Franz Mehring: Ein Muster

[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-1911, 2. Band, Nr. 38, S. 393-396]

f Berlin, 17. Juni 1911

Die „maßlose Überhebung“ der Sozialdemokratie ist ein Hauptvorwurf, den namentlich die reaktionäre Presse gegen sie richtet, und wer wollte bestreiten, dass „maßlose Überhebung“ in der Tat zu den verwerflichsten Eigenschaften gehört, die eine politische Partei haben kann. Aber wenn die Sozialdemokratie wirklich diesem Laster verfallen wäre, so könnte sie wenigstens einen mildernden Umstand für sich geltend machen: nämlich dass es ihr niemand so schwer gemacht hat und noch immer so schwer macht, „maßlose Selbstüberhebung“ von sich fernzuhalten, als eben die reaktionäre Presse.

Für sie dreht sich nachgerade alles um die Sozialdemokratie. Die eine Hälfte der vergangenen Woche hat sie dazu benutzt, den Hansabund herunterzuputzen, weil er sich nicht feindlich genug zur Sozialdemokratie gestellt hat, und die andere Hälfte, den Kaiser und den Reichskanzler zu rüffeln, weil der Kaiser mit einem englischen Sozialdemokraten gesprochen hat und der Reichskanzler mit einem deutschen Sozialdemokraten über die elsass-lothringische Verfassungsfrage verhandelt haben soll. Darüber spektakelt die Presse des Herrn v. Heydebrand so gewaltig, dass heute das offiziöse Hauptblatt mit schwerem Berichtigungsgeschütz auffährt. Danach ist, was zweifellos der Wahrheit entspricht, die Unterhaltung zwischen dem Kaiser und Ramsay MacDonald eine höchst gleichgültige Sache gewesen, und ferner hegt die Regierung, woran sie sehr Wohl tut, noch durchaus keinen Zweifel an dem revolutionären Charakter der Sozialdemokratie, weil diese – im Interesse der Arbeiterklasse und keineswegs im Interesse des Regierung – für die elsass-lothringische Verfassungsvorlage gestimmt hat.

Ob sich die Junker mit dieser Kniebeuge zufrieden geben werden, steht dahin. Einstweilen nähren sie die „maßlose Überhebung“ der Sozialdemokratie dadurch, dass sie den Hansabund auf die Knie zwingen wollen, weil der erste deutsche Hansatag, der im Anfang der vergangenen Woche stattfand, sich nicht dazu bequemt hat, an seinem Teile jene „Überhebung“ zu nähren, indem er sich weigerte, das Gesamtinteresse der nächsten Reichstagswahlen auf den Kampf gegen die Sozialdemokratie zu konzentrieren. Herr Rießer, der Vorsitzende des Hansabundes, war sogar so dreist, von jeder Stichwahlparole abzuraten, indem er von „politischen Eunuchen“ und „Philistern“ und „Kompromisslern“ sprach, die statt des Marschallstabs im Tornister den Schrittmesser in der Westentasche trügen, damit sie sicher seien, dass sie nur ja nicht „zu weit“ gingen, womit er diejenigen Wähler meinte, die dumm genug seien, auf das frenetische Wutgeheul der Junkerpresse gegen die Sozialdemokratie hineinzufallen. Dafür muss sich dieser wohlgesinnte Patriot gefallen lassen, als „Schrittmacher des Umsturzes“ und Verräter an allen vaterländischen Interessen verketzert zu werden, das heißt aus keinem anderen Grunde, als weil er geriebener Geschäftsmann genug ist, um sich nicht zum Opfer eines gar zu plumpen Bauernfanges herzugeben.

