Clara Zetkin: Paul und Laura Lafargue

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 22. Jahrgang Nr. 6, 11. Dezember 1911, S. 83-85]

„Gesund an Leib und Geist gab ich mir den Tod, bevor das unerbittliche Greisenalter einen Teil des Vergnügens und der Freude des Daseins nimmt und mich der physischen und geistigen Kraft beraubt, meine Energie lähmt, meine Sinne bricht und mich zur Last für mich selbst und die anderen macht. Seit Jahren habe ich mir das Versprechen gegeben, das siebzigste Lebensjahr nicht zu überschreiten. Ich habe die Jahreszeit für meinen Abschied aus dem Leben längst bestimmt und die Ausführung meines Entschlusses vorbereitet, nämlich eine Einspritzung von Zyankali.

Ich sterbe mit höchster Freude, die mir die Gewissheit bereitet, dass die Sache, der ich 45 Jahre meines Lebens gewidmet habe, in nicht allzu ferner Zukunft triumphieren wird. Es lebe der Kommunismus, es lebe der Internationale Sozialismus!

(Paul Lafargues Abschiedsbrief an seine Freunde.)

In Draveil bei Paris sind Paul und Laura Lafargue freiwillig aus dem Leben geschieden. Mit Paul Lafargue hat die sozialistische Internationale einen ihrer verdienstvollsten und markantesten Vorkämpfer verloren, mit Laura Lafargue eine ihrer treuesten und bescheidensten Dienerinnen.

Paul Lafargue war am 15. Januar 1842 als Sohn französischer Eltern auf der Insel Kuba geboren. Er selbst erwähnte gern, dass durch die Mutter seines Vaters – eine Mulattin – N***rblut in seine Adern gekommen sei, dem er seine außergewöhnliche Frische und Zähigkeit verdanke. Und sein Freund und Meister Engels schalt gutmütig über Lafargues „verdammten eigensinnigen N***rschädel“, wenn die beiden gelegentlich über grundsätzliche und taktische Fragen aneinandergerieten. Nach dem Dictionnaire du Socialisme soll Lafargues Mutter aus der Ehe eines Juden mit einer Indianerin stammen.

Als Sohn wohlhabender Eltern kam der Knabe mit neun Jahren nach Frankreich und wurde in den Lyzeen zu Bordeaux und Toulouse für das Hochschulstudium vorbereitet. An der Universität zu Paris wollte er sich als Mediziner den Doktorhut holen, aber es kam anders. Der junge Student stand bald mitten im Lager des republikanisch-sozialistischen Kampfes gegen das Kaiserreich des dritten Napoleon. Wie wäre es anders möglich gewesen? In Lafargues lebhaftem, reichem Geiste war die klassische Kultur nicht zur trockenen Schulmeisterweisheit verstaubt, als lebendig wirkende Kraft hatte sie ihn mit gesundem Hass gegen das Cäsarentum und glühender Begeisterung für die Republik erfüllt. Das Studium der französischen Geschichte und Literatur, ein Herz, das mit dem Volke empfand, ein hoher Gerechtigkeitssinn öffneten ihm das Verständnis für die sozialistischen Ideen, die ihm durch Studenten und Arbeiter nahegebracht wurden. Die Erkenntnis reifte rasch zur Tat. Lafargue ward Mitglied der Internationalen Arbeiterassoziation, gehörte zu den Organisatoren des Studentenkongresses in Lüttich 1866 und nahm an einer Demonstration gegen Napoleon III. teilt Die Strafe für sein „umstürzlerisches Treiben“ blieb nicht aus. Er wurde von allen französischen Universitäten relegiert und ging nach London, um dort das Studium der Medizin zu vollenden. Dieser Aufenthalt hat zweifellos dazu beigetragen, dass Lafargues revolutionäre Gesinnung nicht wie bei so vielen seiner Freunde eine Episode idealer „Jugendeselei“ geblieben ist, dass sie vielmehr zur Weltanschauung reifte, die der Mann bis zur letzten Minute in unverbrüchlicher Treue betätigt hat. Der junge Mediziner wurde wegen seiner Kenntnis des Spanischen in der Internationale zum Sekretär für Spanien gewählt. Es dauerte nicht lange, so hatte diese Tätigkeit seine persönlichen Beziehungen zu Marx auf das Festeste verknüpft, dem er schon von Frankreich aus nähergetreten war. Es war ein gewaltiger Eindruck, den er von dem Geist und Wissen wie von dem Charakter des Mannes erhielt, und er ist so nachhaltig geblieben, dass ihn der Wandel der Zeiten nie zu schwächen vermocht hat. Unter Marx’ Einfluss vertiefte sich Lafargue in das Studium der sozialen Wissenschaften, der unklar schwärmende Utopist machte sich die Ideengänge des wissenschaftlichen Sozialismus zu eigen. Eine herzliche Freundschaft verband allmählich Lehrer und Schüler, die sich noch vertiefte, als dieser der Gatte von Marx’ zweiter Tochter Laura wurde.

