Clara Zetkin: Zum Parteitag in Mannheim

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 16. Jahrgang Nr. 19, 19. September 1901, S. 127 f.]

Wer mit ganzer Seele das Leben der Sozialdemokratie mit lebt, ihre Entwicklung und ihr Wirken in ihrer Bedeutung für den proletarischen Emanzipationskampf wertet, der wird mit ernster Spannung dem bevorstehenden Parteitag zu Mannheim entgegensehen. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er an Wichtigkeit einen durchschnittlichen tüchtigen Geschäftsparteitag weit übertreffen. Dafür spricht nicht bloß die Tagesordnung, darauf lassen die Diskussionen in der Presse und in den Organisationen schließen. Dem Pulsschlag gleich künden sie eine Steigerung, ein rascheres, kräftigeres Tempo des geistigen Lebens in der Partei. Ein stark empfundenes dreifaches Bedürfnis tritt darin zutage: das Bedürfnis nach Klärung und Vertiefung der theoretischen Erkenntnis; nach engerer Fühlung zwischen gewerkschaftlicher und politischer Bewegung; nach quantitativ und qualitativ gesteigerter Aktion auf der ganzen Linie. Im festen inneren Zusammenhang erwachsen die entsprechenden Forderungen auf dem Boden der Situation, die für das deutsche Proletariat geschaffen wird durch die Verschärfung des Klassenkampfes in der Heimat, wie durch die weltgeschichtlichen Ereignisse in Russland, deren Wellenschlag auch bei uns die beherrschten und die herrschenden Klassen stärker erschüttert, als in jedem Augenblick sofort plastisch in Erscheinung tritt. Sie werden daher bei den Beratungen über alle Punkte der Tagesordnung wieder und wieder als Leitmotiv erklingen.

Wie dringend not die weitere Erörterung der Frage des politischen Massenstreiks tut, das haben die Kritiken erwiesen, welche an dem Verhalten des Parteivorstandes und eines Teils unserer Presse zu dem Wahlrechtskampf in Preußen und Sachsen geübt worden sind; das bestätigen nicht minder die Anregungen in Anträgen und Parteiorganen, der Parteitag möge für bestimmte Eventualitäten den politischen Massenstreik beschließen. Es bekundet sich darin unseres Erachtens nach zwei Seiten hin eine Unklarheit der Auffassung. Zunächst eine ungenügende Würdigung der geschichtlichen Umstände, unter denen das deutsche Proletariat seine Wahlrechtskämpfe führt, zumal seinen Kampf gegen das preußische Dreiklassenwahlrecht. Dann aber ein mangelhaftes Verständnis vom Wesen des Massenstreiks selbst. Wie die Dinge in Deutschland gelagert sind, erscheinen uns die bloßen Demonstrations- oder Warnungsstreiks als aussichtslos. Hier kann für das Proletariat als Kampfesmittel nur der Pressionsstreik in Frage kommen, der in kühnem Ansturm durch Stillsetzung des wirtschaftlichen Lebens und Desorganisation der Staatsgewalt sein Ziel zu erreichen sucht. In Deutschland jedoch hat sich der Klassenkampf bereits zu einer Höhe entwickelt, hat das Proletariat einen Grad der Kraft und Reife erlangt, dass jeder Kampf um eine tiefer furchende Reform weit über das gesteckte Augenblicksziel hinauswächst und zu einem Kampfe um die politische Macht zwischen den ausbeutenden und den ausgebeuteten Klassen wird.

Das trifft besonders auf den Wahlrechtskampf in Preußen zu. Das Dreiklassenwahlrecht ist nicht bloß die Zwing- und Raubburg des Junkertums, es ist schon längst zur Schutzfeste der Bourgeoisie geworden. Bei der Bedeutung Preußens in Deutschland aber würde die Erringung des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts in diesem Bundesstaat den letzten Akt zur Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat im ganzen Reiche einleiten. Die besitzenden Klassen wissen, was für sie auf dem Spiele steht. Solange sie noch die herrschenden Klassen sind, werden sie daher alle Macht- und Gewaltmittel ihres Staates aufbieten, um den weit tragenden Sieg der Arbeiter zu vereiteln. Unter dem Drucke der Situation würde jeder politische Massenstreik – in welcher Form auch immer er geplant gewesen – sich zu einem revolutionären Massenstreik entwickeln. Gewiss: das deutsche Proletariat muss unter Umständen auch einen revolutionären Massenstreik wagen, und es darf in seinem Kampfe einer Niederlage nicht um jeden Preis aus dem Wege gehen. Jedoch ein Frevel wäre es, ohne zwingende historische Gründe eine Niederlage herauszufordern, ja sie gleichsam zu suchen. Die Rückschlüsse dieser Erwägungen auf die Wahlrechtskämpfe des letzten Winters und Frühjahrs liegen auf der Hand.

