Lynn Walsh: Trotzki rehabilitieren

[eigene Übersetzung des englischen Textes in Militant International Review, Nr. 44, Sommer 1990]

Die offene Neubewertung Trotzkis in der UdSSR, argumentiert Lynn Walsh, ist der Schlüssel zum Verständnis des Aufstiegs des Stalinismus – und zur Formulierung eines Programms, das der Arbeiter*innenklasse einen Ausweg aus der bürokratischen Sackgasse bieten kann.

„Die Wiederherstellung der historischen und juristischen Gerechtigkeit ist heute von enormer politischer Bedeutung.“ Das war der Kommentar der „Prawda“ (6. Januar 1989) zu einen Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, die Aufarbeitung der Repressionen Stalins zu beschleunigen. „Das Zentralkomitee glaubt, es sei notwendig, die Überprüfung der Fälle derjenigen zu beschleunigen, die in den Jahren der massiven Repressionen verurteilt wurden.“

Seit Gorbatschow 1985 die Führung übernahm, wurde die „gerichtliche Gerechtigkeit“ für die meisten der von Stalin gesäuberten prominenten führenden Vertreter*innen wiederhergestellt, einschließlich einiger führender Vertreter*innen der Linken Opposition wie Christian Rakowski. Dieser Prozess ist jedoch vor der gerichtlichen Rehabilitierung Leo Trotzkis stehen geblieben.

Die Aufhebung der Urteile gegen die Gesäuberten und das öffentliche Eingeständnis, dass Stalins byzantinische Schauprozesse auf völlig falschen Anschuldigungen und gefälschten Beweisen beruhten, hat die Tür für eine objektive Überprüfung der Rolle und der Ideen dieser führenden Vertreter*innen geöffnet. In sowjetischen Zeitschriften wurde beispielsweise ausführlich über die Ideen und die Rolle Bucharins diskutiert. Aber obwohl es viel mehr Diskussion über Trotzki als früher gibt, ist dies noch lange keine vollständige und ehrliche Untersuchung seiner Leistungen und Ideen. Nicht nur die Hardliner*innen wie Ligatschow, die die Macht und Privilegien des Apparats und der bürokratischen Elite verteidigen, sondern auch die Reformer*innen fürchten die Auswirkung von Trotzkis Ideen auf die Arbeiter*innen, besonders auf die jüngere Generation.

Rehabilitierung ist keine bloße Formalität – um zuzulassen, dass Trotzki zur öffentlichen Bewunderung auf ein Podest gestellt wird. Trotzki spielte neben Lenin eine herausragende Rolle in der Revolution von 1917 und dem darauf folgenden Bürger*innenkrieg. Ab 1923 organisierte Trotzki eine Opposition gegen das Wachstum des Bürokratismus auf der Grundlage der Arbeiter*innendemokratie. Bis zu Lenins Tod im Jahr 1924 spielte Trotzki auch eine führende Rolle in der Kommunistischen Internationale und leitete anschließend eine internationale Opposition gegen die katastrophale Politik des Stalinismus auf der internationalen Bühne. Eine offene Diskussion von Trotzkis Ideen auf der Grundlage der Veröffentlichung seiner Werke und einer öffentlichen Debatte ist daher für eine Analyse der Ursprünge und der Entwicklung des Stalinismus unverzichtbar.

1985 begann die Kontrollkommission der KPdSU mit der Untersuchung der Fälle ehemaliger Parteimitglieder, die während der Periode von Chruschtschows Führung nicht rehabilitiert worden waren. Im April 1986 wurde N. I. Muralow, ein Generalinspekteur der Roten Armee, der Trotzkis Opposition unterstützt hatte, ohne Öffentlichkeit rehabilitiert. Im Juli 1987 erklärte der Oberste Gerichtshof die Urteile gegen 15 prominente sowjetische Ökonom*innen aus den Jahren 1931-35 für null und nichtig. Zu ihnen gehörten Kondratjew, bekannt für seine Theorie der „langen Zyklen“ (die Trotzki in Die Kurve der kapitalistischen Entwicklung aufgriff), und andere prominente Fachleute. In den Jahren 1930-31 waren sie beschuldigt worden, einer illegalen „Partei der werktätigen Bäuer*innen” anzugehören. Über 1.000 „Mitglieder” dieser „Partei” wurden verhaftet; viele von ihnen wurden hingerichtet oder starben in Arbeitslagern. Der Oberste Gerichtshof erklärte 1987, dass die Partei der werktätigen Bäuer*innen nie existiert habe. Diese Entscheidung lässt stark vermuten, dass andere angebliche Parteien, wie die „Industriepartei“ und das „Menschewistische Unionsbüro“, für die viele Menschen Schauprozessen unterzogen wurden, auch Erfindungen von Stalins repressivem Apparat waren.