Der Deutsch-Französische Krieg und die Ereignisse, die in seinem Gefolge heraufzogen, fanden Lafargue bereit, als Bekenner des revolutionären Sozialismus im Geiste der Internationale tätig zu sein. Seine Tatenfreudigkeit erhielt ein festes Ziel, als ihm die Kommune von Paris den Auftrag erteilte, für eine mit ihr sympathisierende Bewegung im südlichen Frankreich zu wirken. Lafargue befand sich damals in Bordeaux bei seinen Eltern und ging mit Feuereifer an das anvertraute Werk. Das scheiterte an der Rückständigkeit der wirtschaftlichen Verhältnisse und dem instinktiven Hass, in dem sich alle Schichten des Bürgertums gegen die Kommune zusammenschlossen, als der Verkörperung politischer Macht des Proletariats. Lafargue musste schließlich froh sein, als er unter Abenteuern und Gefahren über die spanische Grenze entkam. In der neuen Heimat warf er sich sofort in den Strom der sozialistischen oder richtiger wohl der sozialrevolutionären Bewegung, die damals hohe Wogen trieb. Jedoch auch hier musste er erfolglos gegen die Flut schwimmen. Gerade in Spanien hatte der Anarchismus Bakunins rasch zahlreiche Anhänger geworben, er war es und nicht der wissenschaftliche Sozialismus, der die meisten Geister der Arbeiter beherrschte, soweit sie zu erwachen begannen. Vergeblich mühte sich Lafargue mit unserem alten Kämpfer Pablo Iglesias und wenigen Gesinnungsgenossen, die steigende anarchistische Sturzwelle zurückzudämmen. Sie überflutete die spanische Sektion der Internationale und riss sie auseinander. Als Lafargue sich überzeugt hatte, dass er mit eifrigster Arbeit die Entwicklung nicht in andere Bahnen zwingen konnte, ging er nach London. Hier lebte er, bis 1882 die Amnestie der Kommunekämpfer auch ihm die Grenzen des Vaterlandes wieder öffnete.

