[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 17, 19. August 1896, S. 130 f.]
Die weiblichen Delegierten des internationalen Kongresses traten am Abend des 31. Juli zu einer besonderen Sitzung zusammen. Zweck derselben war: soweit es der äußerst knapp bemessenen Zeit möglich, Erfahrungen und Ansichten über den Stand der sozialistischen Frauenbewegung in den einzelnen Ländern auszutauschen und dauernde Fühlung zwischen den Genossinnen verschiedener Nationalität zu schaffen. Gegen 30 Delegierte wohnten der Besprechung bei, der Mehrzahl nach Engländerinnen, von denen drei oder vier von Gewerkvereinen, die übrigen von politischen Organisationen zum Kongress entsendet worden waren. Vertreten waren außerdem: Schottland, Amerika, Holland und Belgien, Russland, Polen durch je eine Delegierte, Deutschland durch die drei nach London delegierten Genossinnen. Von den Französinnen, welche am Kongress teilnahmen, wohnte leider keine der Konferenz bei.
Man beschloss zunächst die Frage der gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen zu erörtern, da diese im Interesse des gesamten kämpfenden Proletariats dringlicher wird. Frau Hicks, mit Fräulein Black zusammen eine der Gründerinnen und noch jetzt die Schriftführerin des Gewerkvereins der Londoner Seilmacherinnen, berichtete in längeren Ausführungen über die Erfahrungen, die sie zur Frage im Laufe langer Jahre und unermüdlichen Wirkens gewonnen. Wir geben dieselben an anderer Stelle ausführlich wieder. Frau Hicks konstatiere: dass je schlechter eine Kategorie von Arbeiterinnen gestellt, je schwieriger das Werk der Organisierung sei; dass die Zeit eines Kampfes gegen das Unternehmertum sich der Agitation für die Gewerkschaft am günstigsten erweise; dass die wichtigste Voraussetzung für die Organisierung der Arbeiterinnen in einem durchgreifenden und wirksamen Schutz gegen übermäßige Ausbeutung bestehe; dass die planmäßige Agitation unter der weiblichen Arbeiterschaft eines Betriebs bessere Resultate zeitige als das Heranziehen einzelner Arbeiterinnen verschiedener Betriebe. Mehrere englische Delegierte, u.a. Genossin Morant und Edith Lanchester bestätigten und ergänzten Frau Hicks‘ Ausführungen.
Betont ward, dass der Einfluss der bürgerlichen Frauenrechtlerinnen der Arbeiterinnenbewegung trotz des Willens einzelner Persönlichkeiten meist mehr schade als nütze. Nicht wegen ihrer Abstammung sei der Einfluss dieser Damen zu bekämpfen, sondern wegen des bürgerlichen Standpunkts, den sie vertreten, und der eine richtige Erkenntnis und Wahrung der Arbeiterinneninteressen ausschließe. Die Agitation der Frauenrechtlerinnen gegen den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz habe deren Unverständnis für die Lage der proletarischen Frauen klar erwiesen. Zur Mitarbeit sei Jeder willkommen, vorausgesetzt, dass er der sozialistischen Auffassung entsprechend unter den Arbeiterinnen wirke.
Die deutschen Delegierten skizzieren kurz den Stand der gewerkschaftlichen Arbeiterinnenbewegung ihrer Heimat. Außer den allgemeinen Schwierigkeiten, mit denen diese überall zu kämpfen hat: schlechte Löhne, lange Arbeitszeit, zwiefache Belastung mit Erwerbs- und Hausarbeit, rückständige Entwicklung, Furcht vor Maßregelung etc. schilderten sie eingehend die besonderen Hindernisse, welche in den meisten deutschen Einzelstaaten durch das reaktionäre Vereins- und Versammlungsrecht für die Organisationsbestrebungen geschaffen werden. Die in Deutschland beliebten behördlichen Kniffe und Pfiffe, die Auflösung von Agitationskommissionen, die Umkrempelung jeder missliebigen gewerkschaftlichen Versammlung zu einer politischen etc. waren allen Anwesenden unverständlich mit Ausnahme der russischen Delegierten, die durch sie lebhaft an heimische Zustände erinnert wurde. Auf mehrere Anfragen seitens englischer Delegierten wurde hervorgehoben, dass die deutschen Gewerkschaften sich keineswegs gegen die Aufnahme weiblicher Mitglieder wehren, sondern umgekehrt zum Teil erhebliche Opfer bringen, um die Arbeiterinnen der Organisation der Berufskollegen zuzuführen. In England, so wurde bemerkt, gilt das Gleiche von den Ausschüssen und Vorständen der Trades Unions, aber nicht immer von den Mitgliedern derselben.
Die Delegierte für Amerika, Frau Stetson, teilte mit, dass sie von einem nur aus Männern bestehenden Gewerkschaftsverband delegiert worden sei, dem sie Vorträge gehalten habe. In ihrer Heimat stehe dem Beitritt der Arbeiterinnen zu den Gewerkvereinen der Männer nichts im Wege. Doch machen die Frauen in Kalifornien, wo sie selbst lebt und wirkt, so gut wie keinen Gebrauch von dieser Möglichkeit. Ihres Wissens treten auch in den anderen Teilen der großen Union die Arbeiterinnen nur in verhältnismäßig winziger Anzahl den Gewerkschaften bei. Es erklärt sich dies daraus, dass in Amerika, zumal aber im Westen, die Zahl der Frauen geringer als die der Männer ist. Das junge Mädchen hat in der Folge die Aussicht, sich verhältnismäßig günstig zu verheiraten und dann der Berufsarbeit enthoben zu sein. Die Zahl der verheirateten Arbeiterinnen ist im Allgemeinen in Amerika, besonders aber in Kalifornien sehr gering. Die Berufsarbeit sei also für die Arbeiterin etwas Vorübergehendes, es fehle der Anreiz, der Gewerkschaft beizutreten. Im Osten Amerikas, wo das Missverhältnis zwischen der Zahl der Männer und Frauen nicht so groß sei, lägen die Verhältnisse vielfach anders. Aber überall ständen die amerikanischen Arbeiterorganisationen den Arbeiterinnen dem Gefühl wahrer Brüderlichkeit gegenüber.
