[eigene Übersetzung des englischen Textes in Socialism Today, Nr. 160, Juli 2011]
Ha-Joon Chang entlarvt den heutigen Raubtierkapitalismus, der vom Finanzsektor beherrscht und von kurzfristiger Profitmaximierung angetrieben wird. Er liefert eine vernichtende Kritik an der Ideologie der Wirtschaft des „freien Marktes“. Doch während er auf die grundlegenden Widersprüche des Systems hinweist, schreckt Chang vor einer echten Alternative zurück. Lynn Walsh rezensiert 23 Dinge, die man uns über den Kapitalismus nicht erzählt.
23 Dinge, die man uns über den Kapitalismus nicht erzählt
Von Ha-Joon Chang
Erschienen bei Allen Lane, 2010, £20
[deutsch München 2024 [!], die Zitate hier sind nicht mit der deutschen Veröffentlichung abgeglichen]
Seit 1980 wird in Großbritannien, den USA und anderen großen kapitalistischen Wirtschaften eine Politik des ultra-freien Marktes (oder Neoliberalismus) umgesetzt, die sich auf das anglo-amerikanische Modell stützt. In jüngerer Zeit haben andere Länder wie Deutschland, Schweden etc. den selben Weg eingeschlagen. Die Grundbestandteile der neoliberalen Politik sind klar: die Deregulierung der Märkte, besonders des Finanzsektors. Abbau des Staates durch Privatisierung von Staatsunternehmen und des öffentlichen Sektors. Massive Steuervergünstigungen für Großkonzerne und die Superreichen. Ein Angriff auf die organisierte Arbeiter*innenbewegung und die Rechte der Gewerkschaften. Die Rechtfertigung für diese Maßnahmen ist, dass sie zu einer effizienteren Ressourcennutzung, zu höheren Wachstumsraten und letztlich zu mehr Wohlstand für alle führen würden. Die Realität ist, wie Chang zeigt, völlig anders.
Der Haupterfolg des Neoliberalismus war die Steigerung der Profite und des Einkommens und Vermögens der superreichen Kapitalist*innen: „Zwischen 1979 und 2006 … hat das oberste eine Prozent der Verdiener*innen in den USA ihren Anteil am Nationaleinkommen mehr als verdoppelt, von 10% auf 22,9%. Die obersten 0,1% schnitten sogar noch besser ab und steigerten ihren Anteil um mehr als das Dreifache, von 3,5% im Jahr 1979 auf 11,6% im Jahr 2006“. Dies führte jedoch nicht zu einem höheren Wachstum. „Seit dem Beginn der neoliberalen Reformen zugunsten der Reichen in den 1980er Jahren verlangsamte sich das Wirtschaftswachstum sogar. Nach Angaben der Weltbank wuchs die Weltwirtschaft in den 1960er und 1970er Jahren pro Kopf mit über 3%, während sie seit den 1980er Jahren nur noch um 1,4% pro Jahr wächst (1980-2009)“
Obendrein sind die Kapitalinvestitionen in neue Produktionskapazitäten, die der Schlüssel zur Entwicklung neuer Technologien und zu künftigen Produktivitätssteigerungen sind, sogar zurückgegangen. „Trotz steigender Ungleichheit gingen seit den 1980er Jahren sind die Investitionen im Verhältnis zur nationalen Produktion in allen G7-Wirtschaften … und in den meisten Entwicklungsländern zurück. Im Falle der USA „sanken die Investitionen als Anteil der nationalen Wirtschaftsleistung von 20,5% in den 1980er Jahren auf 18,7% seither (1990-2009) statt zu steigen“. Außerdem fiel „die Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens in den USA von rund 2,6% pro Jahr in den 1960er und 1970er Jahren auf 1,6% im Zeitraum 1990-2009, der Blütezeit des Shareholder-Kapitalismus“. In Großbritannien „fiel die Wachstumsrate des Pro-Kopf-Einkommens von 2,4% in den 1960er- und 1970er-Jahren, als das Land angeblich an der ‚britischen Krankheit‘ litt, auf 1,7% im Zeitraum 1990-2009“.
Chang erklärt jedoch den Rückgang der Kapitalinvestitionen nicht angemessen. Er neigt dazu, ihn der neoliberalen Politik zuzuschreiben, erkennt aber nicht, dass es eine tief verwurzelte Krise der Überakkumulation von Kapital gibt, bei der zusätzliche Investitionen in neue Produktionsmittel nicht mehr das von den Investor*innen geforderte Gewinnniveau erbringen, die sich daher auf der Suche nach erhöhtem „Wert“ dem Finanzsektor zuwenden.
Das Finanzkapital dominiert
Die kapitalistischen Regierungen akzeptierten die Doktrin des „Shareholder Value“, d.h. der Maximierung der kurzfristigen Rendite für die Aktionär*innen (die auch die Vorstandsmitglieder umfassen, die teilweise mit Aktienoptionen bezahlt werden). Der Shareholder-Value wurde besonders vom Finanzsektor gefördert, der sich immer weniger um die langfristigen Aussichten der Produktionsunternehmen kümmerte. Hohe Profite wurden durch brutale Kostensenkungen, besonders bei Arbeitsplätzen und Löhnen, erzielt. Während es die Einkommen der Aktionär*innen, einschließlich der Spitzenmanager*innen, enorm steigerte, stagnierten die Einkommen der Arbeiter*innen und der Mittelschicht.
„Manager“, sagt Chang, „sahen ihre Gehälter durch die Decke gehen. Zwischen den 1980er Jahren und der jüngsten Periode stiegen die Vergütungen (Gehälter, Sozialleistungen und Aktienoptionen) der Vorstandsvorsitzenden vom 30- bis 40-fachen der durchschnittlichen Arbeitergehälter, die weitgehend stagnierten, auf das 300- bis 400-fache“.
