein und nahm später in einem solchen zu Magdeburg eine Stellung an. Hier verheiratete sie sich einundzwanzigjährig mit dem Dreher Emil Greie und fand in der Ehe mit diesem überzeugten, eifrigen Sozialdemokraten die Ideengemeinschaft und Anregung, von der ihre heiße Bildungssehnsucht geträumt hatte. Bald war sie in der geistigen Welt des Gatten heimisch – der freireligiösen und sozialistischen Bewegung –, und unwiderstehlich trieb es sie, aus einer Empfangenden zu einer Gebenden zu werden. Von Gesinnungsgenossen ihres Mannes ermutigt, griff sie zur Feder, um die Gefühle und Gedanken zu gestalten, die ihr aus dem Leben zuwuchsen. Gestalten aber wollte Johanna Greie, um die Geister wachzurütteln, um ihnen zuzurufen: Ihr sollt euch nicht länger knechten lassen! Lernet und kämpfet, auf dass ihr frei werdet! Die Magdeburger „Gerichtszeitung“ und verschiedene andere Tagesblätter veröffentlichten von ihr Korrespondenzen und Feuilletons, welche laut von der Begabung und der freiheitlichen, sozialistischen Gesinnung der jungen Frau redeten.

Jedoch trotz allem schien sich damals in Deutschland für den Bildungs- und Tätigkeitsdrang unserer Genossin kein weiter Horizont zu öffnen. Die bürgerliche Presse konnte kein Wirkungsfeld für eine Proletarierin sein, die ohne Namen, ohne Beziehungen, ja ohne regulären höheren Bildungsgang in die Öffentlichkeit trat, nur ausgerüstet mit ihrer starken Begabung, mit den lückenhaften Kenntnissen, die sie mit heißem Bemühen nach einem Aufwärts rechts und links zusammengerafft hatte, und – für die „Gutgesinnten“ schlimmer als alles! – erfüllt vom Brausen des sozialistischen Geistes. Die Presse der kämpfenden Arbeiterklasse aber war in ihrer Entwicklung durch die Ketten und Fallgruben des Ausnahmegesetzes gehindert. Dieses drückte auch mit harter Faust auf die Existenz, die Betätigung des Genossen Greie. Das junge Paar entschloss sich 1887 zur Auswanderung nach den Vereinigten Staaten, in deren politisch freier Luft es neue, größere Bildungs- und Wirkungsmöglichkeiten zu finden hoffte. Die sozialistische Überzeugung trugen die beiden als kostbarstes Erbteil aus dem Vaterland mit sich über das Meer und standen bald in New York in der kleinen Phalanx deutscher Genossen, die mit unerschütterlicher Begeisterung und Hingabe kämpfte, um dem Sozialismus unter dem Proletariat der Vereinigten Staaten Heimesrecht zu erobern. Hier hat unsere Genossin ausgehalten in guten und schlimmen Tagen und im Wechsel des Schicksals, nachdem ihr der Tod den treuen Gefährten entrissen hatte und sie mit Albert Cramer eine zweite Ehe eingegangen war. Ohne Wanken und Schwanken, ohne Rücksicht auf Opfer und Gefahr stand sie jederzeit in den vordersten Reihen.

Allmählich schuf sich Genossin Greie als Schriftstellerin und Rednerin einen Tätigkeitskreis, in welchem sie mit ihren sich kräftig entwickelnden Talenten ihrem Ideal dienen konnte. Einer ihrer ältesten Parteifreunde, Genosse Rosenberg – dem es gegeben war, die zehrenden Gegenwartsleiden und die stolze Zukunftshoffnung der Enterbten in tiefempfundene Verse zu fassen –, zeichnet ihr Hineinwachsen in die propagandistische Parteiarbeit anschaulich in diesen Sätzen:

