[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 22. Jahrgang Nr. 2, 23. Oktober 1901, S. 17-19]
„In meinem Reiche hat jeder Arbeiter eine gute und gesicherte Existenz bis ins hohe Lebensalter.“ So sagte vor einigen Jahren in Breslau der nämliche Kaiser, der zur Zeit von Caprivis Kanzlerschaft den agrarischen Wunsch nach höheren Getreidezöllen mit dem Worte abwies: „Sie können mir nicht zumuten, Brotwucher zu treiben.“ Es sind andere Zeiten gekommen. Seit 1906 haben sich die Wirkungen des Zolltarifgesetzes von 1902 in ihrer ganzen Schwere fühlbar gemacht. Nicht bloß für Brot, Mehl, mehlhaltige Nahrungsmittel, sondern für die meisten und unentbehrlichsten Gegenstände des Lebensbedarfs sind die Preise infolge der festgesetzten Einfuhrabgaben bedeutend gestiegen. Und was damals noch nicht künstlich verteuert worden ist, das hat 1909 der gemeingefährliche Schwindel der Finanzreform durch indirekte Steuern und Zollerhöhungen im Preise gesteigert.
Wie dieser Stand der Dinge auf die Ausgaben der Arbeiterfamilie zurückwirkt, dafür ein Beispiel. Wenn man die Preisnotierungen bei der Konsumanstalt Krupp-Essen festhält, so ergibt sich, dass von 1907 bis 1910 der wöchentliche Nahrungsmittelaufwand für eine vierköpfige Familie von 19,58 Mk. auf 21,27 Mk. gestiegen ist. Der Verbrauch der Familie ist dabei gleich der von drei deutschen Marinesoldaten gerechnet worden. Der Verteuerung des wöchentlichen Nahrungsbedarfs um 1,69 Mk. oder um 8,63 Prozent steht aber nur eine Lohnsteigerung um 0,16 Mk. oder rund 3 Prozent gegenüber. Dabei muss berücksichtigt werden, dass die Konsumanstalt Krupp die Aufgabe hat, den Arbeitern der Firma die wichtigsten Lebensmittel zu möglichst billigen Preisen zu liefern. Im Essener Kleinhandel stellte sich 1910 die Ausgabe für den oben angegebenen Nahrungsbedarf auf rund 24,58 Mk., also um 3,31 Mk. höher. Die Preise haben aber seit 1910 stetig und immer schärfer angezogen.
Es kann nicht geleugnet werden, dass ein starker und wachsender Abstand zwischen dem Verdienst, dem Einkommen der werktätigen Massen und den Kosten der Lebenshaltung besteht. Was ist die Folge davon, was muss sie sein? Die Proletarierin kann diese Frage rasch aus der eigenen bitteren Erfahrung heraus beantworten. Schmaler Verdienst und Teuerungspreise im Bunde steigern die Sorge um das menschenwürdige, anständige Auskommen. Sie zwingen zu einer Verschlechterung der Lebenshaltung, wie sie am greifbarsten in der Abnahme des Fleischverbrauchs zum Ausdruck kommt. Im ersten Quartal des laufenden Jahres ist der Fleischkonsum des deutschen Volkes gegen das erste Vierteljahr von 1910 im Durchschnitt pro Person von 10,14 Kilogramm auf 9,99 Kilogramm gesunken. Diese Zahl lässt die Fleischnot der Massen ahnen, aber sie deckt sie bei weitem nicht auf. Denn der Fleischverzehr der Arbeiterklasse steht jederzeit tief unter dem Durchschnitt des allgemeinen Verbrauchs.
