[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 22. Jahrgang Nr. 1-3, 9. und 23. Oktober, 1. November 1901, S. 2-4, 22 f., 37-39]
Viele Tausende, die den ersten Teil von Bebels „Aus meinem Leben“ gelesen haben, warteten mit Spannung aus die Veröffentlichung des zweiten Bandes. Der liegt nun vor uns. ein stattliches Buch, von dem doppelten Umfang wie der erste Teil. Die gestiegene Seitenzahl ist kein Zufall, keine Äußerlichkeit. Sie entspricht der Entwicklung der Partei, die sich in Bebels Lebenserinnerungen widerspiegelt, ja die deren eigentlicher Inhalt ist. Denn das muss von vornherein betont werden: so wenig wie der erste Band will und darf der zweite der Lebenserinnerungen als ein literarisches Dokument betrachtet werden. Er ist seinem ganzen Wesen nach als ein bedeutsamer Beitrag zur Geschichte der Sozialdemokratie zu bewerten, als ein Beitrag, an dem niemand vorübergehen darf, der das vorwärtsdrängende Leben unserer Partei, ihre Ausdehnung und Festigung, ihr inneres Wachsen und Reifen kennen lernen will. Mehrings Geschichte der Sozialdemokratie zeichnet ein großzügiges Bild dieser Entwicklung und ihrer Zusammenhänge, wie sie der Historiker sieht, der auf dem Boden des wissenschaftlichen Sozialismus steht. Bebels Lebenserinnerungen geben die Überblicke und Einblicke, die ein Mann festgehalten hat, der, vom Geiste des Sozialismus erfüllt und emporgetragen, selbst einer der tätigsten und verdienstvollsten Werkleute am stolzen Bau der Partei, dem ihr Werden und Wirken täglich eigenes Erleben ist. Es liegt auf der Hand, dass dabei nicht wenig wertvolles Tatsachenmaterial aufgerollt wird und manches charakteristische Licht auf wichtige Vorgänge und Abschnitte des Parteilebens fällt.
Der zweite Band der Erinnerungen behandelt die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung in den Jahren, die durch die Gegensätze und Auseinandersetzungen zwischen den Eisenachern und den Lassalleanern unter Schweitzers Führung ihr Gepräge erhalten bis zu der Schwelle des Sozialistengesetzes. Eine inhaltsreiche Zeit das, in der die vom jungen Kapitalismus vorwärtsgetriebene politische Entwicklung Deutschlands durch den Krieg mit Frankreich und die Gründung des Deutschen Reiches die schwierigsten Aufgaben für die Arbeiterbewegung zeitigte, die ihrerseits noch die Kinderschuhe trug. Hand in Hand mit der unermüdlichen Werbe- und Organisierungsarbeit unter dem Proletariat geht daher das leidenschaftliche geistige Ringen um grundsätzliche Klarheit, wie es namentlich in den Kämpfen zwischen Lassalleanern und Eisenachern und in den Meinungsverschiedenheiten über das Verhalten zum Deutsch-Französischen Krieg zum Ausdruck kommt, wie es in den Auseinandersetzungen über das Programm der geeinten sozialdemokratischen Partei nachzittert, in der sich schließlich die feindlichen Brüder unter dem wachsenden Druck wütender Verfolgungen zusammenfinden. Inmitten der weittragenden geschichtlichen Ereignisse, der inneren Wirrungen und Kämpfe erfolgt der Aufmarsch des klassenbewusst werdenden Proletariats zur parlamentarischen Arbeit, die vom ersten Augenblick an zum großen Teil auf Bebels Schultern ruht und unter seiner und Liebknechts Führung rasch steigende Bedeutung und ihren hervorstechendsten Wesenszug erhält: die bewusste Vereinigung des Wirkens im Dienste der proletarischen Gegenwarts- und Zukunftsinteressen, im Dienste der sozialen Reformen und der sozialen Revolution.
Von dieser Entwicklung, die ein entscheidendes Stück der Weltgeschichte in sich begreift, erzählt Bebel in seinen Erinnerungen, kunstlos, schlicht, in literarisch ungeschminkter Sachlichkeit, die stellenweise an die nüchternen dokumentarischen Aufzeichnungen alter Chroniken gemahnt. Dass diese Sachlichkeit voller Leben ist und unter Umständen eine stark subjektive Färbung trägt, ist selbstverständlich. Wäre dem anders, so müsste Bebel nicht Bebel sein, der Mann mit dem feurigen Temperament, der seit fast einem halben Jahrhundert sein bestes Herzblut und seinen stärksten Willen der Sache des Proletariats gewidmet hat und daher bei jeder Entwicklungsphase der Partei mitten im Getümmel der Meinungen gestanden ist. So werden im Einzelnen gar manche Urteile und Darstellungen den Widerspruch herausfordern, mehr als alle aber sicherlich die Abschnitte, welche die Stellung Schweitzers in der Arbeiterbewegung behandeln, und die auch uns trotz aller Schatten, die auf den Charakter des Mannes fallen, trotz allem ausgebreiteten Material nicht davon zu überzeugen vermochten, dass dieser glänzend begabte und gerüstete Politiker seine Losungen als Söldner der preußischen Regierung vertreten habe.
