Karl Kautsky: Bauernagitation in Amerika

[Die Neue Zeit, XX. Jahrgang 1901-1902, II. Band, Heft 41, S. 453-463]

Die Vereinigten Staaten sind heute unstreitig das wichtigste und interessanteste der modernen Kulturländer. Nicht England, sondern Amerika zeigt uns unsere Zukunft, soweit ein Land sie dem anderen überhaupt zeigen kann, da ja jedes seine eigenartige Entwicklung hat. In Amerika macht der Kapitalismus seine gewaltigsten Fortschritte, herrscht er am unumschränktesten und rücksichtslosesten, verschärfen sich die Klassengegensätze am meisten. Und gleichzeitig wird die Tendenz zu dieser Verschärfung durch die zunehmende Konkurrenz von Amerika den anderen Industrieländern aufgedrängt oder vielmehr diese ohnehin überall vorhandene Tendenz durch den Druck der amerikanischen Konkurrenz verstärkt.

Musste man in der Mitte des vorigen Jahrhunderts England studieren, um die Tendenzen des modernen Kapitalismus zu begreifen, so muss man heute zu diesem Zwecke sein Wissen aus Amerika holen. Daneben kann man allerdings auch in Deutschland selbst über das Wesen der neuesten Phase des Kapitalismus schon mehr lernen als in England. In letzterem Lande ist es durch Traditionen am meisten verhüllt, in Amerika spielen Traditionen die geringste Rolle. Deutschland steht auch in dieser Beziehung wie in Bezug auf die Raschheit des ökonomischen Fortschritts in der Mitte zwischen diesen beiden großen Repräsentanten des kapitalistischen Regimes.

Die Zukunft, die uns Amerika weist, wäre freilich eine sehr schlimme, wenn sie nicht auch ein Erstarken der sozialistischen Bewegung zeigte. Nirgends sind alle Mittel der politischen Macht – Regierung, Volksvertretungen, Gerichte und Polizei, Presse, so sehr und so direkt von den großen Kapitalisten abhängig und so schamlos käuflich, wie in Amerika. Nirgends liegt es klarer zu Tage wie dort, dass ein sozialistisch denkendes Proletariat das einzige Mittel ist, die Nation zu retten, die noch rascher in vollständige Knechtung durch eine Handvoll Riesenkapitalisten versinkt, als diese es vermögen, dem Ausland ihr Joch aufzuerlegen.

Bisher waren die Erfolge der amerikanischen Sozialisten nicht sehr ermutigend, Es schien fast, als sollte im Rassencharakter des Angelsachsen etwas liegen, das ihn immun gegen das „sozialistische Gift“ macht. Und in gewissem Sinne ist das auch richtig, der Angelsachse ist eine eminent „praktische“ Natur; er zieht in der Wissenschaft die Induktion der Deduktion vor, geht Verallgemeinerungen möglichst aus dem Wege: er stellt sich in der Politik nur Aufgaben, deren Lösung sofortigen Erfolg verspricht, und zieht es vor, auftauchende Schwierigkeiten nur von Fall zu Fall zu überwinden, statt zu ihren Wurzeln vorzudringen. Es wäre eine interessante Aufgabe, zu untersuchen, ob und inwieweit dieser Charakter des Angelsachsen ein ererbter, inwieweit er ein erworbener ist. Mir scheint er zum großen Teile daher zu rühren, dass in England früher als anderswo die Bourgeoisie zur gesellschaftlich geltenden Klasse wurde, deren Denkart als Klasse der des englischen Charakters entspricht. Nirgends ist das Denken und Fühlen der Bourgeoisie so sehr zum Denken und Fühlen der Nation geworden, wie in England seit dem sechzehnten Jahrhundert. Dass wir es da mit einer sozialen, nicht mit einer natürlichen Erscheinung zu tun haben, darauf weist auch die Tatsache hin, dass die ganze angelsächsische Welt mit diesem praktischen Sinne eine Religiosität verbindet, die in der übrigen Kulturwelt ihresgleichen nicht findet. Man kann allerdings im Allgemeinen sagen, dass in protestantischen Ländern die Religiosität größer als in katholischen. Dazu trägt wohl viel die Aufhebung des Zölibats der Geistlichen bei. In den katholischen Ländern pflanzen sich diese legitim nicht fort, sie rekrutieren sich nur aus der übrigen Gesellschaft, heute aus ihren ökonomisch rückständigsten Klasse hören daher auf, im Geistesleben der Nation eine Rolle zu spielen. Die protestantischen Geistlichen dagegen erzeugen eine starke Nachkommenschaft, die in der bürgerlichen Intelligenz eine bedeutende Rolle spielt, Dank ihr sind nicht bloß die protestantischen Geistlichen im Allgemeinen gebildeter als die katholischen. Viele ihrer Söhne wenden sich den Wissenschaften zu und tragen in sie den im Vaterhaus erlangten religiösen Sinn hinein. In den katholischen Ländern sind Wissenschaft und Religion auch in den Personen ihrer Vertreter streng getrennt. Die protestantischen bringen es durch Personalunion zu einer gewissen Versöhnung von Religion und Wissenschaft, welche diese mitunter einengt, jener aber verlängerte Lebenskraft verleiht.