Nach der Schlachtungseinfuhr- und -ausfuhrstatistik betrug der Fleischkonsum der deutschen Bevölkerung 1907 pro Kopf durchschnittlich 52,93 Kilogramm. Was aber wiesen die Haushaltungsbücher von 150 proletarischen Familien aus, die das Statistische Amt des Reiches bearbeitet hat? Dass in diesen 150 Familien 1907 im Durchschnitt pro Person wenig über die Hälfte des allgemeinen Durchschnittskonsums an Fleisch gegessen worden ist, nämlich nur 27,5 Kilogramm. Und die betreffenden Familien gehörten durchaus nicht zu den Ärmsten ihrer Klasse. Ganz im Gegenteil: nur vier von ihnen befanden sich mit einem Einkommen von 900 bis 1200 Mk. an der Hungergrenze, 146 aber erhoben sich mit einem solchen von 1200 bis 3000 Mk. hoch über die Existenzbedingungen der breitesten Massen. Und auch das noch muss bei der richtigen Wertung des durchschnittlichen Fleischverbrauchs der 150 Familien berücksichtigt werden: kein außergewöhnlicher „Kindersegen“ verschlechterte die Lage, auf die Haushaltung entfielen im Durchschnitt nur 4,76 Köpfe, wenig mehr, als der Durchschnitt im Reiche mit 4,70 beträgt. In dem lächerlich geringen Quantum Fleisch, das die deutsche Arbeiterfamilie sich zu gönnen vermag, kommen nicht bloß die hohen Vieh- und Fleischpreise zum Ausdruck, sondern die künstlich verteuerten Kosten der Lebenshaltung überhaupt. Gleichzeitig aber lenkt es den Blick auf die andere Seite der Medaille, und da steht mit Tränen und Blut geschrieben: chronische Unterernährung des werktätigen Volkes.
In der Tat: die künstliche Verteuerung des Lebensbedarfs durch Zölle, indirekte Steuern, Einfuhrscheine, Liebesgaben und die Preistreiberei großer kapitalistischer Organisationen ist nichts als ein verbrecherischer Mundraub an den Massen der Arbeiter und kleinen Leute. Ein Mundraub, der notwendigerweise auch ein Raub an Lebensfreude und Gesundheit ist. Wenn die Aufwendungen für die Notdurft der nackten Existenz Heller und Pfennig des Verdienstes verschlingen, bleibt nichts übrig, „um die trockene Kruste des Alltags auch einmal in den Wein der Freude zu tauchen“. Sorgen und Nöte werfen schließlich auch über das heiterste Gemüt ihre finsteren Schatten. Und sitzen Entbehrungen als ständige Gäste am Tische der Männer und Frauen, die unter der Peitsche der kapitalistischen Ausbeutung ihre Kräfte bis zum Äußersten anspannen, so muss die Gesundheit rasch zermürbt werden. Es ist eine alte Tatsache, von der Wissenschaft unwiderleglich mit Ziffern bekräftigt, dass in Teuerungszeiten die Kränklichkeit und Sterblichkeit steigt, dass Hungerjahre auch Seuchenjahre sind. Und wenn aus den aufgezeigten Dingen den proletarischen Frauen Leiden über Leiden ins kummervolle Antlitz starren, so dürfen sie als Mütter dabei eins nicht vergessen: es sind ihre Kinder, die hilflosesten, die sonnenscheinbedürftigsten aller Gesellschaftsglieder, die am härtesten an Leib und Seele durch die Entbehrungen getroffen werden, denen am ersten Siechtum und Tod drohen. Das furchtbare Wort, mit dem Engels in seiner „Lage der arbeitenden Klassen in England“ die kapitalistische Ordnung richtete, ist daher für uns heute lebendige Wahrheit wie je. Mit der Sozialdemokratie zusammen muss es die Proletarierin den Ausbeutenden und Herrschenden entgegenschleudern: „Ich klage die bürgerliche Gesellschaft des Mordes an.“
„In meinem Reiche hat jeder Arbeiter eine gute und gesicherte Existenz bis in sein hohes Lebensalter.“ Hörten wir es nicht so? Doch siehe! Hunderttausende hungern, Millionen darben, und weitere Millionen zittern vor dem Tage, wo sich, ihrem Schatten gleich, Sorge und Hunger auch an ihre Ferse heften werden. Eine lehrreiche Illustration das zu dem Singsang, mit dem vor wenigen Jahren Marx‘ angeblich erschlagene „Verelendungstheorie“ zu Grabe getragen werden sollte. Ins Bewusstsein der Massen aber muss sich angesichts der steigenden Flut ihres Elends eine bedeutsame Tatsache eingraben. Wieder und wieder hat der Hunger wie ein grimmer Wolf seine Zähne in ihr Fleisch geschlagen, wenn eine Krise das Wirtschaftsleben gelähmt danieder warf, Wenn das Stocken von Handel und Wandel Arbeitslose, Brotlose, Obdachlose schuf. Heute aber entbehren und hungern große Scharen der Werktätigen weit über das gewöhnliche Maß der proletarischen Klassenlage hinaus, obgleich wir im allgemeinen – von bestimmten Produktionszweigen abgesehen – in einer Zeit wirtschaftlichen Aufschwunges stehen, obgleich Beschäftigung und, wie behauptet wird, damit auch genügend Verdienst und Brot für die Nichtbesitzenden da ist, „für alle, die nur arbeiten wollen“, wie die Nutznießer und Verteidiger unserer „göttlichen Weltordnung“ sich auszudrücken belieben. Arbeit also, vielleicht sogar Überarbeit, und trotzdem ein Hängen und Würgen im täglichen Kampfe ums Dasein, ein Verzichtenmüssen auf das Notwendigste! Kein Zweifel: die besitzende und herrschende Minderheit hat die Ausplünderung der erdrückenden Mehrzahl des Volkes gesteigert und verschärft. Von dem Durst nach Golde, nach Macht geblendet, verliert sie in steigendem Maße die Fähigkeit und den Willen, den Ausgebeuteten auch nur ihre Existenz als Lohnsklaven erträglich zu gestalten.
