Franz Mehring: Und abermals Kant

[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-1911, 2. Band, Nr. 40, Feuilleton, 16. Juni 1911, S. 377-380]

Karl Vorländer, Kant und Marx. Ein Beitrag zur Philosophie des Sozialismus. Tübingen 1911, Verlag von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). 293 Seiten. Geheftet 7 Mark.

Nachdem ich im vorigen Hefte des Feuilletons eine akademische Abhandlung über Marx und Hegel einer scharfen Kritik zu unterziehen gezwungen war, gereicht es mir zu großer Genugtuung, ein in demselben Verlag erschienenes Werk über Kant und Marx mit lebhafter Anerkennung anzeigen zu können.

Karl Vorländer, dessen treffliche „Geschichte der Philosophie“ – sie ist eben in dritter Auflage bei Dürr in Leipzig erschienen – wiederholt in diesen Spalten besprochen worden ist, gehört zu den Neukantianern oder, wie er selbst sich und seine Gesinnungsgenossen lieber genannt hören will, zu den Neukritizisten, die es für die Emanzipation der modernen Arbeiterklasse für notwendig halten, die „kausalgenetische Methode“ von Marx mit der „kritisch-analytischen Methode Kants“ zu verbinden. Sie kämpfen für ihr Ziel mit einer Ausdauer, die um so anerkennenswerter ist, je geringer bisher ihre praktischen Erfolge gewesen sind, aber man darf von ihnen sagen, was Rodbertus einmal von Schulze-Delitzsch sagte: Wenn sie auch vergebens in dem Weinberg nach dem Schatze suchen, so macht ihr Umackern und Umwühlen den Weinberg doch fruchtbarer.

In diesem Sinne ist das Buch Vorländers eine erfreuliche Bereicherung der Geschichtsliteratur über den modernen Sozialismus. Indem der Verfasser sich vorbehält, den systematischen Teil seiner Aufgabe in einer späteren Schrift zu erledigen, beschränkt er sich in dem vorliegenden Buche darauf, den historischen Hergang der Dinge zu schildern. Das geschieht mit einer vollkommenen Redlichkeit; Vorländer kennt sowohl Kant wie Marx genau, und er hütet sich auch davor, die inneren Meinungsverschiedenheiten innerhalb der Sozialdemokratie in irgendwie tendenziöser Weise auszubeuten; dem revisionistischen Schlachtruf: Zurück auf Kant! steht er sehr skeptisch gegenüber; eher setzt er seine Hoffnungen auf die „Wiener Jung-Marxisten“, auf die Genossen Max Adler und Otto Bauer, die ihm auf dem richtigen Wege zu sein scheinen.

Jedenfalls aber stellt er die Dinge in vollkommen loyaler Weise dar; namentlich die ersten Kapitel über die Geschichtsphilosophie und die politisch-sozialen Ansichten Kants sowie über die philosophische Entwicklung von Marx, Engels und Lassalle sind durchaus anzuerkennen; auch wer mit den Sachen selbst schon vertraut ist, wird mit Vergnügen die ansprechende, leicht verständliche Und vor allem auch zutreffende Darstellung lesen. Die letzten Kapitel über die Sozialphilosophie des Neukritizismus und über die Stellung einerseits des Revisionismus. und andererseits des Radikalismus zu Kant sind freilich nicht ebenso interessant, was aber nicht sowohl dem Verfasser als vielmehr seinem Stoffe angerechnet werden muss.

