Franz Mehring: Stille Herbsttage

[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, II. Band, Nr. 50, S. 737-740]

f Berlin, 2, September 1896

Die sozialdemokratische Kritik des Sedantags hat heute eine glänzende Bestätigung erhalten durch die völlige Teilnahmslosigkeit, die alle Schichten der bürgerlichen Bevölkerung dem „nationalen Festtag“ beweisen. Alle Schichten, mit Ausnahme etwa der Hoflieferanten, die ein paar Fahnen aushängen und einige kümmerliche Anstalten zu einer abendlichen Illumination treffen. Nirgends eine Spur der Begeisterung, an der zu zweifeln vor Jahr und Tag als Hochverrat und Majestätsverbrechen galt.

Die Zweifler haben Recht behalten, und alle Bannflüche, die gegen sie geschleudert wurden, sind ins leere Nichts verhallt. Stille ist’s über des Wassers Rand, und die ärgsten Sozialistenfresser erinnern sich ungern dessen, was vor einem Jahre geschah. Eine neue Flut von Schmähungen und Verfolgungen hat sich über das klassenbewusste Proletariat ergossen und hat kein Haar auf seinem Haupte gekrümmt. Wohl ist manch braver Kämpfer schwer getroffen worden, aber keiner hat auch nur mit der Wimper gezuckt, und die Schläge, die gegen die Sozialdemokratie geführt wurden, sind mit verdreifachter Wucht auf ihre Urheber zurückgeprallt. Sie sprechen selbst nicht gern von den „glorreichen Erinnerungstagen“, in denen sie nichts erreicht haben, als neuen Hass zum alten Hasse zu säen.

Ist es das Zeichen einer endlich erwachenden besseren Erkenntnis, dass in diesem Herbste das Hifthorn [Signalhorn] zur fröhlichen Jagd gegen die Sozialdemokratie nicht geblasen wird, wie zur Herbsteszeit in den beiden Vorjahren? Es wäre allzu optimistisch, die Frage zu bejahen. Vielleicht fehlt nur der äußere Vorwand, den vor zwei Jahren die Ermordung Carnots, vor einem Jahre die Jubelfeier des neuen Deutschen Reiches bot. Die Scharfmacher sind noch immer obenauf, und wenn es nach ihrem Willen ginge, tauchte das Sozialistengesetz heute lieber als morgen aus der Versenkung empor. Ebenso spricht der gänzliche Bruch mit den schwächlichen Anläufen zu einer sogenannten „Sozialreform“ dafür, dass nicht bessere Einsicht in diesem Jahre die herbstliche Sozialistenhetze hindert, sondern höchstens eine immer wachsende Ratlosigkeit der herrschenden Klassen. In allen bürgerlichen Parteien ist man in dieser politisch stillen Zeit damit beschäftigt, den Schaden am eigenen Leibe zu studieren, und die Ergebnisse, zu denen man dabei gelangt, sind denn freilich nicht sehr ermutigend für eine Sozialistenjagd, bei der man sich nach alter Erfahrung nichts holen würde, als neue Schläge.

Das gilt besonders von der nationalliberalen und von der konservativen Partei, den beiden Haupttreibern bei jeder Treibjagd gegen den Sozialismus. Die Nationalliberalen sind im Laufe der Jahre so entsetzlich heruntergekommen, dass man sich mehr und mehr gewöhnt hat, sie als eine quantité négligeable zu behandeln; ihre bare Gesinnungslosigkeit machte sie zum Spielball jeder reaktionären Intrige, und es genügte zu wissen, dass sie für jeden Gewaltstreich zu haben waren, sei es sofort, sei es nach einigen derben Fußtritten. In der letzten Zeit haben sie aber oder hat doch ein Teil von ihnen etwas unwirsch herum rumort: sie wollen noch einmal, wenn auch keinen Frühling mehr, so doch noch einen Altweibersommer erleben, und besonders die hiesige „Nationalzeitung“ murmelt verdrießlich, mit dem reaktionären Abwärtsgleiten sei es genug und die nationalliberale Partei müsse daran denken, wieder Anschluss nach links zu gewinnen.