Im Februar 1988 hob der Oberste Gerichtshof die Urteile gegen Bucharin, Rykow, Rakowski, Tschernow und sechs weitere Personen auf, die im März 1938 vom Militärkollegium des Obersten Gerichtshofs im dritten Moskauer Schauprozess verurteilt worden waren. Der Fall wurde „aufgrund des Nichtvorliegens irgendeiner Straftat in ihren Handlungen” geschlossen. Zehn der anderen Angeklagten in diesem Prozess, darunter Krestinsky, Grinko, Zelensky und Bassonov, waren bereits rehabilitiert worden. Von den zweiundzwanzig Angeklagten im Prozess vom März 1938 wurde nur Jagoda, der Chef der Geheimpolizei (bekannt als GPU oder NKWD), nicht rehabilitiert.

Im Juni 1988 verkündete der Oberste Gerichtshof die Aufhebung der Urteile aus den Prozessen gegen Sinowjew-Kamenew und Pjatakow-Radek vom August 1936 und Februar 1937, dem ersten und zweiten Moskauer Prozess. Das bedeutet, dass alle Angeklagten in allen großen öffentlichen Schauprozessen von 1936 bis 1938 (mit Ausnahme Jagodas) für unschuldig erklärt wurden.

Im Juli 1988 gab die Sonderkommission des Politbüros bekannt, dass die Parteikontrollkommission Bucharin, Rykow und Tomski trotz „gewisser Fehler” und ihrer „besonderen Positionen in Bezug auf die Wege und Methoden des sozialistischen Wiederaufbaus” sowie Trotzkis engem Vertrauten Rakowski und anderen im März 1938 verurteilten Parteimitgliedern posthum die Parteimitgliedschaft wieder zuerkannt hatte. Im August gab die Kommission außerdem bekannt, dass der Oberste Gerichtshof die Angeklagten in mehreren anderen Prozessen, darunter die Geheimprozesse gegen Riutin und andere in den Jahren 1932-3 und 1937, rechtlich rehabilitiert habe. Keine Erklärung wurde jedoch zur Rehabilitierung Trotzkis abgegeben.

Anfang 1990 veröffentlichte die „Moscow News“ einen Brief des Historikers Albert Nenarokow, der die Rehabilitierung Trotzkis forderte. „Trotz der Tatsache, dass Trotzki – der in all diesen und Tausenden anderen Prozessen wegen der lächerlichsten Dinge angeklagt wurde – nie formell verurteilt und bestraft wurde, ist der Oberste Gerichtshof der UdSSR, denke ich, verpflichtet, seinen Namen, wie auch die Namen vieler seiner Genoss*innen, von den Bergen von Schmutz und Lügen zu befreien. Ähnlich sollte der Oberste Gerichtshof der UdSSR oder sein Präsidium sagen, was sie von der illegalen Verbannung Trotzkis und seiner Frau halten, denen die sowjetische Staatsbürgerschaft entzogen wurde. Was die Rehabilitierung Trotzkis und anderer Persönlichkeiten unserer Geschichte angeht, so verläuft diese aufgrund der langen Jahre der Lügen, der starren Denkweisen und der schlichtweg professionellen Ignoranz viel langsamer und weniger radikal, als man es sich wünschen würde.“

In derselben Ausgabe der „Moscow News“ wurde auch ein Interview mit Trotzkis Enkel Esteban Volkov veröffentlicht, der kürzlich an den Obersten Gerichtshof der UdSSR geschrieben hatte, um die Rehabilitierung Trotzkis zu fordern. „Ich habe noch keine offizielle Antwort erhalten“, sagte Volkov gegenüber der „Moscow News“. „Aber ich habe die Position des Obersten Gerichtshofs der UdSSR in dieser Angelegenheit erfahren. Sie ist meiner Meinung nach kasuistisch. Die Implikation ist, dass Trotzki nicht vor Gericht gestellt worden sei, also nicht rehabilitiert werden könne. Aber was ist mit der Tatsache, dass ihm seine sowjetische Staatsbürgerschaft aberkannt und er ins Exil geschickt wurde? Was ist mit den Tausenden und Abertausenden von Menschen, die wegen der Beschuldigung, Trotzkist*innen zu sein, erschossen wurden, mit denen, deren Leben in Stalins Lagern ruiniert wurde, deren ganze Familien allein aufgrund des Verdachts der Verbindung zu Trotzki erschossen wurden? Hier geht es nicht nur um meinen Großvater. Da Trotzki nicht von den gegen ihn erhobenen Vorwürfen freigesprochen wurde, scheinen die von Stalin gegen unschuldige Menschen verhängten Urteile gerechtfertigt zu sein, und folglich können diese Menschen nicht rehabilitiert werden.“

Auf die Bitte der „Moscow News“ um eine Stellungnahme antwortete der Vorsitzende des Obersten Gerichtshofs, Jewgeni Smolenzew: „Was das Wesen des Antrags angeht, sollte ich sagen, dass es keine Gerichtsentscheidungen zum Fall LD Trotzki gab, sodass es keinerlei Rehabilitierung geben kann.“ In den Büros des Obersten Gerichtshofs lebt die bürokratische Mentalität weiter!

