[Die Neue Zeit, XIX. Jahrgang 1900-1901, I. Band, Nr. 18, S. 577-580]
f Berlin, 6. Februar 1901
Die Bemerkungen, die wir vor acht Tagen an dieser Stelle über die Junker und die Getreidezölle machten, haben die „Konservative Korrespondenz“ in einen Zustand gelinder Raserei versetzt. Sie spricht von „argem Schwindel“ und „unglaublich kühner Lüge“, um mit der Behauptung zu schließen, dass die Sozialdemokratie den Kampf gegen die Getreidezölle führe, weil sie an dem Beginn der Expropriation verzweifle, solange das Junkertum nicht wenigstens einmal zum Teufel gegangen sei. Deshalb wollten wir die Landwirtschaft in den Bankrott drängen, nämlich nach der glaubwürdigen Versicherung der „Konservativen Korrespondenz“.
Es ist sehr nett von ihr, der Sozialdemokratie eine so hoch- und weitgreifende Politik zuzutrauen, aber wir möchten ihr darauf mit Lessing erwidern: „Ein Bund Stroh aufzuheben, muss man keine Maschine in Bewegung setzen; was ich mit dem Fuße umstoßen kann, muss ich nicht mit einer Mine sprengen wollen; ich muss keinen Scheiterhaufen anstecken, um eine Mücke zu verbrennen,“ Die „Konservative Korrespondenz“ hat eigentümliche Begriffe von der ökonomischen Struktur der kapitalistischen Gesellschaft, wenn sie sich einbildet, mit dem Aushungern der Junker lasse sich diese Gesellschaft stürzen. Ganz im Gegenteil, dann würde sie erst in ihre Glanzperiode treten. Darüber täuscht sich kein sozialdemokratischer Arbeiter in Deutschland, und wenn gleichwohl alle deutschen Arbeiter die Getreidezölle rücksichtslos bekämpfen, so aus dem vollkommen erschöpfenden Grunde, dass sie keine Neigung haben, ihren Hungerriemen noch enger zu schnüren, bloß damit eine ausbeuterische Klasse, die seit Jahrhunderten wie ein Alb auf allen Kulturinteressen der deutschen Nation gelastet hat, künstlich am Leben erhalten werde.
Gewiss verfügen die Junker noch über eine sehr große politische Macht. Das bestreiten wir durchaus nicht; ja, es ist an dieser Stelle sehr oft mit allem Nachdruck hervorgehoben worden, gegenüber der liberalen Vogel-Strauß-Politik, die sich in der holden Illusion zu berauschen pflegt, dass ohne den Schuss der Regierung das Junkertum eine politische Null sei. Vielmehr haben die Junker noch wesentlich das Heer und die Verwaltung in ihrer Hand, und das besagt sehr viel. Allein ihren ökonomischen Bankrott vermögen sie damit nicht aufzuhalten, und auf die Dauer entscheidet die ökonomische Macht. Die Junkerherrschaft mag noch immer ein Koloss sein, aber sie ist ein Koloss mit tönernen Füßen. Sie ist schon mehrmals durch einen entscheidenden und raschen Stoß zusammengebrochen, so auf dem Schlachtfeld von Jena, so auch, als nach dem 18, März 1848 die Bauern mit drohenden Fäusten auf die Höfe der Junker rückten. In beiden Fällen klappte die wackere Rasse wie ein Taschenmesser zusammen, woraus allein schon die unendliche Komik der Vorstellung erhellt, als stände sie, ein rettender Engel mit dem Flammenschwert, vor der kapitalistischen Produktionsweise Eigentlich hätten wir annehmen dürfen, dass unsere Bemerkungen über die Getreidezölle und die Junker eher den Beifall der „Konservativen Korrespondenz“ finden würden, als ihr Missfallen. Sie richtete sich ja in erster Reihe gegen die liberale Schwachherzigkeit, die den Junkern zumutet, ohne Sang und Klang abzudanken. Weit entfernt, mit den Liberalen zu sagen, dass die Junker nach Getreidezöllen schrien, weil sie in Sekt schwimmen wollten, sagten wir vielmehr, dass es sich für sie in der Tat um eine Lebensfrage handle. Unseres Erachtens ist es die denkbar törichteste Politik, sich selbst zu täuschen über das, was die eigentliche Stärke des Gegners ausmacht. Aber freilich, unter dieser Voraussetzung erklärt sich, dass die „Konservative Korrespondenz“ sich so sehr über unsere bescheidenen Bemerkungen ärgert. Es ist ihr lieber, dass die Gegner des Junkertums sich in beliebigen Selbsttäuschungen ergehen, und der Katze die Schelle nicht anhängen mögen, selbst wenn die Katze dabei im Licht eines argen Leckermäuschens erscheint, als wenn ihre Beschwerden, soweit sie berechtigt sind, anerkannt werden und daraus nur die richtige Schlussfolgerung gezogen wird. Mit der halben Art, wie sie von den Liberalen bekämpft werden, haben die Junker viel zu gute Geschäfte gemacht, als dass es ihnen nicht unbequem sein sollte, wenn mit ihnen einmal Fraktur gesprochen, wenn ihnen in aller Deutlichkeit gesagt wird: wohl, ihr mögt Recht haben, dass ihr als Klasse auf dem letzten Loche pfeift, aber die Arbeiter sind nicht dazu da, sich ihre Haut in Riemen schneiden zu lassen, auf dass ihr euer jahrhundertelanges Ausbeutungs- und Unterdrückungsspiel noch auf einige Jahrzehnte weiter spielt.