Jedoch wie immer Bebel selbst sich zu den Dingen und Menschen stellt: seine eigene Person tritt jederzeit hinter die Sache zurück, die jeweilig die erwachende deutsche Arbeiterklasse in Spannung hält. Es ist in erster Linie und vor allem deren geschichtliches Leben, dessen er gedenkt, und die eigene Vergangenheit mit der Fülle ihrer Arbeiten und Kämpfe gewinnt für ihn nur dadurch ihre Bedeutung, dass sie unlöslich mit eben diesem Leben verwachsen ist. Darum werden jene das Buch enttäuscht beiseite legen, die der eigenen Schwäche so gern die „interessante Individualität“ vortäuschen, indem sie das Erbeben bedeutender Persönlichkeiten bis in den letzten Winkel der Schreibtischfächer, des Kleiderschrankes und des Alkovens nachspüren. Sparsam sind die Streiflichter, die auf das persönliche Leben Bebels fallen, die zeigen, dass dieser rastlose Agitator und Organisator der jungen Sozialdemokratie ein mit Sorgen bebürdeter kleiner Drechslermeister ist, dass der furchtlose, schneidige parlamentarische Kämpe sich nach der stillen traulichen Häuslichkeit sehnt, welche das umsichtige Walten der liebevollen Gattin gestaltet, und wo das einzige Töchterchen dem Vater zujauchzt. Um so lebendiger, greifbarer tritt uns der historische Bebel entgegen, der Vorkämpfer und Führer des Proletariats. Gewiss unbeabsichtigt genug und daher nicht in Worten, wohl aber um so eindrucksvoller in seiner überreichen Arbeit, in seinen fruchtbaren Taten. Denn in dem erblühenden Leben der Sozialdemokratie, das uns aus den Denkwürdigkeiten anblickt, wirkt sich Bebels persönliches Sein aus, und wenn der Mann mit diesem Leben wächst und von ihm emporgetragen wird, so doch nur, weil er sich ihm ganz zu eigen gibt. Da ist kein Gebiet der damaligen Arbeiterbewegung, das Bebel nicht mit Feuereifer in Angriff nimmt, keine ihrer Aufgaben, deren er sich nicht ohne Rücksicht auf Opfer und Gefahren unterzieht. Und es sind bei weitem nicht alle Seiten des nimmer rastenden Wirkens für die sozialistische Idee, ans die in den Erinnerungen Helles Licht fällt. Mit der wachsenden Bedeutung des parlamentarischen Kampfes ist in anderer Richtung manche außerordentlich wertvolle Leistung Bebels in den Schatten gerückt. Bebel hat neben unserem unvergesslichen Julius Motteler und in Verbindung mit ihm und einigen anderen Genossen und Genossinnen zu den ersten gezählt, welche die Proletarierinnen um das Banner des Sozialismus zu sammeln trachteten und für den gesetzlichen Schutz der Frauenarbeit eintraten. Dieser ganzen wichtigen Arbeit, deren Hauptfeld das sächsische Erzgebirge war, ist mit keinem Worte gedacht. Nur beiläufig erwähnt Bebel, dass von Anfang seiner Agitation an „die Frauen ein nicht unerhebliches Kontingent zu den Versammlungsbesuchern stellten, die nachher eifrige Agitatorinnen für uns wurden“. Und an einer anderen Stelle lesen wir von dem Wahlkampf im Oktober 1876: „Nach Leipzig zurückgekehrt, ließ ich eine Volksversammlung einberufen mit der Tagesordnung:,Die Stellung der Frau im heutigen Staat und zum Sozialismus.‘ Obgleich wir den größten Saal Leipzigs zur Verfügung hatten, fasste er nicht die Masse der herbei strömenden Zuhörer, von denen viele wieder wegen Mangel an Raum umkehren mussten. Die Frauen waren sehr zahlreich vertreten. Ich setzte ihnen unter anderem auseinander, welch lebhaftes Interesse auch sie an den bevorstehenden Reichstagswahlen nehmen müssten; da sie aber vorläufig kein Wahlrecht besäßen, sei es ihre Aufgabe, agitatorisch in den Wahlkampf einzugreifen und ihre Männer und wahlberechtigten männlichen Verwandten für die Beteiligung an der Wahl anzutreiben, und zwar zugunsten der Sozialdemokratie, die für ihre volle politische und soziale Gleichberechtigung eintrete. Die Versammlung verlief nach Wunsch; es war die erste Versammlung, in der die Frauen zur politischen Beteiligung bei einer Wahl aufgefordert wurden.“
Der historische Bebel, wie er in seinen Lebenserinnerungen erscheint, das ist für eine weittragende Epoche das Fleisch und Blut gewordene beste, zukunftsgewisse Sein des deutschen Proletariats, das ist die Verkörperung seiner Arbeit und seines Kampfes. So verknüpft betrachtet, gewinnt auch die oft spröde Sachlichkeit der Darstellung eine persönliche, menschlich fesselnde, erhebende Seite. Sind es zusammen mit der felsenfesten Überzeugungstreue, die dem Feinde heileren Mutes die Brust bietet, nicht von den besten Eigenschaften des kämpfenden Proletariats, – sein heißer, verzehrender Bildungsdrang, sein lebendiges Pflichtgefühl, das jede Situation dem erkorenen Ideal nutzbar macht –, die aus den liebenswürdigen Schilderungen der Haft auf Hubertusburg sprechen? Gerade darum lassen wir sie hier folgen und damit das Buch für sich selbst reden.