Man würde indessen irren, wenn man diese reuige Stimmung der alten Betschwester darauf zurückführen wollte, dass sie die Briefe wieder gefunden hätte, die sie als junge Buhlerin den politischen Idealen der bürgerlichen Klasse geschrieben hat. So liegt die Sache nicht. Was die „Nationalzeitung“ bekümmert, ist vielmehr die nach ihrer Ansicht zu schwächliche Nachgiebigkeit, die das große Kapital dem großen Grundbesitz erweist. Ihre Tränen fließen aus den agrarischen Tendenzen, die sich in der nationalliberalen Partei breit machen, und ihre Sehnsucht nach Links entspringt nicht aus der etwas schärferen politischen Tonart der freisinnigen Fraktionen, sondern aus dem rücksichtslosen Kriege, den diese Fraktionen dem Bunde der Landwirte machen. Nichts irriger deshalb, als anzunehmen, dass der Anschluss nach Links, den die „Nationalzeitung“ schüchtern befürwortet, dem politischen Liberalismus wieder auf die Strümpfe helfen könne oder solle, obgleich namentlich die Freisinnige Vereinigung, die ja hauptsächlich von dem Traumbilde der „großen liberalen Partei“ lebt, in dieser Aussicht schwelgt. Tatsächlich würden die Wünsche, die in der „Nationalzeitung“ laut werden, im Falle ihrer Erfüllung die liberalen Fraktionen des letzten politischen Idealismus entkleiden und sie zu einer blindwütenden Interessenvertretung des mobilen Kapitals machen.

Ob die „Nationalzeitung“ mit ihren Vorschlägen innerhalb der nationalliberalen Partei durchdringen wird, lässt sich vorläufig noch nicht übersehen. Die Großmogule der Partei haben sich nach dem erhebenden Vorbilde des Herrn Miquel viel zu tief mit dem Agrariertum eingelassen, als dass sie sich so ohne Weiteres von ihm losreißen könnten, und besonders auch Herr v. Bennigsen sträubt sich in seinem hannoverschen Leibblatte energisch gegen die Zumutungen des Berliner Parteiblattes. Ganz besonders auffallend ist, dass die „Rheinisch-Westfälische Zeitung“ fast am heftigsten innerhalb der nationalliberalen Partei in die agrarische Trompete stößt. Man sollte denken, dass die rheinisch-westfälischen Großindustriellen den geringsten Anlass hätten, den ostelbischen Junkern die Kastanien aus dem Feuer zu holen; und es ist deshalb nicht unwahrscheinlich, wenn neuerdings behauptet wird, hinter der „Rheinisch-Westfälischen Zeitung“ stände nur eine Minderzahl jener Großindustriellen; ihre überwiegende Mehrheit wünsche mit der „Nationalzeitung“ den Bruch mit der Interessenvertretung des Großgrundbesitzes, die Lösung jenes Bündnisses, das im Jahre 1878 das Signal zur reaktionären Wendung der deutschen Politik gab. Logisch wäre der Wunsch durchaus bei der gegenwärtigen Lage der Dinge, aber ob die nationalliberale Partei, auch nur von ihrem beschränktesten Interessenstandpunkt aus, überhaupt noch einer logischen Politik fähig ist, das ist eine andere Frage, mit deren Bejahung ein vorsichtiger Mann sich nicht übereilen wird.

Der konservativen Partei müsste es eigentlich zu hoher Genugtuung gereichen, dass die Vertreter der großkapitalistischen Interessen nicht mit ihr zu brechen wagen, trotz aller hochnäsigen Verachtung, womit sie in ihrer agrarischen Herzensnot diese Bundesgenossen behandelt. Aber unsere Junker sind sehr praktische Leute, und der Genuss, den feindlichen Brüdern auf der Nase spielen zu dürfen, tröstet sie keineswegs über die Tatsache, dass die großkapitalistische Entwicklung die Wurzeln ihrer Existenz eine nach der anderen zerstört. Was helfen ihnen alle sympathischen Verbeugungen, die der landwirtschaftliche Minister in seiner neuesten Denkschrift der „Not der Landwirtschaft“ macht, wenn er doch zu dem Resultat kommt, dass es mit den „großen Mitteln“ nichts sei? Das Wasser steigt den Junkern immer höher an die Kehle, und immer kläglicher klingt ihr Hilfsgeschrei. Hätten die vielen Tausende von Bauern, die sie selbst gelegt, die sie erbarmungslos ins Proletariat hinabgestoßen haben, ein ähnliches Geschrei angestimmt, was würden diese Junker dann für einen sittlich entrüsteten Spektakel über „anarchistische Ruhestörungen“ erhoben haben! Aber natürlich der Junker hat das Recht, das der Bauer nicht hat, zu schreien, zu schreien, zu schreien, obgleich er sich doch sagen sollte, dass sein Geschrei nur die tröstliche Tatsache beweist, dass es noch eine Nemesis in der Geschichte gibt.