Dazu kommt jedoch in England noch der Umstand, dass dort die bürgerliche Revolution zu einer Zeit vor sich ging, als die Religion noch die alles beherrschende Denkform war. Auf dem Festland vollzog sich der Kampf zwischen den revolutionären und den reaktionären Schichten im achtzehnten und in den ersten zwei Dritteln des neunzehnten Jahrhunderts in der Form eines Kampfes der Aufklärung gegen die Religion. In England vollzog er sich im siebzehnten Jahrhundert in der Form des Kampfes einer religiösen Richtung gegen eine andere religiöse Richtung.

Die Auswanderer nahmen die eigentümliche angelsächsische Denkweise über den Ozean mit sich. Sie fanden drüben nichts, was sie hätte erschüttern können. Keine von Erwerbsarbeit befreite Klasse bildete sich drüben, die Künste und Wissenschaften um ihrer selbst willen hätte treiben können, wir finden nur Bauern und Bürger, deren Grundsatz der auch im Mutterland herrschende ist: Zeit ist Geld.

Das wurde auch der Grundsatz des Proletariats, das sich drüben entwickelte, schon deswegen, weil es sich nicht als Proletariat fühlte, weil der Proletarier seine soziale Stellung nur als Durchgangsstadium betrachtete, um Bauer, Kapitalist oder doch wenigstens Advokat zu werden, was viele Jahrzehnte lang nichts Unerhörtes war. Geld zu machen, um seiner Klasse entfliehen zu können, das war der den Proletarier beherrschende Gedanke.

Aber auch, als ein ständiges Proletariat erwuchs und in diesem neben eingewanderten Ausländern und N***rn auch eingeborene Angloamerikaner einen erheblichen Prozentsatz ausmachten, blieben diese „Realpolitiker“. Sie fingen wohl an zu begreifen, dass sie ihre eigene Politik machen müssten, aber als Realpolitiker verlangten sie natürlich, es müsse eine kurzsichtige Politik sein, die sich nur um das Morgen kümmert und die es für praktischer hält, einem bürgerlichen Schwindler nachzulaufen, der für morgen schon reale Erfolge verspricht, als sich einer Partei von Klassengenossen zuzuwenden, die ehrlich genug ist, zu gestehen, dass sie zunächst nur Kämpfe und Opfer in Aussicht zu stellen hat, und die es für töricht erklärt, sofort ernten zu wollen, nachdem man gesät.

Hatten aber einmal angloamerikanische Arbeiter sich in größeren Massen endlich zu der Einsicht durchgerungen, dass sie sich von den alten bürgerlichen Parteien emanzipieren müssten, dann war es wieder dieser unglückselige „praktische“ Sinn, der sie verführte, eine Partei auf eine praktische Einzelforderung hin zu gründen, irgendein Universalheilmittel, das sofort alle Schmerzen kurieren sollte, Währungsreform, Besteuerung der Grundrente und dergleichen. Hatte die Agitation nicht baldigst den gewünschten Erfolg, dann wurden die Massen schnell müde und gleichgültig und die Bewegung, die rasch emporgeschossen, brach über Nacht wieder zusammen. Nur die aus Deutschland stammenden Sozialdemokraten wussten unter den deutschen Arbeitern Amerikas eine ständige Bewegung in Fluss zu erhalten. Aber eine Emigrantenbewegung durfte nie erwarten, zu einem ernsthaften politischen Faktor im Lande zu werden. Und da die Auswanderung aus Deutschland gewaltig abnahm (die Zahl der nach den Vereinigten Staaten auswandernden Deutschen betrug 1881 noch 216.089, 1899 nur noch 19.016), die Deutschen in Amerika aber sich bald anglisieren, musste diese deutsche sozialistische Bewegung trotz der eifrigsten Propaganda nicht nur nicht vorwärts-, sondern von einem gewissen Zeitpunkt an sogar zurückgehen.

Ist also die deutsche sozialistische Bewegung in Amerika auf den Aussterbeetat gesetzt, so hat sie doch nicht umsonst gewirkt. Denn ihr ist es zu verdanken, wenn heute im angloamerikanischen Proletariat eine sozialistische Bewegung ersteht, die sich weitere Ziele setzt, theoretisches Verständnis des Klassenkampfes entwickelt und, auf dieser soliden Grundlage fußend, stetig und unaufhaltsam emporwächst.

Der Fortschritt ist kein so plötzlicher, wie der der vorherigen angloamerikanischen Bewegungen, zum Beispiel der Greenbackler und Kearnys kalifornischer Arbeiterpartei 1878/79, der Henry-George-Episode 1886/87, des Bellamysmus und Populismus anfangs der neunziger Jahre. Aber das dürfen wir für ein gutes Zeichen halten. Dem pilzähnlichen Wachstum folgte bisher stets auch rasche Auflösung.

Die neue angloamerikanische Sozialdemokratie ist noch kein Jahrzehnt alt. Sie entstammt der letzten Krisis; als ihre Geburtszeit kann man wohl die des großen Pullmanstreiks von 1894 annehmen, den Eugen Debs so glänzend führte. Wohl endete er mit einer Niederlage, aber einer höchst ehrenvollen, nach einem zähen Kampfe, in vent nichts unversucht geblieben, gegen eine erdrückende Übermacht, einem Kampfe, der die ganze Union aufs Tiefste erregt und erschüttert hatte, Seitdem haben sich Debs und seine angloamerikanischen Genossen, wesentlich unter dem Einfluss deutscher sozialistischer Elemente, zu klaren Sozialdemokraten entwickelt und ihr Einfluss auf die Arbeiterklasse des Landes wächst von Tag zu Tag.