Begreiflich genug, dass die Junker sich lieber noch als frivole Sektschlemmer verspotten lassen, ehe sie diese Sprache hören mögen. Ein ungerechter Vorwurf ist ihnen erträglicher, als die Kraft der Wahrheit, die mitten durch ihren Hokuspokus führt. Deshalb zetert die „Konservative Korrespondenz“ so heiter über „argen Schwindel“ und „unglaublich kühne Lüge“, deshalb behauptet sie mit der edelsten Dreistigkeit, dass die Junker „von jeher für Schutz der wirtschaftlich Schwachen eingetreten“ seien und „dabei stets am schärfsten gegen die radikale Linke zu kämpfen gehabt“ hätten. Meint die „Konservative Korrespondenz“ damit das Bauernlegen und das Bauernschinden, das die ostelbischen Junker ein halbes Jahrtausend lang bis zum Jahre 1848 betrieben haben, bis die drohenden Fäuste der Bauern ihnen das infame Gewerbe wenigstens einigermaßen verleideten? Nie hat eine unterdrückende Klasse so gemein, so habgierig, so ruppig einer unterdrückten Klasse Blut und Mark ausgesogen, nie hat die ausbeutende Klassenselbstsucht raffiniertere Orgien gefeiert. Indessen vielleicht plädiert die „Konservative Korrespondenz“ für dies halbe Jahrtausend beispielloser Untaten mildernde Umstände, da es schon gar so lange her sei. Neuerdings soll sich nach ihrer Meinung der „Konservatismus“ dadurch hervorgetan haben, dass er immer auf dem Damme gewesen ist, diejenigen Klassen, die durch die kapitalistische Produktionsweise abgetan worden sind, am Leben zu erhalten. Das ist nun gewiss eine überraschende Neuigkeit. Wann und wo hätten die Junker etwa für das untergehende Handwerk die Attentate auf den allgemeinen Beutel gemacht, die sie für sich selbst durch die Getreidezölle, Liebesgaben und so weiter machen? Soweit wir die deutsche Geschichte kennen, hat vielmehr das Junkertum die vorübergehenden Linderungsmittel, die das Handwerk auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft finden kann oder doch zeitweise finden konnte, den Handwerkern zu verleiden gesucht; sein einziges „Verdienst“ um das Handwert bestand in dummem Gerede über die Herrlichkeit der Zunft und nicht klugen Anläufen, die Zunft wiederherzustellen. Was darüber zu sagen ist, hat schon vor einigen Jahrzehnten der konservative Sozialpolitiker Huber gesagt, indem er schrieb: „Es sind die bekannten, auch in Mund und Feder sehr viel anspruchsvollerer und gewichtigerer Vertreter vermeintlich konservativer Interessen und Lehren hergebrachten, großenteils aller historischen Begründung ermangelnden Phrasen über die vermeintlichen guten alten Zeiten, die Herrlichkeit des Handwerks usw., – derselbe gänzliche Mangel an Verständnis für die Verschiedenheit der Umstände und Verhältnisse der Gegenwart: und der Vergangenheit, wodurch Einrichtungen, die damals wenigstens relativ ersprießlich, deren Nutzen größer als ihre Nachteile sein konnten, in unseren Tagen entweder überwiegend nachteilig – auch für das Handwerk selbst oder doch für andere und wichtigere Interessen – oder geradezu unmöglich sind. Es ist dieselbe Befangenheit und Einseitigkeit, derselbe Mangel an Verständnis oder auch nur an Kenntnis der Lebenserscheinungen und Lebensbedingungen in weiteren Kreisen der Gegenwart, die sich von Seiten der höheren Kreisen angehörenden, vermeintlichen Gönner des Handwerks als hohe konservative Sozialpolitik geltend machen will.“ So Huber über die Rettung des Handwerks durch das Junkertum. Wenn aber die „Konservative Korrespondenz“ auf diese soziale Tat so hohen Wert legt, so wundert uns nur, dass sie nicht abermals den gleichen Weg beschreitet und wie für das Handwerk die Wiederherstellung der Zunft, so für das Junkertum die Wiederherstellung der Leibeigenschaft verlangt. Sollte sie die Fahne dieser Agitation aufpflanzen, so könnte es uns schon recht sein.