„Am 1. Juli 1872 schrieb mir Bracke einen Abschiedsbrief, in dem er äußerte: ,Wenn Eure Familien nicht wären, könnte ich fast triumphieren über die Einfalt unserer Feinde! Du zum Beispiel wirst Dich körperlich erholen und viel lernen; dann bist Du ein verdammt gefährlicher Kerl, und schließlich wird Deine liebe Frau auch, trotz des harten Loses der Trennung, zufrieden sein, wenn Du auf diese Weise eine Kurzeit durchmachst, die Dich wieder kräftigt fürs ganze Leben.‘
Am Nachmittag desselben Tages reiste ich nach Hubertusburg. Am Bahnhof hatten sich eine große Zahl Männer und Frauen eingefunden, um sich von mir zu verabschieden. Meine Frau hatte ich gebeten, mit unserem Töchterchen zu Hause zu bleiben. Unter dem Gepäck, das ich mitnahm, befand sich auch ein großer Vogelbauer mit einem prächtigen Kanarienhahn, den mir ein Dresdener Freund als Gesellschafter für meine Zelle geschickt hatte. Er wurde, nachdem ich ihm zu einem Weibchen verholfen, der Stammvater einer Kinder- und Enkelschar, die ich in Hubertusburg züchtete. An der Station Dahlen, an der ich aussteigen musste, um von dort zu Wagen nach Hubertusburg zu fahren, brachte man mir eine eigenartige Ovation. Als ich ausstieg, standen sämtliche Schaffner an dem langen Personenzug vor ihren Wagen und salutierten, indem sie die Hand an die Mütze legten. Der Lokomotivführer schwenkte die Mütze, ebenso schwenkte ein großer Teil der Passagiere, der in den Fenstern lag. Hüte und Mützen und rief mir Lebewohl zu. Ich war sehr gerührt über diese Zeichen der Sympathie.
Als ich in Hubertusburg ankam und mit Liebknecht zusammentraf, lachte er mich aus, dass ich mir noch neun Monate Gefängnis geholt. Da sei er doch klüger gewesen. Er hatte gut lachen. Er hat nachher für die Artikel, die er heimlich aus Hubertusburg an den „Volksstaat“ schrieb, weit mehr als neun Monate Gefängnis den verantwortlichen Redakteuren aufbrummen helfen Und wie vorsichtig glaubte er zu sein. Hatte er einen solchen Artikel auf der Pfanne und hegte er Bedenken gegen seine Fassung, so zog er mich zu Rate. Er las mir alsdann die betreffende Stelle vor. Warnte ich ihn, eine mir bedenklich scheinende Stelle im Artikel zu lassen, so versuchte er mir nachzuweisen, dass und warum sie nicht gefährlich sei. Er erhielt dann regelmäßig von mir die Antwort: Du würdest recht haben, dächten Staatsanwalt und Richter so wie du. Er kaute alsdann an einem Fingernagel und überlegte sich die neue Fassung. Manchmal war diese aber noch schärfer als die frühere. Er trennte sich sehr ungern von einem Gedanken, mit dessen Veröffentlichung er den Gegner ärgern konnte.
Wir waren meist fünf bis sechs Genossen, darunter zeitweilig auch irgend ein Student, der wegen Duellgeschichten zu kurzer Festungshaft verurteilt worden war. Erst als meine Hast zu Ende ging, war ich der letzte Mohikaner, den Hubertusburg beherbergt hatte.
Hubertusburg ist weiteren Kreisen bekannt geworden durch den 1763 hier abgeschlossenen Friedensvertrag, den der Siebenjährigen Krieg beendete. Das Schloss ist ein stattlicher Bau im Zopfstil. Vor demselben dehnt sich ein großer Hof aus, der durch pavillonartige ein- und zweistöckige Gebäude eingeschlossen ist, die früher den Hofbeamten und Bediensteten zur Wohnung dienten. Für uns Festungsgefangene war ein Flügel dieser Bauten reserviert, in dem man sieben oder acht Zellen eingerichtet hatte. Die Reinigung unserer Zellen besorgte ein sogenannter Kalfaktor. Für deren Reinigung und Miete – der Staat gibt auch den Gefängnisraum nicht umsonst – hatten wir monatlich fünf Taler zu zahlen. Unser Essen bezogen wir aus einem Gasthaus des an Hubertusburg grenzenden Wermsdorf. Unsere Tagesordnung war folgende: Morgens 7 Uhr mussten wir angekleidet sein, alsdann wurden die Zellen zwecks der Reinigung geöffnet. Während dieser Zeit frühstückten wir auf dem breiten Korridor, der vor den Zellen hinlief. Diese Pause benutzte Karl Hirsch, um mit einem Zivilgefangenen eine Partie Schach zu spielen, wobei sich die beiden zu unserem größten Ergötzen regelmäßig in die Haare gerieten. Um 8 Uhr wurden wir wieder eingeschlossen bis 10 Uhr, zu welcher Zeit wir unseren Spaziermarsch im Garten unternahmen Um 12 Uhr wieder Einschließung bis 3 Uhr im Winter, 4 Uhr im Sommer, dann zweiter Spaziergang, von 5 beziehungsweise 6 Uhr ab wieder Einschließung bis nächsten Morgen. Da wir das Recht hatten, bis 10 Uhr abends Licht brennen zu dürfen, waren diese Stunden meine Hauptarbeitszeit. Nach einigen Monaten erlangte ich, dass Liebknecht den Vormittag von 8 bis 10 Uhr in meine Zelle mit eingeschlossen wurde, um mir englischen und französischen Unterricht zu geben. Bei dieser Gelegenheit wurden dann auch die Interna der Partei und die politischen Vorgänge erörtert. Die Korrespondenz für mein Geschäft erledigte ich auf Grund der Unterlagen, die mir täglich meine Frau sandte.
