[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-1911, 2. Band, Nr. 39, S. 425-428]
f Berlin, 24. Juni 1911
Nach der Meldung bürgerlicher Zeitungen plant der Kaiser eine „Schulreform“, die dem humanistischen Gymnasium den Todesstoß versehen würde. Danach soll das Englische zum obligatorischen Lehrfach gemacht, das Griechische aber nur neben dem Hebräischen als fakultatives Lehrfach beibehalten werden. Nachdem die Monopolstellung des humanistischen Gymnasiums zugunsten der Gleichberechtigung aller höheren Schulen seit einem Jahrzehnt durchgeführt worden ist, droht ihm völliger Untergang.
Nun wird allerdings von anderer Seite diese Nachricht bestritten, aber in einer Form, die an der Sache selbst wenig ändert. Das humanistische Gymnasium soll nicht geköpft, sondern langsam aufs Rad geflochten werden. Der Kaiser nimmt nur eine Forderung wieder auf, die er schon an die Schulkonferenz von 1900 gestellt hat: die Forderung, es den Gymnasialschülern zu überlassen, ob sie Griechisch oder Englisch für sich wählen, ob sie jenes oder dieses Fach für sich obligatorisch machen wollen. Möglich, dass die Dinge so zusammenhängen; es entspricht ganz dem Charakter des Kaisers, einen Plan, den er einmal ins Auge gefasst hat, nicht leicht fallen zu lassen, selbst wenn er zunächst damit so gründlich abgeblitzt ist wie ein ganz gewöhnlicher Sterblicher.
Denn die Schulkonferenz von 1900 lehnte seine Anregung mit einer Entschiedenheit ab, die immerhin rühmliches Zeugnis dafür ablegte, dass wenigstens in den Kreisen humanistischer Bildung der Männerstolz vor Königsthronen noch keine so ganz verklungene Sage ist, wie unter den Commis yoyageurs der Fortschrittlichen Volkspartei, Sogar der Regierungskommissar, der über die Frage zu referieren hatte, meinte, das sogenannte „Englische Gymnasium“ sei weder Fisch noch Fleisch. Das Produkt, das dabei herauskäme, gleiche dem Lichtenbergschen Messer, dem die Klinge fehle wie der Stiel; eine solche Schule sei weder humanistisch genug, noch ausreichend realistisch. Die Entziehung des verbindlichen Charakters würde dem Griechischen seine Bedeutung nehmen und zur Sprengung des humanistischen Gymnasiums überhaupt führen. In ähnlicher Weise äußerten sich fast alle Mitglieder der Schulkonferenz. Der Hauptvertreter der griechischen Sprache an der Berliner Universität nannte den Plan eine Ungeheuerlichkeit; es wäre ihm, als er davon gehört habe, so gewesen, als käme jemand und wolle ihm ein paar Ohrfeigen geben. Er beantragte, dass der Vorschlag klipp und klar abgelehnt werden solle, da er das humanistische Gymnasium zerstören würde, und dieser Antrag wurde mit allen gegen eine Stimme angenommen. Unzweifelhaft ist seine Begründung auch vollkommen richtig, gleichviel, wie man sonst zu dem humanistischen Gymnasium stehen mag. Der Kaiser ist ja nicht der erste, der es beseitigen will; selbst ein pädagogischer Schriftsteller, der ohne der Partei anzugehören, doch in Parteikreisen ein gewisses Ansehen besaß, da er den Missbrauch der Schulen für despotische und reaktionäre Zwecke lebhaft bekämpfte, Eduard Sack, ein Redakteur der „Frankfurter Zeitung“, hat schon vor Jahrzehnten in dasselbe Horn geblasen. Er schrieb: „Täglich ist der Beweis mit Händen zu greifen, dass man ein ausgezeichneter Grieche und Lateiner sein könne und doch dumm bis zum Blödsinn, und doch urteilslos bis zum Wahnwitz, und doch ungeschickt in Wort und Schrift bis zur traurigsten Lächerlichkeit, und doch ungebildet bis zur Rohheit.“ Das war gut gebrüllt, aber schlecht gedacht; jeder ausgezeichnete oder auch nicht ausgezeichnete Grieche, mochte er sonst noch so ungebildet und ungeschickt und urteilslos sein, hätte diesem Ankläger des humanistischen Gymnasiums antworten können, dass mit solchen μεταβασις ες αδδο γενος, das heißt mit solchem logischen Kopfsprunge gar nichts bewiesen sei. Mit demselben Recht könnte man den Unterricht in der deutschen Sprache verdammen, indem man sagt: Man kann die deutsche Sprache meisterhaft beherrschen und doch ein charakterloser Schwächling sein, wie der König Friedrich Wilhelm IV., oder ein feiler Lump, wie Gentz, und so mit Grazie in infinitum.