Gleichzeitig „wurden rücksichtslos Arbeitsplätze abgebaut, viele Arbeiter gefeuert und als nicht gewerkschaftlich organisierte Arbeiter mit niedrigeren Löhnen und weniger Leistungen wieder eingestellt, und Lohnerhöhungen wurden unterdrückt … Der durchschnittliche Stundenlohn für den US-Arbeiter in 2007-Dollar (d.h. inflationsbereinigt) stieg von 18,90 Dollar im Jahr 1973 auf 21,34 Dollar im Jahr 2006, das ist ein Anstieg von 13% in 33 Jahren, was einem Wachstum von etwa 0,4% pro Jahr entspricht“. Dies läuft auf eine Stagnation hinaus.
Klar untergrub die Stagnation der Arbeiter*inneneinkommen die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen – es sei denn, die sinkenden Einkommen werden durch immer höhere Verschuldungsniveaus kompensiert, die unhaltbare Niveaus erreichen.
Chang zeigt die wachsende Vorherrschaft des Finanzkapitals über die kapitalistische Wirtschaft als Ganzes. „Das Verhältnis zwischen dem Bestand an Finanzvermögen und der Weltproduktion stieg zwischen 1980 und 2007 von 1 : 2 auf 4 : 4. Die relative Größe des Finanzsektors war in vielen reichen Ländern sogar noch größer… Das Verhältnis von Finanzvermögen zum BIP im Vereinigten Königreich erreichte 2007 700%.“ Die Politik des freien Marktes war außerordentlich erfolgreich bei der Steigerung der Profite des Finanzsektors. Aber dies verbesserte weder das Gesamtwachstum noch die Produktivität, geschweige denn den Lebensstandard der Mehrheit. Die niedrige Inflation kam den Geldverleiher*innen zugute, hielt aber (wie Chang zeigt) das Wachstum der verarbeitenden Industrie zurück. Trotz des Wachstums von „Finanzinnovationen“, besonders von Derivaten der einen oder anderen Art (die angeblich das Risiko minimierten oder sogar ausschalteten), gab es eine Zunahme der Instabilität, mit einer Reihe größerer Finanzkrisen, die auf die asiatische Schuldenkrise von 1997 zurückgingen und in der Krise von 2007-09 gipfelten.
Chang zeigt das Scheitern des so genannten Kapitalismus des freien Marktes auf, selbst gemessen an seinen eigenen Ansprüchen. Jedes Kapitel beginnt mit „Was man Ihnen sagt“, einer kurzen Zusammenfassung der neoliberalen Doktrin, die dann mit „Was man Ihnen nicht sagt“ beantwortet wird, worin die Realität des heutigen globalen Kapitalismus analysiert wird. Seine Argumente sind prägnant, werden mit gut ausgewählten Zahlen untermauert und werfen grundlegende Fragen zu den Widersprüchen des Kapitalismus und zur Wirtschaftsplanung auf. Chang, ein gebürtiger Südkoreaner, der heute Professor für Wirtschaftswissenschaften in Cambridge ist, fordert die vorherrschende wirtschaftliche Orthodoxie heraus. Leider geht er jedoch nicht über die Grenzen des Kapitalismus hinaus.
Eine ideologische Offensive
Chang erkennt die wichtige Rolle an, die die Ideologie des freien Marktes spielt. Nationale Regierungen der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder haben ihre wirtschaftliche und politische Macht genutzt, um die neoliberale Politik durchzusetzen. Internationale Agenturen wie der IWF, die Weltbank und die Welthandelsorganisation (unterstützt durch das Gewicht der globalen Finanzmärkte) haben ihre Macht genutzt, um den „Washingtoner Konsens“ (das neoliberale Politikpaket) den halb entwickelten und armen Ländern aufzuzwingen. Chang weist jedoch zu Recht auf die Rolle hin, die der „ideologische Einfluss, der durch intellektuelle Dominanz ausgeübt wird“, spielt. Mit der Untergrabung des Nachkriegsaufschwungs nach den späten 1960er Jahren wurde die keynesianische Wirtschaftslehre, die die theoretische Begründung für den Nachkriegskapitalismus geliefert hatte (staatliche Intervention, hohe Sozialausgaben und die versuchte Steuerung nationaler Wirtschaften), bei den führenden kapitalistischen Vertreter*innen und angeheuerten Politiker*innen rasch diskreditiert.
Keynesianismus wurde vom „Monetarismus“ ersetzt, der von Milton Friedman und der „Chicagoer Schule“ der Ökonom*innen vertreten wurde, und in der Folge durch eine viel umfassendere neoliberale Agenda. Wie Chang sagt, haben die „Managerklassen“ (genauer, die kapitalistische Wirtschaftselite und ihre politischen Verbündeten) „ihren wirtschaftlichen und politischen Einfluss genutzt, um die Ideologie des freien Markteszu verbreiten, die besagt, dass alles, was existiert, da sein muss, weil es am effizientesten ist“. Diese Haltung, ein Freibrief für Spekulant*innen, wurde von Alan Greenspan, dem Chef der US-Notenbank, verkörpert, der die Superkredite zur Verfügung stellte, die eine Reihe von Vermögensblasen anheizten. Nach dem Zusammenbruch der Finanzmärkte im Jahr 2008 gestand er verspätet ein, dass er sich mit dem Glauben geirrt hatte, die Märkte würden sich immer selbst korrigieren.
