[Die Neue Zeit, XV. Jahrgang 1896-97, I. Band, Nr. 1, S. 1-4]
f Berlin, 23. September 1896
Die Berliner Gewerbeausstellung, die, wenn man ihren Lobpreisern glauben will, das große Ereignis Deutschlands in diesem Sommer war, naht ihrem Ende, und je näher dies Ende heranrückt, um so stärker werden die Anzeichen, dass es ein Ende mit Schrecken sein wird. Fest steht heute schon, dass die Zeichner des Garantiefonds mit einem großen Fehlbetrag zu rechnen haben. Das wäre nun an sich noch kein besonderes Unglück, denn diese Großbürger haben es dazu; sie können selbst einen großen Fehlbetrag decken, ohne schon auf den Grund ihrer Geldtaschen zu kommen. Aber so ist die Meinung dieser Braven nicht; nachdem sie alle Vorschuss-Lorbeerkronen für ihre lokalpatriotische Aufopferung mit sattem Behagen eingestrichen haben, möchten sie nicht gern das Blut vergießen, dessen problematischer Einsatz ihnen die Ovationen auf Pump verschafft hat. In der Bourgeoispresse beginnt schon jetzt eine schüchterne Agitation, dass der städtische Säckel den finanziellen Ausfall der Ausstellung auf seine Kappe nehmen solle, und da die große Mehrheit der städtischen Körperschaften dasselbe Fleisch und Blut ist, wie die Zeichner des Garantiefonds, so ist diese Agitation auch keineswegs ganz aussichtslos.
Soweit wäre die Sache in der Ordnung, nämlich in der Ordnung der Bourgeoisie, bekanntlich der herrlichsten Ordnung, die es je gegeben hat, so lange die Welt steht. Was aber naive Gemüter einigermaßen verwundern könnte, das ist der absonderliche Umweg, auf dem sich die bangenden Geldsäcke an ihr Ziel heranwälzen. Sie sagen, die Ausstellung sei eine Huldigung der Bourgeoisie an das Proletariat gewesen, sie sei geschaffen worden zur „Ehrung der Arbeiter“. Die wahren Arbeiter, die braven, guten, lieben Kerle, die noch nicht zu mucksen wagen, wenn ihnen das letzte Mark aus den Knochen gepresst wird – es sind ihrer freilich nicht mehr allzu viel – hätten die edle Absicht auch verstanden, und so wäre alles in Herrlichkeit und in Freude ausgegangen, wenn dieser Erfolg der Ausstellung nicht die sozialdemokratischen Führer „erbost und geärgert“ hätte. Sie hätten ihren Anhängern den Boykott der Ausstellung gepredigt, nicht so geradeaus, aber hinten herum, nicht in dürren Worten, aber zwischen den Zeilen. Was sie der Druckerschwärze nicht anzuvertrauen gewagt hätten, das hätten sie von Mund zu Mund verbreitet. Sie hätten mit einem Worte den Arbeitern die Ausstellung verekelt. Die beim Planen der Ausstellung mit der Arbeiterschaft kokettiert hätten, müssten beschämt zugestehen, dass deren sozialdemokratischer Flügel der Ausstellung ferngeblieben sei.
