[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 27. Jahrgang Nr. 2, 27. Oktober 1916, Rubrik „Aus der Bewegung“, S. 14]
In München ist am 16. Oktober Hope Bridges Adams-Lehmann von uns geschieden. Ein hartnäckiges Lungenleiden hat ihren Tagen ein Ziel gesetzt, nachdem ihre Lebenskraft aufgezehrt war durch die unvergleichlich aufopfernde Hingabe an ihren Beruf als Ärztin, nachdem ihr Lebenswille gebrochen worden durch den Tod ihres Gatten, unseres unvergesslichen Freundes, des Genossen Dr. Karl Lehmann, der im vorigen Jahre im Feldlazarett zu Valenciennes einer Blutvergiftung erlag.
Hope Adams-Lehmann zählte zu den ersten Frauen, die in Deutschland Medizin studiert und als Ärztinnen praktiziert haben. Sie ist im Kampfe für die volle soziale und menschliche Gleichberechtigung und Befreiung ihres Geschlechts bahnbrechend vorangegangen in einer Zeit, wo dieses Begehren noch alle Vorurteile, alle Hindernisse gegen sich hatte. Die Gleichwertigkeit der Frau hat sie nicht bloß in Wort und Schrift verkündet, sondern durch das Wertvollste bewiesen: durch ihre eigene Lebenserfüllung. Hope Adams-Lehmann hat jederzeit ihre Kraft bis zum letzten Hauch an die Pflichten ihres Berufs gesetzt, diesen im weitesten und höchsten Sinne des Wortes erfasst. Zu heilen, das war der Inhalt ihres Daseins. Zu heilen, nicht bloß die Gebrechen und Schwächen des Körpers, vielmehr alle Mühsal, alle Übel, die Menschen bedrücken und zermürben können. Diese kunstreiche Ärztin war zugleich die Trösterin und Seelsorgerin ihrer Kranken, ihre Pflegerin, Vertraute, oft genug auch ihre materielle Nothelferin. Diese weitschauende Ärztin wurde zur Erzieherin der Menschen, namentlich ihrer Geschlechtsgenossinnen, zur Vorkämpferin der höchsten Menschheitsideale, wie sie der Sozialismus zusammenfasst, in dem sie den Heiland, den großen Heiler erblickte.
Sie erkannte klar, dass nur der Sozialismus die gesellschaftlichen Zustände schafft, die dem Weib volles Menschentum verbürgen. Und Sozialismus war ihr gleichbedeutend mit Internationalismus. Die Dinge und die Menschen für den internationalen Sozialismus vorzubereiten, jeden Keim liebevoll zu hegen und zu pflegen, der sich auf dieses Ziel gerichtet, zu entwickeln versprach: das war ihr Streben und Tun. Denn der Sozialismus war ihr kein totes, starres, politisches Programm, er war ihr Weltanschauung, Lebensauffassung, der oberste Grundsatz, der ihr Wesen beherrschte.
Die mitten im brausenden Strom des allgemeinen Lebens stehende Frau ist allzeit ganz Weib, ganz Mutter geblieben. Die stärkste Wurzel ihrer hohen, reinen Menschlichkeit war gerade ihre Weiblichkeit, ihre Mütterlichkeit. Hunderte, Tausende haben die nie versagende Güte und Treue dieses großen Mutterherzens erfahren. Doch alle anerkennenden, lobenden Worte dünken Schall und Rauch, wenn man die Güte und Tiefe dieses Herzens gekannt hat. Wir müssen uns eine Würdigung der Persönlichkeit und des Lebenswerkes der Verschiedenen für später vorbehalten, wenn nicht mehr die Erschütterung über den Verlust der treuesten Freundin eines Vierteljahrhunderts die Seele beherrscht. Ein Geist von seltener Klarheit und Durchbildung ist erloschen. Ein Herz von unerschöpflichem Reichtum und selbstlosester Hingabe hat aufgehört zu schlagen. Ein eiserner Wille zur Tat ist nicht mehr. Ein großer Mensch ist von uns gegangen, der sein Daseinsziel bewusst in dem gelebten Dichterwort erblickte: Mitzulieben bin ich da.
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