Franz Mehring: Ein proletarischer Gedenktag

[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1900-1901, I. Band, Nr. 23, S. 793-797]

f Berlin, 4. März 1911

Unsere Junker wissen wirklich nicht mehr aus noch ein. In der gestrigen Nummer der „Kreuzzeitung“ erlässt ein Herr v. Zepelin einen „Weckruf“ an die deutsche Nation, den er betitelt: Die Kommune in Paris vor vierzig Jahren. Es handelt sich dabei keineswegs um eine jener scherzhaften Stilübungen kaschubischer Granden, die die „Kreuzzeitung“ selbst in eine entlegene Ecke ihres geräumigen Inhalts zu relegieren pflegt, sondern um eine hochpolitische Haupt- und Staatsaktion, der das Blatt fast seine ganze erste Seite einräumt.

Die Tendenz dieses würdigen Artikels geht dahin, die Philister graulich zu machen mit dem roten Gespenst, ihnen einzubläuen, dass sie alle Schrecken der Pariser Kommune über das frumbe Deutschland heraufbeschwören, wenn sie in den nächsten Wahlen den Schnapsblock durchrasseln lassen. Besonders auf die liberalen Philister ist es abgesehen. Deshalb zitiert besagter Zepelin nicht jenen wirklichen Kreuzzeitungsmann, der vor siebenunddreißig Jahren den Sieg der „Ordnung“ über die Pariser Kommune also verherrlichte: „Die Hetzjagd auf die Kommunards nach dem Siege der Truppen übertrifft weit das, was Tilly Magdeburg antat. Man muss bis zur Bartholomäusnacht zurückgehen, um Ähnliches zu finden. Die Kommunards hatten gemordet im letzten Augenblick des Verzweiflungskampfes, erst drei Tage nach Eindringen der Truppen, nach dreitägiger Straßenschlacht. Die Versailler Truppen metzelten. eine volle Woche nach Erstürmung der letzten Feste der Kommunards mit kaltem Blute,“ Somit hätte die „Kreuzzeitung“ aus ihrer eigenen Literatur eine, die Kommunards zwar immer noch viel zu schwarz malende, aber doch annähernd richtige Darstellung des Sachverhaltes schöpfen können. Aber edelmütig verzichtet sie auf den eigenen Ruhm und zitiert, um die liberalen Philister. einzuseifen, lieber drei liberale Autoritäten über die „Gräuel“ der Pariser Kommune, und ein herrliches Kleeblatt dazu: Eugen Richter, Maxime Ducamp und Johannes Scherr.

Natürlich müssen wir es ganz und gar dem liberalen Bürgersmann anheimgeben, ob er sich durch den Kehricht, den das Junkerblatt aus den entlegensten Gossen der antisozialistischen Schimpf- und Schmähliteratur zusammenfegt, imponieren lassen will. Das ist am Ende seine Sache und geht uns nichts an. Tut er das nicht, so wahrt er nur seine eigenen Interessen, und wir brauchen ihn deshalb nicht zu loben. Tut er es dennoch, so drückt er sich das junkerliche Joch um so fester in den Nacken, und dann ist er viel härter gestraft, als wir ihn durch die härteste Kritik strafen könnten.

Wir würden unter diesem Gesichtspunkt den „Weckruf“, den der mehrerwähnte Zepelin an die deutsche Nation richtet, keiner besonderen Beachtung für wert halten. Jedoch enthält er auch interessantere und, wie wir bereitwillig anerkennen, durchaus wahre Partien, indem er sozialdemokratische Stimmen, darunter Bebel und Engels, in durchaus richtiger Form anführt, um zu beweisen, dass die deutsche Sozialdemokratie Fleisch vom Fleisch und Blut vom Blut der Pariser Kommune sei. Das ist eine so unanfechtbare Wahrheit, wie wir sie seit Jahren in der „Kreuzzeitung“ nicht gelesen zu haben uns entsinnen. Gewiss hat die deutsche Sozialdemokratie wie an ihren eigenen Handlungen, so auch an den Handlungen der Pariser Kommune stets eine strenge und mitunter vielleicht selbst zu strenge Kritik geübt, aber mit der Kommune als historische Erscheinung hat sie sich vom ersten Tage an, da der Pariser Aufstand ausbrach, bis zum heutigen Tage für solidarisch erklärt. In der Literatur der deutschen Sozialdemokratie ist seit vierzig Jahren nie eine abweichende Stimme laut geworden; und besonders hat uns erfreut, dass die „Kreuzzeitung“ an der Spitze ihrer Zitate eine Rede Bebels aus dem Reichstag von 1871 wiedergibt. Bismarck hat seinerzeit erklärt, dass er gerade durch diese Rede Bebels zuerst über das Wesen der deutschen Sozialdemokratie „erleuchtet“ worden sei, so dass er sie von nun an unablässig zu verfolgen beschlossen habe, was er auch mit solchem Erfolg getan hat, dass er sich darüber selbst das Genick brach. Wenn also die „Kreuzzeitung“ gerade an diesem verhängnisvollen Punkte wieder mit ihrer „Erleuchtung“ für die nächsten Reichstagswahlen einsetzt, so kann uns das nur ein gutes Vorzeichen sein, für das wir dem Blatte gern unseren Dank aussprechen.

