[eigene Übersetzung des englischen Textes in Socialism Today, Nr. 167, April 2013]
In der ersten Märzwoche stiegen die Aktienkurse an der New Yorker Börse steil an, gefolgt von anderen wichtigen Börsenplätzen. Bezeichnet dies eine Wiederbelebung der globalen kapitalistischen Wirtschaft? Die „Financial Times“ stellte schnell fest, dass „sich wenig des Überschwangs der Investoren in den wirtschaftlichen Kerndaten widerspiegelt … Die USA und das Vereinigte Königreich beendeten das Jahr stagnierend, die Eurozone und Japan mit einer erneuten Rezession und die Schwellenländer mit einer Verlangsamung“. („Stock Markets Defy Economic Woes“ [Aktienmärkte trotzen wirtschaftlichen Sorgen], 6. März)
„Asiens wirtschaftliche Erholung verliert an Schwung und Europas Konjunktureinbruch erweist sich als tiefer als erwartet, was Bedenken aufkommen lässt, dass die global steil steigenden Aktienmärkte der wirtschaftlichen Realität vorausgeeilt sind“. (Evans-Pritchard, „Booming Stock Markets Belie World Economy“ [Boomende Aktienmärkte stellen die Weltwirtschaft falsch dar], „Daily Telegraph“, 12. März) Es gibt einen eklatanten Widerspruch zwischen steil steigenden Aktienkursen und der realen Wirtschaft, ein Symptom für die seltsame Konstellation des Weltkapitalismus.
Der Dow Jones Industrial Average (DJIA), ein Index von 30 „erstrangigen“ Konzernen, erreichte am 4. März ein Rekordhoch, im Gefolge eines Falls um 54% während des Wirtschaftseinbruchs 2007-09. Inflationsbereinigt ist der DJIA jedoch immer noch 10% unter seinem Höchststand von 2007. Nichtsdestotrotz ist dies eine erstaunliche Erholung angesichts der Stagnation der Weltwirtschaft.
In der „Financial Times“ schreibt Chris Giles über das „anhaltend schwache Wachstum“ der fortgeschrittenen kapitalistischen Wirtschaften. „Während die Daten des Internationalen Währungsfonds zeigen, dass die fortgeschrittenen Wirtschaften in den fünf Jahren zwischen 2007 und 2012 nur um 1,3% wuchsen, ist das Ausmaß, in dem sich die Wirtschaften aus ihrer Misere herausziehen, viel schwieriger zu erkennen angesichts oft widersprüchlicher Daten“. („Little Recovery in Advanced Economies“ [Wenig Erholung in fortgeschrittenen Wirtschaften], 5. März)
Giles bezieht sich auf eine neue statistische Technik, bei der verschiedene Arten von Daten kombiniert werden, um einen zusammengesetzten Index des wirtschaftlichen Fortschritts zu erstellen. „Die Forschung … deutet darauf hin, dass die US-Wirtschaftsnachrichten nicht besser als normal waren und die Erholung des Landes seit 2010 durch Minizyklen von mäßig guten und dann schlechten Daten gekennzeichnet war“. Er zitiert einen Professor Beber von der Cass Business School, der sagt: „Seit der Krise tuckerten die USA um den Nullpunkt herum. Jedes Mal, wenn es so aussieht, als würde sich die Erholung beschleunigen, fällt sie wieder zurück“.
In Bezug auf die Eurozone kommentiert Giles, dass „um 2010 herum die Wachstumsindikatoren im gemeinsamen Währungsraum [nach den großen Konjunkturpaketen der großen EU-Wirtschaften] stark waren … aber die positiven Daten fielen 2011 weg und sind jetzt deutlich schlechter als die historischen Normen“.
