[Die Neue Zeit, XX. Jahrgang 1901-1902, II. Band, Heft 52, S. 804-809]
Eine Reihe von Parteiblättern hatte die Erwartung ausgesprochen, der Parteitag in München werde dem von Mainz gleichen. Ein stiller, ruhiger Geschäftsparteitag werden, von dem man nicht spricht, der aber gerade dadurch seine Güte bekundet. Auch wir hatten diese Erwartung geteilt, denn nur ein Punkt schien uns geeignet, größere Diskussionen hervorzurufen, die bayerische Wahlrechtsreform Es war aber von vornherein nicht sehr wahrscheinlich, dass diese zur Sprache kommen werde. Was zu sagen war, war gesagt, und es dürfte seine Wirkung auf alle Jene, die es anging, nicht verfehlt haben. Außerdem aber stand der Parteitag ganz unter dem Eindruck der kommenden Reichstagswahlen, es gehört aber nicht zu den Gepflogenheiten unserer Partei, die Rüstung für eine kommende Aktion mit einem Disput über eine vergangene einzuleiten
Die Erwartungen, die sich auf diese Situation stützten, wurden im Allgemeinen nicht getäuscht. Die bayerische Wahlreform blieb unbesprochen und der Parteitag hat, würdig eingeleitet durch eine Frauenkonferenz, die ihm ebenbürtig zur Seite gestellt werden darf, sehr solide und gründliche Arbeit geleistet, wozu er auch eine vortreffliche Grundlage in den Referaten erhielt, die zum Teile Meisterleistungen waren und eine Fülle von Belehrung boten. Das jugendfrischeste darunter war das Referat Bebels, das selbst einer jener Kavallerieattacken glich, von denen er sprach, sie aber dadurch von ihnen unterschied, dass das Feuer und die Wucht des Angriffs von sehr nüchternen Erwägungen geleitet wurden und der Angriff selbst kein bloßes Kriegsspiel war, sondern die Eröffnung einer wirklichen Schlacht, allerdings nur einer Wahlschlacht, aber einer solchen, die das Antlitz Deutschlands mehr verändern dürfte, als es mancher Krieg der Waffen getan.
Seit der Wahl von 1890 ist das deutsche Volk nicht mehr vor eine so gewaltige Entscheidung gestellt worden, wie diesmal. Die Wahl von 1890 zerbrach das Sozialistengesetz und stürzte Bismarck. Die von 1903 verspricht die deutsche Sozialdemokratie in eine Situation zu bringen, in der sie als Verfechterin der Klasseninteressen des Proletariats zur Verfechterin der Lebensinteressen der ganzen Nation wird, in der sie auf die erbittertste Feindschaft des brutalsten und kraftvollsten Teiles der herrschenden Klassen stößt, wobei sie aber, wie Bebel sehr richtig hervorhob, auf keinerlei erhebliche Unterstützung aus bürgerlichen Kreisen zu rechnen hat. Mehr als je erweist sich jetzt die Sozialdemokratie als die einzige wahrhaft demokratische Partei Deutschlands, sinken die ehemals demokratischen bürgerlichen Parteien zu mehr oder weniger verschämten Schutztruppen der Regierung herab.
Aber werden die nicht-proletarischen Klassen der Bevölkerung immer schlaffer oder reaktionärer, so schließen sie sich doch glücklicherweise nicht auch immer mehr zu einer einheitlichen Masse zusammen. Im Gegenteil, die Gegensätze in ihrer eigenen Mitte verschärfen sich zusehends. Bei den nächsten Wahlen und im nächsten Reichstag wird der Sozialdemokratie nicht eine reaktionäre Masse, sondern eine reaktionäre Konfusion gegenüberstehen. Dieser konfuse Haufen ist nur einig im Hasse gegen uns, aber unfähig zu irgend einer positiven Arbeit. Und dass gerade jetzt, wo der kommende Reichstag vor jenen großen Aufgaben steht, die Bebel so eindringlich geschildert hat! Diese Situation eröffnet einer geschlossenen und zielbewussten Partei die besten Aussichten.
