[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 27. Jahrgang Nr. 3, 10. November 1916, S. 9 f.]
In den Auseinandersetzungen innerhalb der Sozialdemokratie über Grundsätze und Taktik der Partei spielt der Kampf um die Haltung des „Vorwärts“ eine bedeutende Rolle. Zuerst zaghaft und schwankend, dann mit zunehmender Festigkeit und Entschiedenheit, wenn auch nicht immer mit voller grundsätzlicher Klarheit und Schärfe, hat sich die Redaktion des sozialdemokratischen Zentralorgans zum internationalen Sozialismus bekannt. Sie musste damit in wachsenden Gegensatz zu der Politik der Fraktionsmehrheit und des Parteivorstandes geraten, musste immer mehr nach links auf den Boden der Opposition gedrängt werden. Die Genossen in der Redaktion des „Vorwärts“ wären mechanische Schreibpuppen oder Mietlinge gewesen, hätte der Charakter, die Haltung des Blattes diese Entwicklung nicht widergespiegelt. Der „Vorwärts“ wurde ein Organ der Parteiopposition, und zwar der gemäßigten Parteiopposition. Wohl kam in seinen Spalten auch die Meinung der Fraktionsmehrheit, des Parteivorstandes ausgiebig zu Wort. Aber die Redaktion selbst nahm kritisch Stellung dazu und gab dem Gesamtcharakter des Blattes gemäßigt oppositionelle Prägung.
Wie die Dinge in der Sozialdemokratie und im politischen Leben heute liegen, hätte dieser Stand der Dinge unter allen Umständen zu hitzigen Auseinandersetzungen um den ausschlaggebenden Einfluss auf den „Vorwärts“ geführt. Solche Auseinandersetzungen konnten bei den besonderen Verhältnissen des Blattes erst recht nicht ausbleiben. Der „Vorwärts“ nimmt in der Partei eine zwieschlächtige Stellung ein. Er ist zugleich das lokale Organ der Berliner Genossen und das Zentralorgan der Gesamtpartei, und den einen wie der anderen steht satzungsgemäß das Recht zur Einwirkung auf die Haltung des Blattes zu: der Gesamtpartei durch den Parteivorstand, den Berliner Genossen beziehungsweise ihrer Organisation durch die Pressekommission. In dem gegenwärtigen Ringen um die grundsätzliche Überzeugung, das taktische Verhalten der Sozialdemokratie hält die sehr große Mehrheit der Berliner Genossen zum grundsatztreuen internationalen Sozialismus. Sie begrüßte die oppositionelle Stellungnahme der Redaktion, ja forderte sie und trieb entschieden nach links. Der Parteivorstand nutzte seinerseits seinen Einfluss, seine Macht, um, ebenso entschieden nach rechts drängend, das Blatt zum Sprachrohr der Fraktionsmehrheit zu machen.
Die häufigen Zusammenstöße zwischen Redaktion und Parteivorstand um die Haltung in einzelnen Fällen wurden immer ausgesprochener zu einem Kampf um den Gesamtcharakter, die Richtung des Blattes, zu einem Kampf um die Macht, den „Vorwärts“ im Geist der nationalistischen Mehrheitspolitik oder im Geist der Opposition dagegen zu halten. In diesem Kampfe hat der Parteivorstand von Anfang an die Machtmittel eingesetzt, die er in seiner Hand hatte, und zu deren rücksichtslosem Gebrauch er sich im Dienste seiner Meinung für befugt hielt. Silbenstechereien um die satzungsgemäßen Rechte der Redaktion und der Pressekommission haben nichts daran geändert. Der Kampf um den „Vorwärts“ ist nun in ein weiteres Stadium unter Umständen getreten, die blitzhell sein Ziel ebenso wie Strategie und Waffenführung des Parteivorstandes, die Situation in der Partei und außerhalb der Partei beleuchten.