„Das Vereinigte Königreich leidet immer noch unter den schwachen Wirtschaftsdaten, an die es seit 2011 gewöhnt ist, und der Index bleibt einigermaßen stabil auf einem unterdurchschnittlichen Niveau“. Dies beschreibt eine Depression, nicht so tief wie in den 1930er Jahren, aber eine Periode schwachen zyklischen Wachstums, in der es dem Kapitalismus nicht gelingt, die Wachstumshindernisse zu überwinden und sich entscheidend über seine früheren Höchststände zu erheben.
Aber warum schossen in dieser düsteren Lage die Aktienkurse in die Höhe? Unmittelbarer Auslöser scheinen die US-Beschäftigungszahlen für Februar gewesen zu sein, die einen Anstieg um 236.000 Arbeitsplätze, höher als die erwarteten 165.000, zeigten. Ein großer Faktor dabei war der Anstieg der Arbeitsplätze beim Bau aufgrund günstigerem Wetter. Die Arbeitslosenquote fiel auf 7,7%. Dies wurde von den Finanzmärkten als Anzeichen für eine Fortsetzung, wenn nicht gar eine Beschleunigung der schmerzhaft langsamen Erholung der US-Wirtschaft gewertet. Jedoch während die Arbeitslosenquote (gemessen an der Zahl der Arbeitssuchenden) fiel, fiel die Erwerbsquote tatsächlich. Das Verhältnis zwischen Beschäftigung und Bevölkerung fiel von 63% im Jahr 2007 auf derzeit 58,6%. Es gibt immer noch weniger beschäftigte Arbeiter*innen als vor der großen Rezession.
Auch die anhaltende Niedrigzinspolitik und die massive Liquiditätsschaffung der großen Zentralbanken trieb die Aktienkurse. Die US-Notenbank pumpte seit 2007 rund 3 Billionen Dollar in die Wirtschaft und machte klar, dass sie fortfahren werde, Kredite zu schaffen, bis es ein nachhaltiges Wachstum gebe. Die Bank of England pumpte £375 Milliarden an quantitativer Lockerung in die Wirtschaft. China weitete in den letzten vier Jahren die gesamte inländische Kreditvergabe von 9 Billionen Dollar auf 23 Billionen Dollar aus, während Japan ein weiteres Programm staatlicher Konjunkturmaßnahmen und Kreditausweitung in Angriff nehmen wird.
Der ausgeweitete Kredit soll in die Wirtschaft fließen, um Investitionen anzuregen, Produktion und Konsum zu steigern. In Wirklichkeit hatte die anhaltende Kreditflut eine perverse Wirkung. Die Kreditklemme für kleine Unternehmen, Hauskäufer*innen und Verbraucher*innen ging weiter, da die Banken ihre Kapitalreserven wieder aufbauen. Inzwischen floss der größte Teil der zusätzlichen Liquidität in die Finanzmärkte. Der scharfe Anstieg der Aktienkurse ist in der Tat ein Anzeichen, dass die ultrabilligen Kredite eine neue Aktienkursblase entstehen lassen. Diese könnte jederzeit platzen. Noch bevor der März vorbei ist, verursacht die Zypern-Krise neue Unruhe an den Weltbörsen.