„Ideologie“ kann als neutrale Beschreibung eines Ideenkomplexes oder einer intellektuellen Strömung verwendet werden. Aber in diesem Zusammenhang bezieht sich der Begriff Ideologie auf Ideen (in diesem Fall den Neoliberalismus), die als genaue, sogar wissenschaftliche Darstellung der sozioökonomischen Realität präsentiert werden, aber eine völlig einseitige, verzerrte Darstellung der Realität sind. Obendrein verbergen diese pseudo-objektiven Ideen die Interessen bestimmter gesellschaftlicher Gruppen, in diesem Fall der Großkapitalist*innen der fortgeschrittenen kapitalistischen Länder, besonders der Finanzkapitalist*innen. Es scheint sonnenklar, dass die Ausweitung der Marktbeziehungen denen zugute kommt, die auf den Märkten spielen, den großen Finanzinstituten und reichen Spekulant*innen. Um diesem politisch unbequemen „Eindruck“ entgegenzuwirken, werden Heerscharen von Ökonom*innen herangezogen, um zu zeigen, dass der Markt die beste – ja sogar die einzige – Möglichkeit sei, die Wirtschaft zu organisieren. Der Grundgedanke der Mainstream-Ökonomie ist, dass „There is no alternative“ (Tina [es gibt keine Alternative]).
Chang bringt diesen Punkt sehr eindringlich zum Ausdruck: „Das Politikpaket des freien Marktes, das oft als neoliberales Politikpaket bezeichnet wird, betont niedrigere Inflation, eine größere Kapitalmobilität und eine größere Arbeitsplatzunsicherheit (schönfärberisch als größere Arbeitsmarktflexibilität bezeichnet), wesentlich, weil es hauptsächlich auf die Interessen der Inhaber von Finanzanlagen ausgerichtet ist“.
Chang erklärt, warum diese Politiken Finanzkapitalist*innen begünstigen: „Die Inflationskontrolle wird betont, weil viele Finanzanlagen nominell feste Renditen haben, so dass die Inflation ihre realen Renditen verringert. Größere Kapitalmobilität wird gefördert, weil die Hauptursache dafür, dass die Inhaber von Finanzanlagen höhere Renditen erzielen können als die Inhaber anderer (materieller und menschlicher) Anlagen, ihre Fähigkeit ist, ihre Anlagen schneller verschieben zu können. Größere Flexibilität des Arbeitsmarktes wird gefordert, weil aus der Sicht der Finanzinvestor*innen die Erleichterung der Einstellung und Entlassung von Arbeiter*innen eine schnellere Umstrukturierung von Unternehmen ermöglicht, was bedeutet, dass sie mit besseren kurzfristigen Bilanzen leichter verkauft und gekauft werden können, was höhere finanzielle Erträge bringt“.
Neoliberale Wirtschaftspolitik spiegelt diese wirtschaftlichen Beziehungen wider, die sich nach der Thatcher-Reagan-„Revolution“ (in Wirklichkeit eine Konterrevolution) Anfang der 1980er Jahre schnell entwickelten. Davor wurden die monetaristischen Ideen von Akademiker*innen wie Friedman lediglich als die verschrobenen Vorstellungen einer Minderheit rechter Ökonom*innen angesehen. Doch mit der Rückkehr der großen kapitalistischen Wirtschaften zu einer brutaleren Marktpolitik (mit dem Zurückdrehen der staatlichen Sozialausgaben) begannen der Monetarismus und verwandte Lehren zu florieren. Indem sie eine theoretische Rechtfertigung lieferten, trugen sie dazu bei, die Marktpolitiken zu stärken und ihnen Legitimität zu verleihen.
Das soll nicht heißen, dass die neoliberale Ideologie nur eine passive Rolle spielte und erst intellektuelle Unterstützung lieferte, als sich die neuen Verhältnisse bereits entwickelt hatten. Die neoliberale Ideologie wurde von der herrschenden Klasse, besonders der anglo-amerikanischen herrschenden Klasse, und besonders nach dem Zusammenbruch des Stalinismus als politische Waffe eingesetzt, um die Marktbeziehungen auf globaler Ebene auszuweiten und zu vertiefen. Bei dem Fehlen irgend einer ideologischen Alternative bei den führenden Vertreter*innen der traditionellen Arbeiter*innenparteien stimmten neoliberale Ideen große Teile der öffentlichen Meinung um und halfen dabei, Wahlunterstützung für eine durch und durch marktfreundliche Politik zu gewinnen.
Die Rolle neoliberaler Ökonom*innen
Chang bringt eine Reihe von scharfen Kritikpunkten gegen einen freien Markt befürwortende Ökonom*innen – die heute den Beruf dominieren –, die sich zu einer vernichtenden Anklage summieren. „Während der letzten drei Jahrzehnte“, schreibt er, ‚führte der zunehmende Einfluss der einen freien Markt befürwortenden Ökonomen zu einer schlechteren Wirtschaftsleistung in der ganzen Welt‘. Er stellt fest, dass die Wirtschaften Japans, Südkoreas, Taiwans und in jüngster Zeit auch Chinas während ihrer Perioden von „Wunder“-Wachstum hauptsächlich von Jurist*innen und Ingenieur*innen und nicht von Ökonom*innen geleitet wurden. Dort, wo Ökonom*innen des freien Marktes in halb entwickelte Wirtschaften wie Chile eingriffen, wo die monetaristischen „Chicago Boys“ die Pinochet-Diktatur berieten, basierte das beschleunigte Wirtschaftswachstum auf der brutalen Senkung des Lebensstandards der Arbeiter*innen und der systematischen Unterdrückung demokratischer Rechte. „Es gibt Grund zu der Annahme“, so Chang, „dass Ökonomen für die Wirtschaft“ und „für die meisten Menschen“ schädlich seien.
Chang verweist auf den Vorfall beim Besuch der Queen an der London School of Economics im Juni 2009. Es war, als ob die Fabel von des Kaisers neuen Kleidern umgedreht wurde. Unter Bezugnahme auf den großen Crash fragte eine naive Monarchin die versammelten Ökonom*innen: „Wie kommt es, dass das niemand vorhersehen konnte?“ (Hätte die Queen in den letzten Jahren Socialism Today gelesen, wäre sie von der Krise, die wir eindeutig vorhergesagt haben, nicht überrascht gewesen). Im Namen ihrer beschämten Kollegen versuchten zwei Professoren, Tim Besley und Peter Hennessy, eine Antwort zu geben (Brief, 22. Juli 2010). Einzeln betrachtet, so behaupteten sie, leisteten die Ökonom*innen alle gute Arbeit. Aber es gab ein „Versagen der kollektiven Vorstellungskraft vieler kluger Leute … um die Risiken für das System als Ganzes zu verstehen“.