Durch Verfügung des Oberbefehlshabers in den Marken wurde das Erscheinen des „Vorwärts“ am 8. Oktober „bis auf weiteres im Interesse der öffentlichen Sicherheit verboten“. Die Zeitung sollte durch den Artikel „Aus der Hexenküche der Kanzlerfronde“ einen schweren Verstoß gegen den Burgfrieden begangen haben. Diese Situation nutzte der Parteivorstand aus, um den allein entscheidenden Einfluss auf die Haltung des Blattes zu erlangen. Am 18. Oktober durfte der „Vorwärts“ wieder erscheinen, er erschien jedoch unter veränderten Bedingungen. An der Spitze der Nummer veröffentlichte der Parteivorstand eine Erklärung, aus der darüber das Folgende hervorgeht: Das Ansuchen des Verlags um Aufhebung des Verbots hatte das Generalkommando mit der Forderung beantwortet, „dass eine Änderung im Personal der Redaktion des ,Vorwärts‘ eintrete, welche für die Zukunft die nötigen Garantien böte … Das Oberkommando verlange eine Person, welche mit Vollmachten ausgestattet sein müsse, die auch die notwendigen Garantien bieten.“ Über dieses Ansinnen verhandelte der Parteivorstand mit der Pressekommission, ohne zu einem Ergebnis zu gelangen.
Das Oberkommando erblickte keine genügenden Garantien in dem Vorschlag, den Genossen Däumig, Redakteur des „Vorwärts“, von der Redaktionsarbeit zu befreien und zum Zensor zu machen. Nun beantragte der Parteivorstand bei der Pressekommission, zu beschließen: „Ein Mitglied des Parteivorstandes tritt in die Redaktion des. Vorwärts ‚ ein und erhält dieVollmacht, über den Inhalt des Blattes zu entscheiden.“ Die Pressekommission wies diesen Ausweg zurück und nahm einen Antrag an, nach dem „ein Mitglied des Parteivorstands in die Redaktion eintreten und die Vollmacht erhalten sollte, die Beobachtung der Zensurvorschriften zuüberwachen und zu erzwingen„. Wie die Pressekommission in einer späteren Erklärung feststellte, war dies die Bedingung, unter der der „Vorwärts“ wieder erscheinen durfte. Der Parteivorstand lehnte diese Regelung mit einer Begründung ab, die des Pudels Kern hüllenlos zeigt: „Dieser Vorschlag war unannehmbar,“ so sagt er, „da einem Mitgliede des Parteivorstandes nicht zugemutet werden kann, für ein Blatt die Verantwortung zu tragen, auf dessen Haltung es und derParteivorstand keinen Einfluss haben und das in denLebensfragen der Partei gegen seine Überzeugungredigiert würde.“
Der Zentralvorstand der Parteiorganisation von Groß-Berlin und die Pressekommission vermochten die oben angeführte Entscheidung des Parteivorstandes nicht als richtig anzuerkennen. Dieser kümmerte sich jedoch nicht um ihren Einspruch. „Auf Grund mehrfacher Verhandlungen mit Zentralvorstand und Pressekommission kam er zu der Überzeugung, dass es unmöglich sei, mit diesen Körperschaften zu einer Verständigung über Maßnahmen zu gelangen, die die Aufhebung des Vorwärtsverbots ermöglichen.“ Er setzte kurzerhand das Parteivorstandsmitglied Genossen Hermann Müller als leitenden Redakteur ein. Die Art und Weise, wie der Eintritt des neuen Redakteurs sich vollzog, wird in einer Zuschrift an die „Leipziger Volkszeitung“ also geschildert: „Als Müller am 12. Oktober abends in den Redaktionsräumen erschien, erklärte er mit souveräner Gelassenheit einigen Redaktionsmitgliedern, dass er an der Redaktionskonferenz nicht teilnehmen werde. Er habe keine Lust, täglich Ringkämpfe mit Stadthagen und Ströbel aufzuführen‘. Er habe bereits einen Artikel Cunows mitgebracht, den er veröffentlichen werde, und andere Artikel bestellt. Kurz: Müller gerierte sich als absoluter Herrscher.“
