[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1900-1901, I. Band, Nr. 24, S. 825-825]
f Berlin, 11. März 1911
Gegenwärtig gleicht das bürgerliche Parteilager einem Spielplatz, wo die Kinder auf der Schaukel wippen. Keine dieser Parteien steht auf fester Erde und kämpft wie ein Mann; jede sucht die anderen, mit denen sie angeblich, gegenüber der von allen dreimal verfluchten Sozialdemokratie, auf gemeinsamem Boden steht, bald in die Höhe zu schnellen, bald in den Staub zu drücken.
Die Ausführungen, die wir vor einigen Wochen über die Notwendigkeit machten, dass der Freisinn, wenn er überhaupt noch etwas bedeuten wolle, ein taktisches Stichwahlbündnis mit der Sozialdemokratie schließen müsse, werden von der „Kreuzzeitung“ im Sinne eines heißen Liebeswerbens um die Gunst des Freisinns ausgelegt. Umgekehrt preist die „Vossische Zeitung“ die Demut der Sozialdemokratie, die in dem Wahlkreis Kempten-Immenstadt. den freisinnigem Kandidaten gegenüber dem ultramontanen Kandidaten heraus gehauen habe, „ohne dass Gegenseitigkeit verlangt, geschweige denn verbürgt ist“. An ihrer Seite feiert dann wieder die „Welt am Montag“ die „Einheit der Linken“, weil der Schreiber dieser Zeilen seiner „alten Freundin“, der „Kreuzzeitung“, den Schmerz zugefügt haben soll, ein Stichwahlbündnis zwischen Freisinn und Sozialdemokratie zu empfehlen. So wippen sie auf und so wippen sie nieder.
Was zunächst die Insinuation der „Welt am Montag“ anbetrifft, so wissen wir nicht, wohinaus sie läuft. Jedenfalls haben wir an dieser Stelle ein taktisches Zusammengehen zwischen Freisinn und Sozialdemokratie gegenüber den Junkern schon zu einer Zeit empfohlen, wo von den beiden Winkelrieds der „Welt am Montag“ der eine ein lieber Bundesbruder Stoeckers war und der andere die Unterschlagungen Hammersteins als „relativ rühmlich“ feierte. Möglicherweise haben wir es einmal – obgleich wir uns auch dessen nicht entsinnen – „relativ rühmlich“ genannt, dass die „Kreuzzeitung“. sich ohne die schlüpfrigen Histörchen und ohne die Ferkelannoncen behilft, um derentwillen. die „Welt am Montag“ von 999 Promille ihrer Leser studiert wird, während das letzte Promille vielleicht – wir wünschen es aufrichtig, obgleich wir es kaum zu hoffen wagen – todesmutig dem Morgenrot kapitalistischer Freiheit entgegen wallt.
Die „Kreuzzeitung“ jedenfalls wäre in ihrem Rechte, wenn ihr die „Einheit der Linken“, die von solcher Seite und so wie sie von solcher Seite gepredigt wird, keine Sekunde Sorge machte. Was sie fürchtet und was zu fürchten sie auch allen Grund hat, ist. das ganz nüchterne, von allem unmöglichen Brimborium freie Einverständnis des Freisinns und der Sozialdemokratie für die Stichwahlen des nächsten Wahlkampfes. Kommt es zustande, so ist der reaktionäre Block geliefert, und weil die „Kreuzzeitung“ das weiß, so dichtet sie uns ein heißes Liebeswerben um die Gunst des Freisinns an. Das könnten wir ihr unter dem Gesichtspunkt des achten Gebots übelnehmen, aber da sie nur durch eine höchst berechtigte Furcht zu diesem Verstoß gegen ihre christlichen Grundsätze verleitet worden ist, so darf ihre moralische Entgleisung immerhin einen mildernden Umstand für sich geltend machen. Indessen so fern uns ein heißes Liebeswerben um die Gunst des Freisinns liegt, so ist die Tante Voss doch auch an ihrem Teil mächtiglich auf dem Holzweg, wenn sie in der Freude über die sozialdemokratische Stichwahlhilfe in Kempten-Immenstadt sich zu der Einbildung hinreißen lässt, dass ihr dieser Adler geschenkt sei. Sie fordert sogar schon, dass sich die Sozialdemokratie zu der von ihr erfundenen Theorie der „falschen Stichwahlen“ bekehren solle. Eine „falsche Stichwahl“ ist nämlich nach dieser famosen Theorie jede Stichwahl, in der die Freisinnigen die Entscheidung zwischen Reaktionären und Sozialdemokraten zu geben, das heißt mit anderen Worten ein Rückgrat zu zeigen haben. Um dem zu entgehen, darf in jedem Wahlkreis, wo alle drei Richtungen vertreten sind, ohne dass eine die absolute Mehrheit hat, kein. sozialdemokratischer, sondern – gegenüber dem reaktionären Kandidaten – nur ein freisinniger Kandidat aufgestellt werden, für den von vornherein alle sozialdemokratischen Wähler stimmen müssen. So dass, um die Sache in einem Beispiel zu erläutern, in einem Wahlkreis, wo es 20.000 konservative, 19.999 sozialdemokratische und 2 freisinnige Wähler gibt, nur ein freisinniger Kandidat zulässig ist, für den schon in der Hauptwahl sämtliche sozialdemokratischen Wähler zu stimmen haben. Es tut uns leid, aber wir glauben nicht, dass dieser geniale Vorschlag, auf dem die „Vossische Zeitung“ nun schon seit Jahrzehnten herumreitet, irgendwelche Aussicht hat, verwirklicht zu werden.