Chang weist verächtlich jede Andeutung zurück, dass Ökonom*innen lediglich „unschuldige Techniker*innen“ seien, die alle einen guten Job machten, bis sie von einer unvorhersehbaren Krise getroffen wurden. Über drei Jahrzehnte hinweg „spielten Ökonomen eine wichtige Rolle dabei, die Bedingungen für die Krise von 2008 zu schaffen … indem sie theoretische Rechtfertigungen für die Deregulierung der Finanzmärkte und das hemmungslose Streben nach kurzfristigen Profiten lieferten“. Sie stellten Theorien auf, die Politiken rechtfertigten, die zu geringerem Wachstum, größerer Ungleichheit, unsicheren Arbeitsplätzen usw. und einer verstärkten Ausbeutung der unterentwickelten Länder führten.
Changs Erklärung für die Rolle der einen freien Markt befürwortenden Ökonom*innen ist jedoch, gelinde gesagt, schwach. „Es mag sein“, sagt er, „dass die in den Klassenzimmern der Universitäten gelehrte Wirtschaftslehre zu weit von der Realität entfernt ist, um von praktischem Nutzen zu sein“. Er glaubt, „wir brauchen eine andere Art von Ökonomie als die einen freien Markt befürwortenden Ökonomen“.
In der Tat tritt Chang dafür ein, dass die „falsche“ Art von Ökonom*innen durch die „richtige“ Art ersetzt werden sollte. Gute Ökonom*innen würden langfristige Investitionen und technologische Innovationen fördern. Sie würden sich auf eine „nuancierte Sicht des Kapitalismus stützen, nicht auf die simplizistische Sicht des freien Marktes“. Eine nuancierte Sichtweise würde eine komplexe Mischung aus „Märkten (öffentlichen und privaten), Bürokratien und Netzwerken“ umfassen.
Chang schlägt vor, dass gute Ökonom*innen ihre Ideen aus einer eklektischen Mischung von Ökonom*innen schöpfen würden: Karl Marx, Friedrich List (ein konservativer Nationalist), John Maynard Keynes, Joseph Schumpeter (der eine Theorie der langen Wellen, unterbrochen von Episoden der „schöpferischen Zerstörung“, entwickelte), Hyman Minsky (der eine keynesianische Theorie der Finanzkrise entwickelte) und andere Keynesianer*innen.
Changs Kritik an den einen freien Markt befürwortenden Ökonom*innen ist richtig, soweit sie reicht. Aber er versteht nicht, warum sie die Oberhand gewonnen haben. Es lag nicht daran, dass schlechte Ökonom*innen gute verdrängt haben. Der Aufstieg der neoliberalen Ökonomie spiegelte tief greifende Veränderungen in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern wider, mit dem Aufkommen neuer wirtschaftlicher Kräfte – die unter den Ökonom*innen begeisterte Verbündete fanden. Schließlich werden von den die großen Finanzinstitute Heerscharen von Ökonom*innen (mit riesigen Gehältern und Boni) beschäftigt, vor allem, um die kurzfristige Profitabilität von Investitionen zu bewerten, während akademische Ökonom*innen die theoretische Grundlage für den Drang des ultrafreien Markts nach Profiten liefern. Ökonom*innen wie Chang, die die neoliberale Orthodoxie hartnäckig in Frage stellen, sind in akademischen Kreisen eine seltene Spezies.
Die Argumente für Planung
Unter Bezugnahme auf Karl Marx weist Chang auf den grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus hin: Der Produktionsprozess ist sozialisiert, während das Eigentum an den Produktionsmitteln privat ist. Er zeigt sehr deutlich, dass die Produktion im fortgeschrittenen Kapitalismus von einem hohen Maß an sozialer Organisation und Kooperation abhängt. Der Hauptzweck dabei, dieses Argument aufzugreifen, ist aber, um es gegen die falsche Vorstellung der neoliberalen Ökonomie zu verwenden, wonach der Erfolg im Kapitalismus von visionären Unternehmer*innen abhängt, die als Individuen auf einem freien Markt konkurrieren, der lediglich eine Arena für den Wettbewerb ist. Chang erkennt an, dass Marx argumentierte, Privateigentum schließe Planung aus und führe zu einem Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, was zu periodischen Krisen führe. Er lehnt jedoch Marx‘ Lösung, die zentrale Planung, ab, die er als gescheitert ansieht.
„Mit der wirtschaftlichen Entwicklung … entwickelt sich die Arbeitsteilung zwischen den Unternehmen weiter, und als Ergebnis werden die Unternehmen immer abhängiger voneinander – oder die soziale Natur des Produktionsprozesses wird intensiviert“. Chang weist darauf hin, dass gigantische Unternehmen nur deshalb massive Investitionen tätigen und ihre profitbringenden Aktivitäten im globalen Maßstab ausüben können, weil sie von einer Reihe öffentlicher Einrichtungen unterstützt werden, wie einem Rechtssystem, der Schulbildung und Berufsausbildung der Arbeiter*innen, öffentlichen Subventionen für Forschung und Entwicklung usw.
Jedoch das Privateigentum an konkurrierenden Firmen macht es „unmöglich, die Aktionen dieser unabhängigen Unternehmen zu koordinieren“. Chang verweist zu Recht auf die Unmöglichkeit einer koordinierten Produktion als Ursache für periodische Wirtschaftskrisen. Er bezieht sich jedoch nicht auf die Ausbeutung im Herzen des kapitalistischen Systems: die Enteignung des Mehrwerts, der den Reichtum darstellt, der durch die Arbeitskraft der Arbeiter*innen über das hinaus, was sie an Lohn erhalten, produziert wird, (in Form von Profit) durch die Kapitalist*innen. Nichtsdestotrotz scheint Chang mit Marx‘ Argument zu sympathisieren, dass „mit der Entwicklung des Kapitalismus … dieser systemische Widerspruch größer wird und folglich die Wirtschaftskrisen immer heftiger werden und schließlich das ganze System zu Fall bringen“.
