August Bebel: Deutschland

[Nr. 1107, Korrespondenz, Arbeiter-Zeitung. Organ der Österreichischen Sozialdemokratie, II. Jahrgang, Nr. 12, 21. März 1890, S. 3 f.]

Berlin, 18. März. Aus dem Gewirr von widersprechenden Nachrichten, das über die Ansichten und Absichten in den maßgebenden Kreisen besteht, treten zwei mit so positiver Sicherheit hervor, dass an ihrer Richtigkeit nicht mehr zu zweifeln ist. Die eine Nachricht besagt: Das Sozialistengesetz fällt, und zwar zunächst ohne dass an einen Ersatz irgend einer Art gedacht wird; und die zweite Nachricht lautet dahin: Bismarck geht.

Beide Nachrichten stehen in enger Beziehung zu einander. Wie schon im ersten Briefe angedeutet, glaubt der Kaiser ohne Ausnahmegesetz mit der Sozialdemokratie fertig werden zu können. Er soll sogar glauben, einen Teil unserer Anhänger durch seine Arbeiterschutzbestrebungen zu sich herüber ziehen zu können, worin er sich natürlich gründlich irrt. Bismarck hingegen sei zwar, so heißt es weiter, mit den sozialreformerischen Zielen des Kaisers einverstanden, wolle aber noch immer gegen unsere Partei mit Ausnahmemaßregeln vorgehen.

Dass Bismarck diese letztere Auffassung, allen schlimmen Erfahrungen zum Trotz, heute noch hat, ist zweifellos, denn er ist all sein Leben lang eine so gewalttätige Junkernatur gewesen, dass er diese in seinem Alter nicht mehr verliert. Zu den Gewaltkuren hat er sich stets bekannt und ist alt dabei geworden, und unfähig sich in neue Zeiten und neue Anforderungen zu finden, glaubt er heute mehr als je an die Wirkung gewaltsamer Unterdrückung.

Dass er dagegen, wie auch behauptet wird, mit den übrigen sozialen Reformplänen des Kaisers einverstanden sei, ist nicht richtig. Er war stets der.grimmigste Gegner einer Arbeiterschutzgesetzgebung und die Haupttriebfeder, dass alle Beschlüsse des Reichstages auf diesem Gebiete, wie schwächlich sie auch waren, keine Berücksichtigung fanden.

Also auch hier kann von einer Übereinstimmung zwischen Kanzler und Kaiser keine Rede sein. Das sind aber nicht die alleinigen Differenzpunkte die zwischen den beiden hohen Herren bestehen. Der Kanzler hat sich so daran gewöhnt, dass er die eigentliche maßgebende Person im Reiche ist und alles sich nach seinen Ansichten und Wünschen richte, dass es ihm höchst sonderbar und unerträglich vorkommen muss, dass das nicht mehr sein soll, weil der Kaiser Kaiser sein und allein maßgebend sein will.

Zwei Charaktere von so ausgeprägter Individualität wie Kaiser und Kanzler, die können auf die Dauer nicht neben- und miteinander gehen, auch wenn der Unterschied der Jahre und die schon daraus hervorgehende Verschiedenheit der Auffassung in nahezu allen Fragen nicht so groß wäre als sie ist.

Dass der Fall Bismarcks und der Fall des Sozialistengesetzes zeitlich zusammentreffen und in engster Wechselbeziehung zu einander stehen, ist ein ganz besonderer Triumph für unsere Partei. Ihr grimmigster Gegner und ihr gewalttätigster Verfolger muss in demselben Augenblick das Feld räumen, wo die Partei die größten Erfolge erlangte und sie mit einem Schlage zur stärksten Partei in Deutschland wurde. Denn auch dies ist noch nachträglich festgestellt worden, dass die Partei bei den Wahlen des 20. Februar rund 80.000 Stimmen mehr erhielt, als man ihr Anfangs zugezählt hatte, so dass sie nunmehr mit 1.427.000 Stimmen an der Spitze der Parteien steht.

Fällt, wie angenommen, das Sozialistengesetz am 30. September dieses Jahres, so steht auch kein Hindernis mehr der Abhaltung eines allgemeinen Parteitags in Deutschland im Wege, den abzuhalten auch wahrscheinlich mit dem Sozialistengesetz versucht worden wäre. Alsdann wird auch eine vollständige Neuorganisation der Partei, entsprechend den veränderten Verhältnissen, notwendig.

Der Besuch dieses seit 1877 wieder zum ersten Male abzuhaltenden Parteitags in Deutschland dürfte ein solcher werden, wie noch keiner da war.–

Mit dem kommenden Frühjahr und dem lebhafteren Beginn der Tätigkeit in einer Reihe von Geschäften, namentlich den Baugeschäften, regt es sich auch von Neuem in den verschiedensten Arbeiterbranchen, um bessere Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erhalten. Vor allen Dingen brodelt’s fortgesetzt in den Bergarbeiterkreisen. Im Saargebiet hielten letzten Sonntag an 13.000 Bergleute drei Versammlungen ab und forderten achtstündige Schicht, auskömmliche Löhne, Wiederanstellung der gemaßregelten Bergleute, Schiedsgerichte, Normalgedinge. Um sich als loyale Staatsbürger auszuspielen, unterließen sie nicht ein Danktelegramm an den Kaiser zu senden für das Entgegenkommen, das er den Bergleuten bewiesen habe. Die Forderungen sollen auf dem Petitionswege dem preußischen Landtage zugehen, da die Bergwerke im Saargebiet nahezu sämtlich fiskalisch sind.

Die liberale Presse ist der Meinung, dass die Forderungen der sozialen Bergleute im Saargebiet sich in nichts von jenen der roten im Dortmunder Revier unterschieden und sie hat recht. Die Sache ist, dass dort im Saargebiet die ultramontanen Kapläne alles aufbieten, damit die sozialdemokratischen Wölfe ihnen nicht unter die Herde geraten, und um dieses zu verhüten, dürfen sie an Radikalismus hinter den Bergleuten des Dortmunder-Essener Reviers nicht zurückbleiben. Das ist die Erklärung der auffallenden Tatsache, dass im Saargebiet die Bewegung an Lebhaftigkeit hinter der keines anderen Reviers zurücksteht.

Die Sozialdemokratie kann sich diese Konkurrenz der schwarzen Agitatoren schon gefallen lassen.

Der internationale Bergarbeiterkongress, welcher Mitte April in Zolimont (Belgien) stattfinden soll, wird seitens der deutschen Bergarbeiter zahlreich beschickt werden.

Nachschrift: Unmittelbar vor Abgang dieses Briefes trifft die Nachricht ein, dass das Entlassungsgesuch Bismarcks angenommen wurde. Diese Tatsache wird zunächst in zwei Lagern einen deprimierenden Eindruck machen. Einmal bei den Agrariern, die für ihre Raubpolitik an ihm den entschiedensten Vertreter fanden, und dann bei unserer Bourgeoisie, welche den sozialreformerischen Experimenten des Kaisers mit großem Misstrauen und lebhafter Beunruhigung entgegensieht und in Bismarck ein Gegengewicht gegen dieselben erblickte. Für uns ist es unter allen Umständen ein Vorteil, dass die alten Zustände ins Wanken kommen.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert