[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 26. Jahrgang Nr. 9, 21. Januar 1916, S. 61-63]
Vaillant tot! Selbst in diesen Tagen des vertausendfachten gewaltsamen Sterbens, wo die Herzen stumpf geworden sind, und ein Strom von Bitternis über uns hin braust, wirkt die Kunde von Vaillants Tode erschütternd und ergreifend. Nach Keir Hardie nun Vaillant, einer wie der andere ein unbeugsamer Vorkämpfer der proletarischen Aktion gegen den Krieg, beide weggerissen vom Schauplatz ihrer Kämpfe, eines ganzen Lebens für den Sozialismus. Und das inmitten des blutigen Weltkriegs, den sie seit Jahren vorausgesehen, und dem sich mit aller Kraft entgegenzustemmen sie stets als die geschichtliche Aufgabe des organisierten Proletariats aller Länder erkannt hatten. Während aber der Brite Keir Hardie bis zum letzten Atemzug jede Gemeinschaft mit einer kapitalistischen Staatsmacht ablehnte und auch der eigenen Regierung ihren Teil an der gewaltigen Blutschuld trotzig ins Gesicht schleuderte, war der einstige Blanquist Vaillant seit Ausbruch des Krieges einer der heftigsten und entschlossensten Vertreter der Politik der „nationalen Verteidigung“, einer von denen, die in Frankreich die Rettung der „westeuropäischen Demokratie“ vor dem „preußischen Militarismus“ nicht mehr verbürgt sahen im siegreichen Vormarsch der roten Internationale, sondern, wenigstens für den Augenblick, in dem militärischen Sieg der Westmächte über die Zentralmächte.
Und doch war Vaillant kein „Umlerner“ im gewöhnlichen Sinne. Er verbrannte nicht wie viele heute die Ideale, die er noch gestern angebetet hatte. Im Gegenteil! Vaillant war als Blanquist, als ehemaliger Kommunekämpfer zum wissenschaftlichen Sozialismus und zur sozialistischen Partei gekommen. Die Blanquisten vermeinten, eine kleine, aber zielklare und straff organisierte Minderheit könne in kühnem Handstreich die politische Macht für das Proletariat erobern und dann den Sozialismus einführen. In Vaillant lebte noch die Erinnerung an die heldenmütigen Kämpfe der Pariser Kommune im Frühjahr 1871. Der Friedensschluss der französischen Regierung und das Entgegenkommen des Siegers hatten der reaktionären Regierung Frankreichs deren blutige Niederwerfung ermöglicht. In der Pariser sozialistischen Arbeiterschaft war damals das ganze demokratische Europa geschlagen. Freilich, die geschichtliche Situation war vor 45 Jahren eine andere als heute. Es gab damals kein namhaftes sozialistisches Proletariat in Deutschland. Vaillant selber hatte sich im Laufe der Jahre mehr und mehr dem „Marxismus“, dem wissenschaftlichen Sozialismus genähert. Nach dieser Auffassung steht die Erringung der politischen Macht nicht an dem Anfang, sondern an dem Ende eines langwierigen und zähen Organisierungs- und Aufklärungsprozesses, und die Niederringung der politischen Reaktion, die Überwindung des Kapitalismus und die Befreiung der Arbeit fällt als Aufgabe in jedem einzelnen Staate den Proletariern des betreffenden Landes selbst zu. Wie keine Mehrheit durch eine kleine Minderheit, so kann nach ihr auch kein Volk durch die Kapitalisten eines anderen Volkes „befreit“ werden. Und gerade Vaillant war es, der auf den internationalen Kongressen in Stuttgart und Kopenhagen mit aller Energie für die selbständige und gemeinsame Aktion der Proletarier aller Länder gegen den Krieg eintrat. Mit seinem und Keir Hardies Namen war das bekannte Amendement unterzeichnet, das den Wiener Kongress im August 1914 beschäftigen sollte und das für den Kriegsfall das gemeinsame internationale Vorgehen der Arbeiterklasse gegen den Krieg forderte.