Die Renditen von Staatsanleihen sind derzeit extrem niedrig, inflationsbereinigt sogar negativ. Dies ist auch eine der Auswirkungen der erhöhten Liquidität der Zentralbanken, die es den Regierungen erlaubt, Kredite zu Zinssätzen nahe Null aufzunehmen. Investor*innen, die im Geld schwimmen, wandten sich daher auf der Suche nach höheren Renditen Unternehmensaktien zu. Wohlhabende Investor*innen werden auch durch die Aussicht auf höhere Renditen von profitablen Unternehmen (durch Dividendenzahlungen oder Kapitalerträge beim Verkauf von Aktien zu höheren Preisen) ermutigt. Die höheren Konzernprofite kommen von der verstärkten Ausbeutung der Arbeiter*innen. „Da immer noch Millionen arbeitslos sind, stehen die Unternehmen wenig unter Druck, die Löhne zu erhöhen, während Produktivitätssteigerungen es ihnen erlauben, die Verkäufe zu steigern, ohne zusätzliche Arbeiter*innen einzustellen. ,Bislang haben die Unternehmen in dieser Erholung einen ungewöhnlich hohen Anteil der Einkommensgewinne erbeutet‘, sagte Ethan Harris, Co-Chef der Abteilung für globale Wirtschaft bei der Bank of America Merrill Lynch. (Nelson Schwarz, „Recovery in US Lifting Profits“ [Erholung in den USA hebt die Profite], „New York Times“, 3. März)
„Als Anteil am Volkseinkommen standen die Konzernprofite im dritten Quartal 2012 bei 14,2%, der größte Anteil jemals seit 1950, während der Anteil des Einkommens, der an die Angestellten ging, 61,7% war, nahe seinem niedrigsten Stand seit 1966. In den letzten Jahren beschleunigte sich die Verschiebung während der langsamen Erholung, die der Finanzkrise und der anschließenden Rezession von 2008/09 folgte“. (Schwarz) Die großen Konzerne fahren fort, neue Technologien einzusetzen, um ihren Bedarf an Arbeitskräften zu verringern, und greifen auch auf billigere Arbeitskräfte in Niedriglohnländern zurück.
Die großen Konzerne verfolgen auch eine Politik, ihre Aktienkurse in die Höhe zu treiben, indem sie ihre eigenen Aktien zurückkaufen. Dies läuft auf eine Bargeldausschüttung an ihre Aktionär*innen hinaus, die die Aktienkurse künstlich anhebt, indem sie den Gewinn pro Aktie erhöht. Dies wird zum Teil durch die Verwendung ihrer riesigen Barreserven und zum Teil durch das Leihen von billigem Geld durchgeführt, um die Rückkäufe zu subventionieren. Historisch waren die Aktienmärkte eine Quelle von Mitteln für Investitionen in Unternehmen. Die Irrationalität des heutigen Kapitalismus ist so groß, dass das Gegenteil der Fall ist: Es gibt einen massiver Geldtransfer von profitablen Unternehmen zu Aktionär*innen.
Die Kolumne Lex der „Financial Times“ erklärt: „Die Unternehmen genossen Rekordprofitabilität. Aber sie verwenden sie für Dividenden und Aktienrückkäufe, die im vergangenen Jahr ein kombiniertes Niveau erreichten, das nur 2007 übertroffen wurde. Die S&P 500-Unternehmen zahlten im letzten Jahr etwas weniger als 90% ihres Nettoeinkommens für Dividenden und Aktienrückkäufe aus, wie Daten von S&P zeigen. Sie geben Geld aus, damit die Profite pro Aktie und die Dividenden steigen. Investor*innen sind zufrieden. Es ist jedoch nicht leicht zu sehen, wie die Unternehmen das Tempo beschleunigen können, indem sie Barmitteln zurückführen. Anders als die Verbraucher sind sie so verschuldet wie eh und je“. (13. März)
Steve Rothwell („Associated Press“) schreibt: „Die Unternehmen horteten auch Bargeld. Der Betrag an Bargeld und Bargeld-Äquivalenten, der von den im S&P 500 gelisteten Unternehmen gehalten wird, kletterte Ende September auf ein Allzeithoch von einer Billion Dollar, 65% mehr als vor fünf Jahren, laut S&P Dow Jones Indexen.“ (AP, „Housing and Jobs Key to Lifting S&P to Record“ [Wohnungen und Arbeitsplätze Schlüssel, um den S&P auf einen Rekord zu heben], 28. Dezember 2012)
Obendrein wird ein großer Teil der Rekordprofite von US-Unternehmen in Offshore-Steuerparadiesen (wie den Bermudas und den Cayman-Inseln) versteckt. Das „Wall Street Journal“ fand heraus, dass die 60 größten Unternehmen im Jahr 2012 166 Milliarden Dollar ins Ausland verschoben haben, wodurch 40% ihrer Verdiente [Profite] vor amerikanischen Steuern geschützt wurden, was die USA Milliarden an entgangenen Einnahmen kostete.
