Franz Mehring: Der Lohnkampf in der Konfektionsindustrie

[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, I. Band, Nr. 21, S. 641-644]

f Berlin, 12. Februar 1896.

Die Bemühungen bürgerlicher Kreise um einen gütlichen Ausgleich des Kampfes, der zwischen Kapital und Arbeit in der Konfektionsindustrie ausgebrochen ist, haben bisher keinen Erfolg gehabt. Sie sind an dem Widerstande der großen Kapitalisten gescheitert, welche auf die Forderungen der Arbeiter nicht eingehen wollen und natürlich behaupten, nicht eingehen zu können. Etwa kleine und. ganz unzulängliche Erhöhungen der Löhne zuzugestehen, sind sie teilweise bereit, aber sowohl die Beseitigung des Schwitzsystems als auch die Einrichtung von Betriebswerkstätten erklären sie für unausführbar. So ist denn die Einstellung der Arbeit beschlossen worden.

Inzwischen ist damit die Sympathie der bürgerlichen Gesellschaft für die gemisshandelten Arbeiter nicht erloschen. Der Reichstag hat seine heutige Sitzung der brennenden Frage gewidmet, und die Redner der Regierung wie der bürgerlichen Parteien haben mit einer einzigen Ausnahme dem Proletariat der Konfektionsindustrie gesetzliche und moralische Hilfe zugesichert. Diese eine Ausnahme bestand aus den drei Gruppen der freisinnigen Linken, von denen die eine, die freisinnige Vereinigung, durch den Mund des Herrn Rickert das Elend der Konfektionsarbeiter zu beschönigen versuchte, während die anderen beiden, die freisinnige und die süddeutsche Volkspartei, sich in vielsagendes Schweigen hüllten. Über Herrn Rickert wollen wir weiter kein Wort verlieren, nachdem er vom Tische der Regierung für seine Schönfärbereien einen Denkzettel erhalten hat, der für einen so bewährten „Volksmann“ doch eigentlich recht beschämend war; wollten wir ihn nun auch noch tadeln, so würden wir damit nur einen neuen Beweis für das intime Bündnis zwischen Kommunismus und Reaktion liefern, aus dem nach der glaubwürdigen Behauptung der freisinnigen Legende alles Elend des Proletariats und alles Malheur der liberalen „Volksmänner“ entsprossen ist.

Dagegen ist das Schweigen der beiden bürgerlichen „Volksparteien“ bemerkenswert genug, um ein Wort der Beleuchtung zu verdienen. Es gibt einen Standpunkt, von dem aus es gewissermaßen in einem günstigen Licht erscheinen könnte. Man könnte etwa sagen: was die antisemitischen, konservativen, nationalliberalen und ultramontanen Redner vorbrachten, war alles in allem doch auch nur das übliche Augenverblenden; war es da nicht ehrlicher und klüger, dass die „Volksparteien“ lieber ganz den Mund hielten, statt sich einem erschütternden Jammer gegenüber noch mit dem Makel der Heuchelei zu beflecken? Jedoch wie richtig dieser Einwand nach der einen Seite hin sein mag, so unrichtig ist er nach der anderen Seite hin. Im Fache der politischen Heuchelei konkurrieren die „Volksparteien“ sonst sehr bereitwillig mit jeder anderen bürgerlichen Partei, und nicht ohne schöne Erfolge; was ihnen heute den Mund schloss, war nicht der verzweifelte Trotz, dem es nicht gut genug ist, eine schlechte Sache erst zu beschönigen, sondern die bange Sorge, dass in diesem Falle die politische Heuchelei die Interessen des ausbeuterischen Kapitals schädigen könnte, die vor jedem schädigenden Luftzuge zu wahren das A und O ihrer „Volksfreundschaft“ ist. Wie einst die Großen Männer Bismarck und Eugen Richter, wenn auch sonst in vielen Dingen uneinig, so doch stets ein Herz und eine Seele waren in dem verbohrten Widerstande gegen jede Arbeiterschutzgesetzgebung, so teilen sich jetzt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ und die „Freisinnige Zeitung“ in den Ruhm, die Lohnbewegung des Proletariats in der Konfektionsindustrie als eine sozialdemokratische Machenschaft zu verdächtigen.

