Franz Mehring: Doppelter Kummer

[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, II. Band, Nr. 52, S. 801-804]

f Berlin, 16. September 1896

So hat dieser Herbst noch nicht vorübergehen sollen, ohne noch eine unheimliche Dynamitverschwörung zu gebären, die den Philistern aller Länder das Gruseln beibringen soll. Die romantische Geschichte, deren fabelhafte Einzelheiten eben alle Blätter überschwemmen, trägt den Stempel des Lockspitzeltums an der Stirn; der einzige Zweifel ist nur, wem zu Ehren und zu Nutzen das internationale Räuberdrama in Szene gesetzt worden ist. Indessen da hierüber auch wohl „etwas mehr Licht“ verbreitet sein wird, ehe diese Zeilen zum Drucke gelangen, so würde es sich nicht lohnen, in dem heute noch herrschenden Dunkel hin und her zu tappen.

Der Eindruck, den die pompöse Ankündigung neuer Anarchisten– oder Fenierattentate auf Europa gemacht hat, ist wenig ermunternd für die geheimen Drahtzieher. Die Angstmeier aller Länder sind darin eigene Leute: sie wollen rotes Blut fließen sehen, ehe sie an die Ernsthaftigkeit von Attentaten glauben. Eine mehr als fünfzigjährige Praxis hat allmählich ihre zitternden Nerven etwas abgestumpft; ungläubiger Thomas, wie der Philister geworden ist, will er erst den Finger in die Wundenmale legen, ehe er denn glaubet. Nur die extremsten Ängsterlinge, wie hierzulande die Tante Voss, beben sofort los, wenn irgendwo eine Lockspitzelei aufflattert; die Ängsterlinge des durchschnittlichen Schlages sehen sich die Sache vorläufig ruhiger an, bis eben rotes Blut zu fließen beginnt. Dann freilich holen sie durch verdoppelte Paroxysmen nach, was sie vorläufig versäumt haben, und beweisen durch die gänzliche Preisgabe ihrer fünf Sinne, dass sie sich an patriotischem Opfermut von Niemandem übertreffen lassen. Der neueste Attentatsspektakel leidet an einem Mangel, den ein Wissender schon vor vierzig Jahren mit den Worten beklagt hat: „Die Polizeibeamten, aus Mangel an Stoff, lügen und übertreiben unverantwortlich. . . . Der unangenehmste Bundesgenosse unserer Gegner ist der wetteifernde Ehrgeiz unserer Polizeibeamten, Verschwörungen zu entdecken, und die Resultate dieser Bemühungen, sowie die beabsichtigten und verhinderten Verbrechen in einer Weise aufzuputzen, dass man den eingeschüchterten Gemütern im bengalischen Feuer eines ununterbrochenen Rettens der Krone und der Gesellschaft aus haarsträubenden Gefahren erscheint. . . . Die Geschicklichkeit, Agentenberichte für Tatsachen zu halten und diese aufschwellen zu lassen, wie Fausts Pudel hinter dem Ofen, ist unserer politischen Polizei im höchsten Grade eigen.“ Wer möchte an der intimen Wahrheit dieser Schilderung zweifeln, die der genialste Gesellschafts- und Staatsretter des Jahrhunderts, der biedere Bismarck, eigenhändig aus bekümmertem Herzen niedergeschrieben hat?

Einstweilen also lassen es unsere Philister an sich kommen und quengeln lieber um die heimische Misere, die nach ihrer nicht ganz unbegründeten Ansicht immer miserabler wird. Schließlich krümmt sich auch der getretene Wurm, und die Breslauer Kaisertage und was sich damit verknüpfte, haben trotz mancher bürgerlicher Schweifwedelei dennoch in bürgerlichen Kreisen eine arge Verstimmung hinterlassen. Alles ruhmredige Geplapper von den Deutschen, die Gott fürchten und sonst nichts auf der Welt, muss ja wie Rauch in den Schornstein gehen, wenn die offiziellen Kreise Deutschlands vor einem notorischen Todfeinde des Deutschen Reichs, wie dem Zaren, eine – sagen wir – Hochachtung bekunden, die den friedseligsten Weißbierstammtisch aufrührerisch und die republikanischen Kosaken an der Seine neidisch machen kann. Die „heiligsten Güter“ verlieren für den Spießbürger den letzten Schimmer ehrwürdiger Trivialität, wenn dasselbe Väterchen darauf sinnt, Deutschland über den Haufen zu rennen. Das sind Stimmungen und Verstimmungen, die politisch sehr wenig, symptomatisch aber immerhin etwas bedeuten. Wenn der getreueste patriotische Mob schon merkt, wie hohl die so lärmend einher schmetternde Herrlichkeit des offiziellen Patriotismus ist, dann beginnen sich die Zeiten zu erfüllen.

