Clara Zetkin: Die gewerkschaftlich organisierten Arbeiterinnen in Deutschland

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 20, 30. September 1896, S. 153 f.]

In Deutschland gewinnt die industrielle Frauenarbeit von Jahr zu Jahr an Umfang. Dies beweisen verschiedene Dokumente, insbesondere die Berichte der Gewerbeinspektoren, dies geht auch aus der 1895er Berufszählung hervor, soweit ihre Ergebnisse sich bereits übersehen lassen. Mit ihrem Umfang wächst ihre Bedeutung für die gesamte Arbeiterklasse. Breitere und immer breitere Schichten der proletarischen Frauenwelt werden dem Kapital unmittelbar zins- und tributpflichtig. Dieses nutzt ihnen gegenüber sein Herrenrecht über die Besitzlosen aufs Schonungsloseste aus, denn die Arbeiterin ist wirtschaftlich und sozial schwächer als ihr Kamerad der Fron. Die sattsam bekannten Hungerlöhne überantworten Tausende von Proletarierinnen dem körperlichen, geistigen, sittlichen Verkommen. Sie üben einen verhängnisvollen Druck – den Druck der Schmutzkonkurrenz – auf das Erwerbsleben der Männer aus, bewirken, dass deren Verdienst zusammenschrumpft oder auch ganz versiegt. Übermäßig lange Arbeitszeit, ungesunde Arbeitsbedingungen, Beschäftigungsarten, welche den weiblichen Organismus besonders schädlich beeinflussen: zerstören Gesundheit und Lebenskraft der Lohnsklavinnen, schlagen in der Mutter das proletarische Kind mit Siechtum und überliefern es oft noch vor der Geburt dem Tode. Kurz, die kapitalistisch ausgebeutete industrielle Frauenarbeit hat Begleiterscheinungen im Gefolge, welche die Interessen des Proletariats als Klasse schwer schädigen, es tiefer und tiefer in die Macht des Elends hineinstoßen und damit seinen Befreiungskampf hindern.

Mit dem gesetzlichen Arbeiterschutz ist es die gewerkschaftliche Organisation, welche dem Übermaß der Ausbeutung weiblicher Arbeitskraft ein Weniges steuert und damit auch den angedeuteten gefährlichen Begleiterscheinungen entgegenwirkt. Je mehr die Zahl der Industriearbeiterinnen steigt, um so dringender wird deshalb die Aufgabe, dieselben den Gewerkschaftsorganisationen zuzuführen. Erfreulicherweise begreifen in Deutschland die organisieren männlichen Arbeiter immer klarer das Interesse und die Pflicht, auch ihre Arbeitskameradinnen in die Gewerkschaften einzubeziehen. Erfreulicherweise wächst auch die Zahl der Arbeiterinnen, welche erkennen, wie nötig sie des Schutzes der Organisation bedürfen. Der letzte Bericht der Generalkommission über „die deutschen Gewerkschaftsorganisationen im Jahre 1895“ bestätigt dies klärlich.

Der Fortschritt, den er für die gewerkschaftliche Organisation der Arbeiterinnen nachweist, sticht angenehm ab von dem Bilde, welches der Bericht der Generalkommission für das Jahr 1894 gezeichnet hatte. In diesem Jahre war die Entwicklung der Arbeiterinnenorganisation keine einheitliche. Wohl hatten einzelne Gewerkschaften die Zahl ihrer weiblichen Mitglieder nicht unbeträchtlich vermehrt, in anderen Organisationen war dagegen die Zahl der Arbeiterinnen in auffälliger Weise zurückgegangen. Und Alles in Allem wiesen die Zentralverbände eine Abnahme der weiblichen Mitglieder um 133 gegen das Jahr 1893 auf.

