[Die Neue Zeit, XX. Jahrgang 1901-1902, I. Band, Nr. 3, S. 65-68]
f Berlin, 16. Oktober 1904,
Vor acht Tagen sprachen wir auf die erste Nachricht von der Audienz hin, die der Kaiser dem Oberbürgermeister Kirschner und dem Stadtbaurat Hoffmann gewährt hatte, die Vermutung aus, es werde in dieser Audienz ein Kompromiss in der Frage der Märchenbrunnen getroffen worden sein, das heißt in derjenigen Frage, in der die Stadt Berlin in aller Form Rechtens die Antastung ihrer Selbstverwaltung zurückweisen konnte. Wir fügten hinzu, dass die Krone in den anderen Konfliktfragen, in denen sie das formale Recht auf ihrer Seite habe, nicht das Geringste nachgegeben haben werde. Diese unsere Vermutungen haben sich inzwischen vollkommen bestätigt, was wir selbstverständlich nicht hervorheben, um uns unserer Prophetengabe zu rühmen. Jeder, der die hiesigen Verhältnisse einigermaßen kennt, musste sich von vornherein die Dinge so zusammenreimen, wie sie tatsächlich verlaufen sind.
Im Gegenteil kommen wir auf die Sache nur zurück, um zu sagen, dass wir bei alledem schlechte Propheten waren. Denn so gering unsere Schätzung freisinnigen Heldenmuts ist, das wahnsinnige Jubelgeschrei, das sich in den freisinnigen Blättern über die bloße Tatsache jener Audienz erhob, hatten wir nicht vorausgesehen, und wenn es ein Anderer vorhergesagt hätte, so würden wir ihn der ärgsten Übertreibung geziehen haben. Es war, um ein Wort zu gebrauchen, das Lassalle bei einem ähnlichen Anlass äußerte, um auszuspeien vor den Leuten. Mit grotesker Bedientenfantasie legte die „Vossische Zeitung“ dem Oberbürgermeister Kirschner eine Rede in den Mund, worin er dem Kaiser auseinandersetzte, dass der Stadtrat Kauffmann in jungen Jahren freilich wohl politische Agitation getrieben habe, aber das sei zwanzig Jahre her, und zudem habe Kauffmann gegen den „politischen Pastor“ Stoecker gekämpft, gegen einen Mann, dem Majestät ja auch nicht huldvoll gesinnt sei. Möglich, dass die „Vossische Zeitung“ als Hauptorgan des hiesigen städtischen Klüngels Herrn Kirschner einen solchen Akt hündischer Demut zutrauen zu dürfen glaubte, aber der Oberbürgermeister ist nicht einmal zu diesem Kotau zugelassen worden. Der Kaiser hat ihm nicht ein Wort über die Nichtbestätigung Kauffmanns gegönnt, sondern ihm nur nahegelegt, in der Frage der Märchenbrunnen nachzugeben, und zwar ohne jedes Äquivalent, was denn auch Herr Kirschner in treu gehorsamster Beflissenheit versprochen und, viel an ihm ist, getan hat.
Kaum aber war diese byzantinische Orgie der freisinnigen Presse verrauscht, als sie sich in eine zweite stürzte. Schon ehe Virchow am vergangenen Sonntag seinen achtzigsten Geburtstag feierte, Iungerten die freisinnigen Blätter mit allerlei zarten Anspielungen vor der Tür der Regierung: könnte denn nicht endlich ein Exzellenztitel oder ein Großkreuz für den gefeierten Gelehrten abfallen? Es ist durchaus menschlich und natürlich, dass die freisinnige Partei stolz darauf ist, einen Forscher von Weltruhm zu den Ihren zu zählen, mögen Virchows Verdienste auch überall anders liegen, als auf dem Gebiete der Parteipolitik. Aber dann sollte sie auch so viel Selbstachtung haben, für einen: solchen Mann nicht um Allotria zu betteln, die zu spenden die Aufgabe der preußischen Bürokratie ist; dann sollte sie sich zu der doch wirklich nicht überhohen Anschauung aufzuschwingen vermögen, dass alle Ehren, die preußische Bürokraten einem Manne wie Virchow überhaupt erweisen können, gerade darin bestehen, dass sie ihm dergleichen Spielzeug der Eitelkeit vorenthalten. Als der preußische Kultusminister gleichwohl mit der Großen Goldenen Medaille für Wissenschaft auf dem Virchowfest erschien, ging das Jammern von Neuem los, dass es nun eben doch kein Exzellenztitel und kein Großkreuz gewesen sei. Mit Recht höhnt die „Kreuzzeitung“, das seien die Leute, die mit ihrem Männerstolz vor Königsthronen prahlten und sich als erhaben über Orden und Titel aufzuspielen pflegten, aber selbst sie urteilt noch zu wohlwollend mit der Vermutung, dass wenn Virchow einen Orden oder Titel erhalten hätte, die freisinnige Mäkelei wieder Allerlei daran auszusetzen gehabt haben würde, dass sie dann etwa gesagt hätte, der Mann ehre den Orden, aber der Orden nicht den Mann. Nein, so frivol sind diese Patrioten nicht; hätte die preußische Bürokratie ein Erbarmen mit Virchows leerem Knopfloch gehabt, dann wäre in der freisinnigen Bedientenstube der Jubel so groß gewesen, wie jetzt der Jammer.