In allen diesen Jahren lernte das junge Paar des Lebens Nöte reichlich und täglich kennen. Die harten Notwendigkeiten des Kampfes im Süden ließen keinen Raum für eine gesicherte Häuslichkeit, sie hetzten Lafargue unstet und flüchtig hin und her, hielten die Gatten oft und lange voneinander fern und trugen Unruhe, Sorgen, Entbehrungen in ihre Existenz. Der Schwere jener Zeit fielen ihre beiden Kinder im zarten Alter zum Opfer; ihr Verlust schlug den Eltern Wunden, die sich nie ganz geschlossen haben, denn Paul und Laura Lafargue waren die „geborenen Eltern“ und Kinderfreunde. Frau Lafargue gehörte nicht zu denen, die ihr Herz leicht auf die Lippen heben, und ihrem hohen Sinne war das Leiden um der Überzeugung willen selbstverständlich. Aber noch nach Jahren feuchteten sich ihre Augen und ihre Stimme bebte, wenn sie von ihren kleinen Mädchen sprach. Auf Lafargue wirkte das Sterben der Kleinen so stark, dass er an der medizinischen Wissenschaft verzweifelte und sich nicht mehr zur Praxis des Arztes entschließen konnte. Mittels kleiner literarischer Gelegenheitsarbeiten und als Holzschneider schlug er sich in London kümmerlich durch, und Laura suchte durch Stundengeben und Übersetzungen die Löcher im Haushaltsbudget zu stopfen. Das gelang durchaus nicht immer, denn beide zogen die magere Freiheit der fetten Sklaverei einer alltäglichen Berufsfron vor. Höher als die äußeren Annehmlichkeiten des Lebens stand ihnen die Bewegungsfreiheit, Geist und Charakter weiterzubilden und dem sozialistischen Ideal zu dienen, wo immer sich Gelegenheit dazu bot. So war die Londoner Zeit eine Fortsetzung des Emigrantenelends, in dem Marxens Tochter aufgewachsen war, und wie ihre Mutter, die hochgesinnte Jenny von Westphalen, hat es Laura Lafargue in revolutionärer Begeisterung mit Stolz und Anmut getragen. Dem späteren Wirken Lafargues sind die Jahre des Exils zu reichem Gewinn geworden. In innigstem persönlichem Verkehr mit Marx und Engels weitete sich sein Wissen und sein Blick, klärte und vertiefte sich seine sozialistische Erkenntnis. So war er wohl vorbereitet, den wissenschaftlichen Sozialismus unter die französischen Arbeiter zu tragen und die Rüstkammer der sozialistischen Theorien füllen zu helfen.

Begierig griff er nach der Gelegenheit dazu, sobald das französische Proletariat die Niederlage der Kommune zu überwinden begann und Zeichen erwachenden bewussten Klassenlebens gab. Er trat in Beziehungen zu JuIes Guesde, der seit Mitte der Siebziger Jahre in Paris mit der begeisterten Hingabe eines Apostels für die Ausbreitung des Sozialismus wirkte. Mit ihm zusammen – der zu dem Zwecke nach London kam – arbeitete er 1880 unter Mitwirkung von Marx das Programm der französischen Arbeiterpartei aus, jenes glorreiche Banner, um das bald die heißesten Kämpfe entbrannten, in denen es um die RevoIutionierung der proletarischen Geister in Frankreich ging. Von da an datierte zwischen Lafargue und Guesde eine Ideen- und Waffenbrüderschaft, die trotz aller inneren Entwicklung der beiden und der Partei erst der Tod gelöst hat.

Lafargues Mitarbeit an den kleinen Publikationen, welche den Überlebseln der alten utopistischen Auffassungen die Lehren des modernen wissenschaftlichen Sozialismus entgegenstellten, war gleichsam das Präludium der leidenschaftlichen Parteitätigkeit, der er sich nach seiner Rückkehr in die Heimat widmete. Als Schriftsteller, Lehrer und Agitator nahm er den Kampf gegen die Konfusion der alten und neuen sozialistischen Schulen und Sektchen auf. Das französische Proletariat in reinlicher Scheidung der Theorie und Taktik von der bürgerlichen Demokratie und ihren sozialistelnden Ausläufern zu trennen; es geeint, zielklar und fest geschlossen in einer Partei auf den Boden des Klassenkampfes zu stellen: das war das Ziel, dem er sich mit ebenso reichem Talent als edler Leidenschaft widmete. Lange Jahre hat er sich für dieses Ziel restlos und selbstlos eingesetzt, und wenn heute in Frankreich die geeinte Sozialistische Partei in gleichem Schritt und Tritt mit der Internationale marschiert, so fällt zusammen mit Jules Guesde Paul Lafargue das größte Verdienst daran zu.