Dazu baumelt der konservativen Partei der evangelische Sozialismus am Leibe, wie ein brandiges Glied, das sie zwar längst aus den Gelenken gelöst hat, aber schließlich doch nicht mit einem kräftigen Ruck abzustreifen wagt. Man mag über die Hammerstein und Stoecker denken, wie man will: das Eine hatten diese Leute vollkommen wohl begriffen, dass eine konservative Partei heutzutage nicht mehr möglich ist ohne eine für die Massen berechnete Agitation. Mit den feudalen Schlagworten lockt sie keinen Hund mehr vom Ofen, richtet sie am wenigsten etwas gegen den Kapitalismus aus, und irgend ein proletarischer Bettelsack muss schon geschwungen werden, wenn der junkerliche Geldsack gerettet werden soll. Es ist ja gewiss sehr ehrenwert, dass die konservative Partei die Hammerstein und Stoecker als Schwindler von sich ausstößt, aber es fragt sich, ob sie ohne den Schwindel, den diese Leute trieben, überhaupt noch leben kann. Undank ist der Welt Lohn, und wie setzt die Hammerstein und Stoecker, so hat die konservative Partei schon einmal den Wagener wegen seiner „Anrüchigkeit“ verstoßen, was im Übrigen nicht hinderte, dass die untadelhaften, aber dunklen Ehrenmänner, die auf Wagener folgten, so wenig um sich wussten, wie die untadelhaften, aber dunklen Ehrenmänner um sich wissen, die auf Hammerstein und Stoecker gefolgt sind.

Der evangelische Sozialismus seinerseits weiß auch nicht um sich, seitdem er von seiner feudalen Nährmutter zu neun Sechsteln vor die Tür gesetzt worden ist. Man munkelt jetzt viel von einer Partei des „nationalen Sozialismus“, die für den Monarchismus und Militarismus eintreten, aber daneben die „berechtigten Ansprüche“ des Proletariats befriedigen will. Es wird nachgerade langweilig, über dergleichen politische Monstrositäten überhaupt noch ein Wort zu verlieren. Leute, die endlich wünschen, dass von dem guten Willen der besitzenden Klassen nichts für das Proletariat zu erwarten ist, wollen dennoch den Arbeitern helfen, indem sie ihnen allerlei leckere Gerichte für die Zukunft versprechen, vorausgesetzt, dass die Arbeiter in erster Reihe die mächtigsten Organisationen der herrschenden Klassen erhalten. Es ist so, als wenn ein Arzt einem Schwindsüchtigen sagen wollte: Ich werde dir schon wieder dicke und rote Backen verschaffen, aber zuerst sorge dafür, dass die Tuberkeln in deiner Lunge nicht umkommen!

Die konservativen Blätter prophezeien, dass die deutschen Arbeiter den „nationalen Sozialismus“ abfallen lassen würden, und diese Prophezeiung wird sich allerdings erfüllen. Aber die konservative Partei hat ebenso wenig oder noch viel weniger ein Heilmittel, mit dem sie bei den Arbeitern nicht ebenso sehr oder noch viel mehr abfallen würde. Die gänzliche Erfolglosigkeit der Sozialisten hegen in den Herbsttagen der beiden Vorjahre hat darüber doch genügend klares Licht verbreitet.

Inzwischen wollen wir den Tag nicht vor dem Abend loben. Möglich, dass in diesen stillen Herbsttagen doch wieder über Nacht das Vaterland und alle heiligen Güter der Menschheit gerettet werden sollen. Ist doch dumpfe Ratlosigkeit nie sicher davor, durch Paroxysmen hilfloser Verzweiflung unterbrochen zu werden!


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