Im Jahre 1895 dagegen stieg die Zahl der in 15 Zentralorganisationen gruppieren Arbeiterinnen von 5.251 auf 6.697, also um 1.446 oder um rund 21½ Prozent. In dem gleichen Zeitraum nahm die Zahl der Zentralverbänden organisieren Arbeiter um 11.235 zu 1894: 241.243; 1895: 252.478). oder um rund 4½ Prozent. Die Gesamtmitgliedschaft der Gewerkschaften erfuhr Zuwachs von oder von nicht ganz Prozent. Nun sind wir weit davon entfernt, die so starke prozentuale Zunahme der gewerkschaftlich organisieren Arbeiterinnen zu überschätzen: bei kleinen Zahlen tritt ein bemerkenswertes prozentmäßiges Anwachsen viel leichter ein als bei großen Ziffern. Aber zieht die vielen besonderen Schwierigkeiten in Betracht, welche dem gewerkschaftlichen Zusammenschluss gerade der Arbeiterinnen entgegenstehen, so sind die vollzogenen Fortschritte als recht ansehnliche zu bezeichnen. Sie haben die Zunahme der gewerkschaftlich organisieren Arbeiterinnen vom Jahre 1893 überholt, wo die Zentralverbände ein Mehr von weiblichen Mitgliedern gewonnen haben. (1892: 4.355; 1893: 5.384.)

Aber nicht der numerische Zuwachs der weiblichen Mitgliedschaft unserer Zentralverbände ist beachtenswert. Auch die Tatsache, das sie im vergangenen Jahre in allen in Rede kommenden Organisationen, mit Ausnahme einer einzigen, zugenommen hat. Nur der Verband der Schuhmacher verzeichnete Einbuße weiblichen Mitgliedern um 136; ihre Zahl sank von 230 auf 94, während sie im vorausgegangenen Jahre fast ebenso rapid gestiegen war, nämlich von 109 auf 230. Die übrigen Zentralverbände, denen bereits 1894 Arbeiterinnen angehörten, weisen eine mehr oder minder große Steigerung ihrer weiblichen Mitgliedschaft auf. Die Verbände der Buchbinder, Goldarbeiter, Holzarbeiter, Metallarbeiter, Sattler und Tapezierer, Schneider, Schuhmacher, Textilarbeiter hatten 1894 zusammen einen weiblichen Mitgliederstamm von 2.370; 1895 dagegen (ohne die Sattler und Tapezierer, die wie die Konditoren ihre höchst unbedeutende weibliche Mitgliedschaft 1894 ganz verloren haben) einen solchen von 3.119, also ein Mehr von 749. Die drei Verbände der Hutmacher, Handschuhmacher und Lithografen haben erst letztes Jahr ihre Statuten dahin geändert, dass den Arbeiterinnen der Anschluss die Organisation möglich ist. Die Arbeiterinnen haben das ihnen zuerkannte Recht schon recht wacker ausgenützt. Bei den Hutmachern haben sich 363, bei den Handschuhmachern 192, bei den Lithografen und Steindruckern 101 Arbeiterinnen organisiert. Der Verband der Hafenarbeiter führt zum ersten Male eine weibliche Mitgliedschaft von 17 Personen auf. Die Tabakarbeiter haben mit 2.831 organisieren Arbeiterinnen wie bisher die stärkste weibliche Mitgliedschaft; ihnen reihen sich an die Metallarbeiter mit 703, die Textilarbeiter mit 666, die Buchbinder mit 523, die Schneider mit 498, die Holzarbeiter mit 386, die Goldarbeiter mit 270, die Schuhmacher mit 34, die Seiler mit 30, die Vergolder mit 23, die Korbmacher mit 21 organisieren Arbeiterinnen.

Die weiter oben angezogenen Zahlen und Tatsachen zeichnen übrigens noch nicht ein vollständiges Bild der Fortschritte, welche die Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaften 1895 gemacht hat. Die Verbände der Tabakarbeiter, Textilarbeiter und Seiler haben der Generalkommission noch nicht ihren Mitgliederstand für das Jahr 1895 mitgeteilt, diese musste deshalb in ihrem Berichte auf die Ziffern für 1894 zurückgreifen. Es ist aber keineswegs ausgeschlossen, das die Zahl der organisieren Textilarbeiterinnen sich vermehrt hat. Und sehr sichere Anzeichen sprechen dafür, dass der Verband der Tabakarbeiter einen Zuwachs auch seiner weiblichen Mitgliedschaft erfuhr, da die unter der Tabakarbeiterschaft im letzte Jahre entfaltete Agitation eine sehr rege war. Insbesondere hat die seitens der Generalkommission veranstaltete Agitation unter den industriellen Arbeiterinnen auch dem Verband der Tabakarbeiter weibliche Mitglieder gewonnen, und kein uns bekannter Grund legt den Schluss nahe, das der Zunahme auf der einen Seite Abnahme auf der anderen gegenübersteht. Außerdem hat der Verband der Fabrik-und gewerblichen Hilfsarbeiter die Zahl seiner weiblichen Mitglieder nicht angegeben, und doch wurden gerade dieser Organisation durch die bereits erwähnte planmäßige Agitation unter den Industriearbeiterinnen zahlreiche weibliche Mitglieder gewonnen.