Gerade zur Zeit, wo ich diese Zeilen schreibe, geht mir die amerikanische Parteipresse mit der Nachricht zu, dass die Kongresse der „Western Federation of Labor“, der „Western Federation of Miners“ und der „United Association of Hotel and Restaurant Employees“, drei Organisationen, die zusammen 150.000 Mitglieder zählen, in Denver, Colorado, das Programm der sozialistischen Partei von Amerika akzeptiert haben.

Nicht minder erfreulich wie der Aufschwung der sozialistischen Organisationen ist die Entwicklung einer angloamerikanischen sozialistischen Literatur. Zahlreiche Wochenblätter in englischer Sprache stehen der Partei zur Verfügung. Ein englisches tägliches Blatt wird in New York geplant. Außerdem verfügen unsere amerikanischen Genossen über ein illustriertes Familienblatt, „The Comrade“, das monatlich in New York, gut redigiere und in vortrefflicher Ausstattung erscheint (28 Lafayette Place), sowie über eine wissenschaftliche Zeitschrift, „The International Socialist Review“, monatlich in Chicago herausgegeben (56 Fifth Avenue), die sehr beachtenswerte Beiträge enthält.

Die neue angloamerikanische Bewegung beginnt aber auch schon, eine eigene wissenschaftliche Literatur zu entwickeln, die über das utopistische Stadium eines Bellamy und Laurence Gronlund hinaus ist und auf dem Boden des Klassenkampfes steht. Ein erfreulicher Anfang einer solchen ist das Büchlein über den amerikanischen Farmer von Simons, dem Redakteur der eben erwähnten „International Socialist Review“.*) Es ist charakteristisch, dass gerade in Bezug auf die Agrarfrage der neuere angloamerikanische Sozialismus zuerst sich auf eigene Füße zu stellen sucht. Die industriellen Verhältnisse sind bei allen Verschiedenheiten im Ganzen und Großen an der Hand der deutschen marxistischen Literatur zu begreifen. Hier genügen Übersetzungen. Dagegen sind die amerikanischen Agrarverhältnisse ganz eigenartig. Nicht zum Wenigsten eigenartig deswegen, weil die Vereinigten Staaten, die den höchstentwickelten großindustriellen Kapitalismus aufweisen, dabei doch ein ausgesprochenes Agrarland sind, das einen Überschuss von landwirtschaftlichen Produkten exportiert und dessen stärkste Bevölkerungsschicht immer noch die Bauernschaft ist. Jede angloamerikanische Arbeiterbewegung, die eine selbständige Parteibewegung sein wollte, hat daher bisher stets von Anfang an Anschluss an die Farmer gesucht und auch gefunden. So die Greenbackler in den siebziger, die Henry George-Leute in den achtziger, die Populisten in den neunziger Jahren. Die Stellung der Sozialdemokratie zur Bauernschaft gehört nun auch zu den wichtigsten Problemen, die den jüngsten sozialistischen Zweig der angloamerikanischen Arbeiterbewegung beschäftigen.

Besonders nach der beschreibenden Seite ist die Simonssche Schrift wohlgelungen, Kurz und doch anschaulich zeichnet er die Landwirtschaft in den verschiedenen Teilen der Union, deren Unterschiede noch größer sind als die der Landwirtschaft etwa in den verschiedenen Teilen Deutschlands. Sind doch klimatisch und historisch die Unterschiede viel gewaltiger. Das Deutsche Reich erstreckt sich über 9 Breitengrade – vom 47. bis zum 56. –, die amerikanische Union dagegen über 25, vom 24. bis zum 49. Im ganzen Deutschen Reiche herrscht germanisch-bäuerliche Kultur, entsprossen aus der Markgenossenschaft; in den Vereinigten Staaten finden wir daneben noch die Reste spanischer Latifundienwirtschaft, aufgepfropft auf indianische Barbarei, die der Plantagenwirtschaft, aufgebaut auf die Kaufsklaverei von N***rn, dann die vorübergehende Erscheinung der Bonanzafarmen, der Weizenfabriken, begründet auf Raubbau und Lohnarbeit. Endlich als neueste und meist versprechende Form der Landwirtschaft die Kultivierung der Wüste durch großartige Bewässerungsanstalten, Jedes dieser landwirtschaftlichen Systeme entwickelt eigenartige soziale Gestaltungen und Probleme.

An ihre Darstellung reiht Simons einige scharfsinnige Untersuchungen der Einwirkungen der industriellen Entwicklung auf die Landwirtschaft. Er zeigt, wie diese nicht stille steht, dass sich auch in ihr das Gesetz des zunehmenden Großbetriebs geltend macht, nur in anderer Form als in der Industrie. Die Entwicklung geht nämlich in der Landwirtschaft in der Weise vor sich, dass eine ihrer Funktionen nach der anderen von der modernen Technik ergriffen und dem Großbetrieb zugeführt wird. Damit hört aber diese Funktion auch auf, eine landwirtschaftliche zu sein, und wird eine industrielle.

Der Rest der Landwirtschaft, der noch nicht zur Industrie geworden, zeigt eine geringe innere Bewegung, er wird immer mehr abhängig von dem Transportwesen und der Großindustrie, die seine Produkte erst konsumfähig machen.