Liebknecht und ich waren passionierte Teetrinker. Tee konnten wir aber nicht erhalten, und das Selbstkochen war der Feuersgefahr wegen verboten. Aber Verbote sind da, um übertreten zu werden. Ich verschaffte mir also heimlich eine Teemaschine und die nötigen Ingredienzien. Sobald am Abend der Aufseher die Zelle abgeschlossen und sich entfernt hatte, begann ich Tee zu brauen. Um aber auch Liebknecht den Genuss desselben zu ermöglichen, hatte ich mir im Garten einen etwa zwei Meter langen Stock zurechtgeschnitten. An dessen Ende befestigte ich eine Schnur, die mit einem von mir geflochtenen Netz versehen war, in das ich das gefüllte Glas stellen konnte. War der Tee fertig, klopfte ich Liebknecht, dessen Zelle neben der meinen lag, damit er ans Fenster trete. Alsdann streckte ich den Stock mit dem Teeglas zum Fenster hinaus, beschrieb mit demselben einen Bogen nach Liebknechts Fenster, worauf dieser, sobald er das Glas in Händen hatte, mit einem: „Ich hab‘ s, danke!“ den Empfang anzeigte. Ähnlich machten wir’s mit dem Austausch der Zeitungen, die jeder sobald als möglich lesen wollte. Wir hatten vor den Fenstern der Zellen, längs der Eisenstäbe, eine Schnur ohne Ende angebracht. Wer mit dem Lesen seiner Zeitung fertig war, befestigte diese mit einem Haken an die Schnur, darauf klopfte er dem Nachbar, der alsdann ans Fenster trat und das Zeitungspäckchen zu sich heran lotste.
(Schluss folgt.)
(Fortsetzung statt Schluss.)
Kaum hatte ich mich in meiner Zelle häuslich eingerichtet, als ich wie ein Taschenmesser zusammenklappte. Die großen Anstrengungen und Aufregungen der letzten Jahre hatten mir nicht zum Bewusstsein kommen lassen, wie sehr meine Kräfte heruntergekommen waren. Jetzt, wo ich gewaltsam zur Ruhe verwiesen worden war und die Spannung nachließ, brach ich zusammen. Die Erschöpfung war so groß, dass ich wochenlang keine ernste Arbeit vornehmen konnte. Aber absolute Ruhe und frische Luft brachten mich allmählich wieder auf die Füße. Mein Hausarzt hatte recht, als er meine Frau tröstete, ein Jahr Festung werde meiner Gesundheit nützlich sein. Später stellte sich bei einer genauen ärztlichen Untersuchung auch heraus, dass mein linker Lungenflügel stark tuberkulös angegriffen war und eine Kaverne aufwies, die auf der Festung ausheilte. Freunde, die das erfuhren, meinten lachend, da sei ich ja dem Staate Dank schuldig, dass er mich auf die Festung geschickt. Ich antwortete: Dank würde ich ihm schulden, hätte er mich zu meiner Gesundung zu Festung verurteilen lassen. Ich hatte wieder einmal, wie so oft im Leben, „Schwein“ gehabt. Was mein Verderben sein konnte, schlug zum Guten aus.