Allein eine zweite Gedankenreihe schiebt sich in den Vordergrund und muss die Stellungnahme der Partei zum politischen Massenstreik bestimmen. Der Pressionsstreik ist seiner ganzen Natur nach ein außergewöhnliches und äußerstes Kampfmittel; er kann nicht bloß die Introduktion einer Revolution sein, er selbst ist der Revolution wesensverwandt. So wenig wie diese lässt er sich „machen“. Wenn er nicht von vornherein die sichere Niederlage in seinem Schoße tragen soll, so muss er mit elementarer Gewalt aus den Massen hervorbrechen und die Massen ergreifen, das aber weit über den Umfang des bereits organisierten und geschulten proletarischen Kämpferheeres hinaus. Das kann nur unter dem wuchtenden Einfluss einer außergewöhnlichen, einer revolutionären Situation geschehen, welche den Willen der breitesten Massen auf ein bestimmtes Augenblicksziel konzentriert, den politischen Streik als die wirksamste, vielleicht als die einzig anwendbare Kampfeswaffe erscheinen lässt, alle Unterschiede der Überzeugungen, die sonst die Welt der Arbeit zerklüften, hinter den einen großen Klassengegensatz zurückdrängt und das allgemeine Vertrauen auf die Sozialdemokratie lenkt, als auf die erprobteste und zuverlässigste Vorkämpferin und Führerin des Proletariats. Die objektiven Vorbedingungen solcher Situation werden durch die Umwälzung der sozialen Verhältnisse gezeitigt, deren treibende Kraft die ökonomische Revolution der Gesellschaft ist. Ihre subjektiven Voraussetzungen im Bewusstsein der Massen durch unablässige zielklare Aufklärungsarbeit zu schaffen, ist Aufgabe der proletarischen Kampfesorganisationen. Ihre weitere Pflicht ist es, gerüstet zu sein, um im Interesse des proletarischen Befreiungsringens eine revolutionäre Situation ausnutzen zu können, die im Massenstreik kulminiert. Ihnen fällt es zu, die Führung des Kampfes zu übernehmen, ihm Richtung und Ziel zu weisen. Die zweifache Ausgabe, welche der politische Massenstreik der Kerntruppe des kämpfenden Proletariats setzt, predigt eindringlich die Festigung und Ausdehnung der Organisationen – sowohl der politischen wie der gewerkschaftlichen und genossenschaftlichen –, die Vertiefung der theoretischen Schulung, die Pflege eines opferbereiten Idealismus. Das Rüsten zum Bereitsein, das die geschichtliche Notwendigkeit eines Tages fordern kann, stellt sich somit nicht in Gegensatz zu der politischen und gewerkschaftlichen Alltagsarbeit des kämpfenden Proletariats und diskreditiert sie nicht. Umgekehrt, es stützt sich auf sie, trägt belebende, aneifernde Momente in sie herein und steigert ihre Bedeutung durch den Zusammenhang mit einem neuen wichtigen Kampfesmittel des Proletariats. Indem der Parteitag zu Mannheim weiterführt, was sein Vorgänger zu Jena begonnen – die theoretische Klärung der Ansichten über den politischen Massenstreik –, wird er das Seinige zum praktischen Bereitsein beitragen, wenn auch nicht in dem ungeschichtlichen Sinne, in welchem man es verschiedentlich von ihm fordert.

In engster Verbindung mit der Frage des politischen Massenstreiks hat der Parteitag das Verhältnis zwischen der Sozialdemokratie und der Gewerkschaftsbewegung zu erörtern. Die Bewertung, welche der politische Massenstreik von einem Teil der führenden Gewerkschaftskreise erfährt, beleuchtet schärfer als diese und jene persönlichen Ausfälle gegen angebliche „Nurpolitiker“ in den Reihen der Sozialdemokratie, dass Gewerkschaften und politische Partei im Klassenkampf verschiedene Funktionen erfüllen, verschiedene Wirkungsgebiete haben. Wohl stehen die freien Gewerkschaften so gut wie die Sozialdemokratie auf dem Boden des Klassenkampfes. Allein ihrer Natur entsprechend kann es nicht ihre Aufgabe sein, unmittelbar den Kampf zu führen für die Beseitigung der kapitalistischen Ausbeutungsordnung durch die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln. Ihr unmittelbares Kampfesziel ist die materielle und kulturelle Hebung der proletarischen Klassenlage im Rahmen des kapitalistischen Regimes. Was sie in dieser Hinsicht leisten, das kann nicht hoch genug geschätzt werden, das ist unersetzlich und reicht in seinen Wirkungen über die Gegenwart hinaus. Es erhält und steigert die Kampfestüchtigkeit großer proletarischer Schichten, die es vor dem Absturz ins Lumpenproletariat bewahrt, die es physisch, geistig und sittlich empor trägt und befähigt, auch die Schlachten für das sozialistische Endziel mit zu schlagen. Und die Gewerkschaften vermögen ein Weiteres im Dienste der vollen proletarischen Emanzipation zu tun. Über die Einzel- und Tageserscheinungen des beruflichen, des wirtschaftlichen Lebens hinaus können sie den Blick ihrer Mitglieder auf den gesamten gesellschaftlichen Organismus, auf die ihn beherrschenden Gesetze der geschichtlichen Entwicklung richten und die Köpfe durch die sozialistische Erkenntnis revolutionieren. Aber immerhin wird die Gegenwart mit ihren Anforderungen, wie sie auf dem Boden der Berufsgemeinschaft für die Arbeiter erwachsen, im Vordergrund ihrer Betätigung stehen müssen. Darin liegt die Tendenz, dass unmerklich und unbewusst die Gegenwart zum Maßstab der Dinge wird, dass sich der Blick verschleiert für die Zusammenhänge, welche sie mit der Zukunft verknüpfen.