Es sind sicherlich keine weltbewegenden Ereignisse, weder die Märchenbrunnenfrage, noch die Frage, ob und wie sich die preußische Bürokratie zu einem großen Forscher stellt, aber eben deshalb zeigt sich schon in solchen kleinen Dingen, dass der deutsche Liberalismus jede männliche Haltung verloren hat, dass er nicht mehr die einfachsten politischen Anstandspflichten zu wahren weiß, dann sollte man doch endlich das Gerede von der bürgerlichen Demokratie aufgeben, die sozusagen noch einen Altweibersommer erlebe. Es ist damit wirklich nichts, und eine reaktionäre Zeitung hatte vollkommen Recht, wenn sie dieser Tage sagte: drohe die Gefahr einer sozialdemokratischen Herrschaft im Reichstag, dann werde auch der Freisinn zu einer Abänderung des allgemeinen Wahlrechts die Hand bieten, möge er sie jetzt noch so sehr grundsätzlich perhorreszieren und fürchterlich verschreien. Es gibt kein einziges Volksrecht, das am heutigen Liberalismus eine sichere Stütze hätte. Das mag eine beklagenswerte Tatsache sein, aber eine Tatsache ist es deshalb nicht weniger, und vorsichtige Politiker dürfen sie keinen Augenblick aus den Augen lassen.
Vom sozialdemokratischen Standpunkt aus wäre es das Verkehrteste, diese Tatsache durch freundliches Entgegenkommen gegen den Freisinn entkräften zu wollen. Die Tugenden allgemeiner Menschenliebe und versöhnlicher Gesinnung haben in der Politik keinen Kurs, aber selbst wenn sie ihn hätten, so wären sie ganz falsch angewandt, um den Freisinn zu einer konsequenten Oppositionspolitik gegen die Reaktion zu ermutigen. Vielmehr beweist die Erfahrung, dass der Freisinn um so schneller umzufallen pflegt, je sicherer er sich auf die Sozialdemokratie verlassen kann, wie eben wieder die hiesigen Kommunalkonflikte gezeigt haben.
Es ist ja auch leicht genug zu verstehen, weshalb dem so ist und so sein muss. Die Bourgeoisie weiß sehr gut, dass sie über Krone und Junkertum nicht siegen kann ohne die Hilfe der Arbeiterklasse, aber sie scheut immer wieder davor zurück, sich in die Arme des Herkules zu werfen, von dem sie ebenso gut weiß, dass er sie dermaleinst erdrücken wird. Läuft ihr einmal das Bisschen Galle über, das sie noch hat, lässt sie sich wenigstens stillschweigend die Unterstützung der Sozialdemokratie gefallen, so genügt der Alarmruf irgend eines Büroraten oder Junkers: Sehet da die Hilfstruppen oder die Vorfrucht der Sozialdemokratie!, um die Bourgeoisie zu dem heldenmütigen Entschluss zu bringen, sich doch lieber unter die Füße des Absolutismus und Feudalismus zu werfen.
Wäre es den liberalen Parteien Ernst mit ihrem Gerede von den unausführbaren Utopien der Sozialdemokratie, so brauchten sie diese verächtliche Politik nicht zu treiben; sie könnten sich dann die Hilfe des Proletariats gefallen lassen, dessen leere Phantasmen ja weiter keinen Schaden anrichten könnten. In der Tat argumentieren auch einzelne Liberale so, indem sie sagen: Machen wir ein ehrliches Bündnis mit der Arbeiterklasse, wodurch wir wieder zu einer wirklichen Macht werden und den Sieg in einer ganzen Reihe praktischer Fragen gewinnen können; mit dem „Zukunftsstaat“ hat es ja gute Wege. Indessen das sind immer nur Einzelne, bei denen es auch noch fraglich ist, ob sie bei einer ernsthaften Probe auf ihr Exempel standhalten würden. Die Masse der Bourgeoisie ist nicht zu halten, wenn sie wegen ihrer „Freundschaft“ mit der Sozialdemokratie denunziert wird; sie wird dann sofort der Spielball ihrer Todfeinde; selbst wenn ihre Wolle schon unter der absolutistisch-feudalen Schere fällt, blöken diese Schäflein noch immer, sie seien bekanntlich die schärfsten und würden die siegreichsten Gegner der Sozialdemokratie sein, wenn nur nicht die Polizei Ihre todesmutige Agitation gelähmt und die sozialdemokratische Agitation großgezogen hätte.