Nachdem unabänderlich feststand, dass ich für einunddreißig Monate meine Freiheit eingebüßt hatte, entschloss ich mich, diese Zeit mit aller Kraft zu verwenden, um die Lücken meines Wissens einigermaßen auszufüllen. Sobald ich also wieder arbeitsfähig war, stürzte ich mich mit aller Energie in die Arbeit, das beste Mittel, über eine unangenehme Situation hinwegzukommen. Ich studierte hauptsächlich Nationalökonomie und Geschichte. Zum zweiten mal studierte ich Marx‘ „Kapital“, dessen erster Band damals nur vorlag, Engels‘ „Lage der arbeitenden Klassen in England“, Lassalles „System der erworbenen Rechte“, Stuart Mills „Politische Ökonomie“, Dührings und Careys Werke, Lavelayes „Ureigentum“, Lorenz Steins „Geschichte des französischen Sozialismus und Kommunismus“, Platos „Staat“, Aristoteles‘ „Politik“, Machiavellis „Der Fürst“, Thomas Morus‘ „Utopia“, v. Thünens „Der isolierte Staat“. Von den Geschichtswerken, die ich las, fesselten mich besonders Buckles „Geschichte der englischen Zivilisation“ und Wilhelm Zimmermanns „Geschichte des Deutschen Bauernkriegs“. Letztere gab mir die Anregung, eine populäre Abhandlung zu schreiben unter dem Titel „Der Deutsche Bauernkrieg mit Berücksichtigung der hauptsächlichsten sozialen Bewegungen des Mittelalters“. Das Buch erschien bei W. Bracke in Braunschweig; später, unter dem Sozialistengesetz, wurde seine Verbreitung verboten. Eine zweite Auflage, die eine Neubearbeitung erforderte, gab ich wegen Zeitmangel nicht mehr heraus. Auch die Naturwissenschaften vernachlässigte ich nicht. Ich las Darwins „Die Entstehung der Arten“,Haeckels „Natürliche Schöpfungsgeschichte“, L. Büchners „Kraft und Stoff“ und „Die Stellung des Menschen in der Natur“, Liebigs „Chemische Briefe“ usw. Ebenso widmete ich dem Lesen der Klassiker einen Teil meiner Zeit. Ich war von einer wahren Lern- und Arbeitsgier befallen.
Ferner übersetzte ich während der Haft „Etude sur les doctrines sociales du Christianisme“ von Joes Guyot und Sigismond Lacroix, eine Übersetzung, die unter dem Titel „Die wahre Gestalt des Christentums“ bis heute erscheint. Dazu verfasste ich eine Gegenschrift unter dem Titel „Glossen zu Joes Guyots und Sigismond Lacroix‘ Die wahre Gestalt des Christentums, nebst einem Anhang über die gegenwärtige und zukünftige Stellung der Frau“. Der letztere Aufsatz war, glaube ich, die erste parteigenössische Abhandlung über die Stellung der Frau vom sozialistischen Standpunkt aus. Die Anregung zu dieser Abhandlung hatte mir das Studium der französischen sozialistischen und kommunistischen Utopisten gegeben. Auch machte ich während dieser Haft die Vorstudien zu meinem Buche „Die Frau“, das zuerst im Jahre 1879 unter dem Titel „Die Frau in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ erschien und trotz des Verbreitungsverbots unter dem Sozialistengesetz acht Auflagen erlebte. Im Jahre 1910 erschien die 50. und 51. Auflage.
Es war schön und nützlich, dass ich die Zeit meiner Gefangenschaft zu meinem eigenen Besten verwenden konnte, nichtsdestoweniger atmete ich auf und begrüßte den Tag, an dem ich meine Freiheit wieder erlangte. Da aber jeder Gefangene, der seiner baldigen Befreiung entgegensieht, von großer Unruhe und Ungeduld gepackt wird und Tage und Stunden zählt, suchte ich dieselbe dadurch zu meistern, dass ich mir vornahm, noch ein Pensum Arbeit zu erledigen, das nur unter äußerster Aufbietung der Kräfte bewältigt werden konnte. Nach dieser Methode verfuhr ich auch bei späteren Freiheitsentziehungen; ich fand sie probat.
Unsere Familien besuchten uns alle drei bis vier Wochen einmal. Wir setzten schließlich durch, dass sie die Gültigkeit der Rückfahrkarten – drei Tage – ausnutzen durften. Sie wohnten während der Zeit im Dorfe. Jede der Frauen brachte ein Kind mit; Frau Liebknecht ihren Ältesten, der etwas jünger war als meine Tochter. Die Reise war beschwerlich, namentlich in der ungünstigen Jahreszeit. Die Frauen und Kinder mussten schon früh vor 7 Uhr von Hause fort; Geld für eine Droschke auszugeben, hätte jede der Frauen als ein Verbrechen angesehen. Von vormittags ½10 bis abends 7 Uhr durften sie in unserer Zelle bleiben, auch den Spaziergang im Garten mitmachen. Das war für uns eine große Erleichterung der Haft.
