Clara Zetkin: Die Frauenkonferenz zu Mannheim

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 16. Jahrgang Nr. 20, 3. Oktober 1901, S. 135]

Mit Spannung haben die Genossinnen überall der Frauenkonferenz entgegengesehen, mit Befriedigung dürfen sie auf ihren Verlauf, ihre Arbeiten zurückblicken Die Konferenz hat ein großes und wichtiges Stuck Arbeit geleistet, und sie hat es gut geleistet. Das es ihr möglich war, in verhältnismäßig sehr kurzer Zeit die gestellten Aufgaben zu bewältigen, ist in erster Linie der außerordentlichen Arbeitsfreudigkeit und Energie der Delegierten zu verdanken. Sie haben mit einer Ausdauer und Frische gearbeitet, die beweiskräftig von ihrer begeisterten, selbstlosen Hingabe an das sozialistische Ideal redet. Will man das richtig werten, so muss man bedenken, das sich unter den tätigen Genossinnen, die an der Konferenz teilnahmen, auch nicht eine einzige befand, die, recht vielen tagenden bürgerlichen Damen gleich, die Muße einer sorglosen Existenz durch die Arbeit der Beratungen unterbrochen hatte, weil sie alle durch den Doppelkampf für ihre Überzeugung und des Lebens Notdurft überbürdet sind. Aber noch anderes ließen die Verhandlungen hervortreten. Das Verständnis, mit dem die Genossinnen bemüht sind, ihr Arbeitsfeld den Bedürfnissen der proletarischen Frauenwelt und den Notwendigkeiten des proletarischen Klassenkampfes entsprechend stetig zu erweitern; den Eifer, mit dem sie danach streben, ihre Leistungstüchtigkeit durch die Vertiefung ihrer Erkenntnis und den Ausbau ihrer organisatorischen Einrichtungen zu steigern.

Das ging vor allem aus dem Tätigkeitsbericht unserer Vertrauensperson hervor, in dem Genossin Baader ein anschauliches und lebendiges Bild von dem äußeren Wachsen und Erstarken, wie von der gesunden inneren Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung gab. Frisch und verheißungsvoll wehte aus den mitgeteilten Einzelheiten der Geist klaren proletarischen Klassenbewusstseins, die Empfindung von der unlösbaren inneren Einheit des Zieles und der Wege, die zwischen dem allgemeinen Emanzipationsringen des Proletariats und der proletarischen Frauenbewegung besteht. Die ausgiebigen Debatten vervollständigten den Überblick und den Eindruck. Da wurden Fortschritte gemeldet, Anregungen gegeben aus Gegenden, in denen noch vor kurzer Zeit es ein Ding der Unmöglichkeit schien, die proletarischen Frauen als Kämpferinnen für ihre Interessen auf den Plan zu rufen. Auch aus den Reden der Genossinnen, die von Schwierigkeiten des Wirkens und von langsamen, kleinen Erfolgen zu berichten hatten, klang nicht hoffnungslose Müdigkeit, vielmehr unbesiegter Arbeitsdrang. Im inneren Zusammenhang mit den Verhandlungen über den Tätigkeitsbericht standen die zwei geschlossenen Sitzungen, in denen die Genossinnen Mittel und Wege erörterten, die beträchtlich vermehrten Aufgaben der Vertrauensperson für das ganze Deutsche Reich und der Vertrauenspersonen verschiedener Bezirke und Orte erfolgreich zu bewältigen. Der ersteren wird eine Hilfskraft zur Seite gestellt, und das Wirken der letzteren soll, wo nötig, durch materielle Mittel gefordert werden.

Wie dringend not es tut, das die Landarbeiterinnen und Dienstboten zum Klassenbewusstsein geweckt und in Reih und Glied des kämpfenden Proletariats zum Ringen für eine lichtere Gegenwart, für eine freie Zukunft geführt werden, das erhärteten die Referate der Genossinnen Zietz und Grünberg durch ein druckendes Tatsachenmaterial. Sie zeichneten gleichzeitig die Schwierigkeiten, welche moderne Ausbeutung und mittelalterliche Gebundenheit und Rechtlosigkeit zusammen der Aufklärungs- und Organisationsarbeit der Genossinnen unter diesen beiden Schichten sozial Getretener entgegen türmen. In gründlichster Weise führte Genossin Zietz durch eine sachlich ebenso wertvolle wie agitatorisch wirksame Arbeit in die Landarbeiterfrage überhaupt ein. Das verständnisvolle Mitgefühl für die Lage der „Haussklavinnen“, welches die Ausführungen der Genossin Grünberg trug, gelangte auch in den Debattenreden der Genossinnen zu kräftigem Ausdruck. Wie die Landarbeiterinnen, so können auch die Dienstboten überzeugt sein, das die Genossinnen den Kampf für die Verteidigung ihrer Interessen energisch aufnehmen werden.