Dieses Maß der Verlogenheit ist der bürgerlichen Presse sonst fremd, wenigstens soweit sie noch einen Anspruch auf politische Bedeutung erhebt. Und auch die Redner der bürgerlichen Parteien haben sich in der heutigen Sitzung des Reichstags davon ferngehalten. Was sich aber wie ein roter Faden durch ihre Reden zog, das war bei aller Anerkennung der furchtbaren Missstände, unter denen das Proletariat der Konfektionsindustrie leidet, erstens eine mehr oder weniger heftige Polemik gegen die Sozialdemokratie und zweitens eine mehr oder weniger offene Verurteilung des Streiks, den die Arbeiter und Arbeiterinnen jener Industrie aufgenommen haben. Beides hing innerlich zusammen, aber das eine hatte so wenig einen Grund wie das andere. Es sollte den Herren doch sehr schwer werden, in der sozialdemokratischen Presse irgendein Wort oder auch nur irgendeinen Hintergedanken aufzuspüren, der den Bemühungen der bürgerlichen Gesellschaft um einen friedlichen Ausgleich des ausgebrochenen Streits ein Steinchen in den Weg zu rollen bestimmt gewesen wäre. Die sozialdemokratische Presse hat sich in dieser Beziehung nicht nur eine strenge Zurückhaltung auferlegt, nicht nur auf die sei es noch so naheliegende Kritik der bürgerlichen Bemühungen verzichtet, sondern ihnen auch durchaus aufrichtig den besten Erfolg gewünscht. Kann die bürgerliche Gesellschaft aus eigener Kraft die Leiden des modernen Proletariats mildern, wohlan denn: so mag sie es tun; wenn sie auf diesem Rhodus zu tanzen versteht, so wird die Sozialdemokratie ihr Beifall klatschen. Deshalb waren die Anzapfungen, welche die Sozialdemokratie in der heutigen Verhandlung des Reichstags von bürgerlicher Seite zu befahren hatte, sehr am unrechten Orte: sie erweckten höchstens den Verdacht, dass diese tapferen Sozialreformer selbst keinen Glauben an ihre Sache hätten und sich bemühten, rechtzeitig die Sozialdemokratie als Sündenbock zu rüsten, auf den sie ihr bevorstehendes Fiasko abladen könnten.

Ebenso schlecht steht es um die Verurteilung des Streiks, in der sich namentlich die konservativen und die nationalliberalen Redner gefielen. Über die gräulichen Zustände in der Konfektionsindustrie liegt seit neun Jahren eine amtliche Untersuchung vor, die nicht entfernt erschöpfend ist, aber doch genug Material enthält, um die Tatenlust der konservativen und nationalliberalen Sozialreformer auf die Beine zu bringen, selbst wenn diese Tatenlust nur ein Hundertstel so rege wäre, wie die Herren selbst mit duftendem Selbstlobe zu behaupten pflegen. Sie haben aber dies Material nicht nur in aller Gemütsruhe verstauben lassen, sondern sogar bei den seitdem vorgenommenen sogenannten „Reformen“ der Gewerbeordnung eine Reihe von Beschlüssen gefasst, die den Ergebnissen jener amtlichen Untersuchung ins Gesicht schlugen. Erst der drohende und nunmehr auch ausgebrochene Streik hat diese berühmten „Sozialreformer“ mit neuer Erkenntnis gesegnet, und es zeugt wenig von christlicher Dankbarkeit, dass sie das Licht, das ihnen auf dem Wege zum Damaskus des Kapitalismus erschien, so unchristlich schmähen, was sich besonders der Duellpastor Schall ins Stammbuch schreiben mag. Aber auch der nationalliberale Redner quälte sich vergebens ab, zu beweisen, dass seine Interpellation und der Streik in der Konfektionsindustrie durchaus in keinem Zusammenhange stände, dass der Himmel weiß welche göttliche Fügung ihn zufällig in dem Augenblicke, two dieser Lohnkampf ans Tageslicht trat, auf die von ihm und Seinesgleichen seit neun Jahren vergessene Enquete über die Zustände in der Konfektionsindustrie zurück greifen ließ, Das glaubt ihm kein Mensch, aus dem einfachen Grunde nicht, weil jeder, der es glaubte, sich zum kompletten Narren machen würde.

