[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 16. Jahrgang Nr. 2, 24. Januar 1906, S. 7]
Der revolutionäre Sturmwind, der in Russland den Absolutismus vom Felde der Geschichte fegt, beginnt in Deutschland an den politischen Zwingburgen der Geldsackparlamente zu rütteln. Der glorreiche Kampf des russischen Proletariats hat in den Massen die Empfindung verschärft für das lastende Unrecht ihrer politischen Ächtung und Knechtung, hat in ihnen das Bewusstsein gekräftigt von ihrer Macht und dem Willen, sie zu gebrauchen. In Preußen, in Sachsen und Hamburg stellt sich das klassenbewusste Proletariat zum Kampfe für das volle Bürgerrecht der Ausgebeuteten und Unfreien. Dieser Kampf aber wird auch für das Frauenwahlrecht geführt. Getreu ihrem Programm und ihrem Wesen schickt die Sozialdemokratie sich an, die Resolution des Dresdener Parteitags und des Amsterdamer Internationalen Sozialistenkongresses zu verwirklichen. Sie ruft Mann und Frau zum Kampfe für ein Wahlrecht, das keinen Unterschied zwischen den Geschlechtern kennt. Damit gibt sie dem Ringen nach der vollen politischen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts die breiteste und festeste Grundlage, mobilisiert sie die größten Heerscharen für die Losung: Heraus mit dem Frauenwahlrecht!
Heraus mit dem Frauenwahlrecht! Unsere geschichtliche Erkenntnis zeigt, dass die wirtschaftliche, die soziale Entwicklung den Wirkungskreis, die Stellung des Weibes in Familie und Gesellschaft gründlich umgewälzt hat. Hinter dem millionenköpfigen Heer der Berufsarbeiterinnen mit Hand und Hirn, die dem Manne gleich mitten im Sturmgebraus der wirtschaftlichen und sozialen Kämpfe unserer Tage leben und weben, verderben und sterben, stehen die Massen der Hausmütter, deren eng umfriedetes, stilles Tätigkeitsfeld durch diese Kämpfe bedroht, erschüttert, verwüstet wird, weil es durch Tausende unzerreißbarer Fäden mit Staat und Gesellschaft verknüpft ist. Das volle Bürgerrecht ist zur sozialen Lebensnotwendigkeit für die Frauen geworden, zur unentbehrlichen Waffe, ihr und ihrer Lieben Glück und Stern zu schirmen oder – für Millionen! – erst zu erobern. Als schwerste soziale Schädigung wird die politische Rechtlosigkeit von immer größeren Frauenmassen empfunden, als Demütigung und Schmach brennt sie ihnen in der Seele, denn der Umwälzung der Tätigkeit und Stellung des weiblichen Geschlechts folgt eine Revolutionierung seines Denkens auf dem Fuße.
Heraus mit dem Frauenwahlrecht! Unser Gerechtigkeitsgefühl empört sich dagegen, dass das dem Manne gleichwertige und gleichverpflichtete Weib minderen Rechts sein soll als er, eine Unfreie und Unmündige im öffentlichen Leben. Die Feuerbrände der Fabriken und Werkstätten, in denen weibliche Arbeit frondet, werfen ihr helles Licht auf die wirtschaftliche Selbständigkeit der Frau vom Manne, von der Familie, auf die Bedeutung, die Unentbehrlichkeit ihrer beruflichen Leistungen für die Gesellschaft. Sie beleuchten den sozialen Wert des häuslichen Wirkens der Gattin und Mutter. Sie schärfen den Blick für das schreiende Unrecht, dass diejenige, welche die Bürger gebiert und erzieht, ausgeschlossen ist aus der Gemeinde der Bürger; dass diejenige, welche mit dem Manne zusammen die Lasten und Pflichten des Familien- und Staatslebens trägt, das Recht entbehrt, wie er an der Gestaltung der öffentlichen Zustände und Einrichtungen mitzuarbeiten. Kein Recht ohne Pflicht, aber auch keine Pflicht ohne Recht, das ist’s, was wir wollen.
Heraus mit dem Frauenwahlrecht! Unsere demokratische Überzeugung fordert, dass die breiten Massen Träger, Nutznießer, Schöpfer des öffentlichen Lebens seien. Sie kann sich nun und nimmermehr damit abfinden, dass in dem weiblichen Geschlecht die Hälfte der Gesellschaftsmitglieder des Rechts der vollen aktiven Betätigung in Staat und Gesellschaft beraubt ist. Alle Fähigkeiten, alle Kräfte müssen dem Allgemeinwohl dienstbar gemacht werden. Die Frau aber hat ihm obendrein ihre eigenen Werte zu geben, weil sie keine verschlechterte oder verkleinerte Kopie des Mannes ist, vielmehr so gut wie er Eigenart hat. Die Feinde der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung der Geschlechter werden zu Räubern am Kulturwerk der Menschheit.
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