Inzwischen hat sich der Zickzackkurs zu einer für seine Verhältnisse ziemlich energischen Kundgebung gegen die „unverantwortlichen“ Berater der Krone aufgerafft, und noch dazu im „Reichsanzeiger“. Die Gedankenspäher und Geschichtenträger der bürgerlichen Presse sind aber der Meinung, die Geschichte bedeute nicht viel, und das glauben wir ihnen gern. Sie wissen zu erzählen, dass der Kaiser bei irgend einem militärische Anlasse erklärt habe, er werde sich sein unbestreitbares Recht nicht schmälern lassen, um Rat zu fragen, wen er wolle, und das glauben wir ihnen auch. Es ist immer die alte Geschichte, die genau auf dem alten Flecke bleibt, wenn die Parlamente nicht die Courage haben, sich die Macht zu erkämpfen, welche ihnen die Minister verantwortlich macht. So lange dieser Kampf nicht siegreich durchgefochten ist, wird es immer bei den „unverantwortlichen“ Beratern der Krone bleiben, mögen sie heute Hinz oder morgen Kunz heißen. Und die gründlichsten Beweisführungen, wie glückliche Zustände verantwortliche Ministerien über das Vaterland bringen müssten, bleiben in den Sand geschrieben, wenn die bürgerlichen Klassen höchstens in der Tasche die Fäuste ballen.

In diesen Tagen vollendet sich gerade ein Menschenalter, seitdem der deutsche Liberalismus auf den genialen Einfall verfallen ist, sich erbetteln und erschmeicheln zu wollen, was ihm bis dahin zu erkämpfen nicht gelungen war. Nichts ergötzlicher, als heute das Programm zu lesen, womit die nationalliberale Partei ins Leben trat. Als Grundlage des öffentlichen Lebens verlangte sie „das allgemeine gleiche direkte und geheime Wahlrecht“. Zwar erkannte sie an, dass dies Wahlrecht . auch seine Gefahren habe, aber man höre nur, welche Gefahren sie fürchtete: „Wir verhehlen uns nicht die Gefahren, welche es mit sich bringt, solange Pressefreiheit, Versammlungs- und Vereinsrecht polizeilich verkümmert sind, die Volksschule unter lähmenden Regulativen steht, die Wahlen bürokratischen Einwirkungen unterworfen sind, zumal da die Versagung der Diäten die Wählbarkeit beschränkt. Am Volke liegt es jetzt, für die Reinheit der Wahlen einzutreten; angestrengten Bemühungen wird es gelingen, seine Stimme wahrheitsgetreu zum Ausdrucke zu bringen, und dann wird das allgemeine Wahlrecht selbst das festeste Bollwerk der Freiheit sein, wird es die in die neuere Zeit hereinragenden Trümmer des ständischen Wesens wegräumen und die zugesicherte Gleichheit vor dem Gesetze endlich zur Wahrheit machen.“ Auf der politischen Höhe dieser Auffassung standen die übrigen Forderungen des ersten nationalliberalen Programms: Vervollständigung des Budgetrechts, damit der Volksvertretung der volle Einfluss auf die Staatsgeschäfte zufalle, Gesetze, welche eine wirksame Verantwortlichkeit für die Minister und alle Beamten herbeiführen, auf der juristischen Grundlage, dass Jedermann für seine Handlungen einzustehen habe, Ausdehnung der Geschworenengerichte auf alle politischen Strafsachen unter Aufhebung des Staatsgerichtshofes, Beseitigung der chronischen Kriegsbereitschaft, Herstellung eines wirklichen Militär-Friedensetats spätestens binnen dreier Jahre und andere vortreffliche Dinge mehr.