Als Vorkämpferin für eine neue Gesellschaftsordnung muss dagegen die Sozialdemokratie ihre Gegenwartspolitik den Zukunftsinteressen des Proletariats als Klasse unterordnen; die Zuspitzung der Klassengegensätze zwingt sie, ihre Kräfte immer mehr auf den Kampf um die Eroberung der politischen Macht zu konzentrieren. Sie darf ihre Erfolge nicht an den unmittelbaren praktischen Resultaten ihrer Tätigkeit messen, sondern an der immer mehr um sich greifenden Vereinigung der Proletarier als Kämpfer gegen die bürgerliche Gesellschaft.

Aus dieser Lage der Dinge entstehen naturgemäß Reibungsflächen zwischen Gewerkschaftsbewegung und Sozialdemokratie. Dieselben werden jedoch in dem Maße vermindert, als hüben wie drüben ein immer besseres Verständnis für die Eigenart und die Sonderaufgaben der anderen Seite Platz greift. Die Grundlage dafür ist gründliche theoretische Schulung, eifriges praktisches Hand in Hand arbeiten von Gewerkschaften und Partei, zumal auf dem Gebiet der Sozialpolitik, und fleißige Betätigung der einzelnen Genossen in der Gewerkschaftsbewegung, der einzelnen Gewerkschafter in der Sozialdemokratie. Wird das berücksichtigt, so können sich die gelegentlichen sachlichen „Unstimmigkeiten“ nie zu tiefen und dauernden Gegensätzen auswachsen, Sozialdemokratie und Gewerkschaften werden sich vielmehr in der einen revolutionären Arbeiterbewegung als Mächte zusammenfinden, die auseinander angewiesen und einander unentbehrlich sind.

Dass die Sozialdemokratie die Erziehungsfrage auf die Tagesordnung der Mannheimer Woche gesetzt hat, stellt ihrem Idealismus ein Ehrenzeugnis aus und bekundet ihren praktischen Sinn. Dem Geschwätz ihrer Feinde entgegen, tritt sie als Vorkämpferin für eine freie, kräftige geistige Kulturentwicklung auf den Plan, auf deren Segnungen und Freuden alle Glieder der Gesellschaft ein Anrecht haben sollen. Sie weiß, dass die Hebung der geistig-sittlichen Kultur des Proletariats der bürgerlichen Ordnung nicht den Frieden bringt, sondern den schärferen und erfolgreicheren Krieg. Sie ergreift die Initiative, um planmäßiger und energischer als bisher für die Durchtränkung der Massen mit sozialistischer Erkenntnis zu wirken, und um diese Erkenntnis zu läutern und zu befestigen. Sie will den Kampf um das Hirn des Proletariers schon in seiner frühesten Jugend gegen die knechtenden Mächte der bürgerlichen Welt aufnehmen. Sie mahnt daher die Eltern daran, dass die Pflicht der sozialistischen Klassenkämpfer bei der Erziehung ihrer Kinder im Geiste des Sozialismus und bei der Selbsterziehung beginnt. Sie wird ihnen bei dieser Aufgabe helfend zur Seite stehen und ihr Werk durch die eifrigste Förderung der sozialistischen Jugendbewegung und der theoretischen Weiterbildung fortsetzen. Die sozialistische Bewegung bedarf nicht nur des Nachwuchses, sie bedarf vielmehr auch der Vorzüge der begeisterungsfähigen stürmenden Jugend, die ergänzend zur kühlen besonnenen Überlegung des reiferen Alters treten müssen. Nach den verschiedensten Seiten hin ist das aufgerollte Erziehungsproblem von der weittragendsten Bedeutung für die Zukunft der Partei, des Proletariats. Allgemein erwartet man daher, dass die Mannheimer Beratungen zum Ausgangspunkte tatkräftigen, fruchtbaren Handelns werden.

Die weiter aus die Tagesordnung gestellte Frage: Strafrecht, Strafprozess und Strafvollzug dürfte kaum noch zur Verhandlung kommen. Es ist dies im Hinblick auf ihre Bedeutung bedauerlich, wird aber schwerlich zu vermeiden sein, da wahrscheinlich die Debatten über die hervorgehobenen drei Fragen einen großen Umfang annehmen. Wenn jedoch der Parteitag – abgesehen von der Erledigung der laufenden Parteigeschäfte – auch nur diese Fragen gründlich erörtern sollte, so würde er sich um die Entwicklung der Sozialdemokratie wohl verdient machen. Er hätte damit das Seinige dazu getan, dass das klassenbewusste Proletariat in fest geschlossener Phalanx, geführt von einer zielklaren Erkenntnis und einem reifen Willen mit gesteigerter Aktionsfähigkeit den Kampf für sein revolutionäres Endziel weiterführt.


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