Aber auch sonst sind die Schlussfolgerungen, die die „Vossische Zeitung“ aus der Wahl in Kempten-Immenstadt zieht, arg optimistisch. Sicherlich haben die sozialdemokratischen Wähler, die den freisinnigen Kandidaten heraus hieben. nur ihre politische Pflicht getan, für die sie keine Anerkennung und keinen Dank. beanspruchen dürfen, allein was sie zu erwarten das Recht haben, ist so viel, dass nun auch der brave Freisinn seine politische Pflicht tut. Ganz in Übereinstimmung mit unseren neulichen Ausführungen erklärt der „Vorwärts“, dass es nachgerade die höchste Zeit für den Freisinn werde, seine zweideutige Haltung aufzugeben und die dringende Erziehungsarbeit an seinen Wählern zu leisten, die er so lange vernachlässigt hat. Die alte gemütliche Methode weiland Eugen Richters, halb auf reaktionären, halb auf sozialdemokratischen Krücken in den Reichstag zu humpeln, hat sich völlig überlebt. Es mag für den Freisinn betrüblich sein, dass er hüben wie drüben mit hartköpfigen Leuten zu tun hat, aber am hartköpfigsten ist doch die politische Situation; so wie sie liegt, hilft kein Sperren und Zerren mehr, es darf nicht mehr gewippt, sondern es muss gekämpft werden.
Innerhalb des schwarzblauen Blocks wippen die Konservativen und die Ultramontanen auch auf der Schaukel, aber als praktische Leute immerhin mit einiger Moderation. So viel Staub der Zank um den Modernisteneid aufwirbelt, so steckt im Grunde nichts dahinter. Selbstverständlich will die römische Kurie ihren Vorteil davon haben, dass ihr ultramontanes Gefolge die preußische Junkerherrschaft stützt, und selbstverständlich muss die preußische Regierung sich gegen den Schein wahren, als habe sie des heiligen Lutherzorns ganz vergessen, aber am selbstverständlichsten ist für beide Teile, dass es zu keinem wirklichen Krach kommt. Das Bemerkenswerteste an dem Spektakel scheint uns nicht die schwächliche Haltung der preußischen Regierung, sondern die kaum weniger schwächliche Haltung der römischen Kurie zu sein. Dass die preußischen Junker, sobald es ihre Profite gebieten, nicht nur den Doktor Luther, sondern sich selbst dem Teufel verschreiben, wissen wir längst, aber die römische Kurie hat sowohl in dem Krakeel wegen der Borromäus-Enzyklika als auch in dem Krakeel wegen des Modernisteneides eine Nachgiebigkeit gezeigt, die wenigstens im Verhältnis zu ihren Überlieferungen und namentlich zu dem hochfahrenden Tone, den sie früher gegenüber preußischen Regierungen anzuschlagen pflegte, einigermaßen auffällt. Da nicht anzunehmen ist, dass die Politik des gegenwärtigen Reichskanzlers wie ein Medusenantlitz auf sie gewirkt hat, so bleibt nur die andere Schlussfolgerung übrig, dass dem Zentrum einigermaßen um seine Gottähnlichkeit bange zu werden beginnt, und das wäre ein sehr erfreuliches Zeichen.
