Franz Mehring: Auch ein Parvenu

[Die Neue Zeit, X. Jahrgang 1890-91, I. Band, Nr. 2, S. 37-40]

f Berlin, den 28. September.

Es war am 26. November 1870 im norddeutschen Reichstage. Zur Beratung stand eine neue Kriegsanleihe, bestimmt, den Krieg gegen die französische Republik fortzuführen und dadurch den Erwerb Elsass-Lothringens zu sichern. Die erste fünfprozentige Kriegsanleihe war zum Kurse von 88 Prozent im Betrage von hundert Millionen Talern aufgelegt worden, und die patriotische Börse von Berlin hatte ganze – drei Millionen gezeichnet, was beiläufig Herr Lasker später damit entschuldigte, mit ihrem „Geschäftskapital“ hätten sich die Bankiers bei einem so unsicheren Geschäfte doch nicht beteiligen können, mit ihrem „Privatkapital“ hätten sie es reichlich getan. Dagegen stürzte sich dieselbe patriotische Börse auf die französische Kriegsanleihe, so dass sie der Staatsanwalt mit dem Landesverrat-Paragrafen in der Hand bändigen musste. Diese damals land- und stadtbekannten Verhältnisse streifte an jenem 26. November Bebel in seiner Rede gegen die neue Kriegsanleihe, deren Zweck, wie gesagt, nicht die Abwehr eines äußeren Feindes, sondern die Eroberung von Elsass-Lothringen und damit die Verewigung der europäischen Kriegsrüstungen war. Bebel sprach von „Opfern, die doch nur aufgebracht werden können dadurch, das diejenigen, die immer mit dem Patriotismus voraus sind in den Worten, erst abwarten, ob ihnen die nötigen Prozente auch in die Tasche fallen.“ Hierüber entbrannte der landesübliche patriotische Spektakel. Dann aber erhob sich Herr Lasker, der sich immer meisterhaft darauf verstand, aus der unzweifelhaften Tatsache, das er für seine Person niemals silberne Löffel gestohlen hatte, einen wehmütigen Glanz der Entsagung über die ganze Bourgeoisie fließen zu lassen: „Gewiss keine Versammlung der Welt würde derartige Reden so lange mit Ruhe angehört haben, als es diese Versammlung den Reden des Herrn Bebel gegenüber getan hat. … Welche Verwirrung der Begriffe, wenn diese Herren, welche nach der Natur ihrer Leistungen vielleicht mit geringen Summen sich begnügen müssen, über die Lust am Gewinn die Nase rümpfen.“ Worauf die landesübliche patriotische Heiterkeit über das famose Witzchen ausbrach.

Lasker ist tot, aber er hat vor seinem Tode noch das Haus bezeichnet, in welchem die deutsche Nation allezeit ein Muster edler Sitte und patriotischer Gesinnung suchen darf. Dies Haus war das dem Reichsgerichtspräsidenten Simson nahe verwandte Bankhaus Warschauer, dem Lasker im Frühjahre 1876 im preußischen Abgeordnetenhause eine begeisterte Lobrede hielt, die eine oder zwei Spalten des stenografischen Berichtes füllt. Und merkwürdig! mit diesem Hause hat es Bebel heute wieder zu tun, und zwar wieder wegen einer Kriegsanleihe. Die Firma Warschauer hat nämlich, gemeinsam mit der Firma Mendelssohn, die neue russische Anleihe zum Zeichnen aufgelegt, und über diese „Lust am Gewinn“ rümpft Bebel im „Vorwärts“ die Nase, wie folgt? „Die Anleihe ist darauf berechnet, den Todfeind Deutschlands, das grausame, barbarische und heuchlerische Russland, den gefährlichsten Feind. der europäischen Kultur, zu stärken und zu stützen. Und da betrachten wir es nicht nur als eine selbstverständliche Pflicht der deutschen Reichsregierung, zum Mindesten nichts zu tun, was die Pläne Russlands unterstützt, sondern auch als die erste Pflicht jedes Deutschen, vor dem offiziellen Moskowitertum die Taschen zuzuhalten und die Beteiligung an einer russischen Anleihe als eine moralisch. ehrlose Handlung anzusehen. … Wie die Spatzen von den Dächern pfeifen, sind es zwei Berliner Bankhäuser, welche die Schamlosigkeit begehen. wollen, die russische Anleihe auch in Deutschland zur Zeichnung aufzulegen. Wir wissen nicht, ob in irgend einem Lande Europas ein paar Bourgeois eine solche Handlung begehen dürften, ohne vor der Gefahr zu stehen, gelyncht zu werden.“ Man sieht: indem Bebel damals wie heute gegen die russische Hegemonie streitet, kann er dasselbe Wort, welches Lasker damals als hohle Tirade gegen ihn schleuderte, heute mit bitterer Verachtung bis zum Rande gefüllt den patriotischen Rechtsnachfolgern Laskers zurückgeben, was man denn ja wohl als ein hübsches Stück Nemesis betrachten darf. Aber – so mögen die Patrioten mit der „Lust am Gewinn“ kichern – haben wir denn nicht noch immer das ganze Volk hinter uns? Steht Bebel nicht, heute wie damals, allein?