„Ich lernte Johanna Greie kennen, als sie mit ihrem ersten Manne, Emil Greie, in New York gelandet war. Ich sah ihr reiches, frisches Talent in der Agitation sich langsam, aber aufwärts entfalten und habe direkten Anteil an ihrem Aufstieg genommen. Als Sekretär des Exekutivkomitees der damals rein deutschen sozialistischen Arbeiterpartei war mein Auge geschärft für werktätige Kräfte, und wo ich solche witterte, da zwang ich sie durch Überredung hinein in die Öffentlichkeit der Propaganda. So auch Johanna Greie. In ihrem Manne entdeckte ich einen geraden, offenen, höchst ernsten Charakter, der mit stillem Stolz auf seine junge Frau blickte, wenn wir zusammen von der Gegenwart und Zukunft in ihrer oder meiner Behausung philosophierten und sie, die eifrigste von uns, uns allen immer zehn Pferdelängen vorauseilte. … In öffentlichen Reden hatte sie sich vor ihrer Übersiedlung nach New York nicht geübt, und sie zitterte, wenn ich davon sprach und sie dazu ermunterte. Wer hätte damals geahnt, dass ein so großes oratorisches Talent in ihr schlummerte und sie das öffentliche Rostrum gegen einen ganzen Schwärm angriffslustiger und spottender Gegner beherrschen würde!? Sie begann mit Deklamationen und kleineren Ansprachen in der Debatte. Ich erinnere mich heute noch so gut wie damals, wie sie Freiligraths „Revolution“ mit mir vor meiner jungen Gattin einstudierte, und wie sie, ehrgeizig, nicht müde wurde, den Geist und den Schwung der Dichtung in all ihren Schattierungen zum vollkommenen Ausdruck auch in der Mimik zu bringen.“

1888 zog Genossin Greie zum ersten Mal als Sendbotin des sozialistischen Evangeliums durch die Vereinigten Staaten, und von da an blieb sie eine der geschätztesten und erfolgreichsten Agitatorinnen der Partei, bis 1903 schweres körperliches Leiden ihr das Reden in der Öffentlichkeit verwehrte. Ganz besonders oft wurde sie als Referentin gerufen, wenn es sich darum handelte, die Frauenfrage vom sozialistischen Standpunkt aus zu erörtern, Frauenmassen für das herrliche Ziel der Befreiung der Arbeiterklasse zu gewinnen, den Nachweis zu erbringen, dass dieses Ziel ohne die Mitarbeit der aufgeklärten und opferfreudigen Proletarierinnen nicht erreicht werden könne. Die Klarheit ihrer Auffassung vom Wesen des Sozialismus und den Kräften, die seinen Triumph im Schoße der kapitalistischen Ordnung vorbereiten, überzeugte die Zuhörer; die Herzenswärme, mit der sie von der Pein des ausgebeuteten Proletariats sprach, ergriff und machte miterleben; der begeisterte Schwung ihrer Rede riss fort und ließ inmitten des Tosens der zeitgenössischen Klassenkämpfe den Zukunftssieg der Arbeiterklasse schauen. Nicht selten kam es vor, dass unsere Genossin in großen Versammlungen die Klinge mit den Vertretern und Vertreterinnen bürgerlicher Auffassungen kreuzen musste, zumal mit Frauenrechtlerinnen, die von der Gleichberechtigung der Geschlechter in der bürgerlichen Ordnung die Lösung der Frauenfrage erhofften. Mit der Überlegenheit der geschichtlichen Einsicht trat sie den gegnerischen Anschauungen entgegen, und wie glänzten die Augen der Genossinnen in freudigem Stolze, wenn Zustimmungsrufe und donnernder Beifall die überzeugende Kraft der sozialistischen Gedankengänge bekundeten.

Johanna Greie war nicht von heut auf morgen von einer schwärmerischen Gefühlssozialistin zur geschulten Vorkämpferin des wissenschaftlichen Sozialismus gereist. Sie hat heiß und zähe um Kenntnisse und Klarheit gerungen. Ihr Freund Rosenberg schreibt darüber: „Obwohl von temperamentvollen und leidenschaftlichen Regungen durchflutet, strebte sie doch früh nach männlicher Ergreifung der sich darbietenden Situation und noch objektiver, sentimentalitätsfreier Klarheit. Wie oft habe ich sie beobachtet, wie sie sinnend einer Argumentation über irgend ein wichtiges Thema zulauschen konnte, ohne vorschnell dazwischenzureden und den Redner zu verwirren. Philosophisch zu denken war ihr Ehrgeiz, und sie wusste, dass dies nur auf dem Wege fleißigsten Studiums möglich war. Und sie sammelte sich die erforderliche Klarheit, so schwer es ihr auch angekommen sein mag. Und diese Klarheit in den wirtschaftlichen Bewegungsprozessen befähigte sie denn auch, in der Agitation ihren vollen und ganzen Mann zu stellen, wie man zu sagen pflegt, und ganz besonders in der sozialistischen Frauenbewegung ruhmreiche Pionierdienste zu verrichten.“

