[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, II. Band, Nr. 34, S. 225-228]
f Berlin, 13. Mai 1896
Das närrische Treiben des Herrn Stumm, bei dem unersättliche Profitwut sich schon zu krankhaftem Verfolgungswahn entwickelt, hat innerhalb der bürgerlichen Klassen eine gewisse Opposition wachgerufen, die namentlich auch von den sogenannten christlich-sozialen Pastoren vertreten wird. In dem großen Zusammenhang der sozialen Kämpfe, welche die Gegenwart bewegen, ist die Episode viel zu unbedeutend, als dass sie eine besondere Beachtung verdiente. Sie hat aber einen bemerkenswerten Zwischenfall hervorgerufen dadurch, dass Stumm sich nach Art solcher Leute, denen alle sachlichen Gründe fehlen und die sich deshalb hinter Drohungen und Gewaltmaßregeln verstecken, die rebellischen Geistlichen mit dem Schreckbild der kaiserlichen Ungnade einzuschüchtern versuchte. In die Enge getrieben, ist er endlich mit einem Telegramm des Kaisers an den Geheimen Rat Hintzpeter hervorgerückt, worin es heißt, Stoecker habe geendigt, wie es der Kaiser seit Jahren vorausgesagt habe. Politische Pastoren seien ein Unding. Wer Christ sei, sei auch sozial, christlich-sozial sei Unsinn und führe zu Selbstüberhebung und Unduldsamkeit, was beides dem Christentum zuwiderlaufe. Die Herren Pastoren sollten sich um die Seelen ihrer Gemeinden kümmern, die Nächstenliebe pflegen, aber die Politik aus dem Spiele lassen, dieweil sie das gar nichts angehe.
Auch dies kaiserliche Programm würde uns keinen Anlass bieten, eine politische Erörterung daran zu knüpfen. Wir sind nicht auf den konstitutionellen Firlefanz vereidigt, und unsere Schwärmerei für das freie Wort reicht weit genug, um es dem Kaiser ebenso gern zu gönnen wie dem Bettler. Und in gewisser Hinsicht gönnen wir es dem Kaiser sogar noch lieber, als jedem anderen Menschen. Die Entmonarchisierung der politisch noch toten Massen wird durch nichts so sehr befördert, als wenn der Monarch sich lebhaft an der Erörterung der Tagesfragen beteiligt, wenn er aus dem Heiligenschein des Gottesgnadentums oder aus den geheimnisvollen Spinnweben der konstitutionellen Theorie heraustritt. Nichts begreifen wir so gut wie das Unbehagen, das die echten Monarchisten über das persönliche Hervortreten der Monarchen zu empfinden pflegen. Es gehört schon die ganze Beschränktheit des Herrn Stumm dazu, gelegentliche Worte des Kaisers, die dessen persönliche Ansicht über politische Angelegenheiten befunden, als große Haupt- und Staatsaktionen in die Öffentlichkeit zu werfen. Herr Stumm ist auch nur ein Talmimonarchist; sein Kaiser ist der Mammon, und um andere Kaiser kümmert er sich nur dann, wenn er sie als Bundesgenossen seines eigenen Souveräns ausspielen zu können sich einbildet. Das hat Herr Stumm aber mit sich selbst abzumachen, und es sei ferne von uns, zu tadeln, dass er jenes kaiserliche Telegramm der allgemeinen Kritik unterbreitet hat!