Chang fasst dann Marx‘ Argumente für eine zentrale Planung zusammen. „Alle Produktionsmittel sind im Eigentum der gesamten Gesellschaft, und als Ergebnis können die Aktivitäten der voneinander abhängigen Produktionseinheiten ex ante [im Voraus] durch einen einheitlichen Plan koordiniert werden. Da jedes potenzielle Koordinationsversagen behoben wird, bevor es eintritt, muss die Wirtschaft nicht durch diese periodischen Krisen gehen, um Angebot und Nachfrage auszugleichen. Unter der zentralen Planung wird die Wirtschaft nur genau das produzieren, was nötig ist. Keine Ressource wird zu irgendeinem Zeitpunkt ungenutzt bleiben, da es keine Wirtschaftskrise geben wird. Daher, so wurde argumentiert, wird das zentrale Planungssystem die Wirtschaft viel effizienter verwalten als das Marktsystem“.
Doch das, so Chang, war Theorie: „Leider funktionierte zentrale Planung in der Praxis nicht sehr gut“. Chang stützt seine Ablehnung der zentralen Planung als Alternative zum Kapitalismus auf das Scheitern der Planung in der Sowjetunion und in Osteuropa. Klar ist das Abschreiben der Wirtschaftsplanung eine der wichtigsten Auswirkungen des Zusammenbruchs der sogenannten „kommunistischen“ oder in Wirklichkeit stalinistischen Regime in Osteuropa nach 1989/90. Wie die meisten Kritiker*innen, auch die auf der Linken, macht Chang überhaupt keine Unterscheidung zwischen der Art von Planung, die Marx vorschwebte, und der Realität der Planung unter einer stalinistischen Diktatur. Das Scheitern der stalinistischen Planung war in den Bedingungen begründet, unter denen sie entstand, und beweist nicht, dass Planung niemals funktionieren wird.
Warum stalinistische Planung scheiterte
Changs Erklärung für das Scheitern der sowjetischen Planung ist unzureichend und lässt die historische Perspektive vermissen. Er verweist nicht auf die Tatsache , dass Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein wirtschaftlich und kulturell rückständiges Land war, in dem die Arbeiter*innenklasse eine kleine Minderheit der Bevölkerung war, obwohl sie politisch mächtig war. Die führenden Vertreter*innen der russischen Revolution, Wladimir Lenin und Leo Trotzki, glaubten nicht, dass sie den Sozialismus in Russland in Isolation aufbauen könnten, unabhängig von der Entwicklung der sozialistischen Revolution in den fortgeschritteneren kapitalistischen Ländern. Aus verschiedenen Gründen war die Revolution isoliert, und die Rückständigkeit führte zur Entwicklung einer bürokratischen Schicht, die die Gesellschaft zu beherrschen begann. Stalin, der politische Vertreter der Bürokratie, führte eine politische Konterrevolution durch, die die 1917 eingeführten Elemente der Arbeiter*innendemokratie auslöschte und ein totalitäres Regime errichtete.
In der frühen Periode konnte die Bürokratie, wie Chang feststellt, die Grundstoffindustrie auf der Grundlage eines zentralen Plans entwickeln. Jedoch als sich die Wirtschaft entwickelte, gab es immer mehr Verzerrungen, Verschwendung und Missmanagement. Chang führt dies auf die zunehmende „Komplexität“ der Wirtschaft zurück. Das ist soweit richtig, geht aber am grundlegenden Punkt vorbei: dass es unter dem stalinistischen Regime keine Demokratie gab, die Arbeiter*innenklasse politisch entrechtet war und keine Rolle bei der Verwaltung der Wirtschaft spielen durfte. Es gab kein Feedback von unten, um den Plan zu überprüfen und zu verfeinern. Die lokalen Manager*innen waren Bürokrat*innen, Agent*innen der zentralen Bürokratie.
Durch die Planung war die Sowjetunion in der Lage, die Grundlagen einer modernen industriellen Wirtschaft zu schaffen, wenn auch zu enormen Kosten für die Arbeiter*innenklasse. Obendrein ermöglichte Planung der Sowjetunion, den barbarischen Angriff Nazi-Deutschlands während des Zweiten Weltkriegs abzuwehren und in der Folge erhebliche soziale Errungenschaften für die Bevölkerung in den Bereichen Beschäftigung, Wohnungsbau, Gesundheitswesen und Bildung zu schaffen. Jedoch war besonders die Qualität der Konsumgüter sehr schlecht. In den 1970er Jahren, als sich die mikroelektronische Technologie international zu entwickeln begann, wurde zunehmend deutlich, dass die Bürokratie nicht in der Lage war, neue Technologie systematisch für die Entwicklung von Produktion und Planung einzusetzen. Die Inkompetenz und Korruption der Bürokratie mit den zunehmenden Verwerfungen der zentralen Planung führten Anfang der 1990er Jahre zur Implosion der stalinistischen Wirtschaften.
Zweifelsohne hatte dies massive ideologische Auswirkungen. Die Kapitalist*innenklasse startete eine beispiellose ideologische Offensive, um zu beweisen, dass „Kommunismus“, „Sozialismus“ und zentrale Planung nicht funktionieren würden, dass sie von Natur aus unmöglich seien. Das Scheitern der Planung unter bestimmten historischen Bedingungen beweist jedoch nicht, dass Planung niemals funktionieren wird. Obendrein beweist das Scheitern des Stalinismus nicht, dass der Kapitalismus ein lebensfähiges System ist, zu dem es keine Alternative gibt.