Freilich – wenn die Bourgeoispresse wirklich das „Volk“ wäre, wie sie es sein möchte, aber glücklicherweise nicht ist, so sähe es schlimm aus. Gleich die „Volkszeitung,“ die seit ihrem Übergange ins Lager des Kapitalismus den bekannten Renegateneifer entwickelt, findet es „überflüssig, sich über die Firmen Mendelssohn und Warschauer zu erhitzen;“ die „Freisinnige Zeitung“ verwahrt sich gegen die „chauvinistische Tonart,“ welche gegenüber der russischen Anleihe angeschlagen werde, und spricht von „lächerlichem Gebaren;“ auch die „Frankfurter Zeitung“ redet von „Chauvinismus“ und findet in der Emission der russischen Anleihe in Deutschland ein „beruhigendes Symptom“; die „Nationalzeitung“ aber flattert wie eine verschüchterte Taube zwischen den „patriotischen Geldmächten“ und der Regierung, die denselben unzweideutig hätte abraten müssen, welche Aussicht von der Sache denn wieder ein grelles Licht auf die deutsche Bourgeoisie wirft. Mendelssohn und Warschauer hatten sich nämlich an den Reichskanzler mit der Frage gewandt, ob sie dürften, wie sie möchten, und Herr von Caprivi hatte ihnen die Antwort erteilt, welche sie bei einem auch nur bescheidenen Maße von Ehr-, Takt- und Zartgefühl hätten voraussehen müssen: tut, was ihr wollt, aber lasst mich aus dem Spiele. Die „patriotischen Geldmächte“ besaßen aber nicht einmal das winzige Maß von Ehr-, Takt- und Zartgefühl, diese sehr deutliche Antwort zu verstehen, sondern sie verbreiteten die Mär, der Regierung wäre die Auflegung der Anleihe in Deutschland „erwünscht.“ Hierauf ließ Herr von Caprivi: durch offiziöse Notizen sSowohl seine Antwort an die „patriotischen Geldmächte“ richtig, als auch feststellen, dass der Reichsbank nach wie vor verboten sei, russische Werte zu beleihen. Und diese Haltung des Reichskanzlers findet die „Nationalzeitung,“ welche wie die feinste Bildung, so much die erlesenste Vaterlandsliebe der deutschen Bourgeoisie verkörpert, unklar, widerspruchsvoll und zweideutig! Im der Tat konnte Herr von Caprivi, wenn er einmal die „patriotischen Geldmächte“ empfing, nicht anders handeln, wie er gehandelt hat: er konnte die Mendelssohn und Warschauer nicht in ihrer „Lust am Gewinn“ bestärken, ohne mindestens einen moralischen Landesverrat zu begehen, und er konnte diesen Profitwüterichen des Zarentums nicht abwinken ohne die Gefahr, einen auswärtigen Konflikt zu provoziere, was natürlich auch Bebel in seinem Artikel vermieden wissen will. Eine andere Frage ist,ob der Reichskanzler dergleichen Leute für dergleichen Anfragen empfangen musste oder auch nur durfte, und wenn ihm die „Kreuzzeitung,“ die unter den wenigen bürgerlichen Blättern, welche das Treiben der Mendelssohn und Warschauer beim richtigen Namen zu nennen wagen, obenan steht, daraus, dass er sie empfangen hat, einen Vorwurf macht, so wird sich dagegen nicht viel einwenden lassen. An dieser Stelle ist
einmal als die bescheidene Aufgabe des „neuen Kurses“ bezeichnet worden, die allergröbsten Auswüchse des Systems Bismarck ein wenig zu beschneiden; zu diesen Auswüchsen gehört aber, das zu bismarckischen Zeiten Gründer und Gründergenossen im Auswärtigen Amte verkehrten wie in einem Taubenschlage und hierin sollte Herr von Caprivi um so eher Wandel schaffen, als die „Loyalität“ von Mendelssohn und Kompanie ihn eben für vierundzwanzig Stunden in einen sehr bösen und peinlichen Verdacht gebracht hat.