Gleichzeitig gab Smolenzew eine Erklärung zum Schicksal von Trotzkis Sohn Sergej ab. Im September 1988 hatte der Oberste Gerichtshof entschieden, dass „der Beschluss der Sonderkonferenz des NKWD (UdSSR) vom 14. Juli und 20. Juli 1935 sowie das Urteil des Militärgerichtshofs des Obersten Gerichtshofs der UdSSR vom 29. Oktober 1937 in Bezug auf Sedow, Sergej Lwowitsch, aufzuheben und das Verfahren wegen Fehlens eines corpus delicti einzustellen ist.“ Der lateinische Ausdruck ist ein juristischer Begriff, der im Klartext bedeutet, dass keine der für eine Verurteilung erforderlichen Voraussetzungen vorlag: keine ordnungsgemäße Anklage, keine Einzelheiten der Anklage und keine Beweise. Dieses längst überfällige Geständnis eines Justizverbrechens könnte kaum oberflächlicher sein. So notwendig dies für die historische und politische Feststellung auch sein mag, keine offizielle Rücknahme kann Sergejs Leben wiederherstellen, ebenso wenig wie das Leben anderer Mitglieder von Trotzkis Familie, die von Stalin ermordet oder in den Tod getrieben wurden.

Die Diskussion der Rolle Trotzkis beginnt gerade erst

Der Berg von Verzerrungen, Lügen und falschen Vorstellungen hat zu bröckeln begonnen – aber der riesige Trümmerhaufen muss noch beseitigt werden.

Die beschleunigte Rehabilitierung der Opfer der Säuberungen fand vor dem Hintergrund einer zunehmend offenen Neubewertung der sowjetischen Geschichte und einer öffentlichen Debatte über die damit verbundenen Fragen statt. Aber die Diskussion der Ideen, Schriften und die politische Rolle Trotzkis beginnt gerade erst. Der Berg von Verzerrungen, Lügen, falschen Vorstellungen und politischer Mythologie hat zu bröckeln begonnen – aber der riesige Trümmerhaufen muss noch beseitigt werden.

1988 wurden alle Geschichtsprüfungen in der gesamten Sowjetunion abgesagt. Der Grund, den Juri Afanasjew, der im September 1986 zum Direktor des Moskauer Staatlichen Historischen Archivinstituts ernannt worden war, dafür angab, war, dass „die Geschichtsbücher in unserem Land, besonders diejenigen, die sich mit der sowjetischen Geschichte befassen, vollständig gefälscht sind. Es gibt nicht nur Fälschungen in einigen Aspekten oder kleinen Details, sondern totale Fälschungen. Und Teenager im Rahmen ihrer Prüfungen all diese Lügen wiederholen zu lassen, ist, offen gesagt, unmoralisch. Es gibt und gab noch nie ein Volk und ein Land auf der Welt mit einer so verfälschten Geschichte wie unseres“ (Interview, New Left Review, September/Oktober 1988).

Die Schriftsteller*innen und Akademiker*innen, die auf die Öffnung der historischen Debatte drängen, wurden offenbar von Gorbatschow unterstützt. In einer berühmten Erklärung vor Parteiredakteur*innen im Februar 1987 sagte Gorbatschow: „Es sollte weder in unserer Geschichte noch in unserer Literatur leere Seiten geben … Wir dürfen diejenigen, die die Revolution machten, nicht in den Schatten stellen … Wir müssen das sozialistische Gesetz der Wahrheit seinen Lauf nehmen lassen.“

Als er die Führung übernahm, war Gorbatschow jedoch noch viel vorsichtiger. Wie in anderen Fragen wurde er von den Ereignissen vorangetrieben. Gleichzeitig führten die stalinistischen Hardliner*innen, die nach wie vor eine mächtige Position im Parteiapparat innehaben, einen Guerillakampf, um die Schlagwörter der Vergangenheit aufrechtzuerhalten. Bei Gelegenheit des 40. Jahrestags des Sieges im Zweiten Weltkrieg im Mai 1985 lobte Gorbatschow noch immer die „gigantische Arbeit an der Front, im Hinterland … unter der Führung der Partei und des Staatlichen Verteidigungskomitees geleitet vom Generalsekretär … Stalin“. Im Februar 1986 sagte er einem Korrespondenten der französischen KP-Zeitung „L’Humanité“, dass „Stalinismus ein Begriff ist, der von Gegnern des Kommunismus gemacht wurde und in großem Umfang dazu benutzt wird, die Sowjetunion und den Sozialismus insgesamt zu diffamieren“, und fügte hinzu, dass die KPdSU bereits „die richtigen Schlussfolgerungen aus der Vergangenheit gezogen“ habe.