Statt nun aber diesen übertägigen Lärm zwischen den Rittern und den Heiligen wenigstens für die eigene Politik auszunutzen, wippt der Freisinn vergnüglich auf der blauschwarzen Schaukel mit. Er überlässt es der Sozialdemokratie, die alte liberale Forderung der Trennung zwischen Kirche. und Staat zu vertreten; er. selbst begnügt sich, mit den verschimmeltsten Ladenhütern der Hohenzollernlegende gegen die Reaktion. ins Feld zu ziehen. So schreibt heute das „Berliner Tageblatt“, gegenwärtig noch das verhältnismäßig verständigste der freisinnigen Organe: „Herr v. Trott überraschte die staunende Mitwelt durch die Enthüllung, dass es um die Glaubensfreiheit unterm alten Fritzen schlechter bestellt gewesen als heutzutage. Der Kultusminister als Geschichtsphilosoph wird noch eine recht gefährliche Konkurrenz für Herrn v. Bethmann.“ Über diese Geschichtsphilosophie des „Berliner Tageblatts“ kann die „Mitwelt“ aber nicht nur „staunen“; alle Haare müssen sich ihr darüber sträuben. Wir sind nicht so grausam, den verehrten Kollegen vom „Berliner Tageblatt“ zu wünschen, dass über Nacht die „Glaubensfreiheit unterm alten Fritz“ wiederhergestellt werde. Sie würden dann am Morgen nicht in dem prächtigen Hause der Jerusalemer Straße erwachen, aus dem sie die Lichtströme der Aufklärung durch die Lande leiten, sondern in einer engen, finsteren Gasse, die schon in ihrem Namen die vollkommenste Rechtlosigkeit verkörperte. Dies war die „Glaubensfreiheit“, die der alte Fritz derjenigen Religion gewährte, gegen deren Bedrückung die Gelehrten des „Berliner Tageblatts“ am empfindlichsten sind. Inzwischen machte der alte Fritz auch anderen Religionen gegenüber mit der „Glaubensfreiheit“ verteufelt wenig Federlesen, und, gern oder ungern, so müssen wir anerkennen, dass Herr v. Trott eine historische Wahrheit ausgesprochen hat, als er sagte, um die „Glaubensfreiheit“ stehe es unter Bethmann Hollweg besser als unterm alten Fritz.
Es mag nicht viel sein, aber es war doch ungleich mehr, als der alte Fritz je geleistet hat, wenn der Reichskanzler versprach, katholischen Geistlichen, die den Modernisteneid geleistet hätten, in der Regel den Unterricht im Deutschen und. der Geschichte an den höheren Schulen nicht mehr anzuvertrauen. Unter dem alten Fritz musste jeder Universitätsprofessor vor seiner Anstellung, gleichviel welcher Fakultät, den Modernisteneid leisten, das heißt sich auf die Dogmen der evangelischen Kirche eidlich verpflichten; unter ihm wäre, um die Sache an ein paar freisinnigen Politikern zu illustrieren, weder Herr Virchow als medizinischer, noch Herr Mommsen als historischer, noch Herr v. Liszt als juristischer Universitätslehrer zugelassen worden, ehe sie nicht geschworen hätten, an die göttliche Geburt Jesu, seine Auferstehung von den Toten, seine Himmelfahrt usw. zu glauben und nichts zu lesen, was diesem Glauben widerspräche. An Ehrlichkeit und Energie mag die Kirchenpolitik des alten Fritz der Kirchenpolitik der Bethmann und Trott überlegen gewesen sein; als der Papst Klemens XIV. den Jesuitenorden aufhob, schützte der alte Fritz die Jesuiten im preußischen Staate, weil sie die geschicktesten Volksverdummer seien, aber einen Jesuitenpater, der einem Soldaten in der Beichte gesagt haben sollte, das Desertieren sei zwar eine sehr schwere, aber doch nicht ganz unverzeihliche Sünde, ließ er ohne alles Federlesen am Spionengalgen aufknüpfen; die altpreußische Politik, die Religion als Machtmittel für weltliche Unterdrückungszwecke zu benutzen, brauchte damals noch nicht so verheuchelt zu werden wie heutzutage. Jedoch in Sachen der „Glaubensfreiheit“ ist seitdem wirklich dieser oder jener Luftzug in die borussischen Kasernen gedrungen.
Wir haben bei diesem Zwischenfall etwas länger verweilt, weil die Vertreibung des Teufels durch Beelzebub, die Bekämpfung der gegenwärtigen Unterdrückung durch die Verherrlichung einer ehemaligen, noch ärgeren Unterdrückung seit siebzig Jahren eine liberale Unsitte ist, die nicht allein, aber doch in hervorragendem Maße die Köpfe der Spießbürger so verkeilt hat, so dass sie zu keiner energischen Politik heran zu kriegen sind. Ist es dem „Berliner Tageblatt“ ernst mit seiner Empfehlung einer freisinnig-demokratischen Stichwahltaktik, so mag. es zuerst das alte Gerümpel der Hohenzollernlegende aus dem Hause werfen; sonst spannt es die Pferde hinter den Wagen.
Inzwischen läuft die Nachricht von dem Ausfall der Wahl in Gießen-Nidda ein. Die endgültige Entscheidung hängt davon ab, ob die freisinnigen Wähler den antisemitischen oder den sozialdemokratischen Kandidaten unterstützen werden. Das ist eine ganz vortreffliche Probe aufs Exempel; mit der alten freisinnigen Wipppolitik, die Entscheidung den Wählern des Wahlkreises zu überlassen, wird es diesmal nicht getan sein. Denn wie weltenweit die Arbeiter- und die Junkerklasse voneinander getrennt sind, einig sind sie doch in dem Bekenntnis zu dem christlichen Worte: Wer nicht für uns ist, der ist wider uns.
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