Herr Rießer ist ein guter Hasser der Sozialdemokratie, aber er will ihre „maßlose Überhebung“ nicht fördern, indem er so tut, als ob sich die historische Entwicklung allein um sie drehe. Er meint vielmehr, dass sich „hinter den Kulissen und ganz in der Stille die Sammlung gegen die Sozialdemokratie mehr und mehr in eine Sammlung bodenständiger und rückständiger Elemente gegen das vorwärts strebende Bürgertum verwandelt habe“. Deshalb tadelte er die „Eunuchen“, die „Angst vor ihrer eigenen Courage“ hätten, und der erste deutsche Hansatag pflichtete ihm bei mit dem feierlichen Gelöbnis: Herumtrampeln lassen wir nicht mehr auf uns. Darüber ist denn die Junkerpresse ganz aus dem Häuschen geraten, und sie trampelt so wild, dass der Hansabund am Ende der Woche bereits eine Erklärung veröffentlicht, um die Erklärungen abzuschwächen, die sein Vorsitzender Rießer am Beginn der Woche abgegeben hat. Im Kampfe gegen die Sozialdemokratie will es der Hansabund nicht an sich fehlen lassen, trotz Herrn Rießer, der endlich dahinter gekommen war, dass der Hansabund die Sozialdemokratie nur deshalb einseifen solle, damit ihm selbst um so bequemer die Kehle abgeschnitten werden könne. Den Hansabund packt jetzt schon die „Angst vor der eigenen Courage“, und wenn es so weiter geht, wird er bald kein anderes Ziel mehr kennen, als die „maßlose Überhebung“ der Sozialdemokratie auch seinerseits noch zu steigern.

Einen anderen Anlass zu dieser „Überhebung“ hatte die Sozialdemokratie bei der heutigen Jahnfeier, bei der Feier des Tages, an dem der alte Jahn vor hundert Jahren den ersten Turnplatz auf der Hasenheide eröffnet hat. Die Feier war als ‚großer hurrapatriotischer Klimbim geplant; nach der Behauptung der gutgesinnten Presse sollte der Kaiser ihr beiwohnen, der Kultusminister sollte eine gewaltige Rede schwingen, und des Reiches Herrlichkeit sollte in allen Tonarten gesungen werden. Da veröffentlichte der „Vorwärts“ vor einigen Tagen einige aktenmäßige Tatsachen über das Schicksal, das der preußische König Friedrich Wilhelm IIl. dem Turnvater Jahn bereitet hatte, weil dieser von des preußisch-deutschen Reiches Herrlichkeit träumte, ehe es polizeilich erlaubt war. Jahn war 1819 vom Bette keines sterbenden Kindes hinweg ins Gefängnis geworfen, von der Polizei in der Presse aufs Schamloseste verleumdet, von Festung zu Festung geschleppt, und als er nach nahezu sechs Jahren, da selbst nach vormärzlichen Begriffen nicht das geringste Vergehen gegen ihn aufzubringen war, vom Gericht freigesprochen werden musste, noch etwa fünfzehn Jahre lang unter Polizeiaufsicht gehalten worden. Selbst die preußische Geschichte – und das will etwas besagen – hat nicht allzu viele gleich scheußliche Beispiele eines moralischen Meuchelmordes durch die hohe Obrigkeit aufzuweisen.

Diese rechtzeitige Erinnerung an einen besonders hehren Ruhmestitel der preußischen Monarchie hat dann, wie es scheint, die Jahnfeier ein wenig ins Wasser fallen lassen. Die Ankündigung der patriotischen Blätter, dass der Kaiser kommen würde, erfüllte sich nicht; der Kultusminister aber war plötzlich erkrankt und statt seiner erschien der Unterstaatssekretär v. Schwartzkopff, der einige belanglose Worte murmelte. Das war nun aber doch recht schade. Der gelehrte Herr hätte die Gelegenheit ergreifen sollen, um an Jahns Muster die „maßlose Überhebung“ der Sozialdemokratie in ihrer ganzen Verworfenheit zu kennzeichnen, um zu zeigen, wie ein echter Patriot die infamsten Misshandlungen erdulden und dabei doch ein echter Patriot bleiben kann. Der alte Jahn war der richtige Borusse, wie er im Buche steht: ein roher und ungebildeten Banause, dem jedes Verständnis für moderne Kultur fehlte, so ganz erfüllt von altpreußischem Dünkel, dass ihm in einer Nacht das Haar ergraute, weil die preußischen Junker bei Jena die hundertfach verdienten Prügel besehen hatten. Seine Verdienste um die Turnerei, die ihm nicht bestritten werden sollen, entsprangen auch nur einem durch und durch reaktionären Franzosenhasse, der ihn bekanntlich, unter anderen unzähligen Narrheiten, zu dem Vorschlag verführte, aus Elsass-Lothringen und den Rheinlanden eine künstliche Wildnis zu schaffen und mit reißenden Tieren zu bevölkern, um jede Vergiftung der keuschen und nüchternen Germanen durch die frivolen und liederlichen Franzosen zu hindern. Dass die Demagogenverfolger unter Friedrich Wilhelm III. diesen Mann, den sie wie ihren Augapfel hätten hüten sollen, dennoch verfolgten, weil unter seinen polternden Schlagworten auch die teutsche Einheit mitspielte, zeigt nur, dass die Dummheit dieser Menschenjäger so groß war wie ihre Gemeinheit, allein noch erstaunlicher war, dass Jahn selbst durch die Misshandlungen, die seine Existenz moralisch vernichteten, niemals an der Herrlichkeit des Borussentums irre gemacht werden konnte.