Dennoch haben wir auch gegen diesen Teil seines „Weckrufs“ zwar kein ethisches oder politisches, aber ein ästhetisches Bedenken. Es will uns scheinen, dass es sich für eine so geistreiche und originelle Zeitung doch nicht recht schickt, offene Türen einzurennen und mit jahrzehntealten Zitaten weltkundige Tatsachen zu beweisen, an denen kein vernünftiger Mensch zweifelt. Dies recht triviale Beginnen wird auch dadurch nicht anziehender, dass Junker v. Zepelin wie ein Hampelmann um die Zitate herumtanzt, die er mit so gar keiner Mühe aufgegabelt hat. Da man nun aber nach der Vorschrift der christlichen Religion denen wohltun soll, die uns verfolgen, so wollen wir der „Kreuzzeitung“ wenigstens ein paar neue Beweise für den engen Zusammenhang vorlegen, der zwischen der deutschen Sozialdemokratie und der Pariser Kommune bestanden hat.

Es sind zwei Briefe, die wir ohnehin zum vierzigsten Geburtstag der Pariser Kommune zu veröffentlichen gedachten: ein Brief Leo Frankels, der in der Kommune bekanntlich das Amt des Arbeitsministers versah, an Karl Marx, und ein Brief von Karl Marx an Leo Frankel und an Varlin, den berühmten Märtyrer der Kommune. Frankel und Varlin gehörten zu den Mitgliedern der Internationale, die im Rat der Kommune saßen, ebenso wie der im Briefe Frankels genannte Serraillier. Bereits am Tage nach dem Ausbruch des Aufstandes hatte das „Paris Journal“ einen angeblich von Marx an Serraillier gerichteten, von Marx selbst aber sofort in der „Times“ als eine „unverschämte Fälschung von Anfang bis zu Ende“ erklärten Brief veröffentlicht, worin Marx aufs Schärfste getadelt haben sollte, dass sich der Pariser Zweig der Internationale an der politischen Bewegung beteilige, obgleich seine einzige Aufgabe die soziale Organisation sei. Ob sich der Brief von Marx an Serraillier, den Leo Frankel in seinem Briefe an Marx erwähnt, auf diese oder eine andere Affäre bezieht, vermögen wir nicht festzustellen. Nachdem aber der Versuch, die Internationale gegen die Kommune auszuspielen, abgeblitzt war, verfiel die Ordnungspresse auf den entgegengesetzten Versuch, nämlich die Kommune als Machenschaft der Internationale auszuspielen. Die eine wie die andere Mär wird durch die Briefe, die wir veröffentlichen, nochmals abgetan. Darin besteht ihr historisches Interesse, wenn sie auch – offenbar Bruchstücke eines regeren Briefwechsels – inhaltlich nichts wesentlich Neues enthalten. Sie zeigen nur die historische Tatsache auf, dass die Kommune nicht von der Internationale „gemacht“ .worden ist, was an sich ja schon eine unsinnige Vorstellung wild gewordener Ordnungsgehirne war. aber sie bestätigen, dass Marx nicht erst nach dem Sturze der Pariser Kommune ihr beredter Anwalt geworden ist, sondern sie schon, solange sie lebte und kämpfte, mit Rat und Tat unterstützt hat.

Leo Frankel schrieb am 25. April 1871 an Marx – der Brief trägt den Stempel: Ministerium der öffentlichen Arbeiten, Kabinett des Ministers –:

„Geehrtester Bürger und Bundesgenosse!

Ich habe Ihr Schreiben wegen Serrailliers erhalten. Er glaubte zu dessen Veröffentlichung berechtigt zu sein, was ich ihm nur unter der Bedingung gestattete, Ihre Person nicht in Dinge zu mischen, die für Ihren Namen vielleicht nachteilig sein könnten. Ich nehme an, dass Sie damit einverstanden sein werden. Es wurde mir von dem Überbringer Ihres Schreibens mitgeteilt, dass in englischen Blättern berichtet werde, meine Wahl sei nicht bestätigt worden. Das ist falsch. Andererseits sagt man, dass ich ein Preuße und folglich ein Untertan Bismarcks sei – Logik reaktionärer Journalisten –, und nun flöten alle Feinde der Kommune dieselbe Melodie, Obwohl ich weder Preuße noch Deutscher bin [Frankel – war geborener Ungar. D. R.], so halte ich für richtig, diese Vögel auf allen Dächern zwitschern zu lassen und meinem Ziele nachzugehen. Ich bin seit einigen Tagen Mitglied der Exekutivkommission, als Delegierter für das Departement der öffentlichen Arbeiten. Die frühere Exekutivkommission ist so umgestaltet worden, dass die Delegierten der verschiedenen Ministerien die Exekutive bilden. [Diese Organisation der Exekutivkommission dauerte nur ganz kurze Zeit; an ihre Stelle trat der Wohlfahrtsausschuss, gegen dessen Einsetzung eine Minderheit stimmte, die namentlich aus den Mitgliedern der Internationale bestand. D.R.] Pyat ist nicht darin. Er suchte einen Vorwand, seine Demission zu geben, in derselben Weise fast, wie er seine Demission in [der Nationalversammlung von] Bordeaux gab, das heißt bedingungsweise. Er ist daher weder Mitglied noch Demissionär.

Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie mir irgendwie mit Ihrem Rate beistehen wollten, da ich gegenwärtig sozusagen allein, aber auch allein verantwortlich bin für alle Reformen, die ich im Departement der öffentlichen Arbeiten einführen will. Dass Sie Ihr möglichstes tun werden, um allen Völkern, allen Arbeitern und namentlich den deutschen begreiflich zu machen, dass die Kommune von Paris nichts mit der deutschen Zopfgemeinde zu tun hat, lässt sich schon aus einigen Zeilen Ihres letzten Briefes schließen. Damit werden Sie jedenfalls unserer Sache einen großen Dienst erwiesen haben.“

Der Brief von Marx aber ist vom 13. Mai 1871 datiert und hat folgenden Wortlaut:

„Liebe Bürger Frankel und Varlin! Ich habe mit dem Überbringer gesprochen. Würde es sich nicht empfehlen, die für die Kanaillen von Versailles so kompromittierenden Papiere an einen sicheren Ort zu bringen? Solche Vorsichtsmaßregeln können niemals schaden.

Man hat mir von Bordeaux geschrieben, dass bei den letzten Gemeinderatswahlen vier Internationale gewählt worden sind. In den Provinzen beginnt es zu gären, Leider ist ihre Aktion eine lokal beschränkte und „friedliche“ (pacifique).

In Ihrer Sache schrieb ich einige hundert Briefe nach allen Ecken und Enden der Welt, wo wir Beziehungen haben. Die Arbeiterklasse war übrigens von Anfang an für die Kommune.

Selbst die englischen bürgerlichen Blätter haben ihre anfänglich durchaus ablehnende Haltung aufgegeben. Es glückte mir, von Zeit zu Zeit einen günstigen Artikel bei ihnen einzuschmuggeln.

Die Kommune verschwendet, wie mir scheint, zu viel Zeit mit Kleinigkeiten und persönlichen Streitereien. Offenbar wirken noch andere Einflüsse mit als die der Arbeiter. All dies würde aber gar nichts ausmachen, wenn es Ihnen noch gelänge, die verlorene Zeit wieder einzubringen.

Es ist unbedingt notwendig, alles, was Sie außerhalb von Paris, in England oder anderswo, erreichen können, möglichst schnell durchzuführen. Die Preußen. wollen die Forts nicht in die Hände der Versailler kommen lassen, aber nach dem endgültigen Friedensschluss wollen sie der Regierung gestatten, Paris mit ihren Bütteln zu zernieren. Da sich, wie Sie wissen, Thiers und Kompanie in ihrem durch Pouyer-Quertier abgeschlossenen Vertrag ein großes Trinkgeld ausbedungen hatten, so weigerten sie sich, die ihnen durch Bismarck angebotene Hilfe der deutschen Bankiers anzunehmen. In diesem Falle wäre ihnen ihr Trinkgeld verloren gegangen. Da die Vorbedingung für die Innehaltung ihres Vertrags die Einnahme von Paris ist, so baten sie Bismarck, ihnen die Zahlung der ersten Rate bis nach der Besetzung von Paris zu stunden. Bismarck ist damit einverstanden. Da Preußen das Geld selbst blutnötig hat, so wird es den Versaillern möglichst an die Hand gehen, um die Einnahme von Paris zu beschleunigen. Also nehmen Sie sich in acht!“

Marx hebt hier in seiner klaren und scharfen Art die entscheidenden Gesichtspunkte hervor, die drei Tage vorher, am 10. Mai 1871, in Frankfurt a. M zu dem unvermutet schnellen Abschluss des definitiven Friedens zwischen Deutschland und Frankreich geführt hatten. Aber für die Rettung der Kommune war es zu spät; sie fiel, in einem ewig denkwürdigen Kampfe alles sühnend, was ihr historisch zur Last fallen mag, nicht die angeblichen „Gräuel“, die sie nie begangen hat, aber die Nachgiebigkeit, Schwäche und Unentschlossenheit, die sich aus dem vor vierzig Jahren noch wenig entwickelten Klassenbewusstsein der Pariser Arbeiter erklärt und sich niemals wiederholen wird, wo immer die Arbeiterklasse ihre Ketten sprengen kann.


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