Es ist ein Irrtum Vorländers, anzunehmen, dass die feinen und subtilen Arbeiten Max Adlers und Otto Bauers, die die lebhafte Anerkennung auch derer verdienen, die ihnen nicht in allem und jedem zustimmen, sich auf halbem Wege zum Neukritizismus befänden. Hier bestehen ganz unüberbrückbare Gegensätze. Nehmen wir einmal das Haupt der Neukritizisten, Herrn Professor Cohen in Marburg, so behauptet er, der moderne Sozialismus habe sich „ebenso begrifflich wie historisch“ aus dem Satze Kants entwickelt: Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel gebrauchst, Unterschreiben kann diesen Satz nur, wer dem historischen Materialismus mit derber Faust ins Gesicht schlagen will. Der logische Sinn des Satzes war in Kants Munde – der bekanntlich alle arbeitenden Klassen von dem Genuss der staatsbürgerlichen Rechte ausschließen wollte – eben nur, dass die kapitalistische Freiheit des modernen Arbeiters gegenüber der feudalistischen Gebundenheit des mittelalterlichen Arbeiters herzustellen sei. Indem der Liberalismus des neunzehnten Jahrhunderts sich unzählige Male auf Kants Satz berief, zeigte er – Ehre, dem Ehre gebührt! –, dass er Kant sehr richtig verstanden hatte, während es – abermals Ehre, dem Ehre gebührt! – keinem Sozialisten des neunzehnten Jahrhunderts eingefallen ist, wegen jenes Satzes in Kant den „wahren und wirklichen Urheber des Sozialismus“ zu bewundern.

Diese Entdeckung blieb Herrn Professor Cohen vorbehalten. In seiner Weise ist er denn freilich auch konsequent, indem er im Namen Kants verlangt, die Sozialdemokratie solle den historischen Materialismus „radikal aufgeben“. Wie er die klare Erkenntnis, die er ihr rauben will, dann durch ideologische Redensarten zu verfaseln gedenkt, zeigen seine ferneren Vorschläge, die Sozialdemokratie solle als Krönung des Gebäudes die Gottesidee nicht abweisen, sie möge vor Recht und Staat, als Ideen, Ehrfurcht bezeigen, sie möge mit der Idee der Menschheit die Idee des Volkes verbinden usw. usw. überflüssig, zu sagen, dass für diese famosen Vorschläge im Sinne Cohens kein Sozialdemokrat je zu haben sein wird!

Nun mögen ja nicht alle Neukritizisten für Herrn Professor Cohen verantwortlich zu machen sein; Vorländer selbst verwahrt sich wenigstens gegen die sonderbare Behauptung, dass der Sozialismus historisch aus Kants Ethik entstanden sein soll. Immerhin ist es ein Verdienst Cohens, zu sagen, was er eigentlich will. Mit der bloßen. Behauptung, dass dem Marxismus ein formales Moralprinzip fehle und dass er auf Kant zurückgehen müsse, um solch ein Prinzip zu gewinnen, ist wirklich auch gar nichts geleistet. Eine formale Regel der Ethik, die sozusagen ein moralisches Vademekum für die ganze Weltgeschichte sein soll, gibt es überhaupt nicht; Kant hat mit jenem viel berühmten Satze eben auch nur die Moral der kapitalistischen Produktionsweise verkündet. Ein entsprechendes Moralprinzip für den proletarischen Klassenkampf aufzustellen, wäre just keine Arbeit, für die ein Kant notwendig sein würde; man könnte dies Prinzip etwa so formulieren: Handle so, dass jede deiner Handlungen darauf abzielt oder doch dazu. beiträgt, die arbeitenden Klassen aus den Fesseln der Lohnsklaverei zu befreien. Wenn man einwenden würde, dass damit für den konkreten Fall wenig gesagt sei, so mag das richtig sein, aber es ist doch gerade so viel damit gesagt wie mit jedem Moralprinzip, das Kant je aufgestellt hat.

