[eigene Übersetzung des englischen Textes in Socialism Today, Nr. 163, November 2012, die im Text erwähnten Grafiken s.dort]
Ich habe mich sehr über Lynn Walshs ausgezeichnete, tiefgründige Besprechung des neuen Buchs des keynesianischen Ökonomen Paul Krugman gefreut. Lynn zeigt klar, dass der Autor, obwohl er einen Wirtschaftsnobelpreis hat, nur ein oberflächliches Verständnis für die Natur der aktuellen kapitalistischen Krise hat. Ich denke, Lynns Analyse trifft genau den Punkt, dass keynesianische Vorschläge zur Bewältigung der Krise ein absolutes Hirngespinst sind.
Es gab jedoch Aspekte in der Rezension, die mich am Kopf kratzen ließen, in Bezug auf die Punkte, die Lynn über kapitalistische Investitionen anführt. Ich zitiere: „Der Anteil der Kapitalinvestitionen am Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den USA und anderen fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern ging trotz des größer gewordenen Anteils der Profite am Volkseinkommen seit den frühen 1980er Jahren zurück. Die Stagnation der Kapitalinvestitionen setzte sich trotz des hohen Niveaus der Nachfrageseite (getragen von Krediten/Verschuldung) in den 1990er und 2000er Jahren in den USA fort.“
Sind die Kapitalinvestitionen in den USA im Verhältnis zum BIP trotz des Anteils der Profite von den frühen 1980er Jahren an bis zum Ende des Jahrhunderts und darüber hinaus zurückgegangen? Wenn ich mir die historischen Daten ansehe, widersprechen die Beweise eindeutig dieser Aussage. Hier ist die Geschichte der Investitionen auf der Grundlage von Daten des US Bureau of Economic Analysis (Grafik 1).
Diese grafische Darstellung zeigt kristallklar, dass das Niveau der US-Kapitalinvestitionen in den 1980er Jahren tatsächlich das höchste war, das jemals in der Geschichte des US-Kapitalismus verzeichnet wurde. Um die Jahrhundertwende hatten sie sich trotz eines allmählichen Rückgangs auf ein höheres Niveau als in den 1960er oder 1970er Jahren erholt. Es ging, nicht überraschend, vor der Finanzkrise 2007 rapide zurück, natürlicherweise zusammen mit einem Rückgang der Profitrate.
Um zur Unterstützung der Grafik einige Zahlen zu liefern: Zwischen 2003 und 2007 stiegen zwar die Profite nur um 35%, die Investitionen aber um 151%. In dieser Periode stiegen die kapitalistischen Nettoprofite um 222 Milliarden Dollar, aber die Nettoinvestitionen stiegen um 280 Milliarden Dollar. Mit anderen Worten: Die US-Kapitalist*innen investierten alle ihre Profite und dann noch einen zusätzlichen Betrag.
Ich will nicht darauf herumreiten, aber hält sich unsere Analyse an eine angemessene Abfrage der Daten oder werden diese Fakten als eine Art neoliberaler Schwindel angesehen, mit dem die Arbeiter*innenklasse getäuscht werden soll? Sind sie unmöglich zu „beweisen“? Jede Analyse sollte sicherlich mit einer kritischen Bewertung der empirischen Daten beginnen, anstatt pauschale Aussagen zu machen, denen die verfügbaren Beweise eindeutig widersprechen. Wo ist zum Beispiel unser Beweis, dass alle Profite der Kapitalist*innen in den Finanzsektor verschwunden sind? Oder bin ich hier auf dem Holzweg?
Bruce Wallace,
Schottland
Lynn Walsh antwortet:
Danke, Bruce, für deinen Kommentar. Was deine Frage zu zurückgehenden Kapitalinvestitionen betrifft, so stimme ich zu, dass unsere Analyse der Trends im Kapitalismus auf einer kritischen Analyse der entsprechenden empirischen Daten beruhen sollte. Dein Schaubild zeigt ein Maß für die US-Investitionen: die privaten Investitionen (Ohne Wohnungen) als Prozentsatz der Konzernprofite, die ein relativ unbeständiger Indikator sind. Aufschlussreichere Messgrößen für Investitionen sind das Wachstum des Anlagevermögens (effektiv das Wachstum der Produktionsmittel) und die privaten Investitionen als Anteil des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Das BIP ist die Gesamtheit der Ausgaben für Waren und Dienstleistungen in der Wirtschaft, von denen die Investitionen eine Komponente sind. Die Investitionen als Anteil des BIP zeigen das Gewicht der Investitionen in der Wirtschaft.