In ähnlicher Weise wie ich sieht also auch Simons in der fortschreitenden Industrialisierung der Landwirtschaft den ihr eigentümlichen Weg des ökonomischen Fortschritts.

Erkennt Simons auch an, dass der bäuerliche Betrieb in der reinen Landwirtschaft nicht mit raschem Verschwinden bedroht ist, so schwärmt er doch keineswegs für den kleinen Betrieb, für dessen Kraftverschwendung und technische Rückständigkeit er nicht blind ist.

Amerika ist das Land der landwirtschaftlichen Maschinen und doch wächst nicht, wie Simons hervorhebt, der Wert der Maschinerie, die der Farmer im Durchschnitt anwendet. Er zitiert einen Artikel aus dem Jahrbuch des landwirtschaftlichen Departements, dem zufolge der Durchschnittswert der Geräte und Maschinerien der Farmer 1870 111, 1880 101 und 1890 108 Dollars betrug. Simons sieht die Ursache dieses Stillstandes teils darin, dass die Farmer aus Armut oder wegen der Kleinheit ihrer Farmen viele der neueren Maschinerien nicht ausnutzen können, andererseits auch darin, dass eine Reihe landwirtschaftlicher Maschinen, namentlich die mit Dampf betriebenen, zu groß werden, als dass der einzelne Farmer sie allein besitzen und benützen könnte. Sie werden Eigentum von Kapitalisten, die sie den Bauern vermieten, wie das mit der Dampfdreschmaschine vielfach auch in Deutschland der Fall ist.

Daneben machen Hypothekenverschuldung und Pachtsystem Fortschritte. In der trockenen Zone endlich werden die Farmer immer abhängiger von den großen Gesellschaften, welche die Bewässerungsanlagen besitzen.

Das sind die Mittel, durch die das Eigentum des Farmers an den landwirtschaftlichen Produktionsmitteln immer mehr eingeengt wird, so dass diese sich immer mehr in den Händen kapitalistischer Ausbeuter konzentrieren. Die kleinen Farmen werden nicht durch Riesenbetriebe verdrängt, sie werden aber immer mehr bloße Anhängsel kapitalistischen Großbetriebs in den verschiedenen Formen. Die soziale Lage des Bauern wird immer ähnlicher der des Schwitzmeisters in der Industrie. Er ist noch kein Lohnarbeiter, hört aber immer mehr auf, ein selbständiger Produzent zu sein.

Sein Verhältnis zum Proletariat und zur Sozialdemokratie entspricht dieser Zwischenstellung. Es ist kein klares und eindeutiges, ist gar sehr von lokalen und zeitlichen Besonderheiten abhängig. Nichtsdestoweniger betont Simons auf das Entschiedenste die Notwendigkeit und die Möglichkeit, den Farmer im Allgemeinen für die Sozialdemokratie zu gewinnen.

Die Frage ist die schwierigste und meist umstrittene in unserer Partei. Die davon handelnden Partien seines Buches möchte ich auch nicht ohne einige Vorbehalte unterschreiben.

So weist Simons zum Beispiel darauf hin, dass die industriellen Arbeiter bloß 25 Prozent der Wahlberechtigten ausmachen, die Farmer 40 Prozent. Keine der beiden Schichten könne für sich allein die politische Macht erobern, sie müssten zusammengehen. Diese Argumentation wäre doch nur dann am Platze, wenn es sich darum handeln würde, morgen die politische Macht zu erobern. Daran denkt aber wohl auch Genosse Simons nicht. Heute handelt es sich in Amerika für uns nicht darum, die politische Macht zu erobern, sondern in der Bevölkerung Wurzel zu fassen, dazu bietet aber die industrielle Arbeiterschaft doch einen viel geeigneteren Boden als die Bauernschaft, Ländliche Propaganda treiben, wenn noch die Masse der städtischen Arbeiter dem Sozialismus fern steht, heißt mit großem Aufwand steinigen Boden in Kultur nehmen und gleichzeitig wegen Mangels an Kräften fruchtbaren Kulturboden unbebaut lassen.

Wie aber die Prozentverhältnisse der verschiedenen Klassen zu der Zeit sein werden, wenn die amerikanische Sozialdemokratie stark genug geworden ist, den Kampf um die politische Macht zu wagen, wissen wir nicht. In dem Simonsschen Buche selbst finden wir bemerkenswerte Zahlen, die zeigen, wie rasch die städtische Bevölkerung in den Vereinigten Staaten nicht bloß absolut, sondern auch relativ wächst, Man zählte dort:


Städtische BevölkerungLändliche BevölkerungVon 10.000 Einwohnern waren städtische
1820475.1359.138.687493
18502.897.58620.294.2901249
18708.071.87530.486.4962093
189018.284.38544.337.8652920