Im Juni 1986 sagte er einer Gruppe sowjetischer Schriftsteller*innen: „Wenn wir anfangen, uns mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen, werden wir unsere ganze Energie verlieren … Wir werden die Vergangenheit aufarbeiten, wir werden alles an seinen Platz rücken. Aber jetzt müssen wir unsere Energie nach vorne richten.“ Zusammenstöße innerhalb der Führung zwischen der reformunterstützenden Gruppe um Gorbatschow und den Hardliner*innen um Ligatschow, die die stalinistischen Sichtweisen auf die Vergangenheit verteidigten, drängten Gorbatschow jedoch dazu, die Öffnung weiterer leerer Seiten zu unterstützen.

In seinem Bericht bei Gelegenheit des 70. Jahrestags der bolschewistischen Revolution, den er am 2. November 1987 gab, war Gorbatschow Trotzki gegenüber feindselig. Er verteidigte den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939, lobte die rasche Industrialisierung und erklärte, dass „Bucharin und seine Unterstützer in der Praxis die Bedeutung des Faktors Zeit beim Aufbau des Sozialismus in den 1940er Jahren unterschätzten“.

Nichtsdestotrotz musste Gorbatschow im Unterschied zu Breschnew zugestehen, dass „das Verständnis unserer Geschichte, das wir bei der Vorbereitung des 70. Jahrestags der Oktoberrevolution erreicht haben, nicht etwas Eingefrorenes und Ein für alle Mal Gegebenes ist. Es wird im Laufe weiterer Forschungen vertieft und entwickelt werden … Für uns ist keine Glättung der Geschichte akzeptabel. Sie [die Geschichte] existiert bereits. Es geht nur darum, sie richtig zu zeigen.“

Gorbatschow sprach sich zwar für eine freie Untersuchung der Vergangenheit aus, warnte aber ständig, dass die neue Geschichte „verantwortungsbewusst und wissenschaftlich“ geschrieben werden sollte, ohne „Sensationslust“. „Die Ungeduld der öffentlichen Meinung ist verständlich“, sagte Gorbatschow auf der Plenarsitzung des Zentralkomitees im Februar 1988, aber „der Wunsch, so schnell wie möglich einen Blick auf die verschlossenen Seiten unserer Vergangenheit zu werfen … kann keine voreiligen Aussagen rechtfertigen … Es ist unzulässig, dass anstelle wirklicher wissenschaftlicher Forschung der Öffentlichkeit opportunistische Schnipsel vorgesetzt werden, die die Wahrheit eher verschleiern als offenbaren.“ Auch Ligatschow hatte zu mehr Offenheit gegenüber der Vergangenheit aufgerufen. Im Juli 1987 begann er jedoch, die „exzessive Betonung“ der Missbräuche der Stalin-Ära zu kritisieren.

Im März 1988 veröffentlichte die vom Zentralkomitee der Partei kontrollierte und hauptsächlich über die Russische Föderation (RSFSR) berichtende „Sowjetskaja Rossija“ einen ganzseitigen Brief Nina Andrejewas unter der Überschrift „Ich kann meine Prinzipien nicht aufgeben“. Andrejewa ist Chemielehrerin, aber es besteht kaum Zweifel daran, dass ihr Brief in Absprache mit Ligatschow und seinen Mitarbeiter*innen verfasst wurde. Der Brief war ein „Anti-Perestroika-Manifest“, das von Hardliner*innen in vielen lokalen KP-Ortsverbänden verwendet wurde. Mit „Prinzipien“ meint Andrejewa in Wirklichkeit „die Doktrin der Bürokratie“.