Das Referat über das Frauenstimmrecht behandelte die Frage vom Standpunkt ihrer prinzipiellen und praktischen Bedeutung für das Proletariat im Allgemeinen und für die Proletarierinnen im Besonderen. Es musste daher auch mit aller Schärfe die Grenzlinie ziehen, welche hinsichtlich der politischen Emanzipation des weiblichen Geschlechts die Interessen der proletarischen Frauen von denen der bürgerlichen Damen scheidet, damit aber naturgemäß auch bürgerliche und proletarische Frauenbewegung. Sein Hauptzweck war jedoch die Antwort auf die Frage, welche die Verschärfung des Klassenkampfes in allen kapitalistischen Ländern aufwirft: „Muss das Proletariat unter Führung der Sozialdemokratie in seinem Kampfe für die Demokratisierung des Wahlrechts auch die Forderung des Frauenwahlrechts mit allem Nachdruck verfechten, oder gebieten vielleicht Zweckmäßigkeitsrücksichten, sie unter Umstanden in den Silberschrein zu stellen?“ Das Referat befürwortete entschieden eine prinzipielle Taktik, die es – wie jede konsequent prinzipielle Haltung – im letzten Grunde als die praktisch zweckmäßigste Taktik bezeichnete. Genosse Bebel, der unter stürmischem Beifall das Wort in der Diskussion ergriff, sprach sich durchaus in dem gleichen Sinne aus, ebenso Genossin Mensing-Holland.

Das reichhaltig und gewissenhaft gesammelte Material, auf das Genossin Duncker ihre Forderung der Schwangerschafts– und Wöchnerinnenfürsorge stutzte, verdichtete sich zu einer wuchtigen Anklage gegen die Sünden der kapitalistischen Ordnung wider die proletarischen Mutter und Kinder. Die Referentin lehnte die Gründung einer besonderen Mutterschaftsversicherung ab, wie sie von den bürgerlichen Frauenrechtlerinnen gefordert wird. Die durch gründliche Reformen leistungsfähig gemachte Krankenversicherung soll Trägerin der Mutterschaftsfürsorge sein, zu deren Durchführung außerdem auch Gemeinde und Staat mitzuhelfen berufen seien. Unsere Agitation hat dafür zu sorgen, dass die Masse der proletarischen Frauen über die Bedeutung der einschlägigen Forderungen aufgeklart wird. Gleichzeitig muss sie aber auch darauf hinwirken, das die weiblichen Mitglieder der Krankenkassen das ihnen zustehende aktive oder passive Wahlrecht ausnutzen, damit die Krankenklassen betreffs der Schwangeren- und Wochnerinnenunterstützung bis an die äußerste Grenze dessen gehen, was die geltende Gesetzgebung zulasst. Aus ihren praktischen Erfahrungen von des Lebens Not heraus wurde es von allen Diskussionsrednerinnen begrüßt, das die proletarische Frauenbewegung zugunsten der Schwangeren- und Wöchnerinnenfürsorge in die Arbeit eintritt. Auch die von der Referentin befürworteten Forderungen fanden in der Hauptsache allgemeine Zustimmung. Genossin Braun vertrat im Gegensatz zu Genossin Duncker die Auffassung, das an Stelle des Rechts der Schwangeren zur Einstellung der Arbeit acht Wochen vor der Niederkunft besser die Pflicht dazu gesetzlich festzulegen sei. Die Konferenz trat jedoch diesem Standpunkt nicht bei. Einen wesentlich abweichenden Weg zum Mutterschutz empfahl nur Genossin Fürth. Sie befürwortete, innerhalb der Krankenversicherung eine besondere Mutterschaftsversicherung einzurichten, ohne eigenen Verwaltungsapparat, aber mit eigener Kassenführung und eigens geregelten Beitragsleistungen, auch seitens der Unternehmer und des Staates. Der energische Kampf für die von der Frauenkonferenz formulierten Forderungen muss die proletarische Frauenbewegung als die treue Verfechterin der Interessen der Mutter erweisen, welche die bürgerliche Ordnung dem Profithunger des Kapitals preisgibt. Die Agitation für die Schwangeren- und Wöchnerinnenfürsorge wird damit zu einem trefflichen Mittel, unseren Ideen Herz und Hirn von Proletarierinnen zu erschließen, die jetzt noch abseits vom Befreiungskampf ihrer Klasse stehen.

