[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 19, 16. September 1896, S. 146 f.]
Durch die Zeitalter und Länder hindurch klingt das hohe Lied der Mutterliebe, uralt und ewig neu. Es rauscht in Sagen und Märchen; in Dichtungen und Gesängen hallt es wieder, und auf Blatt und Blatt der Geschichte sind einzelne seiner Verse geschrieben, hier in schlichten, dort in gewaltigen Zeichen. Aber das mächtige Gefühl der Mutterliebe, so eins und gleich es in seinem Wesen ist, es muss sich den verschiedenen geschichtlichen Bedingungen in verschiedenen Formen äußern, neue Aufgaben erwachsen ihm in neuen Zeiten, andere Pflichtleistungen legt ihm jede Gegenwart auf. Denn – wer zählt die Frauenherzen, welche sich gegen die Erkenntnis wund gerungen – nicht Wunsch und Wille der Mutter allein sind es, die von außen her das Wachstum und Aufblühen der Menschenknospe bestimmen. Neben der betreuenden, opferfreudigen Mutterliebe und über ihr stehen die allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse und sprechen für die Entwicklung des Kindes ein entscheidendes Wort, oft das entscheidende Wort.
Zur Kämpferin gegen die heutige Gesellschaftsordnung muss deshalb jede proletarische Mutter werden. Denn wes[sen] ist sie Zeuge?
Mit fühllos eherner Faust greifen die durch die Klassenspaltung zwischen Reich und Arm beherrschten gesellschaftlichen Zustände in die Entwicklung der Jugend ein. Sie stecken den Boden ab, auf dem die Menschenpflanze empor sprosst und über seine Fruchtbarkeit entscheiden sie; Regen und Sonnenschein spendet sie im blinden Walten, und Frost und Hitze; mit eisigen Hagelschauern knicken sie schüchtern Vorwärtsrankendes, und im rasenden Sturm schmettern sie trotzig empor Reckendes zur Erde; aber an geschützter Stelle lassen sie kraft- und duftloses Gewächs üppig empor wuchern Was die Gunst der Verhältnisse an äußeren Entwicklungsmöglichkeiten zu gewähren vermag, das bietet sie lächelnd den Kindern Derer, so an der Festtafel des Lebens sitzen. Aber soziale Ungunst auf soziale Ungunst türmt sich zum meist unübersteigbaren Hindernis auf, an dem die harmonische, glückliche Entfaltung der Kinder der Armut scheitert.
Schlägt das Geschick nicht schon vor der Geburt sie zu Tausenden und Tausenden mit Schwäche und Siechtum, weil sie die Nachkommen von Eltern sind, welche die Kraft ihrer Muskeln und Nerven in übermäßigem Roboten bei karger Kost in des Kapitals Dienste zu Grunde richten mussten? Hier entreißt die Not dem Kinde die blühende Mutter und zwingt sie, mit ihrer Lebenskraft den fremden Säugling zu nähren, derweilen ihr eigen Fleisch und Blut vielleicht in die Hände der Engelmacherin gerät. Dort lassen Entbehrungen, harte Mühen, bittere Sorgen die Mutterbrust versiechen, und da ist es die Fron der Mutter fern vom Hause, welche das proletarische Kleine zu Kindermehl, Opiaten und Lutschbeutelchen verurteilt. Fabrik und Werkstatt, Feld- und Heimarbeit legen zu Nutz und Frommen des Kapitals Beschlag auf Zeit und Kraft der Mutter, und die erschreckenden Zahlen über die hohe Sterblichkeit der Proletarierkinder und das Anschwellen der jugendlichen Verbrecher quittieren über die körperliche und geistig-sittliche Vernachlässigung der proletarischen Jugend. Fehlt es der Proletarierin vielleicht an Mutterliebe, um getreulicher ihr Kind zu behüten, um es gegen jede Gefahr des Leibes und der Seele zu schirmen? Mitnichten Unter ihrer Kattunbluse klopft das Mutterherz mindestens so zärtlich und bewegt wie unter der Seidenrobe der Dame, welche ihre Mutterpflichten auf Mietlinge abwälzt. Aber im proletarischen Heim mangelt es an Brot: die Frau darf nicht in erster Linie Mutter bleiben, sie muss erwerbende Arbeiterin werden, und nur die vom Kapital gelassenen Brosamen ihrer Kraft fallen dem Kinde zu.
Gewiss nicht jeder Proletarierin fällt das Los [zu], Kinderpflege und Kindererziehung dem Broterwerb opfern zu müssen. Aber welche von den verhältnismäßig Glücklichen ist sicher, dass sie nicht morgen schon durch veränderte Verhältnisse auf dem Waren- und Arbeitsmarkt in das Gehenna Derer gestoßen wird, die mit den Gedanken sehnsüchtig von der Arbeit zu den Lieblingen wandern, welche die Mutter entbehren? Und wie wenig entsprechen die Verhältnisse auch in der sogenannten guten Proletarierfamilie den Voraussetzungen für eine volle, schöne, freie Entwicklung der Kinder. Freudig und stolz entdeckt die Mutter die keimenden Talente der Kleinen. In ihrem Herzen sprossen blütenreiche Hoffnungen empor. Das Kind soll lernen, im Sonnenschein des Lebens soll es sich seinen Platz erkämpfen und wirken. Was die Mutter vergeblich erstrebt, der Sohn, die Tochter müssen es erreichen, was in ihr verkümmert und verwelkt, in den Kindern wird es herrlich aufleben und empor blühen Aber die Ausbildung der Talente, die Schulung der Fähigkeiten, sie kostet Geld, viel Geld. Die Proletarierfamilie ist arm. Im Schatten der Armut verkümmern die reichen Gaben! Ade ihr Träume des Mutterherzens!
Als Proletarier frondeten die Eltern, als Proletarier müssen die Kinder fronden. Ihre Besitzlosigkeit schmiedet sie als lebendige Anhängsel der toten Maschine in den wirtschaftlichen Mechanismus, welcher der Kapitalistenklasse goldene Früchte in den Schoß wirft. Und als Lohnsklaven und Lohnsklavinnen erfahren die proletarischen Kinder, kaum das sie herangewachsen, alle Leiden, welche heute der Arbeiterklasse Erbteil sind. Wie die Eltern, so säen sie, ohne zu ernten; sie bauen Häuser und wohnen in Spelunken; sie weben Samt und Seide und haben oft kaum um die Blöße zu decken; sie schaffen die Vorbedingungen aller Kultur und vegetiere abseits von der Kultur im sozialen Dunkel.
Heute noch so, aber nicht immer. Laut tost der Kampf, welcher die Gegenwartssklaven in Zukunftsfreie verwandelt. Und in diesem Kampfe sollte die proletarische Mutter teilnahmslos, tatenlos beiseite stehen? Unmöglich. Die Mutterliebe lässt in ihrem Herzen das sehnsüchtige Wünschen für das Glück, für die Freiheit der Kinder in lohender Kampfesbegeisterung aufflammen. Glück und Freiheit, sie will es den Kleinen erringen. Sie ist es mit der sagenhaften Gertrud Stauffacher müde geworden, Bettler zu säugen und Knechte und Mägde groß zu ziehen. Sie will Mutter sein eines freien, eines stolzen, eines glücklichen Geschlechts. Und von der Mutterliebe geführt, gestählt, tritt sie in Reih und Glied Derer, welche die Klassenherrschaft des Besitzes zu brechen entschlossen sind.
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