An dieser Kritik würden wir uns, wie gesagt, nicht beteiligen, wenn nicht noch ein anderer Umstand hinzuträte. An und für sich müsste sie halb zustimmend und halb widersprechend ausfallen. Wir sind von jeher der Ansicht gewesen, dass „christlich-sozial“ Unsinn sei, vielleicht aus anderen Gründen als der Kaiser, aber in dem Endergebnis der kritischen Prüfung, die er mit der christlich-sozialen Bewegung vorgenommen hat, müssen wir ihm zustimmen. Vor dem Verdacht eines loyalen Treppenwitzes sind wir bei dieser Zustimmung vollkommen gesichert, denn die Tage liegen nicht allzu weit hinter uns, wo wir und Andere uns wegen Beleidigung des Hofpredigers Stoecker vor Gericht zu verantworten hatten, wenn wir ihm die moralischen Episteln lasen mit derjenigen Offenheit, womit der Kaiser sie ihm jetzt liest; es waren dieselben Tage, wo Kaiser Wilhelm der Erste oder, wie es in der offiziellen Titulatur heißt, der Große, den Hofprediger Stoecker als seinen „Lanzenbrecher“ feierte und ermunternd in den Kampf gegen Juden, Sozialdemokraten und der Himmel weiß wen sonst noch schickte. Also gegen die Rubrizierung des christlichen Sozialismus als eines Unsinns könnten wir ehrlicher Weise nichts einwenden. Umso weniger vermögen wir, der Ansicht des Kaisers beizustimmen, dass die Politik die Pastoren nichts angehe. Die Politik geht die Pastoren gerade so viel an, wie jeden anderen Staatsbürger, und es ist nach geltendem Verfassungsrecht einzig und allein ihre Sache, welchen Gebrauch sie von ihren politischen Rechten machen wollen. Da hat ihnen, wenn das Grundgesetz des Landes gelten soll, Niemand etwas drein zu reden, und wir würden gar nicht verstehen, wie der Kaiser eine entgegengesetzte Ansicht äußern könnte, falls er als staatsrechtliche Person die Pastoren hindern wollte, sich ganz nach ihrem Belieben an der Politik zu beteiligen. Aber freilich wird seine Äußerung dadurch erklärlich und verständlich, dass er in jenem Telegramm nicht als staatsrechtliche Person zu anderen staatsrechtlichen Personen, sondern als private Person zu privaten Personen spricht, also eine unmaßgebliche Ansicht ausspricht, wie sie auszusprechen natürlich das Recht jedes Menschen ist. Der Kaiser bestreitet ja auch nicht das staatsbürgerliche Recht der Pastoren, sondern befürchtet von der Beschäftigung mit Politik nur eine Schädigung ihres moralischen Charakters; seine Äußerung, so irrig sie sein mag, ist kein Eingriff in die staatsbürgerlichen Rechte, sondern eine Redewendung, wie man sie täglich hören kann, eine Redewendung etwa des Sinnes: der oder jener sollte sich nicht mit Politik befassen, von der er auch nichts versteht und im Leben nichts lernen wird.
Insoweit bietet das kaiserliche Telegramm keinen Stoff zur politischen Erörterung, und man hätte glauben sollen, dass der Versuch des Herrn Stumm, es dennoch politisch auszubeuten, platt zu Boden fallen oder höchstens einem allgemeinen Hohngelächter begegnen würde. Hier aber nun tritt der Umstand ein, welcher dem Zwischenfalle eine politische Bedeutung verleiht. Es gibt. nämlich eine Partei in Deutschland, die der Depesche des Kaisers einen staatsrechtlichen Charakter aufzuprägen sucht, die ihren Inhalt als herrliche Offenbarung höchster Regierungsweisheit mit hellem Jubel empfängt, die den Kaiser deshalb als wiedergeborenen alten Fritz feiert, also mit dem kostbarsten Lorbeer bekränzt, den der devotest alleruntertänigste Untertanenverstand des beschränkten Borussen zu verleihen vermag. Und diese Partei ist die freisinnige Volkspartei. „Vossische Zeitung“, „Berliner Tageblatt“, „Volkszeitung“ – sie knicksen mit Tränen der Rührung vor dem kaiserlichen Telegramm einher, das ihnen in einer Zeit, wo alles für sie so schlecht geht, endlich einmal einen Becher des Labsals bietet.
Wäre es das erste Mal oder wäre auch nur irgend welche Hoffnung vorhanden, dass es das letzte Mal wäre, so sollte es ihnen gern geschenkt sein. Aber es ist nicht das erste Mal und es wird auch nicht das letzte Mal sein. An dem Elend dieser knechtseligen Gesinnung, welche nicht nur die große Bourgeoisie, sondern auch das kleine Bürgertum verpestet, siecht Deutschland seit bald fünfzig Jahren dahin. Alles was die freisinnigen Blätter in ihrem besonderen Stile Reaktion zu nennen belieben, also alles was Deutschland im Unterschiede von England und Frankreich so tief unter dem politischen Höhestande der modernen bürgerlichen Gesellschaft zurück hält, alles das hat seinen letzten Halt an der dreimal vermaledeiten Bedientenhaftigkeit des deutschen Spießbürgers. Diesem politischen Wesen sind seine heiligsten Grundsätze im Handumdrehen feil, wenn es sich nur einbilden darf, seine schwachen Glieder im Strahle der Gnadensonne ausstrecken zu dürfen.