Selbst die Daten für Investitionen in deiner Grafik deuten jedoch auf einen langfristigen Rückgang der Investitionen in Prozent der Profite hin. Es gab scharfe (aber kurzlebige) Anstiege nach 1980 (als die neoliberale Revolution des ultrafreien Marktes unter Reagan begann), zwischen 1995-2001 (während der Dot.com-Blase) und zwischen 2005-07 (als es einen explosiven Kreditboom und eine Immobilienblase gab). Zwischen 1980 und 2007 ging ein wachsender Anteil der Investitionen in Informations- und Kommunikationsausrüstung, wovon ein erheblicher Teil mit dem Finanzsektor verbunden war.
Es gibt klare Hinweise auf einen langfristigen Rückgang der Kapitalinvestitionen. Kapitalakkumulation ist der Schlüssel zum Wirtschaftswachstum. Ein höherer Kapitalstock ist erforderlich, um die Kapazität und die Produktion zu steigern, und Investitionen sind auch der Schlüssel, um neue Technologie in die Produktion einzuführen. Obendrein sind Kapitalausgaben zusammen mit der Verbraucher*innennachfrage eine Schlüsselquelle der Nachfrage. Zahlen für die Wachstumsraten des Kapitalstocks 1960-2004 (Nettowachstum nach Abschreibungen für abgenutzte oder stillgelegte Kapazitäten) zeigen, dass sich das Tempo der weltweiten Kapitalakkumulation verlangsamte, besonders in den fortgeschrittenen kapitalistischen Ländern (siehe Andrew Glyn, Capitalism Unleashed [2006], S. 86).
Tabelle 2 zeigt, dass die Wachstumsrate für das weltweite Anlagekapital trotz des schnelleren Wachstums in China, Südkorea und einigen anderen halb entwickelten Wirtschaften zurückging. Für die Industrieländer (fortgeschrittene kapitalistische Länder) insgesamt ging die Wachstumsrate von 5% in den 1960er Jahren auf 3,3% in den 1990er Jahren zurück. In den USA ging die Wachstumsrate im Zeitraum 2000-2004 von 4% auf 2% zurück. Der Hauptpunkt ist, dass trotz der Einführung der neoliberalen Politik der Rückgang der Investitionsrate nicht gestoppt wurde.
Glyn stellt weiter fest, dass die privaten Investitionen in den 1990er Jahren in den USA rasch zunahmen. Jedoch dies „trieb die Wachstumsrate des Kapitalstocks nicht in nie dagewesene Höhen. Das liegt daran, dass das Wachstum des Kapitalstocks Anfang der 1990er Jahre von einem außergewöhnlich niedrigen Niveau begann. Der … Investitionsboom der späteren 1990er Jahre stoppte den scheinbar unaufhaltsamen Abwärtstrend der Wachstumsrate des Kapitalstocks, der in den späten 1960er Jahren begonnen hatte. Als der Boom im Jahr 2000 zu Ende ging, brach das Wachstum des Kapitalstocks obendrein noch stärker ein als je zuvor.“ (Glyn, S. 134)
Eine andere neuere Studie analysiert die „schwachen Raten privater Investitionen“, trotz der durch die neoliberale Politik geschaffenen günstigen Bedingungen für Großunternehmen und Superreiche. (JG Palma, The Revenge of the Market on the Rentiers – Why Neoliberal Reports of the End of History Turned Out to be Premature [Die Rache des Marktes an den Rentiers – Warum sich neoliberale Berichte vom Ende der Geschichte als voreilig erwiesen], Cambridge Journal of Economics, 2009, 33/4 S. 853): „Es ist immer noch wahrlich bemerkenswert zu sehen, wie private Investitionen nicht positiv auf die kombinierten Anreize von riesiger Einkommenspolarisierung mit politischer Stabilität und dynamischem Wachstum des privaten Konsums, hohen Profitraten und einem Überangebot an Finanzmitteln reagierten. Private Investitionen [in den USA] gingen als Anteil am BIP sogar zurück und fielen zyklisch von ihrem Höchststand von 18,5% des BIP im Jahr 1979 auf nur noch 15,5% im Jahr 2007“. (Schaubild 3)
Trotz des atemberaubenden Anstiegs des Einkommensanteils, den das oberste eine Prozent in den USA nimmt, gingen die Investitionen zurück. Die Grafik, sagt Palma, zeige „das sich verändernde Verhältnis zwischen dem, was die Spitzenverdiener*innen der Wirtschaft entziehen, und dem, was sie in Form von verbesserten Produktionskapazitäten in sie zurückführen. Tatsächlich hatte sich dieses Verhältnis gegen Ende des Zeitraums so stark verändert, dass sogar der Einkommensanteil der obersten 0,5% (d.h. nur 700.000 Familien, die 2006 18,6% des Gesamteinkommens verdienten) deutlich über dem Anteil aller privaten Investitionen am BIP (15,5%) lag“.