Ich hatte ein großes Bedürfnis zu körperlicher Arbeit. So kam ich auch auf den Gedanken, wir sollten uns zu diesem Zweck im Garten einige Beete anlegen. Unser Gesuch, uns dazu ein Stückchen Land zu überweisen, wurde abgelehnt, wir könnten aber von dem mehrere Meter breiten Rain, der sich längs der Gartenmauer hinziehe, in Betrieb nehmen, so viel wir wollten. So geschah es. Mit dem nötigen Werkzeug ausgerüstet, gingen wir an die Arbeit. Liebknecht, der damals seine Abhandlung über die Grund- und Bodenfrage schrieb, betrachtete sich als agrarischen Sachverständigen. Er versicherte, wir hätten an dem Rain einen vorzüglichen Humusboden zu bearbeiten. Als wir aber die Spaten in den Boden stießen, antwortete ein Mark und Bein durchdringendes Ächzen. Wir stießen bei jedem Spatenstich auf Steine. Liebknecht machte bei diesem Resultat ein langes Gesicht, wir lachten unbändig. Statt aus Humus bestand der Boden aus magerem Lehm, den wir, wie unser Aufseher versicherte, düngen müssten, wenn wir ernten wollten. Liebknecht und ich nahmen also einen großen Korb und zogen nach einem Komposthaufen, der in einer Ecke des Gartens angelegt war. Wer einen solchen Komposthaufen kennt, weiß, dass, wenn man ihn ansticht, ihm Düfte entströmen, die alle Wohlgerüche Indiens und Arabiens nicht überwinden können. Aber wir gingen mit wahrer Todesverachtung ans Werk, und nachdem wir den Korb gefüllt, steckten wir durch die Henkel zwei Stangen und trabten, Liebknecht vorn, ich hinten, nach unserem Beet. Die im Garten arbeitenden Frauen lachten aus vollem Halse, als sie unser Tun sahen. Ich habe damals und später öfter geäußert: Mutete der Staat uns eine solche Arbeit zu, wir hätten sie mit höchster Empörung zurückgewiesen. Das ist der Unterschied zwischen Zwang und freiem Willen.
Wir hatten unser Beet mit Radieschensamen bestellt und warteten sehnsüchtig auf die Ernte. Der Same ging prachtvoll auf, das Kraut schoss mächtig in die Höhe, aber die ersehnten Radieschen zeigten sich nicht. Jeden Vormittag, sobald wir unseren Spaziergang antraten, veranstalteten wir ein Wettrennen nach dem Radieschenbeet, denn jeder wollte die ersten Früchte ernten. Vergebens. Als wir nun eines Tages kopfschüttelnd um unser Beet standen und tiefsinnige Betrachtungen über die fehlgeschlagene Ernte anstellten, lachte unser Aufseher, der in einiger Entfernung unserer Unterhaltung zugehört hatte, und sagte: „Warum Sie keine Radieschen bekommen, meine Herren, das will ich Ihnen sagen, Sie haben zu fett gedüngt!“ Tableau! So war also alle unsere Mühe vergeblich gewesen.
(Schluss folgt.)
(Schluss)
In den ersten Monaten des Jahres 1873 sollte wieder der Reichstag zusammentreten, und so musste die sächsische Regierung wohl oder übel eine Neuwahl für den von mir innegehabten Wahlkreis anordnen. Der Wahltag wurde auf den 20. Januar festgesetzt. Die ganze Partei betrachtete es als eine Ehrensache, nicht bloß das Mandat für mich wiederzuerobern, sondern auch mit höherer Stimmenzahl. Was an agitatorischen Kräften zur Verfügung stand, eilte in den Wahlkreis. Auer, Motteler, Vahlteich, Wilhelm Stolle, Walster, York usw. gingen an die Arbeit. Als Gegenkandidat hatten die Gegner den Bezirksgerichtsdirektor Petzoldt in Glauchau aufgestellt, ein wegen seines leutseligen Wesens im Wahlkreis sehr beliebter Herr. Aber das half ihnen nichts. Am Abend des Wahltags wurden für mich 10740, für meinen Gegner 4240 Stimmen gezählt. Ich brauche nicht zu versichern, dass dieses Wahlresultat im Wahlkreis wie in der ganzen Partei stürmischen Jubel hervorrief. Das Resultat war eine klatschende Ohrfeige für den Gerichtshof, der mir das Mandat aberkannt hatte. Ich hatte fast 4000 Stimmen mehr erhalten als am 3. März 1871. Und damit nicht genug. Einige Tage nach der Wahl veröffentlichte mein besiegter Gegner in der Presse des Wahlkreises seinen Dank an die Partei, die den Wahlkampf gegen ihn in so anständiger Weise geführt habe.
Liebknecht und ich hatten selbstverständlich das Bedürfnis, wenigstens mit den führenden Genossen draußen in möglichster Fühlung zu bleiben. Das war allerdings nur in beschränktem Maße möglich. Konnten wir auch öfter Briefe heimlich hinaus bringen, die Gefahr bestand, dass durch eine ungeschickte Antwort dieser Verkehr dem Anstaltsdirektor verraten wurde, und das hätte für uns unangenehme Folgen gehabt. Es galt also, vorsichtig zu sein. So schrieben wir nach Möglichkeit direkt, obgleich diese Korrespondenz der amtlichen Kontrolle unterlag. Ab und zu nahm dieselbe auch einen humoristischen Charakter an. Einen Brief, den ich von Most als Antwort auf einen solchen von mir aus dem Zwickauer Landesgefängnis erhielt, woselbst er wegen verschiedener Presse- und Redevergehen über ein Jahr zu verbüßen hatte, bringe ich hier zum Abdruck, weil er zugleich die Persönlichkeit Mosts am besten charakterisiert. Most antwortete mir:
Zwickau, den 21. 4. 73.
Mein lieber Bebel!