Um diesem Verdienst gerecht zu werden, muss man das Milieu kennen, in dem Lafargue als Sämann des modernen Sozialismus unter die proletarischen Massen trat. Abgesehen von all den Umständen, welche heute noch die Entwicklung klaren Klassenbewusstseins, den Aufbau einer starken Organisation im französischen Proletariat erschweren, wagte dieses anfangs der achtziger Jahre noch kaum, an seine Kraft zu glauben, und der bürgerliche Radikalismus und sozialrevolutionäre Quacksalberei täuschten seinen Sinn. Auf die Hoffnung, heute zwei Schritte in seiner Schulung vorwärts gekommen zu sein, folgte gewöhnlich morgen schon die Enttäuschung eines Schrittes nach rückwärts in die alten Irrungen und Wirrungen. Lafargue musste die verrücktesten Entstellungen seiner Ideen abwehren, er wurde als Schwiegersohn von Karl Marx persönlich mit den schmutzigsten Verleumdungen begeifert, mehr noch als von den bürgerlichen Gegnern von Brousse und seinem Anhang, der von Bakunins Anarchismus zum zahmsten kleinbürgerlichen Opportunismus hinübergewechselt war. Das wertvollste Mittel zur Erziehung der Massen fehlte: ein tägliches Blatt. Die Wochenblätter, die unter den größten persönlichen Opfern gegründet und erhalten wurden, erfassten nur winzige Kreise. Die Arbeit im Dienste der Partei musste selbstverständlich unentgeltlich geschehen. Die sozialistischen Wochenblätter kannten weder besoldete Redakteure noch bezahlte Mitarbeiter, und was das kleine Häuflein der tätigen Genossen irgend erübrigen konnte, das ging darauf, um Druck- und Verwaltungskosten zu decken. Es bleibt Lafargues unsterblicher Ruhm, dass er unter diesen Schwierigkeiten unverzagt und ungebeugt ruhig seine Wege weiter gegangen ist, ohne um der leichteren Erfolge willen mit Halbheiten zu paktieren.

Das Schwergewicht seiner Tätigkeit hat nicht in der Agitation gelegen und auch nicht in dem Parlament, dem er von 1891 bis 1893 angehörte, und nach dessen Ehren ihm nicht verlangte. Sein eigentliches Wirkungsfeld war die Publizistik. Außer zahllosen Artikeln, wie der Tag sie forderte, hat er eine Reihe von satirischen Streitschriften verfasst, die ihn den besten Pamphletisten zugesellen. Gerade in der Satire konnte Lafargue die glänzenden Eigenschaften seines Geistes frei entfalten: die Schärfe des Blickes für den heuchlerischen Schein und die verlogene Phrase, eine übermütig sprudelnde Fantasie, ätzenden Witz und seine Empfindung für die schöne Form. Hier war er jeder Zoll der geistreiche Franzose, der der gegnerischen Torheit oder Gemeinheit mit sicherer Meisterschaft das geschmeidige, funkelnde Florett zwischen die Rippen stößt. Der schneidige Kämpfer war zugleich ein ernster Forscher. Lafargue ging nicht in der Arbeit auf, das Gold des historischen Materialismus in die kleinen Münzen umzuprägen, deren das Tagesleben der Partei bedarf. In geduldigem Studium strebte er danach, die Theorie des Sozialismus zu bereichern und zu klären. Seine Beiträge zur Geschichte der Urzeit, der Entwicklung der Moralbegriffe, der französischen Revolution und viele andere noch – von denen wohl die meisten auch in der „Neuen Zeit“ erschienen – sind ebenso beachtenswert wie seine literarischen Studien über Zola, Victor Hugo usw. Wenn sie auch nicht immer den Gegenstand erschöpfen, weil die Probleme zu gradlinig und ohne ihre vielfach verschlungenen Verästelungen geschaut sind; wenn gelegentlich in ihnen der Hang zum Paradoxalen triumphiert, der von Lafargues geistiger Eigenart untrennbar ist, so haben sie doch stets gefesselt und oft Wertvolleres gegeben als eine lederne Wahrheit: die Anregung zu selbständigem Nachdenken und Forschen. Es sind Beiträge solcher Art, die Lafargue zu einem Lehrer des internationalen Proletariats erhoben haben.