Das er jene bescheidene Aufgabe des „neuen Kurses“ noch nicht gänzlich aus den Augen verliert, hat er in der eben verflossenen Woche durch die Aufhebung des Passzwanges an der deutsch-französischen Grenze bewiesen. Leider nur wird die moralische Wirkung dieser vernünftigen Maßregel zum guten Teile wieder dadurch aufgehoben, das die offiziöse und ihr nach die bürgerliche Presse die lebhafte Anerkennung, welche die Aufhebung des Passzwanges auch in Frankreich gefunden hat, mit dem chauvinistischen Hohne beantwortet, die Rücksicht auf Frankreich habe mit der ganzen Sache gar nichts zu tun gehabt. Diesen Hohn soll angeblich die „nationale Würde“ von wegen Kronstadt erheischen, obgleich Kronstadt, soweit es auf Frankreich ankommt, nicht zum wenigsten durch das chauvinistische Gebaren der deutschen Bourgeoispresse veranlasst worden ist. Man kann da mit einer leichten Änderung Freiligraths Vers anziehen:

Mach‘ fallen unser Kronstadt und Kronstadt rasselt nach!

Seitdem die deutschen Professoren 1870 in ihrer Adresse an die Dubliner Universität so geschmackvoll waren, das. Wort des Paracelsus zu zitieren: „Engländer, Franzosen, Italiener, uns nach, nicht wir euch!“ ist in der deutschen Literatur und Presse der allerdings schon früher vorhandene, aber in den sechziger Jahren einigermaßen zurück gedämmte Chauvinismus gegenüber den älteren Kulturvölkern, insbesondere gegenüber Frankreich, wieder in der unleidlichsten Weise gesteigert worden. Die bürgerliche Presse verleugnet da selbst ihren Lieblingsphilosophen Schopenhauer, der trotz aller spießbürgerlichen Beschränktheit doch immer Philosoph genug blieb, um zu erklären, „dass der Patriotismus, wenn er im Reiche der Wissenschaften sich geltend machen will, ein schmutziger Geselle ist, den man hinauswerfen soll.“ Es ist manchmal schier unglaublich, welche chauvinistischen Nichtsnutzigkeiten sich unsere Bourgeoisieblätter gegenüber Frankreich gestattete, so brachte kürzlich die „Vossische Zeitung“ mit jener sittlichen Entrüstung, welche sie so schön kleidet, die Nachricht aus Paris, das der „Kreisrichter“ X wegen Betrugs verhaftet worden sei. Verkommenes Volk in der Tat, in welchem selbst die „Kreisrichter“ nicht mehr Mein und Dein zu unterscheiden verstehen! Nun hatten die französischen Blätter aber nur gemeldet, dass der prêteur des cercles X vom Staatsanwalte belangt worden sei, der prêteur des cercles, d.h. ein Mann, der in den Spielklubs ausgebeutelten Lebemännern Geld vorschießt, damit sie ihr Glück aufs Neue versuchen können. Diesen prêteur des cercles hatte die „Vossische Zeitung“ in ihr geliebtes Deutsch übertragen (cercle – Kreis, prêteur – praetor – Richter), und solche moderne Lessinge gackern nun schon zehn Jahre über die französische Umvissenheit, weil einmal ein französisches Blatt aus dem deutschen Generalstabe einen „General staff“ gemacht hat!