Der Brief begann mit einer Unterstützung von Historiker*innen, die den Stückschreiber Michail Schatrow scharf kritisiert hatten, dessen Stücke „Brest-Litowsk“ und „Vorwärts … Vorwärts … Vorwärts“ 1987-88 in einer renommierten Literaturzeitschrift veröffentlicht worden waren. Anstatt die üblichen stalinistischen Stereotypen zu bedienen, stellten sie die führenden Vertreter*innen der russischen Revolution, darunter Trotzki, als vielschichtige Persönlichkeiten dar, die über die Ziele, Strategien und Taktiken der Revolution debattierten. Andrejewa verurteilte Schatrows Behauptungen, Stalin sei für die Morde an Kirow und Trotzki verantwortlich, als „tendenziöse Anschuldigungen“. Andrejewa verurteilte zwar die Repressionen der 1930er Jahre, verteidigte Stalin jedoch als großen Mann und führte sogar Churchills Bewunderung für Stalin an. Eine Bezugnahme auf Trotzki belebt zudem den schändlichen Zug des Antisemitismus wieder, der sich immer durch die stalinistischen Angriffe auf Trotzki zog. Sie beklagt sich über „militanten Kosmopolitismus“ und verurteilt Trotzkis „Internationalismus“ als mit der Verunglimpfung des russischen Proletariats als „rückständig und unkultiviert“ verbunden.

Drei Wochen später veröffentlichte die „Prawda“ (5. April 1988) eine ganzseitige Antwort auf Andrejewa, in der sie ihren Brief als „eine ideologische Plattform, ein Manifest der Kräfte gegen die Perestroika“ kritisierte. Andrejewa und ihre Unterstützer*innen, behauptet der Leitartikel, wollten „das System erhalten, unter dem Bürokratismus, Korruption, Wucher und kleinbürgerliche Degeneration üppig blühten“. Sie warf ihr „historischen Fatalismus“ vor. Jedoch der Artikel in der „Prawda“ lehnte zwar ihre positive Sicht auf Stalin ab, ging jedoch nicht auf ihre Argumente ein und trat auch nicht gegen ihre stalinistischen Hardliner*innen-Behauptungen auf. Er stellte lediglich die Notwendigkeit der Unterstützung der Perestroika entgegen.

Dennoch erscheinen immer mehr Artikel, besonders in Zeitschriften wie „Moscow News“, die Trotzkis Rolle in der Revolution und im Bürger*innenkrieg diskutieren. Einige Zeitschriften veröffentlichen Auszüge aus Trotzkis Schriften. Die Zeitschrift „Woprosy Istorii“ (Nr. 7, 1989) begann, sein wichtiges Buch „Die Stalin-Schule der Fälschung“ (auf das wir noch zurückkommen werden) in Fortsetzungen zu veröffentlichen. Ein Maß für das Interesse an Trotzki und die Anziehungskraft seiner Ideen sind die immer raffinierteren Versuche, ihn zu diskreditieren. Ein Artikel von Dr. W. Dolgow in der Jugendzeitung „Komsomolskaja Prawda“ (wiederveröffentlicht in „Soviet Weekly“, 19. November 1988) würdigte widerwillig Trotzkis revolutionäre Verdienste und erkannte an, dass er „ein guter Redner und Propagandist“ war. „Die jungen Menschen jener Zeit (1920) atmeten und lebten Trotzki.“ Aber, fährt Dolgow fort, „sie sahen nicht immer, dass er im Zuge des revolutionären Prozesses in Russland seine Vergoldung des echten Sozialismus verlor.“ Nachdem der Artikel eine Reihe von zweideutigen Würdigungen abgab, listet er alle möglichen stalinistischen Verleumdungen auf: Trotzki sei „oberflächlich“ gewesen, habe „alles getan, um sich selbst zu profilieren“ und habe „keinerlei tiefgreifende theoretische Analyse gehabt“. Während dieser Artikel alle alten stalinistischen Formeln gegen Trotzki wiederholt, hat er, geschrieben in der Ära von „Glasnost“ und „Perestroika“, jedoch einen neuen Dreh. Einer der Hauptfehler Stalins, so wird nun behauptet, sei gewesen, Trotzkis „totale Offensive gegen die Partei“ Anfang 1924 nicht im Keim erstickt zu haben. Stalin, so wird nun behauptet, habe „eine Versöhnung mit Trotzki angestrebt“ und sei erst im Sommer 1924 dazu gekommen, den „Trotzkismus zu zerschlagen“.