Eng verbunden mit dem Thema der Reichstagswahlen war die Polendebatte, die ja durch die Aufstellung polnischer Sonderkandidaturen in einigen Wahlkreisen des Ostens hervorgerufen wurde. Die polnische Frage ist für unsere Partei eine sehr heikle und komplizierte und der Parteitag hat gut daran getan, sie in möglichst versöhnlichem Sinne zu erledigen. Wir müssen alles vermeiden, was unseren polnischen Genossen den Glauben beibringen könnte, als drohe ihnen die Gefahr einer Vergewaltigung, wenn sie im Rahmen der deutschen Sozialdemokratie wirkten, als wollte diese ihren nationalen Empfindungen und Bedürfnissen nicht Rechnung tragen.
Wir müssen einmal mit der Tatsache rechnen, dass, wie bei allen unterdrückten oder lange unterdrückt gewesenen Nationen, z.B. auch bei den Tschechen, nicht nur in den bürgerlichen Klassen, sondern auch im Proletariat eine große nationale Empfindlichkeit herrscht, so dass sich Mitglieder solcher Nationen sehr leicht von den Genossen ihrer größeren und stärkeren Nachbarnationen benachteiligt fühlen, wenn es einmal gilt, in irgend einem Punkte nachzugeben. Wir müssen auch mit der Tatsache rechnen, dass einem erheblichen Teil unserer polnischen Genossen die Befreiung Polens ebenso am Herzen liegt, wie die Befreiung des Proletariats. Jene Idee ist keineswegs eine bloße Doktorfrage, Wohl muss ich gestehen, dass die Erwartungen, die ich noch 1896 in meiner Polemik mit der Genossin Luxemburg an eine bürgerliche nationale Bewegung in Russisch-Polen knüpfte, inzwischen aus einer Reihe von Gründen erheblich herab gestimmt worden sind. Anderseits ist nicht mehr daran zu denken, dass eine der westeuropäischen Regierungen einmal daran geht, Russland die Unabhängigkeit Polens aufzuzwingen. Es wird immer wahrscheinlicher, dass diese nur noch zu erwarten ist als Folge einer Niederwerfung des Zarentums durch das Proletariat Russlands. Das mag in weiter Ferne liegen, aber dadurch wird die Unabhängigkeit Polens ebenso wenig zur Doktorfrage, als die größere oder geringere Entfernung der sozialistischen Gesellschaft diese zu einer Doktorfrage für den Sozialisten macht. Wie das sozialistische Endziel praktisch schon heute wirksam ist, indem es den Sozialisten in den praktischen Kämpfen des Tages eine bestimmte Richtung gibt, ihrem Handeln Klarheit und Einheitlichkeit verleiht, so wirkt auch die Idee der Unabhängigkeit Polens auf den polnischen Sozialisten – notabene, nur von der Unabhängigkeit Polens, das heißt, der Herstellung eines polnischen Nationalstaats, kann die Rede sein, nicht von der Wiederherstellung des alten historischen Polen. Dieses ist tot und begraben, wie das böhmische Staatsrecht, und kann nur noch als ein reaktionäres Gespenst in der jetzigen Politik herumspuken.
Aber selbstverständlich – und hier kommt die Schwierigkeit – so sehr wir die Kraft des nationalen Empfindens unserer polnischen Genossen berücksichtigen und achten müssen, so muss es doch stets dem höheren Zwecke untergeordnet bleiben, dem wir Alle dienen, dem der Emanzipation des Proletariats aller Länder; es darf nie zum Mittel werden, das Proletariat zu spalten, in seiner Organisation und seinem Kampfe zu hindern; wo nationale Empfindlichkeiten in dieser Richtung wirken, müssen sie überwunden werden; wenn möglich durch gütliches Zuredens ; wenn das nicht hilft, bleibt nur die Majorisierung oder Bekämpfung der widerspenstigen Elemente übrig.
Wenn wir mit dem nationalen Empfinden unserer polnischen Genossen rechnen müssen und rechnen, so haben sie nicht minder mit der Tatsache zu rechnen, dass sie ihre nächsten praktischen Kämpfe in drei verschiedenen Staaten zu führen haben, dass sie sie nicht führen können als geschlossene polnische Sozialdemokratie, sondern nur als Teile der deutschen, österreichischen, russischen. Die polnischen Genossen in Österreich haben das auch einmütig anerkannt und ihre besondere politische Organisation zu einem Teil der Organisation des Proletariats von Gesamtösterreich gemacht. Sie unterstehen der Reichsparteileitung der Sozialdemokratie Österreichs und erkennen deren Reichsparteitag als oberste Instanz an. Und sie betrachten es durchaus nicht als eine Beeinträchtigung der Aussichten auf ein selbständiges Polen, wenn sie im Verein mit den sozialdemokratischen Organisationen der anderen Nationen des Staates dahin wirken, Österreich möglichst freiheitlich zu gestalten und für seine Proletarier möglichst wohnlich einzurichten.