Aus Deinem Schreiben, das wie ein lichter Blitzstrahl aus düsterem Himmel in meine Einsiedelei fuhr, ersehe ich und freue mich darüber, dass es Euch ruchlosen Bösewichtern, die Ihr mittels Stahlfedern und Tintentöpfen den Staat in Gefahr gebracht hattet, ganz vortrefflich ergeht. – Ihr wollt nun auch wissen, wie es mit mir steht; glaub’s gern, da ich mir denken kann, dass es Euch gerade so ergehen wird, wie es mir erging, ehe ich hier meinen Einzug hielt, dass Ihr nämlich bei dem Namen Zwickau stets an ein Zwicken denkt und ein „Au“schreien zu vernehmen wähnt. Ich muss gestehen, dass es mir trotz meiner zähen Katzennatur und meines Galgenhumors – ohne mich gerade einer Angstmichelei hinzugeben – nicht ganz so wohl war wie den bekannten 500 Säuen, wenn ich vor meiner Hieherkunft an dieselbe dachte, jetzt aber, wo ich da bin, hat die Sache ein ganz anderes Gesicht. – Natürlich, solch ein Jagdschlossleben wie Ihr führe ich nicht, sondern eher ein Kartäusermönchsdasein, allein Langeweile habe ich desungeachtet auch nicht, da ich ja noch gar vieles nachzuholen habe und jetzt daher die Gelegenheit zu fleißigem Studieren benütze. Zur Zerstreuung dienen mir die Zeitungen, welche ich erhalte, und alle meine leiblichen Bedürfnisse befriedige ich in gewohnheitsmäßiger Weise (Kost, Kleidung usw.). überhaupt erdulde ich nur eine Freiheits-, nicht aber auch eine Leibesstrafe, wofür ich alles halte, was dem Gefangenen außer der Entziehung seiner Freiheit angetan wird. Bequemlichkeiten habe ich, von einem zu schriftlichen Arbeiten geeigneten Tische abgesehen, nicht. Nach einem eigenen Bette empfinde ich kein Bedürfnis, während ich aber mein eigenes Kopfkissen benütze. Die Zelle ist eben eine solche, wie sie Vahlteich schilderte (der ebenfalls längere Zeit im Landesgefängnis zu Zwickau war); andere gibt es hier nicht; man gewöhnt sich indes bald daran, zumal diese Zellen trotz des hochgelegenen Fensters sehr hell sind. Spazieren gehe ich pro Tag zwei Stunden in einem Raume, welcher ein Mittelding zwischen Hof und Garten ist, und zwar allein. Besuche macht mir niemand, weshalb ich natürlich auch keine annehmen kann. Dir wird es seinerzeit nicht verwehrt werden, dass Du mit Deinen Familiengliedern verkehrst. Ebenso wird man Dir so wenig wie mir den Bart abnehmen wollen. Licht brenne ich bis 10 Uhr. So, das wäre das Wesentlichste, was ich Dir von meiner Sozialistenklause aus berichten kann. Betreffs der Studien seid Ihr freilich schön heraus, da Ihr gleich Euren Professor bei Euch habt. Ich fühle es besonders bei Sprachstudien, wie sehr da ein Lehrer mangelt, zumal ja die Konversation ohne einen solchen gar nicht gepflogen werden kann. Apropos! Was für ein Lehrbuch benutztest Du fürs Französische? Mir hat Vahlteich auf meinen Wunsch nach einer französischen Grammatik einen ganz antiken, unbrauchbaren, unausstehlich-umständlichen und verkehrten Schunken (Hirzel) übermittelt, den ich schon manchmal vor Zorn am liebsten mitten entzwei gerissen hätte. – Was Du von Thiers schreibst, ist klar. Dieser Knirps ist der größte Intrigant Frankreichs, der lebendig gewordene Geldsack und zugleich die einzige Person, welche die Sache der Monarchie zu fördern verstand, freilich ohne Erfolg, allein der Plan war wenigstens nicht schlecht angelegt: den Status quo so lange wie möglich aufrechtzuerhalten und so schön langsam, gleichsam unmerklich, die Republik erblassen und die Monarchie erscheinen zu lassen. Jeder andern Monarchist würde an seiner Stelle längst einen Staatsstreich gemacht haben und – dabei das Genick gebrochen, wie überhaupt der Monarchie den letzten Rest gegeben haben. In Spanien – ist man zu glauben versucht – haben die regierenden Tratschweiber vor lauter Schwätzen ihr bisschen Verstand verloren, sonst könnte es doch wahrhaftig nicht möglich sein, dass sie mit der Handvoll karlistischer Mordbrenner nicht fertig werden. Nun, hoffentlich wird da, wie in Frankreich, bald energisch ausgemistet. – Du staunst über die Fortschritte, die unsere Sache in der jüngsten Zeil gemacht hat; nun, die Ursachen sind zahlreich genug, um solche Wirkungen zu erzeugen. Ich sage Dir: nur 1000 Mann wie Du, oder selbst nur wie ich (ohne Selbstüberhebung) – und Europa, nicht bloß Deutschland, ist binnen fünf Jahren sozialistisch. Es erstehen zwar neue Kräfte genug, und wenn die Feigheit nicht so groß wäre, zeigte sich noch