Clara Zetkin: Redebeitrag in der Diskussion über die Leseabende

[2. Verhandlungstag der Frauenkonferenz, 9. September 1911, „Protokoll über die Verhandlungen des Parteitages der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Abgehalten zu Jena vom 10. bis 16. September 1911 sowie Bericht über die 6. Frauenkonferenz am 8. und 9. September 19011 in Jena”, Berlin 1911, S. 433 f.]

Genossin Zetkin: Im Gegensatz zur Genossin Grünberg meine ich, es gibt gar seine hochstehenden oder niedrig stehenden Themata. Nicht der Inhalt macht eine Sache schwer oder leicht verständlich, sondern nur die Art der Behandlung. Es gibt keine schwerfällige und langweilige Theorie, wohl aber kann die Theorie schwerfällig und langweilig behandelt werden. Unsere Leseabende müssen den grundsätzlichen Teil unseres Programms zum Inhalt des Lehrstoffes machen, nur dadurch können wir revolutionäre Kämpferinnen für den Klassenkampf schulen. Aber darin stimme ich mit Genossin Grünberg überein: wir dürfen unsere Grundsätze nicht als blutleere, abstrakte Theorie bringen. Wir müssen sie gegenständlich, greifbar in der kapitalistischen Wirklichkeit zeigen. Damit machen wir sie begreifbar. Um so zu verfahren, müssen wir meines Erachtens „die Deichsel unseres Schulwagens“ umdrehen. Wir sollten nicht mit der Vergangenheit beginnen, die weitab von der Gedankenwelt der meisten Proletarierinnen liegt und auch oft von den Lehrenden nur recht unvollkommen beherrscht wird; wir müssen zunächst auf dem Boden der Gegenwart bleiben. Damit werden wir aber auch die ungeschulten Proletarierinnen fesseln, denn natürlich dürfen wir unsere Darlegungen nicht thematisch an den Wortlaut des Programms anknüpfen. Wir müssen vielmehr seinen wesentlichen Inhalt den Genossinnen nahebringen an einem Material, das auch die einfachste Proletarierin beherrscht, weil es aus ihren eigenen Lebensbedingungen geschöpft ist. In jeder Stunde ihres Lebens erfährt sie ja die kapitalistische Wirklichkeit am eigenen Leibe. An diese Erfahrungen müssen wir anknüpfen, nicht aber mit abstrakten Erörterungen anfangen. Durch solchen Unterricht schaffen wir eine feste grundsätzliche Basis für die spätere Arbeit der Genossinnen auf politischem, gewerkschaftlichem und genossenschaftlichem Gebiet. Über das Wie des Unterrichts bemerke ich, dass wir mit dem System der Vorträge brechen und nach der Methode von Frage und Antwort unterrichten müssen. Wenn man durch einen Vortrag die Weisheit kübelweise den Genossinnen über den Kopf schüttet, fühlen sie sich entmutigt und fragen nicht. Wenn aber durch richtiges Fragen, Anknüpfen an das tägliche Leben der proletarischen Frauen, die Grundsätze an konkreten Erscheinungen entwickelt werden, wird jeder grundsätzliche Satz für sie ein Erleben, ein Finden und Entdecken. In dieser Weise erwecken wir nicht nur das höchste Maß der Aufnahmefähigkeit, sondern auch der dauernden und freudigen geistigen Mitarbeit mit dem Unterrichtenden. Was am besten die Genossinnen im Sozialismus schult, wird so gleichzeitig zum wirksamsten Mittel, sie zu selbst denkenden, geistig mitarbeitenden Persönlichkeiten zu bilden, die die sozialistischen Lehren nicht nachsagen, vielmehr durchdringen (Lebhafter Beifall.) In der Richtung auf dieses Ziel müssen wir auch unser Lehr- und Leitungspersonal schulen, und diese Schulung will ich nach Kräften durch die „Gleichheit“ zu unterstützen suchen. (Beifall)


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