[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 22. Jahrgang Nr. 5, 27. November 1911, S. 67]
Außerhalb der eigentlichen Bühne, auf der das Missgeschick deutscher Staatskunst zur Verhandlung stand, gab im Reichstag Seine Kaiserliche Hoheit der Kronprinz ein mehr possenhaftes als erfolgreiches Gastspiel. Bereits in noch jugendlicherem Alter hatte sich der Kronprinz einmal seinem Volke bemerkbar gemacht, als er die Sozialdemokraten „Elende“ nannte. Doch ist der Mensch ein Erzeugnis seiner Umgebung, und man schelte ein Kind nicht zu heftig, aus dem der Geist seines Vaterhauses allzu laut spricht. Seit er erwachsener ist, sind die Sorgen des Kronprinzen hauptsächlich dem Sport* zugewandt. So hat, wenn wir nicht irren, der Schlitten des hohen Herrn bei Wettbewerben in ausländischen Erholungs- und Vergnügungsorten mehrfach Preise für seine große Geschwindigkeit erhalten. Vor einiger Zeit reiste der Kronprinz zur See nach Asien und landete in Indien, wo er eifrig jagte und Tennis spielte. Doch brach er diese Vergnügungsreise ab, als in der Mandschurei die Pest ausbrach. Die Furcht vor der Seuche hat ihr Gutes gehabt. Nicht nur, weil sie uns das Leben des Kronprinzen erhielt, vielmehr auch, weil sie diesen davor bewahrte, in allzu enge Freundschaft mit der chinesischen Kaiserfamilie zu treten, deren Thron jetzt durch den Bürgerkrieg erschüttert ist. So blieb der Kronprinz von dem Missgeschick seines Vaters verschont. Dieser war der beste Freund desjenigen türkischen Sultans geworden, den die Engländer den „großen Mörder“ nannten, und musste später der Freund eben der „Umstürzler“ werden, die diesen Monarchen absetzten.
Das Auftreten des Kronprinzen im Reichstag hat sich folgendermaßen abgespielt. Reichen Beifall spendete er den Worten derer, die zum Kriege gegen das Ausland hetzten, namentlich aber beklatschte er lebhaft die scharfe Verurteilung der Politik, die der Ausfluss der Weisheit seines Vaters ist, des Instrumentes des Himmels. Ursprünglich hatte der Kronprinz die Absicht, den gesamten Verhandlungen des Reichstags über die Marokko-Kongo-Angelegenheit anzuwohnen. Leider ist er aber schon am zweiten Tage der Verhandlungen nicht mehr im Reichstagsgebäude erschienen.
Der Kronprinz, der sich wohl noch nicht so in Reden äußern darf wie sein Vater, hat mit seinen Beifallsbezeugungen dem Volte seinen Kriegsmut kundtun wollen. Nun, wir sehen den Mut auf dem Schlachtfeld nicht als den höchsten Mut an. Napoleon I. floh nicht seine pestkranken Soldaten in Syrien, sondern er trat an ihr Krankenlager und reichte ihnen ruhig die Hand, und das zu einer Zeit, da man von der Ansteckungsgefährlichkeit der Pest weit übertriebenere Vorstellungen hatte als im Frühjahr 1911. Den Mut, den er hierbei bewies, werten wir höher als alle Kühnheit, die er bei Massenschlächtereien zeigte. Doch der Vater des Kronprinzen hat einmal Napoleon als „Parvenü“, als Emporkömmling bezeichnet. Und ein Emporkömmling mag wohl jederzeit sein Leben einsetzen, ein geborener Prinz aber ist verpflichtet, sein Leben für sein Volk zu erhalten. Das Erscheinen und Benehmen des Kronprinzen im Reichstag ist viel besprochen worden. Es fand den lauten Beifall „völkisch“ gesinnter Kreise. Was einst der Vater mit den Worten von der „gepanzerten Faust“ und den „Hunnen“ verheißen hatte, war ihnen durch Chinafeldzug und Vernichtung der Herero noch nicht genügend wahr gemacht. Nun soll ihnen der Sohn die Erfüllung ihrer blutigen Träume bringen. Doch hat das Auftreten des Kronprinzen auch manch herbes Wort des Tadels erfahren. Man hat sich darüber erregt, dass der junge Fürst in der Volksvertretung ein Betragen zur Schau trug, das für jeden anderen Zuhörer eine Rüge des Präsidenten, wenn nicht die Ausweisung aus dem Saale zur Folge gehabt hätte. Andere haben es dem Kronprinzen zum Vorwurf gemacht, dass er sich von den Junkern als blindes Werkzeug ihres Unmuts gegen den Reichskanzler missbrauchen ließ. Wir können uns diesen Tadlern nicht anschließen. Wenn wir bedenken, welche Dummheiten selbst reife Leute im öffentlichen Leben begehen, so werden wir die ersten lächerlichen Schritte eines Neulings auf dem politischen Tanzboden nicht so hart beurteilen. Wir kämpfen ja gerade dafür, dich ein jeder Mensch seine ererbten und erworbenen Fähigkeiten voll ausüben kann, und als Demokraten vertreten wir den Grundsatz, ein jeder, auch ein Prinz, hat das gleiche Recht, sich bloßzustellen, so gut er nur kann. Ferner sind wir von jeher für die Beteiligung weitester Volksschichten an den Arbeiten des Parlaments gewesen. Auch wären wir die letzten, die der politischen Betätigung Jugendlicher wehren möchten. Wir bedauern nur, auf Grund der guten Erfahrungen, die wir bei unserer Aufklärungsarbeit mit den Reden des Vaters gemacht haben, dass der Sohn bis jetzt nur mit den Händen und noch nicht mit der Zunge für uns arbeiten kann.
kz
* Sport (englisch) Spiel, vorzugsweise eine solche Belustigung, die im Freien vor sich geht und mit Körperübung verbunden ist.
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