Sonach würde die Ausreißerei der Bourgeoisie ins absolutistisch-feudale Lager nur noch zunehmen, falls die Sozialdemokratie ihr ein freundliches Gesicht machte, Selbst wenn es eine würdige Politik wäre, so würde es eine zweckwidrige Politik der Sozialdemokratie sein, der Bourgeoisie zu sagen: Wir sind ja ganz harmlose Leute und wollen Euch durchaus wohl; seien wir also Freunde! So lässt sich kein Klasseninstinkt täuschen, auch nicht einmal der abgestumpfte und verdorbene Klasseninstinkt der deutschen Bourgeoisie. Eine gewerkschaftlich und politisch gegliederte Arbeiterbewegung muss der Bourgeoisie immer ein Gräuel sein, wobei es auf die „gemäßigte“ oder die „revolutionäre“ Tonart sehr wenig ankommt, Der Interessengegensatz zwischen Bourgeoisie und Proletariat ist unversöhnlich, und je stärker sich die Interessen auf der einen Seite waffnen, desto empfindlicher wird die andere Seite dagegen sein. Wohl haben Bourgeoisie und Proletariat gemeinsame Gegner, die sie Schulter an Schulter bekämpfen können und von Rechtswegen auch bekämpfen sollten; hätten wir eine Bourgeoisie, die noch politisch zu denken verstände, so würde ein solches Bündnis oft genug geschlossen werden, aber so wie die deutsche Bourgeoisie einmal ist, wäre das sicherste Mittel ihrer gänzlichen Entmannung eine freundliche Haltung der Sozialdemokratie zu ihr.
Was uns diese Erwägungen nahe legt, ist der Kampf gegen den Zolltarif, den abzuwehren sowohl die Bourgeoisie wie das Proletariat ein dringendes Interesse haben, Die Bourgeoisie führt auch diesen Kampf weder in geschlossenen Reihen noch mit dem nötigen Nachdruck, aber immerhin, da sehr wichtige Profitinteressen auf dem Spiele stehen, etwas lebhafter, als sie sonst ihre politischen Kämpfe zu führen pflegt. So sind denn auch einzelne liberale Blätter wieder auf den Gedanken verfallen, mit der Hilfe der Arbeiterklasse zu kokettieren. Überflüssig zu sagen, dass die Bourgeoisie diese Hilfe finden wird, wo sie tapfer gegen den Zolltarif kämpft, aber ein Bündnis, wie es jene liberalen Blätter vorschlagen, hat seine sehr bedenklichen Seiten. Es wird dabei zunächst vorausgesetzt, dass sich die Arbeiter einfach von der Bourgeoisie sollen ins Schlepptau nehmen lassen. Dies würde aber nur zunächst zur Folge haben, dass die Masse derjenigen Bourgeoisie, die vom Zolltarif nichts wissen will, wieder fahnenflüchtig oder doch schwanken wird, wenn ihnen der Vorwurf „sozialdemokratischer Genossenschaft“ gemacht wird. Es sind gewiss keine großen Heldentaten von Leuten zu erwarten, die schon vor dem roten Gespenst fliehen, aber wenn sie als Kanonenfutter verbraucht werden sollen, so muss man sie doch aufs Schlachtfeld wanken lassen, so wohl ausstaffiert, wie es geht.
Dazu kommt aber noch der viel wichtigere Umstand, dass der Kampf gegen den Zolltarif, wie er von der Bourgeoisie einer- und dem Proletariat andererseits geführt wird, bei der Gemeinsamkeit des Zieles sich doch der ganzen Art nach unterscheidet, Die Bourgeoisie sieht darin einen hitzigen Hader zwischen Grundrente und Profit; sie findet, dass die Junker diesen Brotwucher verlangen, um möglichst reichlich Sekt und Austern frühstücken zu können, und sie will diese junkerlichen Gelüste nicht aus ihrer Tasche bestreiten; das Proletariat dagegen sieht in dem Brotwucher, ohne übrigens das Sekt- und Austerngelüste der Junker: zu leugnen, doch in erster Reihe den wilden Verzweiflungsstreich einer stupiden reaktionären, seit Jahrhunderten wie ein Alb auf der deutschen Nation lastenden Klasse, die sich nur noch so von ihrem sonst unvermeidlichen und für die deutsche Kultur unendlich segensreichen Untergang retten kann,
Es ist klar, dass nur mit dieser prinzipiell durchgreifenden Art des Kampfes die Massen wirklich aufgerüttelt werden können. Dafür gibt es bereits Beweise genug, und der nicht am wenigsten triftige dieser Beweise ist die Haltung der junkerlichen Presse, die heute schon die bürgerliche Opposition gegen den Zolltarif als eine quantité négligeable behandelt, dagegen die wirkliche Gefahr in dem täglich wachsenden Aufgebot der Massen durch die sozialdemokratische Agitation sieht. Es wäre einfacher Selbstmord, wenn sich diese Agitation auf das freisinnige Tempo herab stimmen wollte. Und so ist jene, von einzelnen liberalen Blättern aufgeworfene Bündnisfrage nur in den bescheidenen Grenzen durchführbar, die durch das schwindsüchtige Wesen der deutschen Bourgeoisie gezogen sind.
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