Selbst Autor*innen, die stark antistalinistisch und Trotzki gegenüber nicht offen feindselig eingestellt sind, perpetuieren dennoch falsche Darstellungen und falsche Interpretationen von Trotzkis Ideen. In seinem Buch „Stalin: Triumph und Tragödie“ [Deutsch 1989] beispielsweise legt (General) Dmitri Wolkogonow die Details der Ermordung Trotzkis dar, merkt jedoch an, dass es unwahrscheinlich sei, dass die wahre Geschichte „in naher Zukunft“ ans Licht kommen werde. Warum? Ein Auszug über Trotzkis Ermordung aus dem Buch wurde in der „Prawda“ (9. September 1988) veröffentlicht – das erste Mal, dass die Ermordung in einer offiziellen Zeitung mit Massenauflage behandelt wurde. Wolkogonow wiederholt jedoch Charakterisierungen Trotzkis, die von der bürokratischen Führung stammen, die sich nach 1924 um Stalin zusammenschloss. Auf die Frage, warum Trotzki als „zweiter Mann der Oktoberrevolution“ nicht nach Lenin zum Parteichef wurde (Interview, „Moscow News“, 4. März 1990), sagt Wolkogonow beispielsweise: „Ich glaube, dass viele von seiner Arroganz und seinem extremen Radikalismus abgestoßen wurden.“ Er fügt hinzu: „Das Paradoxe an Trotzki ist, dass er trotz seines extremen Linkstums nicht vollständig (zumindest ideologisch) mit der sozialdemokratischen Tradition brach.“ Später behauptet er, dass Lenin zur Zeit der Neuen Ökonomischen Politik eine „Änderung unserer gesamten Sichtweise auf den Sozialismus“ eingeführt habe, die „weder Stalin noch Trotzki jemals akzeptierten. Bis zu seinem Lebensende blieb Trotzki ein ‚Romantiker der Weltrevolution‘.“ Die Implikation ist, dass Trotzki die „zweite Korrektur“, eine „politische Reform, die der soziopolitischen Lage der NEP angemessen ist“, nicht akzeptiert habe, eine „Korrektur“, die der reformistische Gorbatschow-Flügel der Bürokratie nun zu machen beansprucht.

Sicherlich sind es Wolkogonows Kommentare, die paradox sind. 1917 unterstützte Trotzki zusammen mit Lenin den unabhängigen Kampf des Proletariats um die Macht gegen die „alten Bolschewiki“, die einen Kompromiss mit der provisorischen Regierung befürworteten. Dennoch brach Trotzki laut Wolkogonow nie mit „der sozialdemokratischen Tradition“.

Dann kritisiert Wolkogonow Trotzki aus der entgegengesetzten Richtung. Tatsächlich war Trotzki jedoch der Erste, der einen „neuen Kurs“ befürwortete, der vorübergehende Zugeständnisse an die reicheren Bäuer*innen, Händler*innen und privaten Fabrikant*innen vorsah, damit die Sowjetregierung Zeit gewinnen und den Boden für die Stärkung der Wirtschaftsplanung bereiten konnte. Was bei Wolkogonow jedoch impliziert ist, ist, dass Lenin, hätte er gelebt, eine dauerhafte Hinwendung zum Markt befürwortet hätte, eine Schlussfolgerung, für die es in Lenins Artikeln oder Äußerungen keine Belege gibt. Die Kritik an Trotzki hier ist, dass er eine Verwässerung der Arbeiter*innendemokratie nicht akzeptiert habe, um eine Rückkehr zum Markt zu erleichtern – eine Politik, die weder Lenin noch Trotzki akzeptiert hätten.

Eine solche Verwirrung und Verzerrung von Geschichte und Theorie, selbst durch Personen wie Wolkogonow, die versuchen, die „leeren Seiten” zu füllen, unterstreicht die Dringlichkeit, die wahren historischen und politischen Aufzeichnungen in Bezug auf Trotzki wiederherzustellen. Doch selbst unter den politisch bewusstesten Arbeiter*innen in der Sowjetunion gibt es Skepsis gegenüber einer Rehabilitierung. Unter der Bürokratie wurden Marx, Engels, Lenin, Stalin und sogar tödlich graue Funktionär*innen wie Breschnew zu „großen Führern“ kanonisiert. Die reale Gestalt Lenins wurde in einen Wachsfigur-Heiligen verwandelt, um das, wofür er wirklich stand, besser austreiben zu können. „Wir brauchen keine weiteren politischen Heiligen“, sagen einige Jugendliche, die auf Jahrzehnte bürokratischer Propaganda reagieren.

Aber man würde nichts erreichen, würde man Trotzki als neue politische Ikone fördern, als eine weitere Figur im bürokratischen Pantheon, „deren Zeit gekommen ist“. Eine solche Herangehensweise wäre Trotzkis eigener Persönlichkeit und Methode fremd sein. Rehabilitierung ist notwendig, weil eine offene, gründliche Neubewertung Trotzkis in der Sowjetunion der Schlüssel zum Verständnis des Aufstiegs des Stalinismus ist – und zur Formulierung eines Programms, das der Arbeiter*innenklasse einen Ausweg aus der bürokratischen Sackgasse bieten kann.