So zu lesen in der „Deutschen Arbeiterzeitung“, einem Blättchen, das im Verlage der „Nationalzeitung“ das Licht der Welt erblickt, woraus seine kapitalistisch-demagogische Tendenz zur Genüge erhellt. Es hat nach menschlichem Ermessen nicht einen einzigen Abonnenten, sondern wird von einzelnen Fabrikanten massenhaft „ihren“ Arbeitern aufgehalst, um sie in der guten Gesinnung zu erhalten oder ihnen wieder gute Gesinnung einzuimpfen. Es erscheint wohl schon seit zehn Jahren, ohne dass bisher ein Anlass vorlag, sein bescheidenes und harmloses Dasein zu stören. Aber mit seiner neuesten Leistung hat es sich ein unbestreitbares Recht auf öffentliche Beachtung erworben; wenn der kapitalistische Tintenkuli, der diesen genialen Gedankengang entwickelt hat, nicht sofort eine jährliche Zulage von hundert Talern preußisch Courant zu seinem Ehrensold erhält, so sind seine Ausbeuter die undankbarsten Leute von der Welt. Was kann klarer sein, als dass der allgemeine Säckel die braven Patrioten entschädigen muss, die ihren edelsten Schweiß daran gesetzt haben, um die Arbeiter zu ehren und nun durch die Undankbarkeit der Arbeiter so in die Bredouille gekommen sind! Selbst der kleine logische Fehler, der dem Urheber dieser überzeugende Beweisführung zum Schlusse passiert, beweist doch nur, dass auf den kapitalistischen Zeitungsplantagen noch nie ein so wackerer N****r gefrondet hat. Es stimmt nämlich nicht gut, wenn die edlen Biedermänner, die in all ihrer schönen Aufopferung von den sozialdemokratischen Führern gepresst worden sind, zum Schlusse als „beschämte Kokettierer“ aufmarschieren müsse. Aber dies kleine Malheur entspringt doch nur einer Überfülle guter Gesinnung; es sollten gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, neben dem tragischen Missgeschick der Dallesmänner von der Gewerbeausstellung auch die ewige Wahrheit beleuchtet werden, dass die Arbeiter nicht anders als mit der Knute bearbeitet werden dürfen, und das arme Schufterle ist nun darüber gestolpert, das Größte gewollt, aber nicht gekonnt zu haben, was ihm seine Auftraggeber gewiss verzeihen werden, nach dem alten Worte: in magnuus voluisse sat est, es genügt, Großes gewollt zu haben.
Im Übrigen ist der ganze Schwindel natürlich rein aus den Fingern gesogen, von der „Ehrung der Arbeiter“ bis zum „Boykott“ der sozialdemokratischen Führer. Es hieße ihm allzu große Ehre erweisen, wenn man ein Wort an seine Widerlegung verschwenden wollte. Dagegen ist es vielleicht von allgemeinen Interesse, gerade jetzt, wo der finanzielle Krach der hiesigen „Gewerbeausstellung“ in der bürgerlichen Presse wohl wieder ein allgemeines Geseire über den Wert oder Unwert von Ausstellungen hervorrufen wird, an die Worte zu erinnern, mit denen Marx die erste Weltausstellung in London begrüßte, die große Industrieausstellung von 1851. Marx schrieb am 1. November 1850 in der „Revue der Neuen Rheinischen Zeitung“: „Diese Ausstellung wurde von der englischen Bourgeoisie bereits im Jahre 1849, als noch der ganze Kontinent von Revolution träumte, mit der bewundernswertesten Kaltblütigkeit ausgeschrieben. In ihr beruft sie ihre sämtlichen Vasallen von Frankreich bis China zu einem großen Examen zusammen, auf dem sie nachweisen sollen, wie sie ihre Zeit genutzt haben, und selbst der allmächtige Zar von Russland kann nicht umhin, seinen Untertanen zu befehlen, auf dieser großen Prüfung zahlreich zu erscheinen. Dieser große Weltkongress von Produkten und Produzenten ist von ganz anderer Bedeutung als die absolutistischen Kongresse von Bregenz und Warschau, die unseren kontinentalen Spießbürgern so viel Schweiß auspressen, oder als die europäisch-demokratischen Kongresse, welche die verschiedenen provisorischen Regierungen in partibus zur Rettung der Welt stets aufs Neue projektieren. Diese Ausstellung ist ein schlagender