[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-1911, 2. Band, Nr. 40, Feuilleton, 16. Juni 1911, S. 392, Rubrik „Lose Blätter“]
Vor etwa fünfzig Jahren starb eine Vaterschwester von Karl Marx mit Hinterlassung eines Testaments, das wegen irgendwelcher Formfehler gerichtlich kassiert wurde, Das Gericht war nunmehr gezwungen, die Intestaterben festzustellen, die sich übrigens alsbald einigten, den letzten Willen der Erblasserin so auszuführen, wie er in dem formell ungültigen Testament kundgegeben worden war.
Was der an sich gänzlich gleichgültigen Affäre ein lebhaftes Interesse verleiht, ist die Tatsache, dass die Akten dieses Erbschaftsvergleichs vermutlich die einzige Quelle sind, aus der wir noch einiges über die Abstammung von Karl Marx erfahren können, In den Kriegsläuften am Ende des achtzehnten und im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts ist den Zivilstandsregistern am Rhein übel mitgespielt worden, wie unter anderem der langwierige und noch immer nicht geschlichtete
Streit über das Geburtsjahr Heinrich Heines beweist.
Ganz so arg steht es bei Marx nun freilich nicht, aber alle gerichtlichen Nachforschungen in jener Erbschaftsangelegenheit haben doch nicht mehr die Geburts- und Todesjahre seiner Großeltern von väterlicher Seite feststellen können. Der Großvater hieß Marx Levi, nannte sich später aber nur Marx, und war Rabbiner in Trier; er soll 1798 gestorben sein und war jedenfalls 1810 nicht mehr am Leben. Seine Ehefrau Eva, geborene Moses, war 1810 noch am Leben und soll 1825 gestorben sein.
Von den zahlreichen Kindern dieses Paares widmeten sich zwei gelehrten Berufen: Samuel und Hirschel. Samuel wurde als Rabbiner in Trier der Nachfolger des Vaters, während sein Sohn Moses als Rabbinatskandidat nach Gleiwitz in Schlesien verschlagen wurde. Samuel war 1781 geboren und starb 1829, Hirschel, der Vater von Karl Marx, war 1782 geboren; er wandte sich der Jurisprudenz zu, wurde Advokatanwalt und später Justizrat in Trier, ließ sich 1824 als Heinrich
Marx taufen und starb 1838.
Auch er hinterließ eine zahlreiche Familie, doch lebten vor fünfzig Jahren nur noch vier von ihnen, Karl Marx und drei Töchter: Sophie als Witwe des Anwalts Schmalhausen in Maastricht, Emilie als Ehefrau des Ingenieurs Conrady in Trier und Luise als Ehefrau des Kaufmanns Juta in der Kapstadt.
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