Am wenigsten würden die Junker dabei durch die Fürsorge für die ländlichen Arbeiter behindert sein, denn wie es damit steht, schildert wieder Huber treffend mit folgenden Worten: „Soweit die Zustände der „Leute“, zumal der Tagelöhner – deren Arbeit nächst dem Besitz des Grund und Bodens die unerlässliche Bedingung und Grundlage der ganzen aristokratischen oder sonst sozialen Stellung dieser Kreise ist –- überhaupt irgend Gegenstand des Nachdenkens oder Gefühls sind, erscheinen sie als ganz leidlich und normal, wenn sie nur kein Zeichen schreiendsten materiellen Elends oder gröbster sittlicher Verwilderung aufweisen. Im Allgemeinen aber wird auch nicht einmal dieser Maßstab mit Bewusstsein angelegt, sondern man nimmt die Sachen ohne alles bewusste Urteil wie sie sind, als wenn sie eben so sein müssten und nicht anders zu sein brauchten. Der Nachteile, die solche Zustände der Arbeiter für die Arbeitgeber haben müssen, sucht man im Einzelnen und eben ohne auf die Ursachen zurückzugehen, so gut es gehen will sich zu erwehren, was dann freilich nicht viel sagen will. Kann man aber einmal nicht umhin, zuzugeben, dass die Leute schlimm daran sind, so tröstet oder entschuldigt man sich – seltsam genug! – damit, dass sie eben auch nichts taugen. Geht man wohl gar einen Schritt weiter, so überzeugt man sich leicht, dass die Inspektoren, die Statthalter usw. auch gar zu roh und oft. liederlich usw. sind. An die Verantwortlichkeit und den Beruf der Herrschaft den Leuten gegenüber wird in hundert Fällen sicher kaum einmal gedacht. Dann aber steht man erst recht so ratlos dem Unwesen gegenüber, dass man so schnell wie möglich seine Zuflucht wieder, wie der bekannte Vogel, zu der alten. konservativen Gedankenlosigkeit nimmt – so gut es denn gehen mag. Höchstens, dass „man mit der spärlichen Routine einer meist schlecht genug beratenen Wohltätigkeit, besten Falles in Verbindung mit der Routine christlicher Erbauung, Ermahnung und Tröstung, den schlimmsten Patienten dieses sozialen Aussatzes vorübergehende Erleichterung zu bringen sucht.“ Man kann die ländlichen Zustände in Ostelbien nicht treffender schildern, als Huber sie in diesen Zeilen schildert; so sind sie seit Jahrzehnten gewesen und so sind sie heute noch.
Wo bleiben dann aber die Klassen der „wirtschaftlich Schwachen“, die der „Konservatismus“ von jeher „geschützt“ hat, wobei er stets am schärfsten gegen die radikale Linke gekämpft haben will? Offenbar meint die „Konservative Korrespondenz“ den „Schutz“ des Sozialistengesetzes, den ihre Patrone über die industrielle Arbeiterklasse verhingen [verhängten], wobei sie ja allerdings mit der Sozialdemokratie „stets“ zu kämpfen gehabt haben, und das Organ der konservativen Partei ist der „unglaublich kühnen“ Ansicht, dass sich die industriellen Arbeiter zum Dank für diesen „Schutz“ vom Junkertum fressen lassen sollen, wie Schafe vom Wolfe. Glücklicherweise sind die deutschen Arbeiter aber keine Schafe, sondern Menschen, die sich gutwillig von keinem Wolfe fressen, sondern jeden Wolf lieber verhungern lassen, ehe sie mit ihren Leibern seinen wölfischen Appetit befriedigen.
An diese hausbackene Logik wird sich die „Konservative Korrespondenz“ schon gewöhnen müssen; wir sind die Toren nicht, den hereinbrechenden Wolf mit der wohlwollenden Versicherung hinauszukomplimentieren, er sei ja eigentlich ein gutes, liebes Tier und werde sich schon, wenn man ihn nur recht bitte, ans Grasfressen gewöhnen.
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