Laura und Paul Lafargue waren durch seltene Harmonie verbunden. Laura stand an innerem Reichtum nicht hinter ihrem Gatten zurück, und was den tiefsten Inhalt seines Lebens ausmachte, das gab auch dem ihren Richtung und Ziel. Ihre bedeutenden Sprachkenntnisse, ihre große Belesenheit und wissenschaftliche Bildung, ihr kunstverständiger Sinn ermöglichten es ihr, Lafargue wichtige Hilfsarbeit zu leisten und waren ihm eine unversiegliche Quelle der Anregung und Selbstverständigung. Besonders wertvoll war es, dass Laura ihm die Kenntnis der deutschen sozialistischen Bewegung vermittelte, ihn mit deutscher Wissenschaft und Literatur vertraut machte. Selbständiges hat Frau Lafargue dadurch geleistet, dass sie deutsche Gedichte – so von Heine – ins Englische übersetzte und Marx’ „Kritik der politischen Ökonomie“ trotz der großen Schwierigkeit der Aufgabe meisterhaft ins Französische übertrug. Ungenannt hat sie gar manchen kleinen Artikel und manche Notiz für die sozialistischen Parteiblätter der ersten Zeit geschrieben, meist über die Bewegung außerhalb Frankreichs. Rührend war die Unermüdlichkeit, mit der sie in den achtziger Jahren Monate hindurch von Zeitungskiosk zu Zeitungskiosk ging, um durch Nachfrage nach dem Parteiorgan „Le Socialiste“ dessen Verbreitung zu fördern. Wie manchen ersparten Franc verausgabte sie, um das Blatt „en gros“ anzukaufen und dann unter die Arbeiter des äußeren „Quartier Latin“ zu verteilen. Aber ach! diese Kleinarbeit blieb so erfolglos wie das Bemühen, mit Hilfe einiger Freundinnen durch Unterrichtskurse die Proletarierinnen der Partei zuzuführen. In ihrer festen Zuversicht auf den Sieg des Sozialismus ist Laura Lafargue durch die kleinen persönlichen Misserfolge nicht erschüttert worden, ebenso wenig in ihrer Überzeugung, dass auch die Frauen diesen Sieg mit erkämpfen müssen, als Vorbedingung ihrer eigenen Befreiung. Mit Freude verfolgte sie das Aufblühen der sozialistischen Frauenbewegung im Ausland, ganz besonders in Deutschland; die ersten Jahrgänge der „Gleichheit“ enthalten einige Artikel von ihr. Im Gegensatz zu ihrer Schwester Eleanor Aveling lag das Hinaustreten in die Öffentlichkeit, die starke Willensbekundung nicht in ihrer Natur, im Stillen aber hat sie mit der gleichen Hingebung und Treue wie diese für den Sozialismus gewirkt.