Was mit der Ethik Kants in der Politik auszurichten ist, das ist lehrreich zu studieren an der Biografie eines sehr bekannten und sehr ehrenwerten Politikers, der ein ebenso aufrichtiger Bewunderer und ein ebenso genauer Kenner Kants war wie die Neukritizisten, aber der im Unterschied von ihnen sich nicht in gelehrten Büchern über Kant verbreitete, sondern Kants kategorischen Imperativ in seinem mehr als dreißigjährigen Wirken zu verwirklichen bemüht war. Johann Jacoby ist damit mehr und mehr in die Brüche gekommen, bis er endlich völlig vereinsamte, im Gegensatz zu Marx, Eingels und Lassalle, mit denen er in jeder entscheidenden Frage in einen schroffen und ganz unüberbrückbaren Gegensatz geriet.1)

Jener Wiener Gründer, von dem das geflügelte Wort herrührt: Mit Moral baut man keine Eisenbahnen, kannte die bürgerliche Gesellschaft weit besser, als die Neukritizisten sie kennen. Diese Gesellschaft macht ihre Geschichte so wenig wie ihre Geschäfte mit Moral, und es ist eine eigentümliche Zumutung, dass die arbeitenden Klassen das regulative Prinzip der bürgerlichen Moral, wie immer es sonst damit bestellt sein mag, zum obersten Leitstern ihres Klassenkampfes wählen sollen. Nur im Kopfe eines weltfremden Stubengelehrten konnte die wunderliche Forderung entstehen, dass die Arbeiter vor einem Staate oder gar vor der „Idee“ eines Staates, die darin besteht, dass eine Minderzahl die große Mehrzahl durch Ausnahmegesetze, durch Klassenjustiz, durch Lebensmittelzölle, durch Reichsversicherungsordnungen usw., unterdrücken und ausbeuten darf, „Ehrfurcht“ empfinden sollte. Das fehlte wirklich gerade noch!

Doch um auf das Buch Vorländers zurückzukommen, so ist sein Kapitel über die Sozialphilosophie des Neukritizismus eben deshalb zu loben, weil es die Konfusion dieser Philosophie getreulich widerspiegelt. Inwieweit Vorländer selbst über diese Konfusion erhaben ist, lässt sich einstweilen noch nicht sagen, da er die Entwicklung seiner eigenen Ansichten auf einen zweiten Teil seiner Schrift verschiebt, Wir wollen hoffen, dass er darin mit konkreter Schärfe auszuführen weiß, was denn eigentlich die Neukritizisten an der Führung des proletarischen Klassenkampfes auszusetzen haben und wie sie den etwaigen Mängeln, die sie entdeckt zu haben glauben, abhelfen wollen. Mit Vorschlägen à la Cohen ist natürlich nicht einmal etwas gesagt, geschweige denn etwas getan.

Einstweilen darf der erste Teil von Vorländers Arbeit, soweit er als rein historische Darstellung vorliegt, durchaus empfohlen werden.

1) Es war meine Absicht, den Vergleich Johann Jacobys mit Marx, Engels und Lassalle näher auszuführen, doch hat mich ein Zufall veranlasst, diesen Teil meiner Kritik Vorländers im „Archiv für die Geschichte der Arbeiterbewegung und des Sozialismus" zu veröffentlichen. Ein Mitarbeiter des „Archivs" hatte nämlich einen Brief veröffentlicht, der von Engels an Jacoby gerichtet sein sollte und ein sehr irreführendes Licht auf die Beziehungen beider Männer warf. Da dieser Brief auch in die Parteipresse überging, hielt ich mich für verpflichtet, im „Vorwärts" auf seine augenscheinliche Unechtheit hinzuweisen, was dann Herrn Professor Grünberg in Wien, den Herausgeber des „Archivs", veranlasste, mich in loyaler Weise zu ersuchen, meine Zweifel in den Spalten seiner. Zeitschrift näher zu begründen. Ich konnte diesen Wunsch nicht wohl abschlagen, ohne in den Verdacht zu geraten, als ob ich dem jungen, meines Erachtens dankenswerten und von Herrn Professor Grünberg mit anerkennenswerter Objektivität geleiteten Unternehmen überflüssige Schwierigkeiten machen wolle… Deshalb habe ich dort gesagt, was über die Beziehungen des Kantianers Johann Jacoby zu den Hegelianern Marx, Engels und Lassalle zu sagen ist.

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