Clara Zetkin und Ottilie Gerndt: An die Genossinnen

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 19, 16. September 1896, S. 145 f.]

Genossinnen! Am 11. Oktober tritt in Gotha der Parteitag der deutschen Sozialdemokratie zusammen. Ihr wisst, von welcher Wichtigkeit für Eure Gegenwarts- und Zukunftsinteressen jeder Kongress der einzigen Partei ist, welche nicht nur die Geschlechtssklaverei der Frau beseitigen will, sondern auch die Klassensklaverei des Proletariats, mit deren Aufhebung allein Euch volles, freies Menschentum winkt.

Aber der bevorstehende Parteitag der Sozialdemokratie ist von besonderer Bedeutung für Euch. Auf seiner Tagesordnung steht die Frage der Frauenagitation. Zum ersten Male werden die Vertreter der Sozialdemokratie auf einem Kongress die so äußerst wichtige Frage eingehend beraten: nach welchen Gesichtspunkten und mit welchen Mitteln ist zu agitiere, damit die breiten Massen der proletarischen Frauen für die Idee des Sozialismus gewonnen, damit sie aus einer hemmenden zu einer treibenden Kraft des proletarischen Klassenkampfes werden?

Genossinnen, die gründliche, klare Erörterung und Beantwortung der Frage ist nicht nur von hervorragendem Interesse für Euch alle, die Ihr seit Jahren als Kämpferinnen in Reih und Glied der klassenbewussten Arbeiterbewegung steht und unermüdlich, ungeschreckt durch des Klassenstaats Nücken und Tücken werbend und organisierend in weiten Kreisen Eurer Klassengenossinnen wirkt. Sie ist von ebenso hervorragendem Interesse für die sozialdemokratische Partei, ja für die gesamte deutsche Arbeiterklasse. Die wachsende Ausdehnung der Frauenarbeit macht die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen zur brennenden Notwendigkeit, und der immer weiter ausholende, schärfer und tiefer werdende politische Klassenkampf verlangt gebieterisch die Einbeziehung der Proletarierinnen, der Mütter zukünftiger Kämpfer, in das Heer der proletarischen Streiter für eine neue Zeit.

Aber für Erörterung und Beantwortung der aufgerollten Frage ist es nicht bloß nützlich, sondern nötig, dass eine möglichst große Anzahl weiblicher Delegieren dem Parteitage beiwohnt. Die Genossinnen, die seit Jahren ihre Kräfte der Agitation widmen oder innerhalb der Organisationen tätig sind, sie, welche innige Fühlung weiten Frauenkreisen besitzen und über reichen Schatz von persönlichen Erfahrungen gebieten, müssen Gelegenheit haben, ihre Ansichten und Ratschläge darzulegen und zu vertreten.

Genossinnen, tut deshalb allerorten, wo die Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung gestattet, sofort die nötigen Schritte, um die Entsendung weiblicher Delegierten zu sichern. Wir sind überzeugt, das angesichts der Tagesordnung des Kongresses und richtiger Würdigung der Interessen und der Pflicht der Sozialdemokratie der Frauenfrage gegenüber Euren diesbezüglichen Bemühungen die ernste Unterstützung der Genossen zuteil wird. Wohl hat der Parteitag zu Frankfurt a. M. den Genossinnen das Recht eingeräumt, besonderen öffentlichen Frauenversammlungen Delegierte zu den sozialdemokratischen Kongressen zu wählen. Aber wir sind der Ansicht, das die Genossinnen von diesem Recht nur in ausnahmsweisen Fällen Gebrauch machen sollen, nur dann, wenn die reaktionäre Praxis reaktionärer Vereins- und Versammlungsgesetze das Hand-in-Hand-gehen zwischen Genossinnen und Genossen vereitelt, oder wenn eine besondere lokale Verhältnisse die Verständigung zwischen beiden schlechterdings ausschließen. Ebenso hoffen wir, dass die Genossen nicht aus kleinlichen Rücksichten die Genossinnen von den allgemeinen Delegiertenwahlen ausschließen und auf eigene Versammlungen verweisen. So nachdrücklich wir indes die Wahl von weiblichen Delegieren durch Genossen und Genossinnen zusammen befürworten, so eindringlich fordern auch die Genossinnen auf, dort, wo eine solche Wahl nicht zu erzielen ist, mit aller Energie für die Entsendung einer Delegierten durch öffentliche Frauenversammlung zu wirken.

Genossinnen! Weder die aufzuwendende Mühe noch die zu bringenden Opfer dürfen Euch von Beschickung des diesjährigen Parteitags zurückhalten. Wir legen Euch ferner nahe, in Parteiversammlungen, öffentlichen Versammlungen und der Presse Stellung zu der Frage der Frauenagitation zu nehmen. Die Delegieren – ganz gleich, ob Männer, ob Frauen – die Euch Gotha vertreten, müssen über Eure Meinungen, Wünsche, Vorschläge im Klaren sein. Kurz, sorgt in jeder Weise dafür, das die Stimmen Derer laut werden, welche zu der Frage erster Linie gehört werden müssen. Sorgt dafür, das Ihr von den Ergebnissen des Gothaer Parteitages mit Stolz sagen könnt: sie sind auch unser Werk!

Genossinnen! An die Arbeit! Beweist, das Ihr das Recht zu gebrauchen versteht, welches Deutschland von allen politischen Parteien allein die Sozialdemokratie den Frauen einräumt! Beweist, dass Ihr der Aufgabe bewusst seid, welche Euch, als Angehörigen des Proletariats, die Geschichte stellt: Eure Befreiung zu erringen nicht Kampfe von Geschlecht zu Geschlecht, sondern Kampfe von Klasse zu Klasse! Rüstet Euch zum Parteitage, vereint mit Euren Brüdern der Fron und der Armut zu marschieren und vereint ihnen den gemeinsamen Feind, den Kapitalismus, zu schlagen! Ans Werk!

Mit sozialdemokratischem Gruß

Ottilie Gerndt, Vertrauensperson, Berlin

Clara Zetkin, Redakteurin der „Gleichheit“, Stuttgart.

Die Arbeiterpresse wird um Abdruck gebeten


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