Franz Mehring: Der Fall Jatho

[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1910-1911, 2. Band, Nr. 40, S. 457-460]

f Berlin, 2. Juli 1911

Mit der Orthodoxie war man, Gott sei Dank, ziemlich zu Rande; man hatte zwischen ihr und der Philosophie eine Scheidewand gezogen, hinter welcher eine jede ihren Weg fortgehen konnte, ohne die andere zu hindern. Aber was tut man nun? Man reißt diese Scheidewand nieder und macht uns unter dem Vorwand, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philosophen.

Lessing.

Die rohen Kraftbrühen der Religion sind Ihro Gnaden zartem Makronenmagen noch zu hart.

Schiller.

Nachdem man den Kirchenbau abgetragen, nun auf der kahlen Stelle eine Erbauungsstunde abzuhalten, ist trübselig bis zum Schauerlichen.

David Strauß.

Wie man ohne Kirche leben kann, das sehe ich ein; ich lebe selbst so. Allein wie man eine Kirche auf bloß christlicher Moral bauen könne, das sehe ich vorderhand nicht ein. Mir kommt es vor, dass diejenigen Geistlichen, die sich an Christus selbst halten, von dem Geheimnis seiner Geburt, seiner Auferstehung und von seinen Verheißungen lehren, und die gläubige Menge, welche zuhört, die Kirche ausmachen; wenn wir anderen aus und ein gehen, wir bringen Zug, aber keine Wärme hinein .

Dahlmann.

Mit diesen Motti aus bürgerlichen Denkern und Dichtern ist der Fall Jatho eigentlich erledigt. Aber da der berühmte „Sturm der Entrüstung“, der augenblicklich wieder einmal durch den liberalen Blätterwald fegt, auch in einem Teile der Parteipresse ein Echo gefunden hat, so seien noch ein paar Worte darüber gestattet.

Herr Jatho ist der Geistliche einer evangelischen Gemeinde in Köln, die er in zwanzigjähriger Tätigkeit zu kräftigem Leben erweckt haben soll, wenn auch nicht an der Hand der kirchlichen Bekenntnisschriften. Mit diesen liegt Herr Jatho vielmehr in hellem Hader, wie er selbst und seine Freunde Unumwunden anerkennen. Deshalb ist er vor das Spruchkollegium des Oberkirchenrats geladen und nach zweitägiger Verhandlung seines Amtes entsetzt worden, wofür er von der liberalen Presse als „Märtyrer“ gefeiert wird, während seine Richter als „moderne Inquisitoren“ den Flüchen der Mit- und Nachwelt anheimfallen.

Dies nimmt sich nun etwas wunderlich aus im Munde des Liberalismus. Er hat bisher noch alle diejenigen seiner Angehörigen, die je, wir sagen nicht einmal ein freundliches, sondern nur ein objektives Verhältnis zur Arbeiterbewegung einzunehmen versuchten, mit untadelhaftester Pünktlichkeit an die freie Luft befördert, ohne ihnen selbst nur ein geregeltes Untersuchungsverfahren zu gönnen, und er ist weniger als irgendwer berufen, „moderne Inquisitoren“ zu inquirieren. Man sage nicht etwa, Kirche und Partei sei zweierlei. Unter dem Gesichtspunkt, auf den es hier ankommt, sind sie es nicht. Die Kirche ist so wenig eine Zwangsanstalt wie die Partei; sie kann niemand zum Eintritt zwingen und niemand am Austritt hindern. Sie verlangt nur von allen, die ihr angehören, die Verpflichtung auf ihre Bekenntnisschriften, wie die Partei von jedem, der ihr angehört, die Verpflichtung auf ihr Programm verlangt.

Hat sich also Herr Jatho in seiner amtlichen Tätigkeit nicht an die Bekenntnisschriften der evangelischen Kirche gebunden, so muss er sich gefallen lassen, dass ihn das Spruchkollegium des Oberkirchenrats absetzt. Vom Standpunkt des formalen Rechtes ist dagegen nicht das Geringste einzuwenden. Nun. kann freilich summum jus zur summa injuria werden; die wenn auch an sich korrekte Abstrafung eines Menschen um seiner ehrlichen Überzeugung willen hat immer etwas so Peinliches, dass jeder ehrliche Kerl ihm gern die Hand drückt; als Eugen Richter im November 1870 den armen Johann Jacoby, aus der Fortschrittspartei hinaus graulte, konnte er sich gewiss darauf berufen, dass Jacoby todeswürdige Zweifel an der alleinseligmachenden Kirche des ausbeuterischen Kapitalismus geäußert habe, aber die allgemeine Sympathie war doch bei dem Opfer und nicht bei dem Henker. Und insofern erklären sich auch die Sympathien, die sich in einem Teil der Parteipresse für Herrn Jatho kundgeben.

Aber diese Sympathie verliert jede Berechtigung, wenn Herr Jatho in der Positur weder des Helden noch des Märtyrers, sondern des Hausierers erklärt: Werde ich zur Vordertür der Kirche hinausgeworfen, so kehre ich durch. die Hintertür zurück. Das ist gerade keine gefährliche, aber es ist eine pfiffige Politik, die wohl die Bourgeoisie unterstützen mag, indem sie binnen weniger Tage eine Jatho-Spende von 70000 Mark aufgebracht hat, aber die das Proletariat allen Anlass hat, weit von sich zu weisen. Es ist ein Versuch der Bourgeoisie, sich der Kirche zu bemächtigen, um ihre Herrschaft zu stützen, wobei es ganz dahingestellt bleiben kann, ob Herr Jatho bewusst oder unbewusst der Bourgeoisie als Werkzeug dient.