Denn – auch das muss scharf im Auge behalten werden – die Teuerungspreise werden keine „vorübergehende Erscheinung“ sein. Mögen auch die oder jene Gegenstände zeitweilig wieder etwas verbilligt werden, als Ganzes gefasst wird die Verteuerung der Lebenshaltung bleiben, ja sogar noch zunehmen. Betreffs der Preise für Fleisch und Fleischwaren haben das bei der Beratung der letzten Interpellation über die Fleischteuerung im Reichstag Vorkämpfer des Vieh- und Getreidewuchers unverblümt ausgesprochen. Erklärten sie nicht brutal und zynisch – und ein Minister pflichtete ihnen bei –, die Verbraucher müssten sich künftighin mit höheren Preisen abfinden! Wer aber kann glauben, dass es in puncto der Preissteigerung die Industriellen und Händler nicht mit dem Wort halten würden: Was den Agrariern recht ist, das ist uns billig? Die bürgerliche Gesellschaft dieser Zeit, dieses Reifegrads der kapitalistischen Entwicklung kann nicht das Kanaan sein, darinnen für das Proletariat die Milch und der Honig billiger Lebenshaltung fleußt.
Daher auch eine dritte charakteristische Erscheinung. Nicht bloß das deutsche Proletariat krümmt seinen Rücken unter den Geißelhieben der Teuerungspreise. In Osterreich und Frankreich, in Belgien, Italien und Spanien, ja geradezu in allen kapitalistischen Staaten haben die Kosten der Lebenshaltung für die werktätige Bevölkerung eine unerschwingliche Höhe erreicht. Da und dort hat der Hunger seine Opfer zu Revolten aufgepeitscht, haben die Bewahrer der bürgerlichen Ordnung den Schrei nach Brot mit blauen Bohnen gestillt. Sogar in Großbritannien, dem klassischen Lande des Freihandels und der billigen Lebensmittelpreise, hat die Rückwirkung der Preiserhöhungen auf dem Weltmarkt im Bunde mit dem Imperialismus zu einer Verteuerung des Existenzbedarfes der Arbeiterklasse geführt, und diese Verteuerung erscheint als die letzte und stärkste treibende Kraft der imposanten, weittragenden Massenbewegungen der letzten Monate jenseits des Ärmelmeeres.