Für Vaillant war also mit dem 4. August 1914 eine Lebensarbeit zusammengebrochen, und namentlich war es die Haltung der deutschen Sozialdemokratie, der führenden Partei der Internationale, die ihm als schnöder Verrat erschien. Darf es uns da wundern, dass in ihm Gedankengänge wieder aufwachten, die aus der Zeit der großen Revolution stammten, und die er selbst auf den Barrikaden der Pariser Kommune verfochten hatte? Es war der Glaube an die geschichtliche Mission Frankreichs und des französischen Proletariats, als Vorkämpfer der Demokratie Mittel- und Osteuropa aus den Ketten eines übermächtigen Absolutismus zu befreien. Die Geschichte hat zwar wiederholt diesen Glauben Lügen gestraft, aber haben nicht auch viele deutsche Sozialdemokraten in Bezug auf Russland einen ähnlichen Glauben gehegt? Wir können Vaillant nicht von dem Verhängnis freisprechen, am Abend seines Lebens die sozialistische Orientierung verloren zu haben, unsere Aufgabe ist es aber nicht, einen Toten anzuklagen, sondern Vaillant zu begreifen und in Treue festzuhalten. welche unvergesslichen Verdienste er sich um den proletarischen Befreiungskampf erworben hat.
In der „Humanité“ schrieb Renaudel nach Vaillants Tod: Es ist klar, dass der schreckliche Krieg, den der Verstorbene sein ganzes Leben mit größter Energie bekämpfte, ihm den Todesstoß gegeben hat. Vaillant schlich in den Gängen der Kammer bleich, abgemagert, mit abwesenden Augen herum. Und Gustav Hervé meint in seinem Blatt: „Die Katastrophe, die die Welt ereilte, hatte ihn tödlich verwundet. Seit achtzehn Monaten sahen wir ihn sich langsam verzehren, sahen wir, wie er nach und nach auslöschte. Der Zusammenbruch des Traumes, der sein ganzes Leben erwärmt hatte, ist die Schuld seines Todes.“ – Sowohl Hervé wie Renaudel nennen als besonderen Anlass von Vaillants Tod den Anfang Dezember stattgefundenen Kongress der Fédération de la Seine (der Pariser Parteiorganisation). Bei dieser Gelegenheit hatte die Opposition gegen die offizielle Burgfriedens- und Kriegspolitik der sozialistischen Parteihäupter zum ersten Mal sich energisch hervorwagt, und Vaillant hatte umsonst mit aller Kraft versucht, seine Stellungnahme zu begründen. Es ist nur natürlich, wenn die offiziellen Parteiorgane die Sache so darstellen, als entstamme die ganze Parteiopposition nur einer vorzeitigen Kriegsmüdigkeit, keineswegs dem wiedererwachenden internationalen Klassenkampfgedanken. Es vollendet aber die Tragik in Vaillants Schicksal, dass diese Opposition in den eigenen Reihen ihm, um Hervé sprechen zu lassen, „den Gnadenstoß“ gab. Denn diese Opposition ist doch nichts anderes als die Rückkehr zu dem von Vaillant selbst ein volles reiches Leben lang verfochtenen Gedanken der internationalen proletarischen Aktion für den Frieden.
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Marie Édouard Vaillant wurde am 26. Januar 1846 zu Vierzon geboren. Außer der Fachbildung als Ingenieur und Arzt ließ er sich auch umfassende geschichtliche, philosophische und nationalökonomische Studien angelegen sein. Schon früh verknüpften ihn innige Beziehungen mit dem politischen Leben seiner Zeit, das im Zeichen des schweren Kampfes gegen den Bonapartismus Napoleons III. stand. Vaillant zählte schon damals zu den eifrigsten Anhängern Blanquis und war ein bewusster Anhänger der roten Republik.
