Franz Mehring: Aus alten Tagen

[Die Neue Zeit, XXIV. Jahrgang 1905-1906, I. Band, Nr. 26, S. 833-836]

f Berlin, 21. März 1906

Es ist heute nicht ganz leicht, unbefangen über Johann Most zu schreiben, dessen Tod der überseeische Telegraf dieser Tage gemeldet hat. Sein öffentliches Leben bot der Kritik von Anfang an so viele Blößen, und seit bald dreißig Jahren vertrat er eine so sinnlose Politik, dass man immer geneigt sein wird, mit irgend einem wegwerfenden Worte der Charakteristik über ihn zur Tagesordnung zu gehen. Und doch hat der Mann so viele Kniffe und Püffe des Schicksals ausgehalten, ohne je zusammenzubrechen, dass etwas in ihm gesteckt haben muss, was schwer umzubringen war, zum mindesten ein nicht alltägliches Maß von Geist und Kraft.

Was für ihn spricht, ist zunächst die Tatsache, dass er ziemlich den sechsten Teil seines Lebens als „politischer Verbrecher“ hinter Kerkermauern hat zubringen müssen. Nicht nur nicht die deutsche und die österreichische, sondern auch nicht einmal die englische und die amerikanische Pressefreiheit vertrugen seine radikale Sprache. Es soll damit nicht bestritten werden, dass diese Sprache, so wie sie Most in der „Freiheit“ führte, die schärfste Kritik herausforderte, aber das wäre höchstens ein Milderungs- oder Beschönigungsgrund für die englische und die amerikanische Klassenjustiz. Die kannibalischen Strafen, zu denen Most in Österreich und Deutschland verurteilt wurde, waren elende Rechtsbrüche; sowohl die fünfjährige Kerkerhaft, die 1870 in Wien über ihn verhängt wurde, weil er das Eisenacher Programm der sozialdemokratischen Partei unterzeichnet hatte, als auch die anderthalbjährige Gefängnisstrafe, die ihn in Berlin 1874 traf, weil er auch an seinem Teile die dazumal auf Markt und Gassen übliche, von den damaligen Kathedersozialisten aufgebrachte Wendung gebraucht hatte, es werde zur Revolution kommen, wenn sich die herrschenden Klassen nicht zu Reformen entschlössen. Es ist schwer zu sagen, welches dieser Bluturteile schändlicher war; immerhin wurde Most von der österreichischen Strafe bald befreit durch die Amnestie, die Schäffle als kurzlebiger Minister veranlasste, während er die preußische Strafe in Plötzensee vollständig abbüßen und dabei die borussische Brutalität gründlich auskosten musste.

Gleich bei seiner Einlieferung empfing ihn der Direktor des Gefängnisses mit dem liebenswürdigen Komplimente, Leute seines Schlages seien weit gefährlicher als Diebe und Totschläger. Most müsse die Jacke anziehen, die Hauskost essen und das übliche Arbeitspensum leisten, und zwar als gelernter Buchbinder in der Kartonageabteilung. Most beschwerte sich bei der Aufsichtskommission, die jedoch dem Direktor beipflichtete, ihm das Recht der Selbstbeköstigung versagte „im Hinblick auf die Art Ihres Vergehens und Ihrer Vorstrafen“, und so auch das Recht der Beschäftigung nach seinem Belieben. „Die Kommission findet, dass die Ihnen zugewiesene Beschäftigung eine ganz angemessene ist. Sie sind eigentlich Buchbinder und waren nur als Autodidakt publizistisch tätig, und zwar in einer Weise, die Sie fortwährend mit dem Strafgesetz in Konflikt brachte. Es kann somit nur gut sein, wenn Sie durch die Ihnen jetzt auferlegten Arbeiten zu Ihrem ursprünglichen Berufe zurückgeführt werden.“ Ein echtes Pröbchen jener Mischung von Beschränktheit und Hochnäsigkeit, die das eigentümlichste Kennzeichen der preußischen Bürokratie ist.