Der Umschwung in der Haltung des „Vorwärts“ trat entsprechend diesem Vorspiel in Erscheinung, über das veränderte Gesicht des Blattes schrieb das bürgerlich-demokratische „Berliner Tageblatt“ vom 18. Oktober: „Während der ,Vorwärts ‚ in letzter Zeit ganz vom Standpunkt der sozialdemokratischen Minderheit redigiert war, macht sich bereits in der ersten Nummer nach dem Wiedererscheinen des Blattes unverkennbar der Geist der Mehrheit bemerkbar.“ Die „Leipziger Volkszeitung“ leitet ihren Bericht über den Konflikt mit den Sätzen ein: „Der ,Vorwärts‘ erscheint wieder. Heute ist die erste Nummer seit dem Verbot herausgekommen. Aberes ist nicht mehr der alte ,Vorwärts ‚, dessen Redaktion die Sache der Opposition vertrat, der im Sinne der Berliner Organisationen geschrieben wurde. Er ist künftig das Organ des Parteivorstandes. Der Parteivorstand hat sich nicht gescheut, das Verbot, die Maßregel der Zensur als eine Gelegenheit zu benutzen, um das Blatt unter seine Fuchtel zu bringen.“ Der „Braunschweiger Volksfreund“ und die „Bremer Bürgerzeitung“ äußern sich ähnlich, während die Blätter, die den Mehrheitsstandpunkt vertreten, zum größten Teil hoch befriedigt darüber sind, dass der Parteivorstand – um Verse Herweghs zu variieren: „Gezogene Kanonen für ungezogene Redaktionen“ hatte.
Der Zentralvorstand von Groß-Berlin und die Pressekommission des „Vorwärts“ haben entschiedenen Protest gegen den Gewaltstreich des Parteivorstandes erhoben, der die Auseinandersetzungen in der Partei verschärfen und verbittern wird. Der Parteivorstand hat mit einer Erklärung geantwortet, die seine bereits angeführte Ansicht wiederholt, ohne sie durch neue Gründe zu stützen. Das „Berliner Tageblatt“ meldet unter dem 22. Oktober, dass „in den radikalsozialdemokratischen Kreisen allerhand Gegenaktionen eingeleitet worden seien, um den. Vorwärts ‚ in seinem jetzigen züchtigen Gewand zu boykottieren“. Unter anderem hätte man 20000 Exemplare der „Leipziger Volkszeitung“ nach Berlin geschafft, deren Verbreitung jedoch von der Behörde verboten wurde.
Bis jetzt sind in dem Kampf um den „Vorwärts“ vor allem „Instanzen“ auf die Bühne getreten und zu Worte gekommen: der Zensor, das Generalkommando, der Parteivorstand, die Pressekommission, der Zentralvorstand von Groß-Berlin, die Redaktion. Sollten sie wirklich allein über das Schicksal des „Vorwärts“ entscheiden? Wir sagen: Nein! Die letzte Entscheidung steht bei den Berliner Proletariern und ihrer organisierten Vorhut. Trotz Belagerungszustand, Zensur und Parteivorstand wird der „Vorwärts“ sein, was die proletarischen Massen von Groß-Berlin wollen, dass er ist: ein Anwalt der Fraktionsmehrheit und ihrer Politik oder ein Verfechter des internationalen Sozialismus. Welche Haltung sie von ihrem Organ fordern, das wird ein Maßstab ihrer politischen Reife sein, was sie zu diesem Zwecke durchsetzen, ein Maßstab ihrer Willensfestigkeit und Kraft. Die Beschlüsse der „Instanzen“ stieben nach allen Winden auseinander, wenn die Arbeiterschaft Groß-Berlins mit starker Stimme ruft: „Wart, ich werde euch!“ So oder so wird sie das letzte entscheidende Wort sprechen, denn in der gegebenen Situation wird auch stumpfe Gleichgültigkeit zur Entscheidung. Möchte das entscheidende Wort der proletarischen Massen in der klaren Erkenntnis fallen, dass es im Kampf um den „Vorwärts“ um mehr geht, als um das Schicksal einer Redaktion: um ihre eigenste Sache. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg.
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