Ehrlicher waren in dieser und in mancher anderen Beziehung die Vertreter der Regierung. Amt gibt Verstand, und die Herren v. Bötticher und v. Berlepsch zeigten durch ihre Ausführungen, dass sie die historische Bedeutung des entbrannten Lohnkampfes zu würdigen verstehen. Mit ihren Versuchen, sich um die Versäumnisse der Bürokratie herumzureden, waren sie gewiss nicht glücklich, aber sie erkannten den Streik als berechtigt an und übten einen starken moralischen Druck auf die Kapitalisten der Konfektionsindustrie aus, um sie zur Nachgiebigkeit gegen die Forderungen der Arbeiter zu bewegen. Sie sprachen mit einer Deutlichkeit, welche die deutsche Bürokratie sonst nicht gegen die deutsche Bourgeoisie zu entfalten pflegt, und Herrn v. Puttkamer, der vor zehn Jahren an derselben Stelle hinter jedem Streik die Hydra der sozialen Revolution lauern sah, mag wohl bis in die Spitzen seiner langen Bart-Koteletten hinein ein Schauer überrieseln, wenn er diese ketzerischen Reden liest. Es wäre töricht, daraus zu folgern, dass die Herren v. Bötticher und v. Berlepsch aus Saulussen zu Paulussen geworden seien, und große Hoffnungen auf die „emsige Tätigkeit“, auf die „bessernde Hand“ zu setzen, welche sie an die „schreienden Missstände“ zu legen versprachen; schon der Widerstand des Herrn v. Berlepsch gegen die Einsetzung weiblicher Fabrikinspektoren bewies zur Genüge, dass sie keineswegs aus ihrer bürokratischen Haut geschlüpft sind. Aber die Tatsache, dass sie mit einer für bürokratische Seelen ungewöhnlichen Energie der Bourgeoisie zuriefen: Hört endlich auf, mit dem Feuer zu spielen, und schafft wenigstens die scheußlichsten Auswüchse eurer Klassenherrschaft aus der Welt, diese Tatsache zeigt, dass die Regierung als verantwortlicher Ausschuss, der die Geschäfte der Bourgeoisklasse zu verwalten hat, das Feuer auf ihren Nägeln spürt, dass die deutsche Arbeiterbewegung seit zehn Jahren gewaltige Fortschritte gemacht hat, dass sie durch die Bretter zu leuchten beginnt, mit denen die Welt der Bürokratie vernagelt ist.

Insofern erklärt sich auch die scheinbar widerspruchsvolle Tatsache, dass gerade die nationalliberale Fraktion, die politische Verkörperung der großen Bourgeoisie, zuerst unter den bürgerlichen Parteien sich durch den Lohnkampf in der Konfektionsindustrie hat aufrütteln lassen. Die Zustände in dieser Industrie bieten, wie Schoenlank schon einmal vor Jahren in der „Neuen Zeit“ ausgeführt hat, eine wahre Musterkarte der verschiedensten Produktionsweisen, die im Gange der ökonomischen Entwicklung eine die andere abgelöst haben: Hausindustrie, Handwerk, Kaufmannskapital, Schwitzsystem, Verleger und Fabrikant, Mittelbetrieb und Großunternehmer, Exporthäuser, die für den Weltmarkt produzieren, Firmen, die den lokalen und provinziellen Bedarf decken, Zwerggeschäfte, die auf Bestellung arbeiten, Handarbeit und Maschine, Tätigkeit im Fabriksaal und in der Werkstätte, im Keller und in der Dachkammer – alles das findet sich auf diesem umfangreichen Ausbeutungsfelde namentlich der weiblichen Arbeitskraft, Das Proletariat dieser Industrie leidet unter den Übelständen aller möglichen Produktionsweisen, ohne auch nur von einer die mildernden Umstände zu genießen. Die Tendenz der Anträge, welche die nationalliberale Fraktion im Reichstage eingebracht hat, zielt nun darauf ab, die Arbeiter und Arbeiterinnen der Konfektionsindustrie von dem ärgsten Druck veralteter Produktionsweisen zu befreien, sie auf die Stufe zu heben, welche heute das Proletariat der großen Fabrikindustrie einnimmt. Diese Industrie, die mehr und mehr das Heft in die Hand bekommt, mag nicht das Risiko übernehmen für die blutsaugerischen Prellereien und Wütereien, womit das Kapital der Konfektionsindustrie noch arbeitet; indem es diesem Kapital vertraulich zublinzelt: es geht auch so, legt es mit sittlicher Entrüstung das Messer an dessen überlebte Plünderungspraktiken.