Most wandte sich darauf an den Reichstag, dessen Mitglied er für den Chemnitzer Wahlkreis war, und es ist charakteristisch für den Wandel der Zeiten, dass damals noch die Führer der bürgerlichen Mehrheitsparteien eine gewisse Empörung über die Misshandlung „politischer Verbrecher“ empfanden; Lasker und Windthorst gemeinsam überwiesen die Petition Mosts der Petitionskommission und traten für sie ein, so dass Most einige Erleichterungen seiner Haft erhielt. Im Übrigen überwies die Kommission die Petition dem Reichskanzler mit der Aufforderung, „schleunigst“ dahin zu wirken, dass „insbesondere im Königreich Preußen“ ein Strafvollzugsgesetz erlassen werde. Dies „schleunigst“ steht heute, nach mehr als dreißig Jahren, noch ganz auf dem alten Flecke, und da gibt es preußische Historiker, die über die Verschleppungsmethoden des weiland Reichstags von Regensburg die Nase rümpfen!

Im Parlamentsalmanach von 1877 sagt Most von den über ihn verfügten Gefängnisstrafen, sie wären nur zu seinem Besten ausgeschlagen; im Gefängnis hätte er studieren können. Dabei lief leider eine Selbsttäuschung unter. Most war ein eifriger und geschickter Agitator, aber wie an den Licht-, so hatte er auch an den Schattenseiten dieses Berufes seinen voll gerüttelten Anteil. Zu einer werdenden Arbeiterpartei gehört ein glückliches Selbstvertrauen, ein siegreiches oder, wenn man will, auch leichtsinniges Hinwegsehen über die ungeheuren Schwierigkeiten, die ihr in naher und ferner Zukunft drohen; es ist eine Periode ihrer Entwicklung, wie sie der einzelne Mensch durchmacht, wenn sich der Knabe zum Jüngling, der Jüngling zum Mann entwickelt. In diesen Jahren der Partei war Most ganz an seinem Platze und gewann einen Einfluss, den man heute kaum begreift, wenn man seine damaligen Schriften, seine Popularisierung des „Kapital“ von Marx, seine Vermöbelung der großen Utopisten, seine Polemik mit Mommsen liest. Auch sein Kampf mit Stoecker war ein grober taktischer Missgriff, der den christlich-sozialen Demagogen nur das Wasser auf die Mühlen trieb. Aber wenn sich der damalige Most – die Anspielung auf seinen Namen ist hier kaum zu umgehen – mehr oder weniger absurd gebärdete, so war nicht das eigentlich sein Ungeschick oder sein Unglück; vielmehr ging er daran politisch unter, dass er sich über dieses Stadium hinaus nicht mit der Partei zu entwickeln vermochte. War seinem ganz auf augenblickliche Tätigkeit gestellten, selbst etwas theatralisch angelegten Wesen jeder nachdenkliche Zug fremd, so erbitterte ihn die polizeiliche und staatsanwaltliche Hetze, deren Gegenstand er ununterbrochen war, in einem Maße, das seinen Blick für das Mögliche und Unmögliche bedenklich trübte.

Es war vielleicht entscheidend für sein künftiges Schicksal, dass er wieder in Plötzensee saß, als das Sozialistengesetz erlassen wurde. Er hat das erste furchtbare Gemetzel, das mit dieser tückischen Waffe angerichtet wurde, nicht mit eigenen Augen gesehen, und so verstand er die allgemeine Betäubung nicht, die er in der Partei vorfand, als er die Mauern des Gefängnisses verließ. Er selbst glühte von der alten Kampflust, und sich in Dinge zu fügen, die sich vorläufig nicht ändern ließen, war niemals seine Sache gewesen. So konnte es an Konflikten nicht fehlen; er ging von Berlin, wo ohnehin wegen des kleinen Belagerungszustandes seines Bleibens nicht sein konnte, nach Hamburg, und als er hier die gleiche Stimmung fand wie in Berlin, siedelte er nach London über. Hier gab er mit Hilfe des Kommunistischen Arbeitervereins die „Freiheit“ heraus, die einen scharfen Kampf gegen die „Taktik“ der deutschen Parteileitung unternahm.