Das Verhältnis zwischen industrieller und landwirtschaftlicher Bevölkerung ändert sich aber noch sehr zu Gunsten der ersteren, wenn man die einzelnen Landesteile unterscheidet. Ich benütze zu dem Zwecke die Berufsstatistik von 1890, die mir gerade zur Hand [ist]. Nach dieser entfielen von den männlichen Erwerbstätigen im Alter von mehr als zehn Jahren auf die Landwirtschaft (Fischerei und Bergbau inbegriffen) 44,8 Prozent, dagegen auf die Industrie 21,59 Prozent, Handel und Verkehr 16,46, persönliche Dienste 14,31, freie Künste 3,36. Aber in den Staaten des Nordostens kamen auf die Landwirtschaft bloß 22,46 Prozent, dagegen auf die Industrie 35,31, Handel und Verkehr 21,67 Prozent. Diese beiden umfassen dort heute schon die Mehrheit der Bevölkerung. Den Gegensatz dazu bilden die Südstaaten. Dort überwiegt enorm die Landwirtschaft. Sie umfasst in den atlantischen Südstaaten 60,32 Prozent der männlichen Erwerbstätigen, während die Industrie dort nur über 13,35, Handel und Verkehr nur über 11,98 Prozent verfügen. Noch schlimmer ist es in den zentralen Südstaaten, wo auf die Landwirtschaft 63,05 Prozent, auf die Industrie bloß 9,08, auf Handel und Verkehr 10,24 Prozent entfallen. Die agrarischste Bevölkerung hat der Staat Mississippi, wo die Landwirtschaft 80,11 Prozent, die Industrie bloß schäbige 4,83 Prozent zählt. Das sind aber gerade jene Staaten, in denen Zwergwirtschaft, die einer Ergänzung durch den Lohn bedarf, Schuldsklaverei und Pachtsystem weit verbreitet sind. Von den 1.836.372 Farmen dieser Staaten waren 1890 706.343 verpachtet, 38 Prozent, in den Staaten des Nordostens nur 18 Prozent, in der gesamten Union 28 Prozent Darin wie in der allgemeinen Unkultur gleichen die Südstaaten dem Süden Italiens,. Während sich in den Staaten des Nordostens die Zahl der Analphabeten im Alter von mehr als zehn Jahren 1890 auf 6,21 Prozent belief, war sie in den atlantischen Südstaaten 40,29 Prozent, in den südlichen Zentralstaaten 39,54 Prozent. Dabei überwiegen in den Südstaaten unter den Erwerbstätigen die N***r, besonders in der Landwirtschaft. Es kamen dort 1890 auf 2.355.570 weiße in der Landwirtschaft Tätige 3.409.860 farbige.

Auch Genosse Simons wird keine großen Erwartungen auf die Bauernagitation in den Südstaaten setzen. Ihre landwirtschaftliche Bevölkerung ist die letzte, der man Verständnis und reguläre Teilnahme am Klassenkampf des industriellen Proletariats beibringen könnte. Wohl ist sie reif zu gewaltsamen Revolten der Verzweiflung, und wenn das Proletariat in dem industriellen Gebiet die politische Macht erobert, werden die gedrückten Bauern des Südens nicht widerstreben, sondern in ihrer Weise mittun. Aber eine ständige Parteiorganisation auf sie aufzubauen, erscheint mir unmöglich.

Bleiben die Farmer des nördlichen Zentrums und des Westens, Ihre Zahl ist allerdings nicht unbedeutend. Sie umfassen fast die Hälfte aller Farmen (1890 2.069.700 von im Ganzen 4.564.641). Die landwirtschaftliche Bevölkerung ist dort noch relativ sehr stark. Unter den männlichen Erwerbsfähigen über zehn Jahren betrugen die der Landwirtschaft in den nördlichen Staaten des Zentrums 47,42, in denen des äußersten Westens 36,38 Prozent. Dabei eröffnen aber gerade diese Staaten der sozialistischen Propaganda unter der nicht unbedeutende industriellen Bevölkerung (19,28 und 28,82 Prozent) sehr günstige Aussichten. Kraftvoll und selbstbewusst, ist sie nicht nur frei von der Barbarei, sondern auch am wenigsten erfasst von der Korruption des Ostens. So wie in Europa während der siebziger und achtziger Jahre nicht das ökonomisch am höchsten entwickelte England, sondern das in dieser Beziehung hinter ihm zurückstehende Deutschland die besten Bedingungen für die Entwicklung einer selbständigen Arbeiterpartei bot, so ist es vielleicht in Amerika den Staaten des Zentrums und des Westens vorbehalten, darin die des ökonomisch viel höher stehenden Ostens zu überflügeln. Für jene Gegenden aber wird es unerlässlich, sich mit den Farmern auseinanderzugehen Das heißt, mit jenen Mittel- und Großbauern, die vom Ertrag ihrer Wirtschaften leben. In den folgenden Ausführungen ist nur von dieser Art Bauern die Rede, die auch die große Mehrzahl der Farmer im Westen Amerikas bilden. Nicht von Zwergbauern und ländlichen Lohnarbeitern, noch auch von Großgrundbesitzern, die rein kapitalistisch wirtschaften. Diesen wie jenen gegenüber ist unsere Position klar. Strittig nur die gegenüber den eigentlichen Bauern.

Der Erfolg bei der Agitation unter ihnen hängt vor Allem davon ab, was man erreichen will. Will man die Farmer in Massen in die sozialdemokratische Partei hineinziehen, dann, fürchte ich, wird nichts Gutes dabei herauskommen.

Genosse Simons weist. wohl überzeugend nach, wie viel der Bauer durch den Sozialismus zu gewinnen habe, Seine Ausführungen über die Aussichten der amerikanischen Landwirtschaft sind höchst fesselnd und gehören zu den interessantesten Partien seines Buches. Sie wirken erfrischend nach der Kleinlichkeit der Ausblicke, an die man uns jetzt gewöhnen will. Aber so weit sind wir noch nicht, den Sozialismus durchzuführen, und namentlich der praktische Bauer wird sich für den Zukunftsstaat erst dann begeistern, wenn er Gegenwartsstaat geworden. Der Klassenkampf in der Gegenwart ist es, der die Parteien. bildet und zusammenhält. In diesem Kampfe haben aber die industriellen Arbeiter ganz andere Interessen als die Bauern.