Der Rückgang der Investitionen wurde auch von Ha-Joon Chang (23 Things They Don’t Tell You About Capitalism [23 Dinge, die man uns über den Kapitalismus nicht erzählt], 2010) analysiert. „Die unmittelbare Einkommensumverteilung in Profite war schlimm genug, aber der seit den 1980er Jahren ständig steigende Anteil der Profite am Volkseinkommen schlug sich auch nicht in höheren Investitionen nieder. Investitionen als Anteil an der US-Wirtschaft sind in der Tat gesunken und nicht gestiegen, und zwar von 20,5% in den 1980er Jahren auf 18,7% seither (1990-2009). Es wäre vielleicht akzeptabel gewesen, wenn diese niedrigere Investitionsquote durch eine effizientere Kapitalnutzung kompensiert worden wäre, die ein höheres Wachstum erzeugt hätte, aber die Wachstumsraten des Pro-Kopf-Einkommens in den USA fielen von rund 2,6% pro Jahr in den 1960er und 1970er Jahren auf 1,6% in den Jahren 1990-2009, der Blütezeit des Shareholder-Kapitalismus“. (S. 19)
Sogar Alan Greenspan, als er Chef der Federal Reserve Bank war, gab zu, dass es trotz der Fülle an billigen Krediten eine alarmierende „Schwäche“ bei den Kapitalinvestitionen gab. In seiner Aussage vor dem Kongress (House Committee on Financial Services, 20. Juli 2005) erkannte Greenspan an, dass „die Investitionsneigung der Länder im Durchschnitt zurückging“. Obendrein „zeigt sich die Schwäche der Investitionsabsichten auch im Verhalten der Konzerne. Obwohl die Kapitalinvestitionen der Konzerne in den wichtigsten Industrieländern in den letzten Jahren stiegen, konnten sie offenbar nicht mit dem Anstieg der Cashflows der Konzerne Schritt halten. In den Vereinigten Staaten beispielsweise lagen die Kapitalausgaben 2003 unter dem sehr hohen Niveau des Cashflows der Konzerne, was die erste Unterschreitung seit der schweren Rezession von 1975 darstellt“.
Greenspan stellte fest, dass die japanischen Investitionen im Gefolge der Spekulationsblase der 1990er Jahre eine „anhaltende Zurückhaltung an den Tag legten“, während die Investitionen in den sich entwickelnden asiatischen Wirtschaften (abgesehen von Chinas) „nach der asiatischen Finanzkrise spürbar fielen … Obendrein wurde nur ein bescheidener Teil der großen Einkommensüberschüsse der Erdöl produzierenden Länder in Sachanlagen reinvestiert“.