mancher, aber es sind viel zu wenig. Man sollte glauben, die meisten Menschen fallen bei der Geburt auf den Kopf oder gar auf den Mund, weil sie nicht imstande sind, den letzteren ordentlich aufzumachen. Und wir brauchen weiter nichts als bloß Leute, die Mund und Herz am rechten Flecke haben. – Wenn ich mich schon in keinen großen Hoffnungen wiege, so freue ich mich immerhin gewaltig auf die nächste Wahlkampagne. Wenigstens wird agitatorisch gefletscht werden, dass die Funken sprühen. Die Situation ist für uns wie geschaffen. Fortschrittsbankrott, Siegestaumel, Katzenjammer, Invalidenfrage, Wohnungsfrage, Schulfrage, Milliardenfrage, Friedensfrage, Gründerfrage, „Kulturkampf“-Angelegenheit, Fabrikantenbünde, Maßregelungen, Verfolgungen, Schubsereien usw. werden ihr Scherflein zu unseren Gunsten beitragen. Somit konserviere ich meine Lungenflügel und wetze meinen Schnabel, um dereinst mit wahrer Wollust, wenn die Wahlschlacht tobt, so manchen politischen Sumpfpiraten in den Grund bohren zu können. – In Sachsen freilich werde ich direkt nicht los pauken können, allein es gibt anderwärts auch viele Leute, denen man die Bretter loslösen muss, welche vor ihre Hirnkästen genagelt sind. Aus Sachsen wurde ich nämlich polizeilich ausgewiesen, wiewohl sich die höheren Instanzen noch nicht darüber ausgelassen haben, ob dieses Ding der gesetzlichen Unmöglichkeit auch durchgeführt werden soll, allein ich erwarte nichts Gutes, es ist mir aber auch ganz „schnuppe“, wie die Sache abläuft. Weniger „schnuppe“, ja geradezu unbegreiflich ist es mir, dass zu diesem Akt …* der sanfte Julius** bisher nicht zu bewegen war, einen Kommentar zu liefern. Richtig, das Schönste hätte ich bald vergessen: im Falle ich trotz Ausweisung wieder in Sachsen mich zeigen sollte, wurde mir aktenmäßig bedeutet, stecktman mich in ein Korrektionshaus!! – Und auch darüber wird geschwiegen. – Nun, wenn ich wieder frei bin, ist auch noch Gelegenheit zum – – –.
Im Allgemeinen befinde ich mich sehr wohl und bin bei ausgezeichnetem Humor. Jetzt lebe wohl, grüße alle Insassen des Sozialistenseminars und sei auch Du bestens gegrüßt von Deinem
Joh. Most.“
Mir kam der Gedanke, dass ich mich auch als Gefangener in sehr nützlicher Weise an der Wahlagitation beteiligen könnte durch Abfassung einer Broschüre über die bisherige Tätigkeit des Reichstags, die den Kandidaten und Agitatoren der Partei das nötige Material liefere. Gedacht, getan. Die Broschüre erschien rechtzeitig unter dem Titel: „Die parlamentarische Tätigkeit des Reichstags und der Landtage und die Sozialdemokratie“ von 1871 bis 1873. Als Anhang hatte ich derselben die wichtigsten Bestimmungen des Reichswahlgesetzes, der Wahlgesetzverordnung, der einschlägigen Bestimmung des Reichsstrafgesetzbuchs. der Vereinsgesetze und Winke für die Agitation angefügt. Die Broschüre, die anonym erscheinen musste, wurde von der Partei mit großer Genugtuung begrüßt … Die Wahlen waren auf den 10. Januar 1874 angesetzt worden. Das Wahlresultat war für uns sehr befriedigend. Wir hatten auf den einen Hieb sechs Abgeordnete durchgebracht – Geib-Freiberg, Liebknecht-Stolberg-Schneeberg, Most-Chemnitz, Vahlteich-Mittweida-Burgstädt, Motteler-Crimmitschau-Zwickau und mich in meinem alten Kreise Glauchau-Meerane. Im 13. Wahlkreis Leipzig-Land war Johann Jacoby in Stichwahl gekommen. Der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein hatte zwei seiner Kandidaten durchgebracht. Hasenclever in Altona und Reimer im schleswig-holsteinischen Wahlkreis Segeberg. Hasselmann kam in Barmen-Elberfeld zur Stichwahl und siegte. Auch Johann Jacoby siegle mit 7577 gegen 6374 Stimmen.… Dieser glänzende Wahlausfall hatte in den höheren Regionen wie in den bürgerlichen Kreisen stark verschnupft. Ein solches Resultat hatte man nicht erwartet. Es zeigte sich, dass allen Verfolgungen und Schikanen zum Trotz die Partei ständig wuchs, und so verdichteten sich die schon vorhandenen Gedanken in den maßgebenden Kreisen mehr und mehr, der Partei mit Ausnahmemaßregeln auf den Leib zu rücken.
*Die Stelle wurde durch den Kontrollbeamten gestrichen.
** Vahlteich. Most beschuldigte Vahlteich, dass er seine Kandidatur für ben Reichstag in Chemnitz unmöglich zu machen suche und die Veröffentlichung verschiedener Miteillungen für die „Chemnitzer Freie Presse“ unterdrückte.
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