Sozialistische Wirtschaftsplanung heute in wirtschaftlich entwickelten Ländern würde sich stark von der stalinistischen Planung in der Sowjetunion unterscheiden (die in Osteuropa, China, Kuba usw. nachgeahmt wurde). Erstens gibt es die wirtschaftliche, technische und kulturelle Grundlage für eine viel weiter entwickelte Form der Wirtschaft, die es in der Sowjetunion nach 1917 nicht gab. Gleichzeitig würde eine dominante Arbeiter*innenklasse, die zur Durchsetzung einer sozialistischen Umgestaltung mobilisiert würde, sicherstellen, dass sowohl der neue sozialistische Staat als auch die Wirtschaft einer demokratischen Kontrolle unterliegen.
Demokratisch gewählte Planungsgremien würden einen Wirtschaftsplan aufstellen, der von den lokalen Gremien ständig überprüft und geändert werden würde. Der Plan würde auf der Verstaatlichung der „Kommandohöhen“ der Wirtschaft, der großen verarbeitenden Industrien, der Banken und der Infrastruktur beruhen. Nicht jedes kleine Unternehmen würde verstaatlicht werden, sondern im Rahmen eines Plans arbeiten. Es würde auch Planungsgremien geben, die die Entwicklung und Produktion von Konsumgütern überwachen, um deren hohe Qualität zu gewährleisten und sicherzustellen, dass sie den tatsächlichen Bedürfnissen der Bevölkerung entsprechen. Dies ist kein utopisches Projekt. Wie Chang selbst zeigt, bestehen alle Elemente der Planung bereits im Kapitalismus. Allerdings sind sie derzeit in den Grenzen des Profitstrebens, der Anarchie des Marktes und der rivalisierenden Nationalstaaten gefangen.
Elemente von Planung im Kapitalismus
Obwohl er die zentrale Planung ablehnt, weist Chang nichtsdestotrotz wie Marx auf die Elemente der Planung innerhalb des Kapitalismus hin. Marx saugte sich die zentrale Planung nicht aus den Fingern, sondern stützte seine Ideen auf reale Tendenzen innerhalb des Kapitalismus: die zunehmende Tendenz des Staates, regulierend in die Wirtschaft einzugreifen und wichtige Industriezweige, wie z. B. Versorgungsunternehmen, zu übernehmen; und die Elemente von Planung innerhalb kapitalistischer Firmen im Kontrast zur anarchischen Konkurrenz zwischen Firmen, die auf dem Markt konkurrieren. Chang gibt aktuellere Beispiele, aber wiederum nur gegen den Neoliberalismus, nicht als Alternative zum Kapitalismus.
Chang verweist auf die Tatsache, dass der Staat in den großen kapitalistischen Wirtschaften in Kriegszeiten, sowohl während des Ersten als auch des Zweiten Weltkriegs, für die Dauer der Konflikte große Elemente von zentraler Planung einführte, um die Versorgung mit Munition und industriellen Materialien sicherzustellen. Natürlich blieb das Eigentum in den Händen der Kapitalist*innen, die später die Kontrolle über die Industrien zurückeroberten (abgesehen von denen, die praktisch zusammenbrachen, wie Kohle, Eisen und Stahl usw.). Obendrein verweist Chang auf die interventionistische Rolle des Staates in Ländern wie Japan, Südkorea, Taiwan usw., die während des Wirtschaftsaufschwungs der Nachkriegszeit ein rasches Wirtschaftswachstum erfuhren.
Vor allem aber verweist Chang auf die Planung, die in kapitalistischen Konzernen stattfindet. „Moderne kapitalistische Wirtschaften bestehen aus großen, hierarchischen Konzernen, die ihre Aktivitäten in vielen Details planen, sogar über nationale Grenzen hinweg“. Viele leiden auch unter der gleichen Art von bürokratischen Verwerfungen, wie sie in den ehemaligen stalinistischen Staaten bestanden.
Chang folgt Marx‘ Argumentationslinie: „Als [Marx] von Planung sprach, gab es im wirklichen Leben keine Regierung, die Planung praktizierte. Zu dieser Zeit planten nur Firmen. Was Marx voraussagte, war, dass sich die ,rationale‘ Planungsherangehensweise der kapitalistischen Firmen schließlich als überlegen gegenüber der verschwenderischen Anarchie des Marktes erweisen und somit schließlich auf die gesamte Wirtschaft ausgedehnt werden würde. Freilich kritisierte er die Planung innerhalb der Firma als Despotismus durch die Kapitalisten…“.
Chang weist darauf hin, dass der „Bereich der kapitalistischen Wirtschaft, der von der Planung erfasst wird, in der Tat gewachsen ist“. So wird beispielsweise geschätzt, dass „zwischen einem Drittel und der Hälfte des internationalen Handels aus Transfers zwischen verschiedenen Einheiten innerhalb transnationaler Konzerne besteht“.
„Zwischen der Planung, die innerhalb von Konzernen stattfindet, und den verschiedenen Typen der Planung durch die Regierung sind die modernen kapitalistischen Wirtschaften in einem sehr hohen Maße geplant“. Das ist wahr. Jedoch konkurrieren die großen Konzerne nach wie vor miteinander im Streben nach Profit, und es gibt besonders intensive Konkurrenz auf den internationalen Finanzmärkten. Trotz der Planung innerhalb der großen Konzernen herrscht letztlich immer noch das irrationale Element der Konkurrenz über den Markt gegenüber den Elementen der rationalen Planung in den Konzernen und durch staatliche Intervention vor. Deshalb ist der Kapitalismus erneut in eine globale Krise gestürzt, die schlimmste seit den 1930er Jahren.