Der Krieg des Vatikans gegen den Modernismus und der Krieg des Oberkirchenrats gegen Herrn Jatho hat am letzten Ende einen sozialen Ursprung. Soweit die Macht der Kirchen über die Massen noch reicht, fließt sie aus jenen „rohen Kraftbrühen“ der Religion, die dem „zarten Makronenmagen“ der Bourgeoisie unverdaulich sind, aus den „Heilstatsachen“ und „Heilswahrheiten“, die die Massen in jahrtausendelanger Überlieferung aus Bibel und Katechismus heraus- oder in Bibel und Katechismus hineinlesen, aus jenen traditionellen Ideen, die das trostbedürftige Herz der Armen und Elenden wirklich zu trösten vermögen. Der naive Urväterglaube an ein zukünftiges Dasein voll Freude und Herrlichkeit hilft über alle Leiden des Diesseits fort, und diesen Glauben zu erhalten haben die Kirchen das lebhafteste Interesse. Es ist nicht mittelalterlicher Aberglaube, sondern höchst moderne Interessenpolitik, wenn sie sich gegen alle Spielarten des Modernismus sträuben.

In ihren revolutionären Anfängen macht die Bourgeoisie dem kirchlichen Glauben einen mehr oder minder gründlichen Prozess, aber sie kommt sehr bald dahinter, dass dem Volke die Religion erhalten werden müsse. Allein wie soll sie eine neue Kirche schaffen, die in ihrem Interesse die Geister beherrscht? Gewiss kann sie dem alten Kirchenglauben schwere Wunden schlagen; sie kann. nachweisen, dass dreimal eins gleich drei und nicht gleich eins ist, dass eine Jungfrau kein Kind gebären und kein Mensch bei lebendigem Leibe in den Himmel fahren kann. Aber das sind keine „Heilstatsachen“ und „Heilswahrheiten“, aus denen die Massen irgendwelchen Trost schöpfen können, durch die ihnen die Tatsache verschleiert werden kann, dass sie im Joche des Kapitalismus ebenso arg oder noch ärger scharwerken müssen als im Joche des Feudalismus. Lüstern nach einer Macht über die Massen, wie sie die alten Kirchen immer noch besitzen, ist die Bourgeoisie doch völlig unfähig, eine neue Kirche zu schaffen.

Was sich aus der einfachsten Logik ergibt, ist durch die Tatsachen längst bestätigt worden. Alle Versuche, liberale Kirchen zu gründen, wie sie im neunzehnten Jahrhundert oft genug gemacht worden sind, haben mehr oder minder kläglichen Schiffbruch gelitten. Aber deshalb hören diese Versuche nicht auf; je bänger der Bourgeoisie um ihre eigene Gottähnlichkeit wird, um so ängstlicher sucht sie nach einer religiösen Organisation, die die Massen unterwürfig halten kann. Und sie erhebt ein wahres Wutgeheul, wenn einmal ein weißer Rabe aus ihrer eigenen Mitte ihr sagt, wie David Strauß vor vierzig Jahren: Lassen wir doch das grausame Spiel; wir kriegen im Leben keine neue Kirche fertig; trösten wir Besitzenden und Gebildeten uns mit unseren großen Denkern und Dichtern, und lassen wir die Massen bleiben wo sie wollen!

Seitdem hat die Bourgeoisie aber doch so viel eingesehen, dass es mit der Gründung neuer Kirchen nicht vorwärts geht, und. so ist sie auf den sublimen Einfall geraten, sich der alten Kirche zu bemächtigen, um sie zu einem Werkzeug ihrer Herrschaft umzugestalten. Dies ist der eigentliche Sinn des Falles Jatho. Herr Jatho hat sich zum Lieblingsprediger der Kölner Bourgeoisie zu machen gewusst, und soweit man aus seinem öffentlichen Auftreten schließen kann, scheint er durch unklares Schwärmen ins Blaue hinein auch ihr Vertrauen zu verdienen. Von einer Apostelnatur hat er freilich noch nichts verraten; auch wäre ein Apostel, dem die Wechsler, die Jesus aus dem Tempel jagte, gleich 70.000 Mark in die Tasche stecken, eine etwas komische Figur.

Nun ist allerdings dies ganze Abenteuer nichts weniger als tragisch; und es wird nicht mehr dabei herauskommen als etwas Pfaffengezänk, von dem wir gerade schon genug haben. Wenn die Bourgeoisie sich die Macht der Kirche aneignen will, so muss sie zunächst die Wurzeln dieser Macht zerstören, jenen bekenntnisfrohen Urväterglauben, den überwunden zu haben ja der viel besungene Ruhm des Herrn Jatho ist, und damit würde ihr der Siegespreis in der Siegerfaust zerrinnen. Allein daran ist nicht zu denken, da die Halben doch nie gegen die Ganzen aufkommen. Wir sagen das ohne jede Schadenfreude, ja eher mit einem gewissen Bedauern. An sich wäre es sehr schön und würde uns eine schwere Arbeit abnehmen, wenn die Bourgeoisie die alte Kirche zerstören könnte; mit der neuen Kirche, die sie auf deren Trümmern errichtete, würden wir im Zeitraum einer Nachmittagspredigt fertig werden. Jedoch so gut wird es uns nicht werden. Nur der Sozialismus kann die Macht der Kirchen über die Massen vernichten, weil nur er den Glauben an ein besseres Jenseits, womit sich das Elend von Geschlecht zu Geschlecht getröstet hat, durch die Gewissheit eines glücklichen Diesseits zerstören kann.


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