Most bestritt energisch, damit auf eine Spaltung der Partei hinzuzielen; er wollte seine Feder nur in dieselbe Tinte tauchen, mit der einst der „Volksstaat“ und der „Vorwärts“ von Liebknecht geschrieben worden sei. Unzweifelhaft war diese Versicherung auch ehrlich gemeint, und ebenso unzweifelhaft hat die „Freiheit“ in ihren Anfängen dazu beigetragen, die Partei von neuem zu kräftigen und zu sammeln. Die Überzeugung griff nunmehr um sich, dass mit der bloßen Ergebung in das Sozialistengesetz ebenso wenig getan sei, wie mit einem gewaltsamen Widerstande, und indem die Partei ein ausländisches Organ gründete, beschritt sie den Weg, den Most ihr gezeigt hatte. Allein er selbst hatte sich derweil in eine exzentrische Verbissenheit hineingerannt, die ihm die Versöhnung mit der Partei unmöglich machte, auch nachdem sie seine Beschwerden erfüllt hatte, soweit sie irgend berechtigt waren. Da ihm der prinzipielle und theoretische Halt fehlte, so überstürzte er nun seine Agitationsmittel und gelangte zu seinem blinden Drein- und Draufschlagen, von dem ein gebildeter Schüler Proudhons und Bakunins sagte: „das hat keine Ahnung von anarchistischen Ideen“, während es von der Geheimpolizei aller Länder mit hellem Jubel begrüßt und die Redaktion der „Freiheit“ ein Lieblingstummelplatz der verworfensten Lockspitzel wurde.

In der Krise des Kampfes, der Mosts Leben für immer auf die schiefe Bahn drängte, stieß er am heftigsten mit Liebknecht zusammen, dessen achtzigster Geburtstag am 29. dieses Monats wiederkehrt. Most war nicht im Unrecht, als er sich gegen die Rede auflehnte, die Liebknecht am 17. März 1879 im Reichstag gehalten hatte; sie bildete gewissermaßen den Höhe- oder richtiger den Tiefpunkt der rein defensiven Taktik, die unter den ersten, zerschmetternden Schlägen des Sozialistengesetzes eingeschlagen worden war. Aber so sehr Liebknecht der Mann seiner Meinung, so wenig er eine Windsahne war, die sich mit jedem Wechsel des Windes drehte, so stand ihm die Partei über allem, und ihrer Disziplin opferte er nicht zwar seinen Intellekt, aber wohl seinen Willen. Und so ist der vermutlich schwächste Augenblick seines Lebens für ihn der Ausgangspunkt einer glänzenden Tätigkeit geworden, die ihm dauernden Nachruhm sichert, während für Most umgekehrt der vermutlich höchste Augenblick seines Lebens der Ausgangspunkt eines unaufhaltsamen Niederganges geworden ist.

Liebknecht hat oft mit seiner Zeit geirrt, aber er ist stets mit seiner Zeit gewachsen; es ist nur wie ein Zufall, dass der Tod ihn dahingerafft hat; lebte er heute noch, er würde mit unverminderter Frische jeden neu heraussteigenden Tag begrüßen als einen neuen Boten des unaufhaltsam heranstürmenden Sieges. Ihm ist das beneidenswerteste Los gefallen, das einem Sterblichen fallen kann. Dagegen erscheint wie in dunkle Nacht getaucht das Schicksal Mosts, und es bestätigt eine eherne Lehre des Klassenkampfes, dass an dem Tage, wo sich ihre Wege für immer schieden, nicht die größere Klugheit die Palme gewann, sondern die größere Treue.


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