1866 ging er nach Deutschland: er studierte in Heidelberg, Tübingen und Wien. Mit Begeisterung versenkte er sich in die Philosophie Feuerbachs. Von Feuerbach war es für ihn nur noch ein Schritt zu Marx. Aus dieser Zeit stammte Vaillants unauslöschliche Liebe für deutsche Wissenschaft und deutsche Art. Als in den achtziger Jahren in Frankreich die moderne sozialistische Arbeiterbewegung empor zu blühen begann, gehörte Vaillant zu den Führern, die sie an dem Vorbild des politischen und parlamentarischen Kampfes der deutschen Sozialdemokratie zu schulen suchten.
Der Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870 unterbrach Vaillants Studien in Deutschland. Am Tage von Sedan traf er über die Schweiz in Paris ein und knüpfte sofort die Verbindung mit seinen alten Freunden, den Blanquisten, wieder an. An der Nationalversammlung in Bordeaux nahm er als Delegierter teil und kämpfte dort mit aller Leidenschaftlichkeit gegen die Abtretung Elsass-Lothringens und für die Verteidigung der Republik gegen die fremden Eindringlinge.
Nach dem vorläufigen Friedensschluss wagte die französische Regierung den Versuch, die Pariser Arbeiter, die besten Schützer der Republik, zu entwaffnen, um damit der Monarchie die Tore zu öffnen. Dieser Versuch trieb das Volk von Paris in den glorreichen Aufstand der Kommune. Sofort kehrte Vaillant nach Paris zurück und wurde zum Mitglied der Kommune gewählt. Der tragische Heldenkampf der Pariser Arbeiter sah auch ihn in angestrengtester, aufopfernder Tätigkeit. Er wirkte im Exekutivkomitee und in der Unterrichtsabteilung. Nach der blutigen Niederwerfung der proletarischen Erhebung gelang es Vaillant, noch in letzter Stunde nach England zu entkommen. In persönlichem Verkehr mit Karl Marx lernte er hier den wissenschaftlichen Sozialismus näher kennen und sah die großindustriellen Formen des fortgeschrittenen Kapitalismus. Schon viel früher war er der ersten Internationale beigetreten und hatte auch eine Zeitlang als Mitglied ihres Generalrats gewirkt. Erst die Amnestie des Jahres 1880 ermöglichte dem in seiner Abwesenheit zum Tode Verurteilten die Rückkehr in die Heimat.
Sofort erhielt Vaillant hier wieder eine führende Stellung in der blanquistischen Fraktion der sozialistischen Bewegung. Von den Pariser Arbeitern 1884 in den Gemeinderat entsandt, entwickelte er dort eine vorbildliche Tätigkeit. Eine ganze Reihe der wichtigsten sozial-kommunalen Reformen in Paris sind seiner Anregung und seinem Kampf zu verdanken. Als Abgeordneter in der Kammer war Vaillant später ebenfalls an allen Kämpfen und Erfolgen der Sozialisten um soziale und politische Fortschritte hervorragend beteiligt. Sein Wirken ist der geradezu mustergültige Beweis, wie der Sozialist eifrige Reformarbeit betreiben kann, ohne gleichzeitig aufzuhören, revolutionärer Kämpfer zu sein.