Natürlich lassen sich österreichische Verhältnisse im Ausland nicht einfach nachahmen. In Russland bedingt schon der geheime Charakter der Organisationen eine größere Unabhängigkeit jeder einzelnen derselben von der Gesamtbewegung. Aber im Deutschen Reiche, sollte man annehmen, könnte der Unterschied von Österreich nur darin bestehen, dass bei uns die polnischen und die deutschen Genossen sich noch enger zusammenschließen als in Österreich. Denn fast nirgends in den Städten und Industriegegenden, die hier in Frage kommen, finden wir eine ausschließlich polnische Bevölkerung. Meist leben da deutsche und polnische Proletarier nebeneinander und sind im täglichen Kampfe auf stetes Zusammenwirken angewiesen. Wir finden es vollkommen gerechtfertigt, dass die deutschen Sozialdemokraten, um ein solches zu ermöglichen, ihren polnischen Genossen in jeder Weise entgegengekommen sind. Die deutsche Sozialdemokratie, als der stärkere und ältere, also erfahrenere Teil, vergibt sich nichts, wenn sie dem schwächeren Teile in manchen Punkten nachgibt, um seine Empfindlichkeit zu schonen. Aber dieselbe Situation, die es erforderlich macht, dass unsere Partei im Interesse eines gedeihlichen Zusammenarbeiten den polnischen Genossen alle Konzessionen macht, die mit ihrer Würde und ihren Aufgaben vereinbar sind, dieselbe Situation würde es erfordern, um so energischer gegen Elemente vorzugehen, die hartnäckig daran festhalten, Disziplinlosigkeit zu säen, denn je nötiger das gute Einvernehmen und das einträchtige Zusammenwirken von deutschen und polnischen Proletariern, um so verderblicher muss jede Sonderbündelei der Letzteren wirken.
Wir stehen der polnischen Bewegung zu fern, um beurteilen zu können, ob unter den polnischen Sozialisten solche Elemente zu finden sind. Hoffen wir, dass dies nicht der Fall und dass die Münchener Resolution die goldene Brücke baut, die es allen polnischen Sozialisten in gleicher Weise ermöglicht, zusammen mit ihren deutschen Genossen in den Wahlkampf zu ziehen.
Weitaus erregter als die Debatten über diese Punkte gestalteten sich jene über die „Sozialistischen Monatshefte“ und die „Neue Zeit“. Sie waren es, die unsere Erwartungen über den ruhigen Verlauf des Parteitags zu Schanden machten. Man darf sie als einen Nachhall der Diskussionen zwischen Revisionisten und Marxisten betrachten. Aber wenn auf den früheren Parteitagen seit Hannover die Debatten über die neue Methode aus dem Verlangen nach Kritik unserer theoretischen Grundlagen und nach einer Revision unseres Programms hervorgegangen waren, so entsprangen sie diesmal dem Bedürfnis nach dem Aufhören einer Selbstkritik, die keine positiven, neuen Erkenntnisse liefert, die die Massen als unfruchtbar empfinden. Es standen also diese Debatten keineswegs im Widerspruch zu dem Streben nach Beilegung aller internen Differenzen, das jede große Aktion, also auch jede allgemeine Wahl, in unseren Reihen hervorruft. Dass manche Praktiker nicht mehr wussten, von welcher Seite die unfruchtbare Selbstkritik hervorgerufen worden, und im Laufe der Debatten die „Theorie“ und die Theoretiker überhaupt dafür verantwortlich machten, ist zwar nicht sehr erfreulich, aber auch kein Wunder.