Sicherlich hat das humanistische Gymnasium ein reichliches Pack Sünden auf dem Gewissen; auch der Kaiser, der erste Hohenzoller, der ein Gymnasium besucht hat, mag von manchen schulmeisterlichen Perücken über Gebühr gequält worden sein, so dass man es verstehen kann, wenn er das Kind mit dem Bade ausschüttet. Aber die ganze Frage ist natürlich nicht nach irgendwelchen persönlichen Erfahrungen zu beurteilen, sondern nach ihren historischen Bedingungen, und die gänzliche Zerstörung des humanistischen Gymnasiums, dessen vor zehn Jahren beseitigte Monopolstellung schon seit fünfzig Jahren überlebt war, wäre der endgültige Bruch des kapitalistischen Zeitalters mit der bürgerlichen Kultur, die ehedem den Ruhm des deutschen Namens ausmachte.
Vom banausischen Nützlichkeitsstandpunkt bedarf es keines Beweises, dass die Kenntnis der englischen Sprache fürs Geschäftemachen ungleich nützlicher Ast als die Kenntnis der griechischen Sprache. Vom Standpunkt der bürgerlichen Kultur aus aber wünschte Goethe, dass die Kenntnis der griechischen und römischen Sprache die Grundlage aller höheren Bildung bleiben möge. Dieser größte Sprachmeister deutscher Zunge wusste sehr gut: wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von der eigenen. Aber er wusste auch sehr gut, dass die modernen Sprachen als Mittel der Erziehung zu klarem und scharfem Denken die antiken Sprachen nicht ersetzen können. Zu seiner Zeit und namentlich in seinen jüngeren Jahren war das Französische die Sprache der „höheren Kreise“ auch in Deutschland, aber was dabei herauskam, war jenes alamodische Kauderwelsch, dessen grässliche Verwüstungen wir heute noch nicht völlig überwunden haben. Die Männer, die das moderne Deutsch geschaffen haben, die Lessing, Winkelmann, Herder, Goethe selbst, kamen aus der humanistischen Schule. Auf ihr beruhte unsere klassische Literatur und unsere klassische Philosophie, auf ihr – trotz aller Liebäugeleien mit dem germanischen Mittelalter – die romantische, ja auch die moderne Dichtung. Wie wäre Heine denkbar, trotz aller seiner Scherze über die verba irregularia, ohne die antike Bildung?