Chang erkennt die Elemente der Planung innerhalb des Kapitalismus, aber er glaubt irrtümlich, dass es im System als Ganzes ohne fundamentalen Wandel eine größere Verschiebung in Richtung Planung geben könne. Chang stützt sich auf marxistische Ideen, um den heutigen, Kapitalismus des ultrafreien Marktes zu kritisieren. Aber bei jedem wichtigen Thema hält er an, macht einen Rückzieher und kehrt zu der Vorstellung zurück, dass irgendwie ein idealer Kapitalismus entstehen könne. Er befürwortet eine „moderne Wirtschaft, in der Regierungspolitik, Konzernplanung und Marktbeziehungen alle entscheidend sind und auf komplexe Weise zusammenwirken“.
Ein „besserer“ Kapitalismus?
Chang weist das Modell des Kapitalismus des freien Marktes zurück, das zur Katastrophe der Finanzkrise von 2008 führte und die Weltwirtschaft in die Depression stürzte. „Die letzten drei Jahrzehnte haben gezeigt, dass [der Kapitalismus der freien Marktes] entgegen den Behauptungen seiner Befürworter die Wirtschaft verlangsamt, die Ungleichheit und die Unsicherheit erhöht und zu häufigeren (und manchmal massiven) finanziellen Zusammenbrüchen führt“. Daher folgert er: „Die gewaltige Aufgabe vor uns ist, die Weltwirtschaft völlig wiederaufzubauen“. Obendrein „wird nichts außer einer völlig neuen Vorstellung der Weise, wie wir unsere Wirtschaft und Gesellschaft organisieren, ausreichen“. Das klingt revolutionär! Chang stellt jedoch klar: „Ich kritisiere den Kapitalismus des freien Marktes und nicht alle Arten von Kapitalismus“.
„Es gibt nicht das eine ideale Modell“. Also macht sich Chang daran, ein neues Kapitalismusmodell zu schaffen – oder sich zumindest vorzustellen. Wie ein begeisterter Einkäufer, der durch einen Supermarkt geht, wählt er verschiedene Komponenten aus den Regalen des globalen Superstores aus.
In sein Modell würde er Elemente der nordischen Wirtschaften einbeziehen, mit hoch entwickelten Wohlfahrtssystemen (zumindest bis vor kurzem). Die in seinem Buch präsentierten Zahlen zeigen, dass sie über einen langen Zeitraum höhere Wachstumsraten hatten als die USA und die meisten Wirtschaften, die auf einer Politik des freien Marktes basieren. Chang wählt auch einige Komponenten aus dem südost- und ostasiatischen Modell aus, nachdem er die Rolle, die der Staates bei der Schaffung der Grundlagen moderner industrieller Wirtschaften in Japan, Südkorea, Taiwan und anderen Wirtschaften in der Region spielte, zustimmend zur Kenntnis nahm. In seinem Modell ist Raum für eine „indikative Planung“, wie sie in Ländern wie Frankreich praktiziert wird, wo die Regierung Subventionen und steuerliche Anreize zur Förderung (und zum Schutz) wichtiger Industriesektoren einsetzt. Es gibt auch eine Rolle für den Markt in Changs Modell, aber er wäre viel stärker reguliert als heute.
Auf der Grundlage dieses Modells würde es – in seinem Schema der Dinge – eine Rückkehr zu einer Wirtschaftspolitik keynesianischen Typs geben. Die Sozialausgaben würden geschützt, während die heimische Produktion gefördert würde. Es gäbe eine Rückkehr zur (versuchten) makroökonomischen Steuerung der nationalen Wirtschaften (was eine Art von Schutz vor kurzfristigen grenzüberschreitenden Kapitalströmen voraussetzt). Die Regierungen würden massiv in Forschung und Entwicklung investieren und langfristige Investitionen in neue Technologien fördern. Armen und halb entwickelten Ländern würde erlaubt werden, ihre heimischen Industrien zu schützen, bis sie auf eigenen Füßen stehen können (wie es die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder in der Vergangenheit machten). Aufgeklärtes Eigeninteresse, das auf der Anerkennung längerfristiger Ziele und sozialer Bedürfnisse beruht, würde das rücksichtslose Streben nach kurzfristiger Profitmaximierung ersetzen. Der Markt würde eine Rolle spielen, aber er wäre kontrolliert und wäre nur eine Komponente der Wirtschaft.
Mit anderen Worten: Chang befürwortet einen „besseren Kapitalismus“. Dies wurde in letzter Zeit zu einem vertrauten Thema unter linken Reformist*innen international, und sie werden sich zweifellos auf Changs Argumente stützen. Aber wie könnte dieses neue Kapitalismusmodell zustande kommen? Changs Herangehensweise ist völlig a-historisch, utopisch. Die Komponenten, die er für sein Modell auswählt, waren das Produkt bestimmter historischer Bedingungen in bestimmten Ländern und entwickelten sich auf der Grundlage der realen wirtschaftlichen Kräfte und Weltbeziehungen, wie sie zu dieser Zeit bestanden.
Im Falle Schwedens zum Beispiel kamen die sozialdemokratischen Regierungen in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wegen der Stärke der Arbeiter*innenbewegung an die Macht. Mit relativ günstigen Bedingungen für den schwedischen Kapitalismus während des Zweiten Weltkriegs und mit dem Nachkriegsaufschwung entwickelte Schweden einen hoch entwickelten Wohlfahrtsstaat. Im Unterschied dazu entwickelten sich der japanische Kapitalismus sowie der südkoreanische, taiwanesische usw. in der Nachkriegszeit unter dem Schirm des US-Imperialismus, der diesen Ländern als strategischen Puffer gegen China, das durch die Revolution von 1949 umgestaltet wurde, wirtschaftliche Unterstützung gab.