Greenspan (und in der Folge Ben Bernanke) versuchten, den „Investitionsrückstand“ auf die „übermäßige“ Ersparnis von Ländern wie China zu schieben. Ihre Theorie der globalen Sparschwemme wurde jedoch von zwei für die französische Zentralbank tätigen Wirtschaftswissenschaftler*innen scharf zurückgewiesen (Gelles [Gilles?] Moëc und Laure Frey: Global Imbalances, Saving Glut and Investment Strike [Globale Ungleichgewichte, Sparschwemme und Investitonsstreik], Occasional Paper, Banque de France, Februar 2006): „Das auffälligste Merkmal der gegenwärtigen Lage der Weltwirtschaft ist nicht so sehr eine Sparschwemme als vielmehr ein Investitionsstreik, trotz niedriger langfristiger Zinsen“. „Dies wirkt sich auch auf die US-Wirtschaft aus, wo die Konzerninvestitionen im Verhältnis zu den Profiten gedämpft bleiben, was zum allmählichen Verlust der handelbaren Produktivkapazitäten beiträgt“.
Moëc und Frey erkennen an, dass die globalen Ersparnisse in den 1990er Jahren stiegen, „aber das 2004 gesehene Niveau ist keineswegs ein beispielloses Niveau. Entgegen der Annahme der Globalen Sparschwemme erklärt ein beispiellos niedriges Investitionsniveau außerhalb der USA den größten Teil des Anstiegs des globalen Nettoausleihens“.
Auf der Grundlage von IWF-Daten, die sie in ihren Tabellen und Diagrammen zeigen, zeigen diese Ökonom*innen einen weltweiten Rückgang der Kapitalinvestitionen: Japan und der Euroraum zeigten ein klares Muster des „Investitionsstreiks“ seit Mitte der 1990er Jahre in Japan und seit 2001 im Euroraum. Aber auch die asiatischen Schwellenländer ohne China zeigten einen starken Rückgang der Investitionsquote. In der letzteren Region erholte sich die Investitionsquote zwar in letzter Zeit, bleibt aber 2005 immer noch fast zehn BIP-Punkte unter dem Niveau von 1995“.
„Angesichts der in den Jahren der Spekulationsblase aufgebauten finanziellen Ungleichgewichte“, so Moëc und Frey weiter, „schafften die US-Unternehmen dank aggressiver Maßnahmen zur Senkung der Arbeitskosten schnell, rekordhohe Niveaus der Profitabilität zu erzielen. Dennoch stiegen die Unternehmensinvestitionen noch nicht so schnell wie die Profite. Folglich zeigte der nichtfinanzielle Konzernsektor in den USA in letzter Zeit eine noch nie dagewesene Nettokreditvergabekapazität“.
Und schließlich: Wo ist der Beweis dafür, dass ein Löwenanteil der Profite (nicht „alle“) der Kapitalist*innen im Finanzsektor verschwunden ist? Die kurze Antwort ist, dass die Rate der Finanzvermögen am BIP in den USA in den Jahren 1950-70 zwischen 400% und 500% lag. Ab den frühen 1980er Jahren, mit der Einführung der neoliberalen Politik, schoss sie bis Anfang der 2000er Jahre auf rund 900% hoch (Ha-Joon Chang, S. 238). Obendrein waren die Profite des Finanzsektors in den letzten drei Jahrzehnten höher als die Profite des Nicht-Finanzsektors. In einem 2009 veröffentlichten Artikel gab Simon Johnson, ein früherer Chefökonom des IWF (2007-08) Zahlen für den Anteil an den Konzernprofiten, die der Finanzsektor in den USA nimmt: „Von 1973 bis 1985 verdiente der Finanzsektor nie mehr als 16% der inländischen Konzernprofite. Im Jahr 1986 erreichte diese Zahl 19%. In den frühen 1990er Jahren schwankte sie zwischen 21% und 30% und war damit höher als sie je in der Nachkriegsperiode gewesen war. In diesem Jahrzehnt erreichte sie 41%“. (Simon Johnson, The Quiet Coup [Der stille Putsch], The Atlantic Monthly, Mai 2009)
Diese faktischen Daten (auf die meisten von ihnen wurde in früheren Artikeln Bezug genommen) bestätigen unserer Ansicht nach die Analyse einer Krise der Kapitalakkumulation, die in Socialism Today seit vielen Jahren vertreten wird.
Schreibe einen Kommentar