Man mag es noch so sehr beklagen, wenn man sonst dazu Lust und Zeit hat, aber die historische Tatsache, dass die bürgerliche Kultur namentlich in Deutschland sich ohne das humanistische Gymnasium niemals entwickelt haben würde, dass diese Kultur kein wirksameres Mittel zu entdecken vermocht hat; um zur Denkfähigkeit zu erziehen, bleibt deshalb doch bestehen. Möglich, dass einmal ein bequemeres Mittel für diesen Zweck entdeckt werden wird und die griechische Grammatik zum alten Eisen wandern kann, aber bisher ist es noch nicht gelungen. Das humanistische Gymnasium ist der Vorhof nicht nur der Geistes-, sondern auch der Naturwissenschaften gewesen, deren bahnbrechende Vertreter, wenn nicht alle, was wir im Augenblick nicht feststellen können, so doch zum weitaus größten Teile aus ihm hervorgegangen sind. Von den großen Vertretern der allermoderrnsten Wissenschaft, nämlich des Sozialismus, sind weder Marx noch Lassalle ohne das humanistische Gymnasium denkbar, wie denn beide auch mit Arbeiten über griechische Philosophie begonnen haben. Engels allerdings hat nur die Realschule durchlaufen, aber er ist es gerade gewesen, der eine Lanze für das humanistische Gymnasium brach, als Dühring das Studium der alten Sprachen aus dem Erziehungsplane der Jugend verbannen wollte.
Um es noch einmal zu wiederholen, so ist das humanistische Gymnasium nicht ohne eigene schwere Schuld an der Missachtung, deren Opfer es zu werden droht. Statt rechtzeitig zu erkennen, dass gegenüber der Entwicklung der modernen Produktions- und Verkehrsverhältnisse seine Monopolstellung nicht mehr haltbar war, hat es sich oft genug in einen lächerlichen Kastenhochmut versteift und tut es noch heute: die „akademische Bildung“ wird zu einer Art höheren Menschentums geweiht, und da kommen dann wohl solche Karikaturen heraus, wie sie der selige Sack schon vor Jahrzehnten herumwimmeln sah. Der Anspruch, dass die „akademische Bildung“ die Voraussetzung jedes denkenden und sozusagen selbst jedes anständigen Menschen sei, ist so unglaublich abgeschmackt, dass man darüber allerdings beinahe vergessen könnte, in wie ganz unbestreitbarer Weise sich das Studium der alten Sprachen in dem bürgerlichen Zeitalter als das wirksamste Mittel bewiesen hat, die Denkfähigkeit zu erwecken und zu steigern.
Eine andere Frage ist freilich, ob bei dem gegenwärtigen Vorstoß gegen das humanistische Gymnasium die Bekämpfung der akademischen Überhebung der eigentliche Antrieb ist, oder ob dies Unkraut im „englischen Gymnasium“ nicht ebenso munter fort wuchern wird, wie jetzt im griechischen. Herr Adolf Matthias, ein ehemaliger höherer Beamter der preußischen Unterrichtsverwaltung, erzählt im „Berliner Tageblatt“, ein Vater habe ihm gesagt, das Gymnasium sei doch unzweifelhaft die bessere Schule, da auf ihr die Söhne besserer Gesellschaftsklassen sich befänden. Und als dann Herr Matthias zu ergründen suchte, was unter besseren Gesellschaftskreisen zu verstehen sei, erhielt er eine ganz unbestimmte Antwort, die schließlich etwa darauf hinauslief, dass die Kreise vom Assessor und Kommerzienrat aufwärts gemeint seien.
Diese feine Gesinnung ist viel zu weit verbreitet und viel zu wohl gelitten, als dass sie mit dem humanistischen Gymnasium ausgerottet werden könnte oder auch nur ausgerottet werden soll. Sonst müssten in allererster Reihe die Kadettenhäuser ans Messer, und daran zu denken, würde ja schon an Hochverrat und Majestätsverbrechen streifen. Nein, was dem humanistischen Gymnasium viel gefährlicher wird, ist seine Eigenschaft als letztes Überbleibsel einer bürgerlichen Kultur, die mit allen Idealen neureichsdeutscher Herrlichkeit verteufelt wenig zu schaffen hat, und trotz alledem die vorsintflutliche Anschauung zu nähren geeignet ist, dass menschliches Dasein noch andere Zwecke hat, als Geschäftemachen und Karriereschnaufen.
Inzwischen, wenn das Deutschland Wilhelms II. die letzten Bande zerschneiden will, die es noch mit dem klassischen Deutschland verknüpfen, so brauchen wir darüber nicht zu trauern.
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