Das versteht sogar Juri Afanasjew, der schnell betont: „Ich bin kein trotzkistischer Sympathisant“ (New Left Review). „Die Frage Trotzkis ist eine ganz besondere … denn die Stereotypen über Trotzki loszuwerden ist ein Maßstab für unseren Erfolg, die letzten Überreste des Stalinismus loszuwerden … Es ist unmöglich, das stalinistische Erbe loszuwerden, ohne das stalinistische Stereotyp von Trotzki loszuwerden.“

Als sich zur Zeit von Lenins letzter Krankheit und seinem Tod eine bürokratische Führung um Stalin, Sinowjew und Kamenew zu kristallisieren begann, versuchten sie im Jahr 1924, sich durch die Erfindung der Legende vom „Trotzkismus“ zu rechtfertigen. Dies wurde später von Sinowjew und Kamenew im Jahr 1926 zugegeben, als sie sich mit Stalin überwarfen und sich vorübergehend der Opposition anschlossen.

Stalins Führung begann mit relativ geringfügigen historischen Fälschungen, besonders der Geschichte des Bolschewismus und der Ereignisse von 1917. Ab 1923 führte Trotzki eine Opposition gegen die sich herausbildende bürokratische Führung auf der Grundlage der wirklichen Ziele des Oktober und des echten Marxismus. Der „Trotzkismus“ wurde erfunden, um gleichzeitig das revolutionäre Wesen des Bolschewismus als „fremde“ Doktrin zu identifizieren und Trotzki als gefährlichen Gegner der Revolution zu stigmatisieren, die nun angeblich von Stalin und seinen Gefolgsleuten verteidigt wurde.

Der „Trotzkismus“ war, wie Trotzki von Anfang an erklärte, der Dreh- und Angelpunkt, um den sich alle nachfolgenden monströsen Fälschungen drehten. Die kleinen, verzerrten Kameen von 1924 wurden zu den „höllischen Fresken“ der Schauprozesse von 1936/37, Travestien der „revolutionären Gerechtigkeit“, die das Gewissen der Welt schockierten.

Der Angriff auf Trotzki und die Ablehnung der bolschewistischen Tradition durch die Kampagne gegen den Trotzkismus stellten in negativer Form die Schaffung einer Ideologie dar, die die Existenz einer Elite rechtfertigen sollte, die darauf bedacht war, ihre Macht und ihre Privilegien zu festigen. Die monumentalen Lügen stellten eine politische Waffe dar, die dazu dienen sollte, die Unterwerfung der Kommunistischen Partei unter die Bürokratie sicherzustellen und das Bewusstsein der herrschenden Schichten zu vergiften. Falsche Geschichte und Pseudotheorie, gerechtfertigt durch ein Netz von Lügen, wurden institutionalisierte „Wahrheiten“. Echte Traditionen wurden grob angepasst, um den Bedürfnissen der Bürokratie zu entsprechen und die Arbeiter*innen zu verwirren. Die neue antitrotzkistische Ideologie wurde benutzt, um den echten Marxismus, der darauf abzielt, alle Ungleichheit zu beseitigen, zu verfälschen und die Privilegien der Elite zu legitimieren.

Die Aufdeckung der selbstrechtfertigenden Fälschungen der Bürokratie wurde von Trotzki selbst zu Beginn des Prozesses unter den widrigsten Bedingungen der Opposition initiiert. 1924 schrieb Trotzki „Die Lehren des Oktobers“ gegen die Versuche Stalins, Sinowjews und Kamenews, die Strategie und Taktik der bolschewistischen Führung von 1917 falsch zu interpretieren. Es war dieser Artikel, der die „Troika“ dazu veranlasste, die „Legende des Trotzkismus“ zu fabrizieren. In vielen anderen Artikeln verteidigte Trotzki die historische Wahrheit gegen Stalin & Co.

1927 verfasste Trotzki eine systematische Antwort auf die „Fälschung der Geschichte der Oktoberrevolution, der Geschichte der Revolution und der Geschichte der Partei“. Dies war sein „Brief an das Büro für Parteigeschichte“, den er als Antwort auf einen Fragebogen der Istpart verfasste. „Der Brief“, schrieb Trotzki, „wurde in der UdSSR in Hunderten von Exemplaren von Hand zu Hand gereicht, entweder abgetippt oder handschriftlich kopiert. Einzelne, oft ungenaue Kopien gelangten ins Ausland. Übersetzungen davon erschienen in mehreren Sprachen.“ Samisdat, das illegale „Selbstveröffentlichen“ im Untergrund, war keine Erfindung der Dissident*innen der Breschnew-Ära!