Das trat schon in tragikomischer Weise hervor, als Jahn noch auf den preußischen Festungen herumgeschleppt wurde, wo er mit anderen Demagogen zusammentraf. Wagten sich diese über die borussische Niedertracht zu beschweren. so putzte Jahn sie herunter, dass es nur so eine Art hatte. Am schlimmsten ging es dem armen Ruge, der auch ein waschechter Preuße war, aber sich einbildete, der preußische Staat ließe sich mit moderner Kultur sättigen. Darüber hatte er in der Festung Kolberg die heftigsten Auseinandersetzungen mit Jahn, so dass dieser, empört über die hochverräterischen Absichten Ruges, an den Professor Eiselen schrieb – etwa in dem Tone, worin der Knuten-Örtel mit Herrn Rießer verhandelt ––; „Ruges Seele wäre so schwarz, dass sie selbst der Teufel nicht zum A … W…. brauchen würde,“ Ruge selbst teilt in seinen Denkwürdigkeiten das geflügelte Wort mit, das er niemals los geworden sei, und fügt hinzu: „Jahn ist all sein Lebtag nichts anderes gewesen als ein durch und durch königlich, ja hohenzollerisch gesinnter Mann, der sich in der Welt nichts anderes zuschulden kommen ließ, als gelegentlich einige große Worte und den Wunsch, sich durch seine Stichworte einen Ruhm und einen Einfluss zu erwerben. Sein Altdeutschtum bestand wesentlich in dieser wohlgewürzten Grobheit und war seiner preußischen Untertänigkeit so wenig im Wege, dass er es ganz natürlich fand, in preußischem Solde zu stehen und die Republikaner anzugreifen.“ Als Jahn nun gar nach der Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV, aus der Aufsicht der Polizei entlassen wurde, trieb er es so reaktionär wie jemals früher; in der Frankfurter Nationalversammlung von 1848 hätte er wegen seiner herausfordernden Volksfeindlichkeit beinahe das Schicksal des Fürsten Lichnowsky geteilt.

Ein solcher Mann verdiente wohl eine bessere Gedenkrede, als ihm der Unterstaatssekretär Schwartzkopff heute gewidmet hat. Es scheint, dass dieser Herr sich etwas geniert gefühlt hat durch die Erinnerungen an die Misshandlungen, die Jahn durch den preußischen Staat erleiden musste, aber da hätte er nicht so ängstlich sein brauchen. Die Demagogenverfolgungen leben ja in den Sozialistenverfolgungen fort, auf die jeder rechte Patriot stolz ist. Was Jahns Märtyrertum so denkwürdig macht, ist die unglaubliche Lammesgeduld, womit er es ertrug, ohne an der borussischen Barbarei irre zu werden, und diesen Gesichtspunkt hätte Herr Schwartzkopff im Interesse des Staates, dem er dient, wohl hervorheben sollen.

Wenn heute einem Sozialdemokraten nur der zehnte, ja nur der hundertste Teil der Misshandlungen zugefügt wird, die Jahn erdulden musste, so lässt er nicht auf sich „herumtrampeln“, sondern setzt auf einen Schelmen anderthalbe. Das ist ja gerade die „maßlose Überhebung“ der Sozialdemokratie, und um sie zu dämpfen, hätte Herr Schwartzkopff an dem Muster Jahns zeigen sollen, wie der echte Patriot sich zum Wohle des Vaterlandes knuten lassen muss, ohne zu mucken.


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