Auch nach der persönlichen Seite, die stark in den Vordergrund trat, waren diese Debatten nicht immer erquicklich, dennoch haben wir allen Grund, mit ihnen zufrieden zu sein, da sie Anlass boten, mit einer Menge Klatsch aufzuräumen und eine Reihe falscher Vorstellungen über die „Neue Zeit“ zu beseitigen. Sie zeigten vor Allen, dass die Redaktion der „Neuen Zeit“ von ihren Gegnern mm angegriffen wurde wegen der Grundsätze und Tendenzen, die sie verficht, Grundsätze und Tendenzen, die sie mit der Mehrheit der Parteigenossen gemeinsam hat, wie alle darauf bezüglichen Abstimmungen von Hannover bis München beweisen, dass sich jedoch gegen unsere Redaktionsführung, mag sie auch nach der technischen Seite noch mancher Verbesserung bedürftig sein, kein Vorwurf von Belang vorbringen ließ, trotz der schwierigen Situation, die die revisionistische Bewegung gerade für die Redaktion der „Neuen Zeit“ geschaffen, deren theoretische und redaktionelle Aufgaben sich nicht immer leicht vereinbaren ließen.
Die Debatte spitzte sich mitunter sehr scharf persönlich zu, trotzdem wäre es irrig, danach anzunehmen, die Diskussion habe eine Art persönliches Haberfelbtreiben gegen den Redakteur der „Neuen Zeit“ oder einen Konkurrenzzank zwischen „Monatsheften“ und „Neue Zeit“ dargestellt. Sie hatte eine höhere Bedeutung, sonst wäre sie auch nicht im Stande gewesen, den Parteitag so zu fesseln und zu erregen; es waren, wie schon oben bemerkt, zwei Momente, die sie beherrschte: einmal war sie ein Kampf jener beiden Richtungen, die ihren vornehmsten Ausdruck in den „Monatsheften“ und der „Neuen Zeit“ gefunden haben; dann aber trat in ihr deutlich der Missmut der Praktiker über die ewigen theoretischen Kritiken hervor, die uns nicht vom Fleck bringen.
Die bürgerliche Presse hat natürlich diese Debatten benützt, um der Sozialdemokratie sofort den Wunsch nach Unterdrückung der freien Meinungsäußerung anzudichten. Aber selbst der Antrag Rollwagen wollte eine solche nicht herbeiführen. Er wollte Polemiken gegen Parteianschauungen nicht verhindern, sondern nur auf bestimmte Blätter beschränkt wissen. Und dieser Antrag war nur als Demonstration gemeint, die ihre Aufgabe erfüllte, sobald sie zur Aussprache über diesen Punkt geführt, weshalb er dann zurückgezogen wurde.
Wie und wo ein Parteigenosse zu schreiben hat, das ist eine Frage des Taktes, für die sich allgemeine Regeln nicht aufstellen lassen. Es fällt Niemand ein, einem Parteigenossen die Mitarbeit an einem Organ bloß deshalb zu verübeln, weil es nicht der Kontrolle der Partei untersteht. Es war auch ganz natürlich, dass die Revisionisten, sobald sich ihre Richtung bildete, nach einem eigenen Organ suchten. Das liegt in der Natur der Sache. So haben sich auch in Italien die Anhänger jeder der beiden Richtungen in einem besonderen Organ konzentriert. Und da das alte wissenschaftliche Organ, die „Critica Sociale“, von Revisionisten redigiert wurde, so waren es dort die Anhänger der antiministeriellen Richtung, die sic ein eigenes Organ gründeten, „Il Socialismo“. Es fällt uns aber nicht ein, nach berühmten Mustern dafür Turati der Enge des Gesichtskreises, der Unduldsamkeit, des heimtückischen Hinausgraulens von Mitarbeitern anzuklagen. Notabene, wer die Redaktion der „Neuen Zeit“ der Intoleranz beschuldigt, möge sich erinnern, dass in keiner der revisionistischen Zeitungen so viele antirevisionistische Artikel erschienen sind, wie revisionistische bei uns. War es doch die „Neue Zeit“, welche unter Anderem die Bernsteinschen Artikel veröffentlichte, von denen die revisionistische Bewegung ausging.