Hand in Hand mit der rednerischen ging die organisatorische Tätigkeit, namentlich unter den Frauen. Johanna Greie-Cramer ist namentlich die Gründung des Sozialdemokratischen Frauenvereins in New York zu verdanken, der ersten zentralistischen sozialdemokratischen Frauenorganisation in den Vereinigten Staaten, die bald in anderen Städten Zweigvereine ins Leben rief. Dass diese Organisation zu einem Mittelpunkt der Aufklärungs- und Schulungsarbeit unter den Frauen des werktätigen Volkes in den Oststaaten der großen Union werden konnte, dass ihr Vorbild anregend und anfeuernd auf die Genossinnen englischer Abstammung zu wirken vermochte: ist ganz wesentlich mit das Verdienst von Johanna Greie-Cramer gewesen. Sie war auch unter den ersten Genossinnen, die für die junge sozialistische Frauenbewegung der Vereinigten Staaten internationalen Anschluss suchten. Manche unserer Leserinnen wird sich noch der interessanten Berichte erinnern, die sie vor Jahren als internationale Korrespondentin der deutschen Genossinnen in Amerika für die „Gleichheit“ schrieb. Mit herzlichem Interesse verfolgte sie das Aufblühen der sozialistischen Frauenbewegung in Deutschland, mit der sie sich innerlich fest verbunden fühlte. Der nie erstorbene Wunsch, die alte Heimat wiederzusehen, wurde unserer Genossin 1907 erfüllt, wo sie als Delegierte an den internationalen sozialistischen Tagungen zu Stuttgart teilnahm. Den Erfolg der ersten internationalen sozialistischen Frauenkonferenz begrüßte sie mit besonderer Befriedigung, sie sah darin auch ein Stück ihrer Lebensarbeit verkörpert.

Wenige Jahre nach der Übersiedlung in die Vereinigten Staaten veröffentlichte Genossin Greie einen größeren Roman: „Im Banne der Vorurteile.“ Es war eine gute Strecke des eigenen rauen Entwicklungsganges, die sie hier mit anschaulicher Lebendigkeit erstehen ließ. Im Laufe der Zeit haben sich dem Roman viele kleinere Novellen, Erzählungen, Skizzen usw. angeschlossen, ferner zahlreiche belehrende und agitatorische Beiträge für die sozialistische Presse. Wir erwähnen davon nur die Artikelserien über die „Frauenfrage“, „Kinderarbeit“, „Arbeit und Kapital“ usw. 1904 bis 1906 redigierte Genossin Greie-Cramer mit großem Erfolg die „Frauenseite“ der „New Yorker Volkszeitung“; Krankheit zwang sie, sich auch von diesem liebgewordenen Posten zurückzuziehen.

Die reiche Kraft unserer Genossin war verhältnismäßig früh aufgebraucht. Viel Lebensnot hat an ihr gerüttelt, mancher herbe Kummer an ihr gezehrt, aber mehr als alles hat die tatfreudige Hingabe an die Sache des Sozialismus sie aufgerieben. Denn Genossin Greie-Cramer setzte sich für sie ein, ohne zu rechnen und zu sparen, ohne an sich zu denken. „Man packt alles mit Enthusiasmus, mit ganzem Herzen an, und das wirkt zurück,“ so schrieb sie einem Freunde. Die letzten Jahre waren eine Kette schwerster Leiden für sie, jedoch als furchtbarste Qual von allen empfand sie ihre erzwungene Untätigkeit. Am 22. August hat sie in Elisabeth (New Jersey) für immer die Augen geschlossen, die freiheits- und schönheitssehnsüchtig das Land der Seele in der sozialistischen Zukunft suchten. Das Beste ihres selbstlosen, leidenschaftlichen Herzens, ihres hochgemuten Geistes lebt in Hunderten weiter, denen sie mit dem sozialistischen Ideal eine neue, starke Daseinskraft gebracht hat. Ein reiches, ein volles Leben wie das ihre ist nicht zu teuer mit frühem Tode erkauft.


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