Natürlich graben wir das vergessene Aktenstick nicht aus, um die nationalliberale Partei in ihrer heutigen staatsmännischen Vervollkommnung zu verhöhnen. Das würde sich nicht der Mühe lohnen und zudem weiß jedes Kind, dass der Liberalismus von der Kehrseite ganz anders aussieht, als von der Schauseite. Es ist nur, um einen Gedenktag der vaterländischen Geschichte – und welcher vaterländischer Gedenktag könnte erhebender sein, als der Geburtstag der nationalliberalen Partei! – würdig zu feiern. Die Unterzeichner des Aufrufs, unter denen Herr v. Bennigsen an zweiter Stelle steht, meinten es gewiss ehrlich mit den Verheißungen, die sie dem Volke gaben; ihr einziger kleiner Irrtum bestand darin, zu glauben, dass all die schönen Sächelchen, die sie auf dem Präsentierteller vor sich einher trugen, nicht auf dem Wege des „Konflikts“ zu haben wären, dass sie nur dadurch erlangt werden könnten, dass der Liberalismus dem Absolutismus und Feudalismus dienstwillig die Schleppe trüge. Hätte er sich erst wahrhaft als treuer Knecht Fridolin erprobt, so meinte dieser Liberalismus, dann würden König- und Junkertum ihm schon all die Schätze aufbauen, nach denen ihm der Mund wässerte.

Was bei dieser genialen Diplomatie herausgekommen ist, braucht heute nicht weitläufig dargelegt zu werden. Die Fraktion Drehscheibe schlägt dem Programm, auf das sie ihren historischen Beruf gründete, rechts und links ins Gesicht oder richtiger: sie selbst wird von diesem Programm rechts und links ins Gesicht geschlagen. Was von ihr gilt, das gilt aber auch mehr oder weniger von dem deutschen Liberalismus überhaupt. Seine anderen Spielarten sind nur nicht immer mit der gleichen Vehemenz in die Knechtschaft gestürzt, aber den Krebsgang haben sie alle angetreten und gemeinsam ist ihnen die Scheu vor dem „offenen und rücksichtslosen Kampf mit dem Gegner, den sie besiegen müssen, wenn sie jemals den entscheidenden Einfluss auf die öffentlichen Angelegenheiten gewinnen wollen. Die Loyalität des Junkertums, die immer nur auftankt, wenn sein Wille geschieht, mag vom moralischen Standpunkt lächerlich sein, aber die Loyalität des Liberalismus, die auch noch waschecht sein will, wenn sein Wille nicht geschieht, ist jedenfalls, wie immer es um ihre Moral. stehen mag, vom politischen Standpunkt noch unendlich viel lächerlicher.

Dass sich der deutsche Liberalismus in diesem seinem Grundgebrechen noch einmal ändern wird, ist aus hundert Gründen sehr unwahrscheinlich. Es ist ein Erbfehler von seiner Mutter her, von der deutschen Bourgeoisie, die von Anfang an keine urwüchsige Kraft in ihren Lenden gehabt hat. Woher sollte jetzt auch noch die Möglichkeit einer Besserung kommen, da die Posten, die der Liberalismus zu besetzen versäumt hat, längst von besseren Leuten verteidigt werden, vor denen er noch viel größeres Grauen hat, als vor dem Absolutismus und Feudalismus? Nein, bessern wird er sich nicht, aber womit er sich noch ein Verdienst um seine Mitmenschen erwerben könnte, das wäre ein Verzicht auf das ewige Gegreine über die „unverantwortlichen“ Berater der Krone. Das Unverantwortliche an den „unverantwortlichen“ Ratgebern trifft nicht die Krone, die nur tut, was sie nicht lassen kann, sondern den Liberalismus, der nicht unmöglich gemacht hat, was unmöglich zu machen sein historischer Beruf gewesen wäre.

Am wenigsten haben die Massen des Volkes irgend ein Interesse daran, die tatsächlichen Zustände des Deutschen Reiches anders als in ihrer unverhüllten Nacktheit zu sehen. Ein wirklicher Konstitutionalismus, der den Schwerpunkt der politischen Macht in den Reichstag verlegte, könnte bei alledem ein historischer Fortschritt sein; wenn aber die Krone selbst den Scheinkonstitutionalismus verschmäht, so ist dagegen viel weniger einzuwenden, als gegen dem Scheinkonstitutionalismus selbst. Die offenen Spiele sind stets die stärksten für die Politik der Massen, und in dieser ganz richtigen Erkenntnis wurzelt nicht zuletzt der Kummer der liberalen Bourgeoisie über die „unverantwortlichen“ Ratgeber.

Wäre die „unverantwortliche“ Politik nicht zugleich ein trefflicher Minierer für den proletarischen Klassenkampf, so würde die liberale Bourgeoisie in ihres Nichts durchbohrendem Gefühl wenigstens zur Hälfte getröstet sein. Aber was ihr das Herz abdrückt, ist der doppelte Kummer, dass jeder raue Wind, der von oben gegen sie bläst, zugleich die Woge schwellt, welche sie von unten begräbt.


Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert