[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1900-1901, 2. Band, Nr. 34, S. 249-252]
f Berlin, 20. Mai 1911
Es war in den Tagen des Sozialistengesetzes, als Ludwig Bamberger, der zu den gescheitesten Liberalen gehörte, nach einer sozialdemokratischen Reichstagsrede in den neidischen Stoßseufzer ausbrach: Die haben noch den Glauben! Bamberger war kein ideologischer Wolkenwandler und wusste recht gut, dass der Glaube allein nicht die Schlachten entscheidet, aber er wusste auch, dass es keinen sichereren Vorboten der Niederlage gibt, als wenn der Glaube an den Sieg dahinschwindet, dass eine Sache, die sich selbst verloren gibt, eben dadurch bekundet, dass sie tatsächlich verloren ist.
Deshalb darf man es mit einiger Genugtuung begrüßen, dass im bürgerlichen Lager die Stimmen sich mehren, die offen bekennen, dass sie den Glauben nicht mehr haben, die jeden ernsthaften Versuch, gegen die heran wogende rote Flut noch einen Damm aufzuwerfen, nur mit Hohn und Spott begrüßen, die ehrlich ihren intellektuellen und moralischen Bankrott bekunden, indem sie einen letzten Weg der Rettung suchen, unter der Parole jenes französischen Königs in der Bartholomäusnacht: Töte, töte! Das Gekrächz solcher Unglücksraben illustriert aufs Trefflichste das heuchlerische Getue, womit sich die Regierung und die bürgerlichen Parteien in ihrer Masse noch zu drapieren suchen, als seien sie im Bewusstsein einer gerechten Sache ihres Sieges sicher.
Als ein solcher Unglücksrabe produziert sich der alte Scharfmacher Bueck im „Tag“ des Herrn Scherl, indem er alle noch so schwachmütigen Versuche der Regierung, mildernd und vermittelnd in den Kampf zwischen Kapital und Arbeit einzugreifen, als gemeingefährlichen Verrat denunziert und an seinem Teile verlangt, dass die Organisationen der Unternehmer ihre ganze Kraft zusammenraffen und erbarmungslos die proletarischen Gewerkschaften niederkämpfen sollen bis zur gänzlichen Vernichtung. Was danach kommen würde, kümmert den biederen Gesellschaftsretter nicht, ebenso wenig wie ihn die Frage kümmert, weshalb sein Rezept, wenn es überhaupt ausführbar wäre, denn nicht längst ausgeführt worden ist. Er hat eben den Glauben verloren an die Existenzfähigkeit der kapitalistischen Gesellschaft, und er weiß kein Mittel mehr, sie aufrechtzuerhalten, als groteske Verzweiflungsstreiche, an deren Gelingen kein Mensch glaubt, der noch im Besitz seiner fünf Sinne ist.
Krächzt Herr Bueck im „Tag“ über die dürftigen Anläufe zur Sozialreform, mit denen in seinen Augen die Ära Bethmann frevelt, so krächzt ein anderer Unglücksrabe, ein sicherer Gymnasialdirektor Prahl, in den „Preußischen Jahrbüchern“ über die famose „Jugendpflege“, durch die das Vaterland gerettet werden soll. Herr Prahl hasst die Sozialdemokratie nicht minder als Herr Bueck sie hasst; feierlich erklärt er, dass wer der Sozialdemokratie unmittelbar oder mittelbar, sei es auch nur durch Lässigkeit, Vorschub leiste, ein Verbrechen an seinem Vaterland und an seinem Volke begehe. Aber er hat den Glauben nicht mehr, dass die Errungenschaften der Kultur vor einer gräuelvollen Verwüstung gerettet werden können, und er gesteht wehmütig: „Das sozialdemokratische Unkraut wuchert kräftiger, als der staatserhaltende Weizen wachsen kann.“
Es ist nicht ohne Interesse, zu sehen, wie Herr Prahl diese melancholische Auffassung begründet. An der Binsenwahrheit, dass die Zukunft habe, wer die Schule habe, findet er einen besonderen Haken. Er meint, das bloße Wissen verbürgt noch keineswegs die Gesinnung, oder wie er sich in seiner drastischen Weise ausdrückt: „Die größten Gauner und Spitzbuben sind im Strafgesetzbuch am besten zu Hause, und die jedem Richter bekannten Kriminalstudenten besuchen die Gerichtsverhandlungen wahrscheinlich nur, um sich zu veredeln. Wenn Wissen des Guten auch zugleich Wollen des Rechten wäre, so brauchten wir ja keine Gefängnisse und Zuchthäuser, denn bekanntlich lernen alle Menschen bei allen Religionsgemeinschaften im Religionsunterricht, was gut und was recht ist,“ Herr Prahl findet, dass der Schrei nach „Jugendpflege“, nach „staatsbürgerlicher Erziehung“ nur der „Angst vor der Sozialdemokratie“ entstamme, aber deshalb noch lange kein Heilmittel gegen die Sozialdemokratie sei. Ein Beibringen von Kenntnissen sei niemals Erziehung, und ein Unterricht in der Bürgerkunde sei noch keine Erziehung zum Staatsbürger. Wer die Rechte und Pflichten eines Staatsbürgers kenne, brauche an sich deshalb noch lange nicht die Absicht zu haben, auch die Pflichten eines solchen auf sich zu nehmen; Erziehung zum Staatsbürger könne aber doch nur bedeuten, in den jungen Seelen die Gesinnung heranzubilden, dass sie in der bestehenden Staatsordnung ihre Rechte als Bürger ebenso wahrnehmen, wie ihre Pflichten gern und eifrig erfüllen, weil sie überzeugt davon sind: So ist es recht und richtig und notwendig.
Damit sind die Schmerzen des Herrn Prahl aber noch nicht erschöpft. Er fragt mit einer gewissen sittlichen Empörung, die jeder billig Denkende teilen wird: Tut die Schule etwa nicht jetzt schon genug in der patriotischen Verblödung der Jugend: Und er antwortet: „Das hohe Lied vom Vaterland, seiner Größe und. Schönheit, die Treue gegen den Herrscher und sein Haus, das Lob der Helden des Geistes und der Tat, sie klingen wieder und wieder – in allen Stunden vornehmlich des deutschen, des geschichtlichen und erdkundlichen Unterrichtes. Und man sehe doch die Lesebücher der Schulen an, ihre Lieder und Geschichtsbücher, und man wird erkennen, wie stark neben anderen Gesichtspunkten bei ihrer Entstehung gerade der patriotische mitgewirkt hat. Derselbe Grundsatz wird durchgeführt bei Anlage von Schülerbibliotheken. Und bei der Auswahl des freien Lesestoffs werden solche Werke in erster Linie herangezogen und bevorzugt, durch die in den bildsamen Seelen das patriotische Gefühl an Ausdehnung und Tiefe gewinnt. … Die deutsche und für uns Preußen die preußische Geschichte stehen heute wirklich im Vordergrund und Mittelpunkt des ganzen Unterrichtes. … Und wo das Wort versagt, da reden Büsten und Bilder ihre eindringliche, unvergessliche Sprache.“ Herr Prahl meint nun, wenn diese gründliche Einseifung mit Patriotismus die Schüler doch nicht gegen die dreimal vermaledeite Sozialdemokratie immun mache, so würden ein paar Stunden, die noch an die „staatsbürgerliche Erziehung“ verwandt würden, den Kohl auch nicht fett machen. „Ein einziges Steuergesetz, das als Unrecht empfunden wird, und staatsbürgerliche Arbeit von Jahren ist mit einem Schlage vernichtet, und Tausende von Verbitterten gehen mit fliegender Fahne zur Sozialdemokratie über.“
Und noch ein dritter Kummer nagt am Herzen dieses patriotischen Schulmanns. Ist an den Schülern schon Hopfen und Malz verloren, so trau der Teufel den Lehrern! „Tatsache ist ja, dass besonders unter den Volksschullehrern des Westens die jungen Elemente recht stark radikal und, wie die Bremer, zum Teil offen ins Lager der Sozialdemokratie übergegangen sind oder in Sachsen stark mit ihr liebäugeln. … Fast in dieselbe Kerbe schlägt es, wenn in einer kleinen Stadt die gesamten Volksschullehrer für den Wahlfonds einer sehr linksstehenden Partei unter sich eine Sammlung veranstalten und ostentativ das Ergebnis veröffentlichen.“ Solchen Elementen die „staatsbürgerliche Erziehung“ der Jugend anzuvertrauen, streift nach Herrn Prahl offenbar schon an Hochverrat.
Und selbst unter den preußischen Oberlehrern gärt es. Sie wollen in ihrem Direktor nicht mehr ihren Vorgesetzten anerkennen, sondern so eine Art Primus inter pares. Vor diesem „schönen Tohuwabohu“ graut Herrn Prahl. Woher kommt es, dass zahlreiche Oberlehrer „des zersetzenden demokratischen Geistes voll“ sind, der keine Unterordnung ertragen kann? „Die meisten stammen aus Familien ohne Tradition, Aus kleinen Verhältnissen sind sie in die Höhe gekommen und haben sich selbst durch eigene Tüchtigkeit hineingearbeitet in eine ganz neue Sphäre.“ Und deshalb sind sie zum großen Teil vom demokratischen Geiste infiziert.
So hat Herr Prahl den Glauben verloren, ebenso wie Herr Bueck. Freilich hat er auch, wie dieser, noch ein allerletztes Rettungsmittel in der Tasche, ein ungleich harmloseres, aber deshalb nicht wirksameres. Er will von der „Drillanstalt“ und „banausischen Presse“, zu der die Angst vor der Sozialdemokratie die Schulen gemacht hat, „mit ihrem Naschen und Nippen an gerade mundgerechten Dingen“ wieder zur „alten Gelehrtenschule“ zurück, die ehedem die Marx und Lassalle erzogen hat. Vielleicht hat Herr Prahl an diese beiden Früchtlein des humanistischen Gymnasiums gedacht, als er sich zu der „schmerzlichen Operation“ bereit erklärte, „das Griechische zu opfern“, denn die Erstlingsarbeiten der gefährlichen Umstürzler handelten bekanntlich über griechische Philosophie. Aber gleichwohl zeigt ihr Beispiel, dass die „alte Gelehrtenschule“ der bürgerlichen Gesellschaft noch ganz anders aufzuspielen vermag als die banausische Presse und die patriotische Drillanstalt. Im Allgemeinen jedoch können wir Herrn Prahl nur zustimmen, wenn er seine rhetorische Schlussfrage, ob er zu schwarz sehe, selbst mit einem entschiedenen Nein beantwortet. Die Unglücksraben der bürgerlichen Gesellschaft sehen nur trostlose Wirklichkeit.
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