Drei zur Annahme gelangte Antrage bezeugen, das die Genossinnen sich als Muller wider das namenlose Elend ausgebeuteter, vernachlässigter und misshandelter Kinder empören, das sie das Ihrige dazu helfen wollen, den proletarischen Kleinen eine gesunde körperliche und geistig-sittliche Entwicklung zu sichern. In einer kurzen Resolution brandmarkte die Konferenz, dass die Gesetzgebung noch immer nichts zur Bekämpfung der fressenden Übel der Heimarbeit getan hat, und forderte schleunigste Beratung des entsprechenden Antrags der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion Die einstimmige Wiederwahl unserer erprobten Genossin Baader als Vertrauensperson der Genossinnen des ganzen Reiches war der beste Ausdruck warmer Anerkennung, den sie für ihr treues, rühriges Wirken verdient.

Wir wollen nicht verschweigen, dass wir die Debatten über manche Frage erschöpfender gewünscht hatten. Doch stand der Durchführung dieses Wunsches ein unübersteigliches Hindernis entgangen: die Kürze der Zeit, in welcher das reiche Arbeitsprogramm erledigt werden musste.

Im Hinblick darauf hat gar manche Genossin geschwiegen, die gern zu der oder jener Materie etwas gesagt hatte, und die Rednerinnen haben in puncto Enthaltung der Redezeit eine Selbstdisziplin geübt, die im scharfen Gegensatz zu der uns Frauen nachgesagten „Geschwätzigkeit“ steht. Immerhin haben unseres Erachtens die Verhandlungen unzweideutig die Notwendigkeit klargestellt, für die Arbeiten der nächsten Konferenz drei Tage in Aussicht zu nehmen, vorausgesetzt, dass – wie wir sehnlichst wünschen – die kräftige Entwicklung unserer Bewegung anhält.

Zum Schluss sei noch kurz einiger besonders erfreulicher Momente gedacht. Neben den alten, unermüdlichen Vorkämpferinnen der proletarischen Frauenbewegung beteiligten sich jüngere Genossinnen mit regem Eifer an den Arbeiten der Konferenz; wir dürfen von ihrer Betätigung in unseren Reihen das Beste hoffen. Wir konnten eine größere Zahl ausländischer Gesinnungs- und Kampfesgenossinnen wie je als Teilnehmerinnen der Konferenz begrüßen. Außer den österreichischen und holländischen Genossinnen hatte der Verband der Arbeiterinnenvereine der Schweiz, die italienischen Genossinnen und die russische Sozialdemokratie Vertreterinnen zur Frauenkonferenz delegiert; von den finnischen und französischen Genossinnen waren Sympathiekundgebungen eingelaufen. Die Ansprachen der ausländischen Delegierten, die von Herzen kamen und zu Herzen gingen, wurden mit begeisterter Freude aufgenommen.

Wie ihnen, so gebührt auch den Mannheimer Genossinnen Dank, die mit schwesterlicher Herzlichkeit sich angelegen sein ließen, den Aufenthalt in ihrer Mitte den Teilnehmerinnen der Konferenz recht angenehm zu gestalten.

Die Mannheimer Tagung hat den Genossinnen ein vielseitiges und zum Teil schwieriges Arbeitsprogramm für die nächste Zukunft geschaffen. Aus der quantitativen und qualitativen Steigerung ihrer bisherigen Leistungen schöpfen wir die feste Zuversicht, das sie auch den neuen Anforderungen gerecht werden. Ans Werk!


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