Ein Genosse, der sich darauf zu verstehen glaubt, die Bauern zu packen, höhnte einmal unsere aus den Städten kommenden Agitatoren, die so dumm seien, wenn sie sich zu Bauern wenden, ihnen vom Aststundentag und ähnlichen Dingen zu erzählen. Damit mache man die Bauern bloß kopfscheu. Sehr richtig, aber damit traf der betreffende Genosse nicht die „dummen“ Agitatoren, sondern die ihm so liebgewordene Idee der Gewinnung der Bauern für die Partei. Es ist richtig, der Bauer hat für den Achtstundentag und den Arbeiterschutz nichts übrig. Er steht ihm nicht bloß verständnislos, sondern sogar feindselig gegenüber: Er muss sich vom frühen Morgengrauen bis in die sinkende Nacht – im Sommer mitunter sechzehn bis achtzehn Stunden lang – quälen, und die städtischen Arbeiter sollen nur acht Stunden lang viel leichtere Arbeit verrichten? Und wie soll er seine Arbeiter festhalten, wenn in den Städten die Löhne steigen und die Arbeitszeiten sinken?

Auch in Amerika macht sich dieser Gegensatz geltend. Bezeichnend ist ein Artikel im letzten Maiheft der „International Socialist Review“: „A Farmers Criticism of the Socialist Party“, von J. B. Webster, einem Farmer, der in der Populistenpartei eine hervorragende Rolle gespielt [hat]. Diese Partei hat rasch abgewirtschaftet, aber auch die alten Parteien, erklärt Webster, die der Republikaner und Demokraten, befriedigen immer weniger die arbeitenden Klassen in Stadt und Land, diese suchen nach einer neuen Partei. Bei dieser Stimmung der Gemüter könnte die Sozialdemokratie unter den Farmern wohl auf Erfolg rechnen, aber sie müsste ihren Charakter als Arbeiterpartei aufgeben.

Die Interessen der Lohnarbeiter seien nicht die der Farmer, Verkürzung der Arbeitsstunden und Erhöhung der Löhne sei sehr schön für den Lohnarbeiter, es bedeute aber Erhöhung der Produktionskosten für den Farmer.

Wer diesen gewinnen will, darf ihm also von Verkürzung der Arbeitszeit und Erhöhung der Löhne nicht sprechen. Man kann sich aber denken, wie zuverlässig Parteigenossen sein werden, die man nur dadurch gewinnt, dass man ihnen den Hauptinhalt unserer Gegenwartsarbeit verheimlicht.

Aber nicht nur in der besonderen Arbeiterpolitik, sondern auch in der allgemeinen Politik bestehen zwischen dem Proletarier und dem Mittel- und Großbauern Gegensätze, die es unmöglich machen, beide Klassen dauernd in einer Partei zu vereinigen.

Wohl stehen beide dem Kapital feindlich gegenüber; aber man kann es auf zwei sehr verschiedene Weisen bekämpfen, man kann es über sich selbst hinaustreiben oder es zurücktreiben wollen. Ersteres ist die proletarische, letzteres die kleinbürgerlich-bäuerliche Methode.

Wie sehr auch das Proletariat durch die kapitalistische Produktionsweise bedrängt wird; wo diese sich einmal eingebürgert hat, da ist im Allgemeinen seine Lage um so besser, je größer und technisch vollkommener der Betrieb, denn technisch rückständige kleine Betriebe können den Konkurrenzkampf nur führen auf Kosten ihrer Arbeiter. Der Großbetrieb, der die Grundlage der Emanzipation der Arbeiterklasse bilden wird, ist auch schon in der Gegenwart dort, wo er in Konkurrenz mit dem Kleinbetrieb tritt, die für sie günstigere Betriebsform. Der kleinbürgerliche Sozialismus, der dies nicht begreift, leitet frischweg die sozialdemokratische Vorliebe für den Großbetrieb aus dem Dogmenfanatismus ab, der sich verpflichtet fühlt, die Marxschen Dogmen unbesehen nachzubeten. Aber merkwürdiger Weise finden wir dieselbe Vorliebe unter den englischen Gewerkschaftern, denen gegenüber selbst der verbohrteste Revisionist sich nicht auf ihren marxistischen Dogmenfanatismus wird ausreden wollen (vergl. Webb, „Theorie und Praxis der englischen Gewerkschaften“, II, S,. 86 ff.).

Ihre Stellung in der Gegenwart wirkt auf ihre Haltung gegenüber der Entwicklung zur Zukunft zurück. Nur vom Fortschritt über das Gegebene hinaus erwarten die Lohnarbeiter ihre Befreiung. Sie sind fortschrittlich auch dort, wo sie kein eigenes Klassenbewusstsein entwickeln und über den Sozialismus nicht nachdenken, wie zum Beispiel in England Sie können politisch unwissend und indifferent sein und sich dadurch zu reaktionären Zwecken missbrauchen lassen, werden aber nie bewusst ein reaktionäres Ziel anstreben.

