Ottilie Gerndt, Clara Zetkin: An die Genossinnen

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 1, 8. Januar 1896, S. 1-2]

Genossinnen! Das letzte Jahr war für die proletarische Frauenbewegung ein Jahr besonders heftiger Verfolgungen. Mit brutaler Schneidigkeit und spitzfindiger Rechtsdeutelei suchten die herrschenden Gewalten das Werk der Aufklärung und Organisation der proletarischen Frauen zu hintertreiben. Denn die Kapitalistensippe will das Weib des werktätigen Volks allezeit als gefügige Lohnsklavin, als nicht murrende Gattin, Mutter und Schwester von Lohnsklaven erhalten, und der Staat der Kapitalistensippe gibt sich deshalb redlich Mühe, mit all seinen Machtmitteln zu hindern, dass die Proletarierin als zielklare Kämpferin ringt für menschenwürdige Lebensbedingungen in der Gegenwart, für ihre endgültige Befreiung in der Zukunft. Wo immer das Recht und die Macht der Besitzenden und Herrschenden und die Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts die Möglichkeit eines Einschreitens gegen die proletarische Frauenbewegung boten, da wurde diese Möglichkeit skrupellos ausgenutzt. Verein auf Verein verfiel der Auflösung, Komitees und Kommissionen ebenso, die Anteilnahme der proletarischen Frauen an den politischen, ja sogar an den rein gewerkschaftlichen Versammlungen ihrer Klasse wurde durch Polizeiwillkür und Juristenweisheit in größerem Umfange verhindert als je zuvor.

Aber die Reaktion konnte die proletarische Frauenbewegung wohl empfindlich schlagen, sie war jedoch ohnmächtig sie zu vernichten; sie vermochte nicht und vermag nicht an die Wurzeln zu rühren, aus denen die sozialistische Überzeugung der Frau, ihre Feindschaft gegen den Kapitalismus, gegen die bürgerliche Gesellschaftsordnung hervorsprossen. Die proletarische Frauenbewegung findet sich mit der gegenwärtigen Situation ab als mit einer erklärlichen und bezeichnenden Episode aus dem schärfer und schärfer sich zuspitzenden Kampfe der Klassen in Deutschland. Nicht Mutlosigkeit ist es, die sie angesichts derselben empfindet, vielmehr das lebendige Gefühl der Pflicht, noch energischer als bisher zu kämpfen, noch rastloser als in der Vergangenheit dafür zu wirken, dass die frohe Botschaft des Sozialismus in die weitesten Kreise der proletarischen Frauenwelt getragen wird. Auf die wachsende Reaktion muss und will sie durch eine immer ausgedehntere, kräftigere und zielklarere Agitation antworten.

Für diese Agitation bedarf sie der andauernden Unterstützung aller Genossinnen. Der moralischen Unterstützung, wie auch der materiellen. Mag auch der Agitation die größte Selbstlosigkeit

sich betätigen, die Agitation erfordert Mittel und dies um so mehr, als erfreulicherweise in letzter Zeit die Aufforderungen ganz beträchtlich sich vervielfältigen, Aufklärung unter die Frauenwelt abgelegener Gegenden zu tragen, wo der Sozialismus kaum festen Fuß zu fassen beginnt. Unnötig zu betonen, von welch großer Wichtigkeit es ist, gerade diesen Aufforderungen zu entsprechen. Soll dies aber in vollem Umfange geschehen, soll die proletarische Frauenbewegung

in diesen wie in anderen Fällen ihre Aufgabe ganz erfüllen können, so muss sich die Opferfreudigkeit der Genossinnen in noch höherem Maße als bisher betätigen

Genossinnen! Obgleich wir wissen, dass jede größere Leistung Eurerseits durch Eure größeren Entbehrungen erkauft wird, dass Ihr nicht von Eurem Überfluss könnt, sondern vom Notwendigsten abdarben müsst, zögern wir nicht mit der Aufforderung an Euch heranzutreten, zu Gunsten der Bewegung Eure Kräfte aufs Äußerste anzuspannen. Wir zögern nicht, von Euch größere Opfer zu verlangen, weil wir der festen Überzeugung sind, dass diese Opfer zu den unerlässlichen Vorbedingungen unseres Kampfes gehören, und dass sie in Eurem ureigenen Interesse, dem Eurer Kinder, Eurer ganzen Klasse gebracht werden. Jede Kriegsführung kostet Geld, besonders aber eine Kriegsführung, die unter so ungünstigen Umständen geschieht als die sind, unter denen die proletarische Frauenbewegung für ihre Ziele ringt.

Gelder zu Agitationszwecken sind wie bisher zu senden an die in Berlin erwählte Vertrauensperson, deren Aufgabe es ist, die Agitation unter den proletarischen Frauen allerwärts anzuregen und zu fördern, für ihre Einheitlichkeit und Planmäßigkeit zu sorgen. Wie bisher wird in der „Gleichheit“ über die eingelaufenen Summen quittiert werden.

Genossinnen! Wir hoffen, dass die rühmlich bekannte Opferfreudigkeit des deutschen Proletariats auch Eurerseits sich erweist. Wir hoffen, dass Ihr durch Eure moralische und materielle Mithilfe

das Eurige dazu beitragt, dass die proletarische Frauenbewegung im neuen Jahre durch neue Kämpfe zu neuen Siegen fortschreitet!

Ottilie Gerndt, Berlin, Vertrauensperson.

Clara Zetkin, Stuttgart, Redakteurin der „Gleichheit“.


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