Der nicht zu bestreitende Aufschwung, den die gewerkschaftliche Organisation der deutschen Arbeiterinnen in dem letzten Jahre genommen, ist wie die günstige Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung überhaupt zum Teil auf Rechnung der besseren wirtschaftlichen Konjunktur zu setzen. Zum anderen Teil aber auch die äußerst rührige Agitation, welche 1895 unter den Arbeiterinnen entfaltet worden ist. Wie wohl verdient die Generalkommission sich um diese Agitation gemacht hat, ist unseren Leserinnen bekannt.

Wir sind fest überzeugt, nächstes Jahr einen weiteren bedeutenden Fortschritt der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen verzeichnen zu können. Der wirtschaftliche Aufschwung hat angehalten, die gewerkschaftliche Agitation ist nicht erlahmt, im Gegenteil, sie war rühriger, energischer als je. Die allerorten stattgehabten Lohnbewegungen, die großen Kämpfe zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft in mehreren Industrien sind nicht spurlos der Masse der bisher indifferenten Arbeiter und Arbeiterinnen vorübergegangen. Sie haben das proletarische Solidaritätsgefühl geweckt und gestärkt, die Notwendigkeit des festen Zusammenschlusses der Ausgebeuteten und Kämpfenden eines Gewerbes gelehrt. Während der Konfektionsarbeiterbewegung haben sich mehrere Tausende von Näherinnen dem Verband der Schneider angeschlossen, im Laufe dieses Jahres sind mehrere Hunderte von Arbeiterinnen der Organisation der Hutmacher beigetreten. Jeder Kampf von Arbeitern und Arbeiterinnen auf wirtschaftlichem Gebiete vergrößert und stärkt die Organisation des Proletariats.

Gewiss ist es ermutigend, dass die Mühen der Agitation den Arbeiterinnen ihre Früchte zu tragen beginnen, dass die Zahl der Lohnsklavinnen wächst, welche sich den Gewerkschaften anschließen. Aber trotzdem bedeuten die erzielten Erfolge nichts als den ersten Anfang, den kleinen Anfang eines großen Werkes. Stehen doch den Tausenden organisierter Arbeiterinnen noch Hunderttausende und Hunderttausende unorganisierter Schwestern gegenüber, Opfer der schamlosesten Ausbeutung und als Schmutzkonkurrentinnen unbewusst und unwillentlich Werkzeuge zur härteren Ausbeutung der proletarischen Männer. Und wird doch gerade in Deutschland die überall schwierige Aufgabe der gewerkschaftlichen Gruppierung der Arbeiterinnen besonders erschwert. Erschwert durch den überaus dürftigen gesetzlichen Arbeiterschutz, erschwert durch die im höchsten Grade unwürdigen Zustände auf dem Gebiete des Vereins- und Versammlungsrechts, wo die vom Reiche rechter Hand gegebene Koalitionsfreiheit linker Hand entrissen wird durch die Nücken und Tücken irgend einzelstaatlichen gesetzlichen Bestimmung. Der gesetzliche Achtstundentag und das unbeschränkte Vereins- und Koalitionsrecht sind die wichtigsten Vorbedingungen für die gewerkschaftliche Organisation der breiten Arbeiterinnenmassen. Erst wenn dem Kapitalistenstaat im zähen Kampfe der Achtstundentag und das Vereins- und Versammlungsrecht für beide Geschlechter abgetrotzt sind, kann das vieltausendköpfige Heer der deutschen Industriearbeiterinnen auf der ganzen Linie am proletarischen Klassenkampf wirtschaftlichem Gebiete organisiert teilnehmen, ist die Möglichkeit gegeben, dass der Kapitalist den proletarischen Mann und die proletarische Frau gleich hart ausbeutet, von Beiden zusammen scharf und energisch bekämpft und geschlagen wird.


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