Aus historischen Gründen hatte der Staat in der japanischen Wirtschaft immer eine wichtige Rolle gespielt. Chang stellt jedoch fest, dass es nur eine sehr begrenzte Entwicklung der sozialen Absicherung in Japan gab. Die Produktionsbasis in Südkorea wurde, wie Chang feststellt, unter der grausamen Diktatur Park Chung-hees entwickelt, ebenfalls mit fast keiner sozialen Absicherung für die Arbeiter*innenklasse oder arme Bäuer*innen. In letzter Zeit traten jedoch sowohl Japan als auch Südkorea in eine Phase schwachen Wachstums oder von Stagnation ein. Vor allem Südkorea wandte sich der Umsetzung einer Politik des freien Marktes zu. Obendrein begann Schweden sowohl unter sozialdemokratischen als auch unter rechten Regierungen mit dem Abbau des Wohlfahrtsstaates und wendet sich stark der Vermarktlichung von Wirtschaft und Gesellschaft zu.
Großbritannien, die USA und andere fortgeschrittene kapitalistische Länder wandten sich nach 1980 dem Neoliberalismus zu. Dies war nicht nur ein Wandel der Politik, sondern spiegelte einen zugrunde liegenden Wandel in den wirtschaftlichen Beziehungen wider. In den späten 1960er Jahren gab es einen Zusammenbruch der wirtschaftlichen Beziehungen der Nachkriegszeit, die den langen Aufschwung im westlichen Kapitalismus stützten. Nach der Periode der „Stagflation“ (schwächliches Wachstum verbunden mit hoher Inflation) folgerten die kapitalistischen Regierungen, beginnend mit Thatcher und Reagan, dass sie eine neue Herangehensweise wählen mussten. Ein Schlüsselmerkmal der Krise war der Rückgang der Profitabilität, und es gab eine Hinwendung der Kapitalist*innen zum Finanzsektor als Profitquelle.
Die „Urknall“-Deregulierung der Finanzmärkte, zunächst in Großbritannien und den USA, dann aber auch in anderen großen Wirtschaften, öffnete der Finanzspekulation des ultrafreien Marktes die Tür. Dies führte zu der von Chang beschriebenen Vorherrschaft des Finanzkapitals. Diese Vorherrschaft war nicht nur das Ergebnis einer falschen Ideologie oder politischer Fehler. Sie spiegelte eine tief verwurzelte Überakkumulationskrise innerhalb des Kapitalismus wider. Dies bedeutete, dass neue Investitionen in die Entwicklung der Produktionsmittel nicht mehr das von der Kapitalist*innenklasse geforderte Profitniveau erbrachten. Die Hinwendung zum Finanzsektor, die sich Mitte der 1990er Jahre beschleunigte, spiegelte diese grundlegende Krise wider.
Die Notwendigkeit einer sozialistischen Alternative
Der neoliberale Kapitalismus des freien Markts ist nicht nur ein Fehler oder eine schädliche Mode, die mit der Zeit vergehen wird. Er spiegelt den grundlegenden Charakter des Kapitalismus in dieser Periode wider. Chang sagt, er akzeptiere das Profitmotiv und den Markt. Aber er glaubt irrigerweise, dass sie nach einem politischen Schema kontrolliert und gelenkt werden könnten. Chang glaubt zum Beispiel, es sollte eine Rückkehr zu langfristigen Investitionen auf der Grundlage der Entwicklung neuer Technologien geben. Aber die Kapitalist*innen haben diese Herangehensweise, die in der frühen Periode des Nachkriegsaufschwungs vorherrschte, weitgehend aufgegeben, weil sie nicht mehr die Profiterträge brachten, die sie forderten.
Der Markt ist nicht einfach eine Maschine, ein neutraler Mechanismus, der von aufgeklärten Regierungen in Dienst genommen werden kann, um mehr Wohlstand für alle zu schaffen. Der Markt ist eine Arena für den Konkurrenzkampf zwischen den großen Konzernen und Finanzinstitutionen, deren Streben nach einer verstärkten Ausbeutung der Arbeiter*innenklasse und einer Steigerung ihrer Profitabilität unweigerlich zu einer zunehmenden sozialen Polarisierung zwischen Arm und Reich in der Gesellschaft und einer wachsenden Ungleichheit international führt.
Es ist nicht möglich, die Weltwirtschaft auf der Grundlage eines rationalen Appells an das aufgeklärte Eigeninteresse der Kapitalist*innen „vollständig umzubauen“. Ein grundlegender Wandel wird nur durch die Mobilisierung mächtiger gesellschaftlicher Kräfte, vor allem der Arbeiter*innenklasse, möglich sein. Obendrein müsste der Wandel auf der Grundlage von Wandel der Eigentumsverhältnisse an den Kommandohöhen der Wirtschaft, den Großkonzernen und Finanzinstituten, erfolgen. Dies würde genau die von Marx vorgesehene Wirtschaftsplanung erfordern, sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Grundlage.
Chang zögert, diesen Schritt zu tun. Er glaubt, dass der räuberische neoliberale Kapitalismus von heute in einen gutartigen, menschenfreundlichen Kapitalismus umgewandelt werden könne, der von aufgeklärten führenden Vertreter*innen geleitet werde. Doch sein Projekt ist zum Scheitern verurteilt. Der Kapitalismus steht vor einer Periode der Depression, mit der jederzeitigen Möglichkeit weiterer, noch tieferer Krisen. Die Folgen international für die Arbeiter*innenklasse, die ausgebeuteten Landarbeiter*innen und die Enteigneten werden katastrophal sein. Die wirksame Verteidigung des Lebensstandards und der demokratischen Rechte der Arbeiter*innen wird nur durch einen Kampf gegen den Kapitalismus und für eine alternative sozialistische Gesellschaft möglich sein. Massenwohlstand, größere Gleichheit, soziale Wohlfahrt, aufgeklärte Massenbildung, technologischer Fortschritt – all die Dinge, die Chang klar schätzt – werden nur auf der Grundlage einer sozialistischen Wirtschaftsplanung möglich sein, die für Chang leider ein Schritt zu weit ist.
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