Beweis von der konzentrierten Gewalt, womit die moderne große Industrie überall die nationalen Schranken niederschlägt und die lokalen Besonderheiten in der Produktion, den gesellschaftlichen Verhältnissen, dem Charakter jedes einzelnen Volkes, mehr und mehr verwischt. Indem sie die Gesamtmasse der Produktionskräfte der modernen Industrie auf einen kleinen Raum zusammengedrängt zur Schau stellt, gerade zu einer Zeit, wo die modernen bürgerlichen Verhältnisse schon von allen Seiten untergraben sind, bringt sie zugleich das Material zur Anschauung, das sich inmitten dieser unterwühlten Zustände für den Aufbau einer neuen Gesellschaft erzeugt hat und noch täglich erzeugt. Die Bourgeoisie der Welt errichtet durch diese Ausstellung im modernen Rom ihr Pantheon, worin sie die Götter, die sie sich selbst gemacht hat, mit stolzer Selbstzufriedenheit ausstellt. Sie beweist dadurch praktisch, dass die „Ohnmacht und Verdrießlichkeit des Bürgers“, von der deutsche Ideologen jahraus jahrein predigen, nur die eigene Ohnmacht dieser Herren ist, die moderne Bewegung zu begreifen, und ihre eigene Verdrießlichkeit über diese Ohnmacht. Die Bourgeoisie feiert dies ihr größtes Fest in einem Augenblick, wo der Zusammenbruch ihrer ganzen Herrlichkeit bevorsteht, ein Zusammenbruch, der ihr schlagender als je nachweisen wird, wie die von ihr erschaffenen Mächte ihrer Zucht entwachsen sind. Bei einer zukünftigen Ausstellung werden die Bourgeois vielleicht nicht mehr als Inhaber dieser Produktivkräfte, sondern nur noch als ihre Ciceroni figurieren.“ So Marx über die Londoner Industrieausstellung von 1851.
Brauchen wir erst hervorzuheben, wie sehr dies ernste wissenschaftliche Urteil absticht sowohl von dem reaktionären Geschimpfe über die Gewerbeausstellungen als Jahrmärkte der Eitelkeit, als auch von dem liberalen Gesalbader über sie als glänzende Triumphe des menschlichen Fortschritts? Und diesen Überlieferungen ihres großen Vorkämpfers ist die deutsche Sozialdemokratie treu geblieben. Als vor einigen Jahren der Plan einer Weltausstellung in Berlin erörtert wurde, befürworteten ihn bekanntlich die „sozialdemokratischen Führer“ lebhaft. Woran er gescheitert ist, das ist ebenso bekannt: an dem Einspruche der Reichsregierung, die vor lauter Eifer, die „heiligsten Güter“ vor dem „Umsturz“ zu schützen, soviel Milliarden für Kanonen und Panzerschiffe verpulvern muss, dass sie nicht eine Hand voll Millionen übrig hat für ein Werk, das immer noch ein Werk der Zivilisation sein würde, Immer noch, wenn auch freilich in immer mehr abnehmenden Maße. In einem Punkte hat Marx geirrt, als er 1851 den großen Gewerbeausstellungen das Prognostikon stellte, in dem einen Punkte, dass auf einer zukünftigen Ausstellung die Bourgeois vielleicht nicht mehr als Inhaber der Produktivkräfte figurieren würden. Als solche haben sie noch auf vielen Ausstellungen figuriert und werden sie noch auf manchen Ausstellungen figurieren. In den Jahren der Revolution und Gegenrevolution hat Marx die Schnelligkeit des Auflösungsprozesses, dem die kapitalistische Gesellschaft unterliegt, oft überschätzt; es ist der eine große Irrtum, der ihm damals unterlaufen ist und der gerade weil Marx den inneren Organismus dieser Gesellschaft so klar durchschaute, sehr erklärlich und bis zu einem gewissen Grade selbst unvermeidlich war. Wir wissen heute aus der Erfahrung eines halben Jahrhunderts, dass sich der Zusammenbruch der Bourgeoisie viel langsamer vollzieht, als Marx im Jahre 1850 annahm, viel langsamer und deshalb auch viel hässlicher und viel widerlicher. Und wie die kapitalistische Gesellschaft überhaupt, so sind auch ihre Gewerbeausstellungen diesem Schicksal verfallen. Die „Kongresse von Produkten und Produzenten“ spiegeln getreulich den gräulichen Verwesungsprozess der kapitalistischen Produktion wieder.