Anders die Bauern. Die ganze Entwicklung führt dahin, ihre Existenz zu untergraben. Sie beseitigt sie nicht, aber sie macht sie immer abhängiger vom Kapital. Sie haben von der ökonomischen Entwicklung nichts zu erwarten, vieles zu fürchten, sie stehen ihr daher misstrauisch, ja feindselig gegenüber und sind für eine reaktionäre Strömung leicht zu haben. Das gilt nicht bloß für Europa. Der amerikanische Farmer des Nordens ist intelligenter und weniger mit Traditionen belastet als der europäische Bauer; aber die amerikanischen Bauernorganisationen, die Grangers der siebziger Jahre wie später die Farmers Alliance zeigen eine verhängnisvolle Ähnlichkeit mit dem deutschen Bunde der Landwirte. Beide Organisationen scheiterten, nachdem sie einen mächtigen Aufschwung genommen. Die Ursachen davon resümiert Simons sehr richtig in dem Satze, „dass fast alles, was diese Organisationen anstrebten, im Gegensatz zur Richtung des sozialen Fortschritts war“ (S. 143). Das war aber nicht bloß ihrer Unwissenheit zuzuschreiben, sondern, und vornehmlich, der Richtung der Klasseninteressen, denen sie dienten.

Ein erneuter Versuch, größere Bauern und industrielle Arbeiter in einer Partei zu vereinigen, würde ebenso enden, wie die Greenbacklerei und der Populismus, oder, und das ist das Wahrscheinlichere, er wird von vornherein erfolglos bleiben.

Damit ist jedoch nicht gesagt, dass wir uns um den Bauern nicht zu kümmern brauchen Die Sozialdemokratie hat nicht bloß die Aufgabe, Parteigenossen anzuwerben, ihr Wirken hat alle gesellschaftlichen Fragen zu umfassen, sie hat zu allen gesellschaftlichen Klassen Stellung zu nehmen. Die agrarischen Fragen sind zu wichtig, als dass sie achtlos an ihnen vorbeigehen dürfte, bleibt doch die Landwirtschaft trotz aller technischen Umwälzungen die Grundlage unserer Existenz. Und die Bauernschaft ist eine zu mächtige gesellschaftliche Klasse, als dass uns ihre Gegnerschaft gleichgültig sein könnte. Wenn aber auch zwischen ihr und dem Proletariat Gegensätze bestehen, die es unmöglich machen, beide dauernd in einer wirksamen Parteiorganisation zu vereinigen, so haben beide doch auch vielerlei Berührungspunkte und gemeinsame Interessen gegenüber anderen Klassen, die ihr zeitweises Zusammengehen nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert machen. Und eine Reihe von Gegensätzen zwischen ihnen beruhen nur auf Vorurteilen und können durch Aufklärung überwunden werden. Nicht Parteigenossenschaft, aber größeres Verständnis für uns und zeitweise Bundesgenossenschaft, das kann unsere Aufklärungsarbeit unter den Bauern wohl erzielen. Und es können Situationen eintreten, in denen diese Bundesgenossenschaft vom größten praktischen Werte wird. Bauernagitation in diesem Sinne dort, wo die Umstände dafür günstig, ist nicht bloß nicht von der Hand zu weisen, sondern höchst wünschenswert, wenn sie nicht auf Kosten der Propaganda in der industriellen und ländlichen Lohnarbeiterschaft geschieht.

Für eine derartige Bauernagitation sind die Verhältnisse in Amerika noch günstiger als bei uns. Im industriellen Europa haben wir den großen Gegensatz zwischen den Konsumenten der Lebensmittel und Rohstoffe und den Bauern als deren Produzenten. Ob sie Getreide verkaufen oder Wein oder Butter oder Hopfen oder Vieh, macht hier keinen Unterschied; sie alle sind an hohen Preisen der Lebensmittel interessiert, die Proletarier an niederen Preisen. Dieser Gegensatz tritt heute bei uns aufs Schärfste hervor.

In Amerika ist er weniger merkbar. Der amerikanische Landwirt ist zum großen Teile auf den Export seiner Produkte angewiesen; die Preise, die er erzielt, werden nicht auf dem inneren Markte, sondern auf dem Weltmarkt festgesetzt. Andererseits haben Bauern wie Arbeiter heute in Amerika das gleiche Interesse am Freihandel. Der industrielle Schutzzoll erhöht dem exportierenden Bauern seine Produktionskosten; aber auch der industrielle Arbeiter hat vom Zoll nichts mehr zu erwarten. Die Industrie bedarf des Schutzes nicht mehr, er fördert bloß die gefährlichsten Gegner des Proletariats, die Kartelle und Trust. In Europa ist die Zollpolitik von Bauern und Arbeitern eine gegensätzliche, in Amerika verfolgen Bauern und weiter sehende sozialdemokratische Arbeiter die gleiche Zollpolitik.