Man müsste Bogen füllen, um den Balken im deutschen und den Splitter im französischen Auge in das richtige Abstandsverhältnis zu bringen; es seien deshalb nur noch einige Worte über den neuesten Zwischenfall dieser Art gestattet! Bekanntlich hat der Kaiser in einer Tafelrede zu Erfurt den ersten Napoleon einen „Parvenu“ genannt, und dies Wort hat in Frankreich empfindlich berührt. Da es inzwischen durch den „Reichs- und Ataatsanzeiger“ stillschweigend zurück genommen worden ist und die französische Presse, auch hier wieder ganz vernünftig, sich damit für befriedigt erklärt hat, so wäre es unbillig, die Rede des Kaisers an und für sich einer sonst allerdings sehr naheliegenden Kritik zu unterziehen. Aber die bürgerliche Presse höhnt wieder einmal über den angeblichen „Chanvinismus“ der Franzosen, weil sie darüber empfindlich geworden seien, das der deutsche Kaiser einen von ihnen selbst zweimal über die Grenze gejagten „Parvenu“ beim richtigen Namen genannt habe. Nun möchten wir aber wirklich nicht das patriotische Geschrei erleben, das sich erheben würde, wenn der Präsident Carnot bei irgend einer passenden oder unpassenden Gelegenheit von dem „Parvenu“ Friedrich II. sprechen würde. Und soweit es auf den „Parvenu“ ankommt, ist doch wirklich gar kein Unterschied zu entdecken, wenn das legitime und sogar heilige römische Reich deutscher Nation durch den Marquis von Brandenburg aus Berlin zur einen und durch den Herrn von Bonaparte aus Ajaccio zur anderen Hälfte zertrümmert wurde. Ein Unterschied besteht nur darin, das der Friderizianische Staat nach kurzem Bestehen bei Jena kurz und klein geschlagen wurde unter frohestem Aufatmen Derer, die in ihm zu leben verurteilt waren, während der Napoleonische Staat in allem Wesentlichen, in der Heeresverfassung, in der inneren Verwaltung, im Finanz-, Justiz-, Unterrichtswesen usw. wesentlich noch heute so fortbesteht, wie der erste Konsul ihn 1804 gegründet hat. Es kommt in diesem Zusammenhange nichts darauf an, ob Napoleon das Gute seiner Gesetzgebung nicht aus dem Erbe des Konventes genommen, ob er in ihr nicht nur die Ergebnisse der französischen Revolution kodifiziert hat: genug, sie trägt seinen Namen. Da erscheint es denn doch nicht als der Ausfluss eines überhitzten Chauvinisnms, wenn die Franzosen diesen Namen von Fremden nicht gern in verächtlicher Weise aussprechen hören. Im Gegenteile: sie meinen offenbar, dass eine bürgerliche Verfassung, die drei Dynastien und drei Invasionen glücklich überstanden hat, am Ende so legitim ist, wie irgend etwas sonst in Europa; es verdrießt sie, diese moderne Legitimität gerade von der feudalen Legitimität angefasst zu sehen, und das ist doch ein ganz achtbares Selbstbewusstsein, von dem jenen „patriotischen Geldmächten,“ welche eine Anleihe des gegen Deutschland bis an die Zähne gerüsteten Russlands in Deutschland selbst auflegen, nur etwas zu wünschen wäre, und sei es auch nur ein Bruchteilchen.

Es wird immer ein Ruhmestitel der deutschen Arbeiter sein, das sie so wenig an dem „Wettkriechen“ vor dem Barbarenstaate des Ostens, wie an dem Wüten gegen das Kulturvolk des Westens teilgenommen haben. Auch dadurch erweisen sie sich als eine höchst legitime Macht gegenüber den Parvenus der Bourgeoisie. Das Wort ist hier etwa nicht bei den Haaren herbeigezogen; es stammt von einem deutschen Schriftsteller, der, selbst ein Bourgeois vom Scheitel bis zur Zehe, ein unterrichteter Mann war, Frankreich und die Franzosen genau kannte und trotz seiner nationalliberalen Gesinnung doch immer wieder betonte, das der Chauvinismus diesseits der Vogesen sich zum Chauvinismus jenseits der Vogesen verhalte, wie eben der Balken zum Splitter. Es ist Karl Hillebrand, der in seinem Buche „Frankreich und die Franzosen“ feststellt, das der „tolle Chauvinismus“ nur in den besitzenden Klassen Deutschlands rumore, und er nennt ihn zugleich die „natürliche, aber keineswegs edle Empfindung eines politischen Emporkömmlings.“ Das wurde schon 1873 geschrieben, und seitdem hat sich dieser Parvenu keineswegs verschönert. Wie in der äußeren Politik sein Hetzen gegen Frankreich und sein Kriechen vor Russland, so hat sich in der inneren Politik sein Ducken nach Oben und sein Drücken nach Unten ins Endlose gesteigert: diese Klasse der „Edelsten und Besten“ ist, von welchem Standpunkte aus man sie immer betrachte, auch ein Parvenu und noch dazu was für einer!


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