Als Parteiorgan steht die „Neue Zeit“ selbstverständlich jedem Parteigenossen offen, der etwas Erhebliches zu sagen hat. Aber es ist selbstverständlich, dass die Revisionisten sich heimischer in einem Organ fühlen, dessen Redakteur völlig zu den ihrigen zählt, als in der „Neuen Zeit“, deren Redakteur das Parteiprogramm nicht bloß anerkennt, sondern mit Begeisterung verficht, und wo ihre kritischen Artikel zwar erscheinen, aber wo der Leser auch deren Kritik durch die andere Richtung zu lesen bekommt. Es war denn auch nicht die Existenz der „Monatshefte“, was böses Blut erregte, sondern ihr geschäftliches Gebaren, das aus dem geistigen Kampfe der Blätter zweier Richtungen einen geschäftlichen Konkurrenzkampf machte, in dem das revisionistische Blatt dem Parteiorgan den Boden durch Schleuderkonkurrenz abzugraben suchte, durch kapitalistische Methoden, die ein Parteiorgan, das auf seine Würde hält, nicht anwenden kann und darf.
Also nicht auf das Gebiet der Freiheit der Meinungsäußerung, sondern der Freiheit der Konkurrenz fallen die Vorwürfe, die einzelnen Genossen wegen ihrer moralischen Förderung der „Monatshefte“ gemacht wurden. Die Frage war nicht die, ob ein Sozialdemokrat nicht dort seine Überzeugungen äußern darf, wo es ihm am gedeihlichsten erscheint, sondern die, ob im geistigen Kampfe von Sozialisten untereinander alle Mittel kapitalistischer Konkurrenz in Anwendung gebracht werden dürfen oder nicht.
Wird der Wettbewerb beider Richtungen nur auf geistigem Gebiet dadurch geführt, dass jede die besten wissenschaftlichen und publizistischen Leistungen aufzuweisen trachtet, dann ist er keineswegs von Übel.
Besser wär’s freilich, wenn wir gar keine zwei Richtungen innerhalb der Partei hätten. Aber die lassen sich weder hinweg dekretieren, noch hinweg leugnen Doch können die kommenden Reichstagswahlen viel tun, manchen inneren Gegensatz zu überwinden. Ein gemeinsam geführter Kampf bringt die Menschen einander näher, er kann aber auch Verschiedenheiten in der Auffassung der Dinge beseitigen, wenn er klare, scharf umrissene Situationen schafft, die nur in einem Sinne aufgefasst werden können, den Kampf nur nach einer Richtung hin ermöglichen.
Selbstverständlich dürfen wir auch dann nicht erwarten, dass sämtliche Gegensätze innerhalb unserer Partei verschwinden. Das wäre weder möglich noch gut. Dann würde allerdings die so viel befürchtete Stagnation in unserer Partei eintreten. Es gibt Gegensätze, die in unserer Partei immer bestanden haben und bestehen werden: die zwischen Prinzipiellen und Opportunisten, zwischen Staatsmännern und Stürmern und Drängern usw. Daneben gibt es Gruppierungen, die aus besonderen historischen Situationen entspringen und wieder verschwinden, aber nur, um neuen Gruppierungen, neuen Gegensätzen und daraus hervorgehenden Friktionen Platz zu machen. Wir hatten in der ersten Hälfte der achtziger Jahre die Rodbertusianischen Staatssozialisten; ihnen folgte die radikale Fronde Schippels und seines Anhanges in der „Volkstribüne“. Denen schlossen sich die „Jungen“ an, die nach einer kurzen Pause von den Revisionisten abgelöst wurden.
Welche Fortsetzung folgen mag, das ist unabsehbar. Eines aber ist sicher: die letzten Jahre erbitterter theoretischer Kämpfe sind an der Partei vorübergegangen, ohne ihre Geschlossenheit und ihr Selbstbewusstsein im Geringsten zu erschüttern. Dies ist niemals eklatanter zu Tage getreten als in München. Selbst die am eifrigsten nach Auflösungssymptomen auslugenden Unglücksraben der bürgerlichen Presse wagen es diesmal nicht, wie sonst nach jedem Parteitag, von der bevorstehenden Spaltung der Sozialdemokratie zu leitartikeln. Unerschüttert ist unsere Einheit, unerschüttert unser Vertrauen auf uns selbst und unsere Sache. Und diese Zuversicht, die ein so mächtiges Propagandamittel ist, sie wird uns im nächsten Jahre zu neuen Siegen führen!
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