Paul und Laura Lafargue waren vollsaftige Menschen, deren Eigenart der Sozialismus nur schärfer ausgeprägt hatte. Denn er war ihnen mehr als eine graue ökonomisch-historische Doktrin: der grüne Lebensbaum einer einheitlichen Weltanschauung voll duftender Blüten, mit denen sie sich freudig das Haupt bekränzten. Früh hatten sie sich zu jener abgeklärten Lebensweisheit durchgerungen, welche die besten Zeiten der Antike ausgezeichnet hat und deren Grundlage das Bewusstsein vom der Einheit und dem ewigen Flusse alles Seins ist. Nicht demütige Zerknirschung, stolze Ruhe strömte ihnen aus der Erkenntnis zu, dass auch sie nur Atome seien in dem unerschöpflichen, grenzenlosen All, Atome, die die Welle hebt und verschlingt. So werteten sie ihr Leben nicht nach vorgefassten Schablonen, sondern noch dem, wie sie selbst es mit schöpferischer Hand zu formen verstanden. Und wenn auch ihnen dabei nicht alle Blütenträume reiften, so trugen sie das in der frohen Zuversicht, dass „viele Geschlechter sich dauernd an ihres Daseins unendliche Kette reihen“ und dass ihr ewiger Strom doch im Lande der Sehnsucht mündet. Die Stubengelehrsamkeit in Schlafrock und Pantoffeln lag ihnen ebenso fern wie das sich bewundernde Ästhetentum; dürre Pedanterie lockte sie so wenig wie verzückte Askese. Die bunte Welt mit ihren Höhen und Tiefen, ihren Schmerzen und Wonnen, ihren Schönheiten und Hässlichkeiten war ihnen ein unerschöpflicher Born des Genusses. Eine gesunde Freude am Leben erfüllte sie, und wenn sie dessen gute Dinge zu schätzen wussten, so trugen sie nicht minder seinen „Unverstand“ mit der Heiterkeit von Weisen. Sie waren beide Lebenskünstler im edelsten Sinne des Wortes.

Aus dieser ihrer Lebenskunst ist ihnen der Wille und die Freudigkeit zum gemeinsamen freiwilligen Tod erwachsen. Nicht als eine drückende Bürde oder ein verächtliches Gut haben sie das Leben von sich geworfen. Sie löschten es aus, weil sie wussten, dass seine Flammen so hoch und hell gebrannt hatten, dass nun sein trübes, qualmiges Schwelen folgen durfte. Das Beste, was sie gewesen, hatten sie gegeben, das Schönste, was sie genießen konnten, hatte sie erfreut. Sie konnten ihr Lebenswerk und ihre Lebensfreude nicht dadurch verringern, dass sie zu dem Weniger grauer Alltäglichkeit herabstiegen, indem sie sich selbst überlebten. Sollen wir im Angesicht dieser Toten über die Leistungen jammern, die unseres Freundes rüstiges Alter der Partei vielleicht noch verheißen hätte? Ein Mann von der Vergangenheit und dem Wesen Lafargues durfte in dieser Gewissensfrage wohl sein eigener Richter sein. Der kleinen persönlichen Eitelkeit mag als Wertmesser der eigenen Bedeutung das Lob der anderen genügen; der große reine Ehrgeiz der Selbstlosen trägt die Maße dafür in Gestalt seiner Ideale in der eigenen Brust. Ziemt es sich, am Grabe dieser Tapferen über „die erschütternde Tragik“ ihres Sterbens zu klagen? Lassen wir doch endlich die Toten ihre Toten begraben, und haben wir den Mut zur Umwertung eines Wertes, den uns zweitausendjährige Knechtung des Geistes durch den kirchlichen Spiritualismus in die Seele gehämmert hat. Schenken wir unser Bedauern den Greisen, die der Tod endlich auf dem Krankenpfühl würgt, nachdem durch langsame Auflösung alles in ihnen erstorben ist, was ihr wahres Leben war. Verstehen wir die Stolzen, die in sittlicher Freiheit und Kraft zu sterben wissen, ehe dass Leib und Seele verfällt. Paul und Laura Lafargue sind in unerschütterlicher Überzeugung von dem Siege des Sozialismus von uns gegangen, sich selbst treu bis zum letzten. Sie haben in Schönheit gelebt, sie sind in Schönheit gestorben, ohne Pose, einfach und schlicht. Die Frommen mögen sie schelten, die Kleinmütigen sie bedauern, wir neigen uns in Freundschaft vor ihnen als vor Starken und Freien.


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