Die fortschreitenden ökonomischen Verhältnisse entzogen in Frankreich dem Blanquismus alten Stils immer mehr den Boden. Demgemäß musste auch die Taktik, die Kampfesart der Blanquisten, der Sozialisten überhaupt sich ändern. Meinungsunterschiede und heftige Auseinandersetzungen über das Wie der Taktik blieben nicht aus. Innerhalb der blanquistischen Partei war Vaillant der Führer der erstarkenden Opposition gegen die ältere, starre Auffassung und verfocht gegen sie Anschauungen, die sich mehr und mehr der marxistischen Richtung näherten. Zur schärfsten Auseinandersetzung kam es in der Krise des Boulangismus, wo Vaillant auch vor einer Spaltung der blanquistischen Partei nicht zurückschreckte, als es galt, den nationalistischen und demagogischen Schlagworten entgegenzutreten, von denen sich die Blanquisten alten Schlages betören ließen. Aber auch an der Klärung der Meinungen über Grundsätze und Taktik in der allgemeinen sozialistischen Arbeiterbewegung Frankreichs nahm Vaillant hervorragenden Anteil. Die Kämpfe um Klarheit und Einheit spitzten sich, zumal während und nach dem Dreyfusskandal und dem Eintritt Millerands in das Ministerium der bürgerlichen Republik, scharf zu. Auf der einen Seite standen die Befürworter einer überwiegend parlamentarischen Aktion, die in dem Ministerialismus gipfelte. Das entgegengesetzte Extrem bildeten die antiparlamentarischen Syndikalisten. Beide äußerste Richtungen sind zu begreifen als die Folgen der noch stark kleinbürgerlichen Struktur des französischen Wirtschaftslebens. Vaillant wurde vor dem einen wie dem anderen Irrweg bewahrt, dank seiner hohen Wertung der politischen Demokratie und der Republik einerseits, seiner energischen Betonung des Klassenkampfstandpunktes anderseits. So fand er innerlich und äußerlich immer mehr Anschluss an die „Marxisten“, die den politischen Kampf des Proletariats nicht zum bloßen parlamentarischen Techtelmechtel verkrüppeln lassen, sondern ihn als scharfen Klassenkampf für die Eroberung der politischen Macht geführt wissen wollten. Bei den Einigungsverhandlungen der sozialistischen Parteien Frankreichs in den neunziger Jahren betonte er im Gegensatz zu den Anhängern Jaurès‘ die Notwendigkeit eines grundsätzlichen Klassenkampfes. Bei Vaillants unvergänglichen Verdiensten um die Sache des französischen Proletariats und dem hohen Ansehen seiner Person war seine Stellungnahme von großer Bedeutung. Sie hat erheblich dazu beigetragen, dass es zur Klärung der Geister im Sinne des wissenschaftlichen Sozialismus kam, und dass nach der letzten großen Auseinandersetzung auf dem internationalen Kongress zu Amsterdam 1904 die endgültige Einigung der bisher getrennt marschierenden Parteien erfolgte. Von da ab war Vaillant neben Jaurès der hervorragendste politische Kämpfer und Führer der geeinigten sozialistischen Partei innerhalb wie außerhalb des Parlaments. Stets war er bemüht, in den verwickeltsten politischen Situationen den grundsätzlichen sozialistischen Standpunkt festzuhalten. Das Gewissen der Partei hat man ihn genannt, ein Ehrentitel, der auch gerechtfertigt war durch die große Lauterkeit, Selbstlosigkeit, Einfachheit seines persönlichen Wesens.
Vaillant gehörte zu den überzeugtesten Begründern der zweiten Internationale. Es war nur billig, dass ihr erster, konstituierender Kongress 1889 in Paris ihn neben Liebknecht zum Vorsitzenden wählte. Als Vertreter der Franzosen war Vaillant im Internationalen Sozialistischen Büro hervorragend tätig. Dort wie bei allen Kongressen der zweiten Internationale war er unaufhörlich bestrebt, den Bruderbund der Proletarier aller Länder von einer bloßen Ideen- und Resolutionsgemeinschaft zu einer Gemeinschaft der politischen Aktion zu erheben. Er gehörte zu denen, die in Stuttgart, Kopenhagen und Basel die Sozialisten aller Länder zum aktiven Eintreten für die Bewahrung des Friedens wehrhaft machen wollten. Jaurès traf ein glücklicheres Los als Vaillant. Der mörderische Schuss eines reaktionären Fanatikers bewahrte ihn vor der furchtbaren Enttäuschung des Weltkriegs, ließ ihn im Kampfe gegen den Imperialismus und für den Frieden fallen, in Übereinstimmung mit seinem Lebenswerk. Die Enttäuschung des Weltkriegs trieb Vaillant in die Arme des nationalen Blocks, ließ ihn für den französischen Imperialismus kämpfen. An der Enttäuschung ist Vaillant innerlich und äußerlich zusammengebrochen in Disharmonie mit der reichen Arbeit seines Lebens.
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