Ist der Gegensatz zwischen dem Bauern als Produzenten und dem Arbeiter als Konsumenten in Amerika schwächer als bei uns, so haben beide einen gemeinsamen Gegensatz, der in Deutschland fehlt: die Eisenbahnen. Hier sind die Eisenbahnen überwiegend Staatsbahnen, in Amerika dagegen Privatbahnen und eines der mächtigsten Mittel, wodurch die großen Kapitalisten die Bauern ausbeuten. Die Herren der Eisenbahnen, das sind aber dieselben Leute, die den Bergarbeitern und Eisenarbeitern, den wichtigsten Arbeiterkategorien, entgegen treten. Die Verstaatlichung der Eisenbahnen ist also eine Forderung, die im Interesse beider Klassen liegt. Allerdings eine Forderung, deren Erreichung sehr gefährlich werden könnte, wenn sie nicht Hand in Hand ginge mit einer gründlichen Reform der Staats- und Unionsverwaltung. Solange in dieser die bisherige Korruption herrscht und jeder staatliche Posten eine Beute der jeweilig siegreichen Partei wird, womit sie einen Anhänger belohnt, heißt jede Vermehrung der staatlichen Einnahmen und der staatlichen Posten eine Vergrößerung des Korruptionsfonds, mit dem die siegreiche Partei ihre Wähler bezahlt.

Aber auch in der Frage der Verwaltungsreform haben Bauern und Arbeiter die gleichen Interessen.

Endlich ist der Gegensatz zwischen den beiden Klassen in Amerika deshalb weniger groß, weil die Lohnarbeit drüben in der Landwirtschaft eine geringere Rolle spielt Im Deutschen Reiche zählte man 1895 unter den in der Landwirtschaft Erwerbstätigen 2.202.227 Selbständige und 5.528.708 Lohnarbeiter. In Amerika war 1890 das Verhältnis fast das umgekehrte. Auf 5.281.557 Farmer und andere selbständige Landwirte wurden nur 3.004.061 Landarbeiter (agricultural laborers) gezählt. Daneben allerdings noch 1.913.373 Tagelöhner (laborers), von denen manche zu den Landarbeitern zu rechnen wären. Immerhin überwiegt die Zahl der selbständigen Landwirte, am meisten im Westen. In den nördlichen Zentralstaaten zum Beispiel (für die des äußersten Westens habe ich die Berechnung nicht angestellt) kommen: auf 2.284.625 Farmer um 778.026 Landarbeiter. Beträgt die Zahl der Farmer in der Union 64 Prozent der Summe von Farmern und Landarbeitern, so steigt sie in den nördlichen Zentralstaaten auf 76 Prozent, Selbst wenn man alle Tagelöhner den Landarbeitern zuzählen wollte, was übertrieben wäre, betrüge die Zahl der Farmer dort 61 Prozent, in der ganzen Union 53 Prozent, im Deutschen Reiche dagegen bloß 32 Prozent (samt den Angestellten).

Angesichts dieser Tatsachen darf man wohl annehmen, dass in großen Gebieten Amerikas die Verhältnisse einem zeitweiligen Zusammengehen von Bauern und. Arbeitern günstiger sind als in den meisten Gegenden Deutschlands. Eine Bauernagitation, die bloß darauf ausgeht, die Bauern uns günstig zu stimmen und zu veranlassen, uns als das kleinere Übel gegenüber den kapitalistischen Parteien anzusehen, darf da auf günstige Resultate rechnen. Dagegen hielte ich es auch in Amerika für verfehlt und höchst gefährlich, wollte man die kurzlebigen Versuche der Greenbackler, Singletaxer und Populisten wiederholen, Bauern und Arbeiter in einer Partei zusammenschweißen und Programm und Taktik: unserer Partei diesem Zwecke entsprechend abändern. So nützlich die erstere Methode, so schädlich die zweite.

Simons spricht es nicht deutlich aus, ob er die erste oder die zweite Art der Bauernagitation befürwortet. Indessen brauchen wir nicht zu befürchten, dass es diesmal eine Neuauflage der zweiten Art gibt, J. L. Webster hat in seinem schon erwähnten Artikel mit Recht auf die enge Verbindung der Sozialdemokratie mit der gewerkschaftlichen Bewegung als eines der wichtigsten Hindernisse hingewiesen, das dem Anschluss der Farmer an unsere Partei entgegensteht. Dieses Hindernis dürfte aber nicht geringer werden, sondern vielmehr stetig wachsen, je mehr die Gedanken des Sozialismus unter den amerikanischen Gewerkschaftern Eingang finden. Nicht bloß die Nurgewerkschaftlerei hat ihre Gefahren, sondern auch nicht minder die Nurparteipolitik. Es können nicht nur Gewerkschaften durch die Partei, sondern auch diese durch jene vor manchen Abwegen bewahrt werden. Dass der Sozialismus unter den Gewerkschaftern Amerikas erstarkt, das bietet uns die beste Gewähr, dass Gewerkschaften wie Sozialdemokratie da drüben den richtigen Weg wandeln werden.

Wir dürfen daher in dem Buche von Simons nicht den Anfang einer Verbauerung der amerikanischen Sozialdemokratie erblicken, sondern nur den Anfang zu dem Bestreben, zwei Klassen zu besserem gegenseitigen Verständnis zu bringen, die vielfach. aufeinander angewiesen sind und einander doch sehr wenig kennen. Dieser Aufgabe wird das Buch in höchst anerkennenswerter Weise gerecht. Es wird manchen Bauern veranlassen, wenn auch nicht Sozialdemokrat zu werden, so doch der Sozialdemokratie ohne Fanatismus gegenüberzustehen. Es wird aber vor Allem in Parteikreisen über das Wesen und die Tendenzen der amerikanischen Landwirtschaft und über die agrarischen Aufgaben der Sozialdemokratie aufklärend wirken.

*) The American Farmer, by A. M. Simons, Chicago, Charles H. Kerr & Co.


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