Wir haben die ganze Stoeckerei und was damit zusammenhing aufs Heftigste bekämpft, so lange sie an der Macht war. Sobald das kleine Junker- und das mit ihm verbündete Pfaffentum abgedankt wurde zu Gunsten der Stumm und Genossen, zu Gunsten viel gefährlicherer Feinde der Massen, haben wir es vorgezogen, den gefährlicheren Feind zu bekämpfen, statt in blinder Wut hinter armen Schächern herzujagen, die für Niemand mehr fürchterlich waren, statt der Befriedigung einer blinden und sinnlosen Rachsucht den Vorrang einzuräumen vor den einfachsten Forderungen der politischen Notwendigkeit. Die freisinnigen Liebenswürdigkeiten, die uns namentlich unsere Artikel über die Fälle Hammerstein und Stöcker eintrugen, sind uns noch in freundlichem Gedächtnis. Da sich im Allgemeinen der Mensch nie wohler befindet, als wenn er den zürnenden Unwillen freisinniger Volkstribunen erregt, so harrten wir geduldig der Stunde, die uns Genugtuung schaffen würde. Wir kannten unsere Pappenheimer und wussten, dass diese Stunde bald kommen werde. Aber auf die überschwängliche Genugtuung hatten wir allerdings nicht gehofft, dass die freisinnige Heldenschar vor patriotischer Begeisterung aufschreien würde, weil Herr Stumm, um seine ausbeuterischen Praktiken zu verdecken, den Anschein erwecken möchte, als habe der Kaiser einer Klasse von Staatsbürgern die Ausübung der staatsbürgerlichen Rechte untersagen wollen.
Wie sinnreich diese freisinnige Politik gerade in den gegenwärtigen Zeitläuften ist, braucht nicht erst ausführlich dargelegt zu werden. Jedes Kind in Deutschland weiß, woher die sogenannten Krisen stammen, in denen das deutsche Staatswesen hin und her taumelt. Mag die Krisis wegen der Militärgerichtsbarkeit, die vor vierzehn Tagen akut zu werden schien, einstweilen sich chronisch weiter schleppen, so können andere Krisen jeden Tag akut werden. Wir erinnern nur an die Umgestaltung der Halbbataillone und die uferlosen Flottenpläne, vor denen sich sogar der nationalliberale Wurm zu krümmen beginnt. Binnen sehr absehbarer Zeit wird der Krieg wieder losgehen gerade auf dem Gebiet, auf dem sich der deutsche Freisinn seit einem Menschenalter fortlaufende Niederlagen geholt hat, auf dem Gebiet, auf dem zu siegen gerade sein historischer Beruf wäre und gerade seine politische Ehre sein sollte, endlich auf dem Gebiet, auf dem nach der endlos wiederholten Behauptung der feudal-militärischen Reaktion der Wille des Kaisers als des obersten Kriegsherrn mehr gelten soll als der Wille der Volksvertretung und ihrer Wähler. Und am Vorabend dieser drohenden Kämpfe erlaubt sich die freisinnige Presse den Luxus, eine private und in ihrer privaten Form ganz harmlose Äußerung des Kaisers aufzubauschen zu einem staatsrechtlichen Akt, der einer bestimmten Schicht der Bevölkerung ohne Weiteres ihre politischen Rechte nehmen oder doch verleiden dürfe, die Person des Kaisers als eine Autorität hinzustellen, deren sic volo sic jubeo in den politischen Kämpfen entscheide!
Natürlich wollen es jetzt die freisinnigen Blätter nicht gewesen sein, nachdem die kritische Geißel der reaktionären und ultramontanen Blätter sie über ihre Blamage belehrt hat. Mit sophistischen Redensarten, von denen immer gerade zwölf auf ein Dutzend gehen, suchen sie sich rein zu waschen. Aber an der Sachlage wird dadurch nichts geändert. Im Gegenteil, sie erscheint noch trübseliger, wenn man den zerknirschten Sündern wirklich zugeben will, dass sie mehr aus naiver Knechtseligkeit, als aus bewusstem Byzantinismus gehandelt haben. Denn eine Knechtseligkeit, die so tief im Blute steckt, dass sie nicht einmal durch die bitteren Erfahrungen der drei letzten Jahrzehnte ausgetrieben werden konnte, ist überhaupt nicht mehr zu kurieren.
Wie bisher, so wird es auch fortan dabei bleiben, dass die Arbeiterklasse nicht nur ihrem historischen Berufe, sondern auch dem historischen Berufe des Bürgertums gerecht werden muss.
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