Der Brief an das Istpart wurde zusammen mit anderen wichtigen Reden und Dokumenten in „Die Stalin-Schule der Fälschung“ zusammengefasst, das erstmals 1932 veröffentlicht wurde. Ein kurzer Blick auf dieses Buch verdeutlicht darüber hinaus einen weiteren wichtigen Aspekt der aktuellen Debatte über die Geschichte der Sowjetunion. Viele der kontroversen Themen, die innerhalb der Sowjetunion gerade erst zur Diskussion stehen, wurden bereits vor langer Zeit in den Schriften Trotzkis und im Bulletin der Opposition geklärt. Während offizielle Archive in dunklen Kellern unter Verschluss blieben und „sensible“ Bücher in den geschlossenen Bereichen der Bibliotheken isoliert wurden, veröffentlichte Trotzki eine Fülle von dokumentarischen Beweisen aus seinen eigenen persönlichen Archiven. Die von Trotzki zitierten Dokumente wurden vom Kreml ausnahmslos als Fälschungen angeprangert. Dies hinderte Stalins Agenten jedoch nicht daran, zu versuchen, seine Archive durch Einbruch oder Brandstiftung zu zerstören.

Da das politische Bewusstsein der sowjetischen Arbeiter*innenklasse unter dem Stalinismus sehr weit zurückgeworfen wurde, ist es in gewisser Weise unvermeidlich, dass eine neue Generation politisch bewusster Arbeiter*innen und Jugendlicher ihre eigene Geschichte auf ihre eigene Weise und auf ihrem eigenen Weg wiederentdecken muss. In diesem Prozess wird die Öffnung der offiziellen Archive in der Sowjetunion, die gerade erst begonnen hat, von enormer Bedeutung sein. Niemand, der beansprucht, für die Ideen des Marxismus zu stehen, kann die fortgesetzte Unterdrückung von Materialien unterstützen, die die Geschichte der Revolution, die Entwicklung des Stalinismus, den Kampf der Linken Opposition und die internationale Dimension der Entwicklungen in der Sowjetunion beleuchten können. Jedoch ist die „Befreiung von den letzten Überresten des Stalinismus“ nicht einfach eine technische Frage der Öffnung von Archiven, der Veröffentlichung von Dokumenten und der Gewährung des Zugangs für professionelle Historiker*innen, um die Vergangenheit neu zu bewerten.

Die Neubewertung der sowjetischen Geschichte ist unausweichlich mit grundlegenden politischen Fragen verbunden. Dies spiegelt sich in Gorbatschows Vorsicht wider, die „leeren Seiten“ zu füllen. Geschichte kann nicht neu bewertet werden, ohne zu fragen: „Neubewertung von welchem Standpunkt aus, in wessen Interesse?“ Juri Afanasjew und viele Berater*innen um Gorbatschow unterstützen zweifellos die vollständige Öffnung der Vergangenheit. Es ist jedoch klar, dass sie diese Aufgabe aus der Perspektive der Ablehnung der tatsächlichen Ziele der Oktoberrevolution angehen. Afanasjew unterstützt die prokapitalistische Politik von „Radikalen“ wie Boris Jelzin. Sie befürworten die historische Rehabilitierung Trotzkis, aber sie nutzen Trotzkis Kritik am Stalinismus nicht nur, um den Stalinismus zu begraben, sondern auch, um den echten Marxismus zu begraben. Unsere Herangehensweise ist völlig anders. Wir stehen für die Rehabilitierung Trotzkis, gerade weil Trotzki durch den Kampf der internationalen Linken Opposition die echten Ideen des Marxismus gegen ihre stalinistische Perversion verteidigte. Ein klares Verständnis seiner Ideen ist unverzichtbar für eine theoretische Erklärung der Entwicklung des Stalinismus, einschließlich seiner Fortdauer bis in die Gegenwart. Vor allem liefern seine Ideen den Schlüssel zum Programm und zu den Perspektiven, zur Strategie und Taktik sowohl für die politische Revolution im Osten als auch für die soziale Revolution im Westen (wie in Ted Grants Artikel in dieser Ausgabe erläutert).

Immer mehr von Trotzkis Artikeln und Büchern werden in der Sowjetunion veröffentlicht. Die Debatte über sein Wirken und seine Ideen breitet sich über die relativ engen Kreise der Intellektuellen und professionellen Historiker*innen hinaus aus. Wir sagen zuversichtlich voraus, dass Trotzkis Ideen, unabhängig von der Haltung der herrschenden Elite (ob eingefleischte Stalinist*innen oder prokapitalistische „Radikale“), in den nächsten Jahren Millionen und Abermillionen von Arbeiter*innen in der Sowjetunion bekannt werden – und als unverzichtbare Waffen in ihrem politischen Kampf aufgegriffen werden.


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