In Belgien und Holland, berichtete Genossin Van Kol, haben die Bemühungen, die Arbeiterinnen zu organisieren, mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen wie überall. Der Verdienst der Arbeiterinnen ist hier besonders niedrig – Belgien ist ein bekanntes Dorado kapitalistischer Frauenausbeutung –, die gewerkschaftliche Organisation ist mithin besonders nötig, aber auch äußerst schwierig. Immerhin ist auch hier der Anfang gemacht, die Arbeiterinnen durch die Macht der Organisation gegen die schlimmste Ausbeutung zu schützen.
Die russische Delegiere, Genossin Plechanow, teilte mit, dass ihrer Heimat gegenwärtig von einer gewerkschaftlichen Organisation der Arbeiterinnen ebenso wenig die Rede sein könne, wie von derjenigen der Arbeiter. Das russische Volk habe kein Vereins- und Versammlungsrecht, keine Presse- und Redefreiheit, es fehlen die politischen Voraussetzungen einer Bewegungsmöglichkeit des Proletariats auch auf wirtschaftlichem Gebiete. Trotzdem habe der große Streik der Petersburger Arbeiter bewiesen, das das werktätige Volk zu selbständigem Klassenleben erwacht. An dem Streik waren 10.000 Frauen beteiligt, und sie hielten sich geradezu musterhaft, waren von einer Energie, Begeisterung und Opferfreudigkeit, die vielfach die Männer beschämte und diesen erst den Mut zum Kampfe und zum Aushalten stärkte.
Volle Übereinstimmung herrschte unter den Delegierten, dass die Arbeiterinnen überall dort, wo mit sie den Männern zusammenarbeiten, den schon bestehenden Gewerkschaften der Arbeitskameraden zuzuführen sind. Die eventuelle Gründung von Nichts-als-Frauenvereinen empfiehlt sich nur in Berufen, in denen ausschließlich Frauen beschäftigt sind. Doch ist in diesem Falle wenigstens für Anschluss an die Organisation verwandter Berufsgenossen zu wirken. Die für diese Ansicht geltend gemachten Gründe sind im Wesentlichen die Folgenden: Der schlechten Entlohnung der Arbeiterinnen entsprechen niedrige Gewerkschaftsbeiträge. Die Nichts-als-Frauengewerkvereine bleiben deshalb der Regel wirtschaftlich schwach und sind nicht fähig, energisch gegen den Kapitalisten für bessere Lohnbedingungen zu kämpfen. In den Arbeiter und Arbeiterinnen umfassenden Organisationen treten dagegen die wirtschaftlich besser gestellten Männer solidarisch für die Frauen ein, und das im wohlverstandenen eigenen Interesse, um eine Schmutzkonkurrentin zu beseitigen und eine Kampfesgenossin zu gewinnen. Die Gewerkschaften der Arbeiter haben schon einen reicheren Schatz von Erfahrungen gesammelt, der den Arbeiterinnen zugute kommt, wenn sie den bestehenden Organisationen beitreten, statt Vereinchen zu gründen. Auch die aus der gemeinsamen Organisation resultierende Ersparnis an Zeit, Mitteln und Kräften darf nicht unterschätzt werden.
Einmütig war man ferner der Ansicht, dass der gesetzlich festgelegte Achtstundentag von der größten Bedeutung für die Organisation der Arbeiterinnenmassen sei. Er schaffe der durch Brotarbeit und Hausarbeit in Anspruch genommenen Frau die Zeit, ein Mehr an Lust und Kraft, sich über die Notwendigkeit der Gewerkschaftsbewegung aufzuklären und sich energisch an ihr zu beteiligen.
Einer Anregung der Frau Hicks entsprechend beschloss die Konferenz, in der Schlusssitzung des Kongresses im Namen der weiblichen Delegieren einen Antrag zu stellen, der das Verbot der Arbeit von Frauen 6 Wochen vor und 6 Wochen nach ihrer Niederkunft fordert, sowie Unterhalt auf Staatskosten während dieser Zeit. Der Antrag wurde vom Kongress einstimmig und ohne Debatte angenommen.
Ferner wurde beschlossen, durch Vermittlung mehrerer Delegierten eine regelmäßige internationale Korrespondenz zu unterhalten, welche Überblick über die Entwicklung der sozialistischen Frauenbewegung in den einzelnen Ländern und eventuell ein gemeinsames Vorgehen ermöglichen soll. Für Russland, England, Holland, Belgien, Deutschland, Frankreich, Amerika sind bereits Korrespondentinnen bestimmt; für die nicht der Konferenz vertretenen Länder sollen solche noch gewonnen werden. Leider war es unter den vorliegenden Umständen nicht möglich, in einer zweiten Sitzung sich über die politische Seite der sozialistischen Frauenbewegung zu beraten. Die Genossinnen trennten sich in dem Bewusstsein einer Ideen- und Kampfesgemeinschaft.
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