Sie ist noch nicht tot, und es wäre so töricht wie ungerecht, leugnen zu wollen, dass die hiesige Gewerbeausstellung auch ihre imposante Seite hat, dass sie staunenswerte Zeugnisse enthält von der gewaltigen Höhe der Produktivkräfte, die sich im Soße der kapitalistischen Produktion entwickelt haben, von der hohen Intelligenz des modernen Proletariats, das alle diese Schätze geschaffen hat, von dem Aufbau einer neuen Welt, die reich genug ist, allen Menschen ein menschenwürdiges Dasein zu sichern, sobald nur erst wieder der Mensch die Produktivkräfte beherrscht, und nicht mehr die Produktivkräfte den Menschen. Aber wie ist dieser echte Kern einer neuen Gesellschaft begraben unter dem modernden Wust der alten Gesellschaft. Zur weitaus größeren Hälfte –- gering gerechnet – ist die Ausstellung ein Tummelplatz für alle Entartung der kapitalistischen Welt, ein Pandämonium gedankenloser Spielerei, müßiger Schaulust, hungriger Profitwut, ruchloser Ausbeutung, unverschämter Prellerei, wüster Prostitution, ekelhafter Knechtseligkeit, ein Pandämonium, das nach und nach der bürgerlichen Gesellschaft selbst ein gelindes Grauen eingeflößt hat. Seit Monaten kann man in bürgerlichen Kreisen hören: die Geschichte ist ja der reine Schwindel, wir sehen keinen Fuß mehr hinein. Und dieser moralische Krach der Ausstellung hat in erster Reihe ihren finanziellen Krach verschuldet.
Daran tragen aber die Arbeiter nicht die Schuld oder wenigstens insofern nicht die Schuld, insoweit dies klägliche Schicksal der Ausstellung nicht von ihr selbst verschuldet wird. Die Arbeiter sind die Toren nicht, solche Erscheinungen nach Art des über den Verfall seiner eigenen Klasse sittlich entrüsteten Bürgers mit einem moralischen Fluche abzutun. Dass sie ihre sauer erworbenen Groschen nicht verschwendet haben, um sich all das frivole oder kindische oder spielerische Zeug in den vielen Sonderausstellungen mit ihren hohen Sonderpreisen anzusehen, das versteht sich von selbst. Aber was an der Ausstellung wirklich lernenswert ist, das hat Niemand so eifrig studiert, als der intelligente, wir sagen klassenbewusste Arbeiter. In diesen Partien der Ausstellung war das Proletariat ebenso zahlreich vertreten, wie die Bourgeoisie in dem Kneipenlärm von Altberlin und auf dem lebenden Fleischmarkt in Kairo. Die „sozialdemokratischen Führer“ haben weder dazu geraten, noch davon abgeraten; das besorgen die Arbeiter schon selbst, und ihr Klassenbewusstsein müsste ungleich weniger entwickelt sein, als es glücklicherweise entwickelt ist, wenn sie eine solche Gelegenheit, sich technisch fortzubilden und zugleich im revolutionären Denken zu üben, nicht mit allem Eifer ausnützten.
Das weiß die Bourgeoisie auch recht gut, wenigstens die Bourgeoisie, die es am nächsten angeht. Wenn sie dennoch jetzt versucht, den Arbeiter als Prügeljungen zu benutzen, um das Verlustkonto der Ausstellung aus dem städtischen Säckel zu decken, so treibt sie bewussten Humbug und noch dazu was für einen grotesken Humbug! Ob sie das saubere Stücklein wirklich durchsetzen wird, wer möchte es von vornherein bestreiten? Aber wenn es wirklich gelingen sollte, wieder einmal aus der Haut der Massen Riemen für die verkrachte Bourgeoisie zu schneiden, so wird dies Geld, das den Armen abgezapft wird, um es den Reichen zu geben, den Arbeitern wenigstens das Lehrgeld werden für eine neue Lektion im revolutionären Denken.
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