Nur 19 der 60 Unternehmen legten ihre potenzielle Steuerschuld offen, die sich auf insgesamt 98 Mrd. Dollar belief – mehr als die 85 Mrd. Dollar an automatischen, pauschalen Ausgabenkürzungen, die kürzlich nach dem Scheitern des US-Kongresses, sich auf einen Haushalt zu einigen, ausgelöst wurden.
Kapitalist*innen investieren und produzieren Waren und Dienstleistungen, um Profite zu machen. Aber aus der derzeitigen Lage ist klar, dass kurzfristige Profite allein nicht ausreichend sind, um mehr Investitionen herbeizuführen. Wie ist das zustande gekommen? In der Endphase des Nachkriegsaufschwungs nach 1968 wurden die Kapitalist*innen der fortgeschrittenen Länder von einem Rückgang der Profitabilität getroffen. Nach einer Periode der „Stagflation“ (geringes Wachstum, hohe Arbeitslosigkeit, aber hohe Inflation) wandten sie sich nach 1980 einer beispiellosen Ausweitung von Krediten und Finanzspekulationen zu. Die neoliberale Politik, die diese Wende begleitete, half, die Bedingungen für Superprofite und die extreme Polarisierung des Reichtums in der gesamten kapitalistischen Welt zu schaffen.
Heute fahren die meisten großen Unternehmen riesige Profite ein. Aber wegen Überkapazitäten in vielen Branchen und schwacher Verbraucher*innennachfrage (wegen der verringerten Einkommen und der Kürzungen der öffentlichen Ausgaben) sehen die Konzerne und ihre Finanzherr*innen keine ausreichenden Möglichkeiten für profitable Investitionen. Paul Krugman fasst es zusammen: „Nicht nur können die Arbeiter nicht an den Früchten ihrer eigenen steigenden Produktivität teilhaben, es stapeln sich auch Hunderte von Milliarden Dollar in den Kassen der Unternehmen, die angesichts der schwachen Verbrauchernachfrage keinen Grund sehen, diese Dollar arbeiten zu lassen“. („The Market Speaks“ [Der Markt spricht], „New York Times“, 7. März) Krugman fordert eine massive Erhöhung der öffentlichen Ausgaben, um die Nachfrage anzukurbeln. Dies würde zwar die Wirtschaft vorübergehend ankurbeln, aber nicht notwendig die Voraussetzungen für profitable Investitionen der Kapitalist*innen schaffen, die Voraussetzung für nachhaltiges Wachstum im Kapitalismus.
Inzwischen „fressen“ die Konzernprofite, wie es ein Kommentator ausdrückt, weiterhin die Wirtschaft auf. (Derek Thompson, „Corporate Profits are Eating the Economy“ [Konzernprofite fressen die Wirtschaft], „New Atlantic“, 4. März) Die Grafik (auf der Grundlage von US-Daten) zeigt, dass das Wachstum der Konzernprofite von 1970 bis Mitte der 1990er Jahre in etwa dem Wachstum des BIP und des Arbeiter*inneneinkommens folgte. Dann „begannen die Konzernprofite in den 1990er Jahren im Verhältnis zum BIP-Wachstum abzuheben, bevor sie im letzten Jahrzehnt explodierten“. Die Profite brachen während der Krise von 2008 ein, erholten sich aber seither wieder zu neuen Höhen (der Finanzsektor macht heute etwa die Hälfte der US-Konzernprofite aus).
„Wenn die Wirtschaft kracht [sagt Thompson], krachen wir alle zusammen: Konzernprofite, Beschäftigung und Wachstum. Aber wenn sich die Wirtschaft erholt, erholen wir uns nicht gemeinsam…“
Lynn Walsh
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