Wohl möglich deshalb, dass Bourgeoisie und Bürokratie diesmal den guten Willen haben, dem Proletariat der Konfektionsindustrie bis zu einen gewissen Grade zu helfen, und gewiss, dass die Sozialdemokratie nicht den entferntesten Anlass hat, diesen historisch notwendigen und in seiner Art auch heilsamen Prozess zu hindern, ihn auch nur mit scheelen Augen anzusehen. Dazu würde sie erst dann einen Anlass haben, wenn Arbeiter und Arbeiterinnen der Konfektionsindustrie sich darüber täuschen ließen, wodurch sie sich so urplötzlich die Sympathien der bürgerlichen Gesellschaft erworben haben, derselben Gesellschaft, die sich bisher um ihre endlosen Leiden nicht im Entferntesten gekümmert hat, auch dann nicht gekümmert hat, als sie durch eine amtliche Untersuchung darüber unterrichtet worden war. Eine solche Täuschung ist aber ganz ausgeschlossen. Die herrlichsten Blüten antisemitischer und ultramontaner, konservativer und liberaler Beredsamkeit ändern nichts an der Tatsache, dass jene bürgerliche Sympathie erst erwachte, als das Proletariat der Konfektionsindustrie kategorisch erklärte, nun sei es genug der Qual und es wolle sich selbst helfen. Und es wird sich umso weniger von der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges beirren lassen, als die bloße Proklamierung des Streiks schon genügt hat, um die Bourgeoisie und die Bürokratie zur moralischen Kapitulation zu zwingen.

Es ist vollkommen richtig, dass die organisierten Machtmittel in dem entbrannten Lohnkampfe sehr ungleich verteilt sind, und die bürgerlichen Redner des Reichstags gefielen sich heute in düsteren Prophezeiungen über den für die Arbeiter unzweifelhaft ungünstigen Ausgang des Streiks. Braucht es vieler Worte, um zu zeigen, dass dabei der Wunsch der Vater des Gedankens war? Das bürgerliche Wohlwollen für die Arbeiter der Konfektionsindustrie gipfelt ja gerade in dem herzlichen Verlangen, dass diese Arbeiter für ihre Dreistigkeit, ihr Schicksal in ihre eigene Hand nehmen zu wollen, mit zerschlagenen Köpfen heimgeschickt werden. Einstweilen brauchen sich aber die Unheilspropheten nicht aufzuregen. Besser noch als Bourgeoisie und Bürokratie hat die klassenbewusste Arbeiterschaft die Bedeutung dieses Lohnkampfes begriffen, und sie steht Schulter an Schulter hinter den Streikenden Gelänge es trotzdem der brutalen Übermacht des Kapitals, der in diesem Falle ja die bürgerliche Klasse selbst alle ideologischen Federn und Federchen ausgerupft hat, die „Ärmsten der Armen“ niederzuschlagen, nun, so wäre es eine jener Niederlagen, aus der der Besiegte eine zehnfach stärkere Kraft schöpft als der Sieger.


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