Es liegt im Wesen der kapitalistischen Wirtschaft, der bürgerlichen Gesellschaft, dass die Besitzenden und Herrschenden ihre Macht brauchen und missbrauchen, um die ausgebeuteten Schöpfer ihres Reichtums auch als Verbraucher auszuwuchern, und das rücksichtslos bis zum Verbluten. Die „brüderliche Solidarität“ der großen Ausbeuter führt zur Verständigung, zur festen Organisation mit dem ausgesprochenen Ziel, die Preise systematisch zu steigern. Die „Hungerverträge“ der reichen Getreide- und Weinhändler, der Aufkäufer und Agenten am Vorabend der französischen Revolution haben in den Unternehmerringen und Kartellen eine fröhliche Urständ gefeiert. Die berüchtigten mittelalterlichen „Zehnten“ des Adels und der Geistlichkeit werden durch die Schröpfung der Massen mittels Zöllen und Steuern bei weitem übertrumpft, die den sechsten und unter Umständen einen noch größeren Betrag vom Lebensaufwand der Armen und Ärmsten erheben. Diese sinnreichen „Erfindungen“ der Staatskunst der Besitzenden, um die Staatslasten auf die Schultern der breiten Massen zu wälzen und denen, die in: Reichtum sitzen, fette Gewinne zuzuschanzen, verteuern den Lebensbedarf des deutschen Volkes jährlich um fast 4 Milliarden, nämlich rund um 1890 Millionen, die in die Reichskasse fließen, und um weitere 1900 Millionen, die in der Hauptsache Agrarier, Großindustrielle und Großkaufleute einsäckeln. Als siegreicher „Erbfeind“ nahm Deutschland nach dem Kriege mit Frankreich diesem einmal 4 Milliarden Mark ab. Die herrschenden „Volksgenossen“ auferlegen den Brüdern im Reiche einen jährlichen Tribut von dieser märchenhaften Höhe. Für das Proletariat steht der Feind mitten im Lande. Die Plünderung der Massen aber und damit ihre Not muss noch mehr auf die Spitze getrieben werden durch den Rüstungswahnsinn, den die Natur der kapitalistischen Ordnung und ihre Entwicklung mit Naturnotwendigkeit zeugt, und der sich zusammen mit ihrem anderen legitimen Kinde, dem Imperialismus, immer unheilvoller auswächst Von 1873 bis jetzt hat er in Deutschland 28 Milliarden verpulvert und ins Wasser geworfen! Die Politik des Marokkohandels aber mit ihren Konsequenzen in Frieden und Krieg wird der unerträglichen Rüstungslast des deutschen Volkes noch weitere ungezählte Millionen hinzufügen. Fürwahr: gar herrlich bewähren sich die steigenden Tugenden der besitzenden Klassen, die nach freundlichen Prophezeiungen dem Proletariat ein gemütliches „Hineinwachsen in den Zukunftsstaat“ erleichtern sollten: ihre Ethik, ihr Gerechtigkeitssinn, ihre Einsicht, ihre Friedensliebe und andere gepriesene Eigenschaften mehr.
Aug in Auge mit dem aufgezeigten Stande der Dinge und mit ihrer sich verschärfenden Entwicklung wäre es ein Wahnsinn, gepaart mit einem Verbrechen, wollten die Männer und Frauen der Arbeiterklasse, die Hände im Schoß gekreuzt, ihre Ausplünderung ruhig geschehen lassen. Ihr Lebensinteresse verlangt, dass sie den Kampf dagegen auf der ganzen Linie führen. Stehen nicht zwei starke, brüderliche Mächte gegen die Raubgier der Besitzenden im Felde, einander unterstützend, zusammenwirkend, um der Auswucherung der proletarischen Massen, um ihrer Hungersnot zu wehren? Für höhere Entlohnung der Ausgebeuteten setzen die Gewerkschaften ihre ganze Kraft ein; für soziale Reformen, für die Beseitigung aller Maßregeln und Einrichtungen, welche den Lebensbedarf des Volkes der schwielenharten Hände und der abgemühten Hirne verteuern, ringt die Sozialdemokratie Brust an Brust mit den bürgerlichen Parteien und den hinter ihnen stehenden Klassen. Für den Erfolg der beiden Heere aber kommt es auf jeden Proletarier, jede Proletarierin an. Die Klassenherrschaft der Besitzenden lässt die breitesten Massen durch Sorgen und Hunger nieder hetzen, die breitesten Massen müssen sich kämpfend gegen ihr Geschick auflehnen. Und ihr Kampf in Gewerkschaften und Sozialdemokratie muss ebenso international über die Grenzen der Staaten hinausgreifen, wie es die Ausplünderung und Knechtung des Proletariats durch die Besitzenden tut. Sind es – nur ein Beweis von vielen! – nicht deutsche Banken gewesen, die es durch ihr Geld vor zwei Jahren der Regierung Brasiliens ermöglicht haben, den Wünschen der großen Plantagenbesitzer entsprechend die Preistreibereien für Kaffee staatlich zu organisieren? Lernen wir von unseren Feinden! Dort die gewaltigen Streitkräfte der alten, in ihren Grundfesten erschütterten Welt der Ausbeutung und Knechtschaft des Menschen durch den Menschen, in blinder Raffgier bestrebt, diese Ausbeutung und Knechtschaft zu steigern und zu verewigen. Hier die wachsende Macht der emporsteigenden Klasse, die nicht nur dem Hunger von heute wehren will, die vielmehr für immer die Ordnung der Aushungerung der Massen brechen muss. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
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