[Die Neue Zeit, XIV. Jahrgang 1895-96, II. Band, Nr. 42, S. 481-484]
f Berlin, 8. Juli 1896
Kaum hatten sich die Pforten des Reichstags geschlossen, als die politische Hochsommerzeit mit voller Wucht hereinbrach. Mehr der Not gehorchend als dem eigenen Triebe, haspelten die Zeitungen ihr Sprüchlein über die Reichstagssession ab, und selbst die üblichen Kläffereien der staatserhaltenden Parteien über das Maß ihrer Verdienste an dem angeblich Gelungenen und dem Maße ihrer Verschuldung an dem tatsächlich Misslungenen vollzogen sich mit unverkennbarer Müdigkeit. Sie alle sind froh, dass die Bude für einige Monate geschlossen ist und das Knarren und Krachen im Gebälk der bürgerlichen Gesellschaft etwas weniger vernehmlich tönt.
Etwas weniger vernehmlich und doch, wenn man genauer hinhört, noch viel vernehmlicher. Die parlamentarischen Debatten ziehen den Schleier von der Hilf- und Ratlosigkeit der bürgerlichen Parteien, von der wilden Selbstsucht und vom verzweifelten Rette-sich-wer-kann der besitzenden Klassen, aber mit ihren tönenden Worten übertäuben sie doch wieder bis zu einem gewissen Grade das katzenjämmerliche Gefühl, das allen treuen Patrioten in den Gliedern liegt. Indem sie die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenken, lenken sie diese Aufmerksamkeit ab von den Skandalen, die nun schon seit manchem Jahre auf der Tagesordnung der kapitalistischen Gesellschaft stehen und in ihrem fruchtbaren Schoße sich nimmer erschöpfen und leeren.
Solch ein Skandal war die ekelhafte Bauchrutscherei der deutschen Großindustrie vor dem Chinesen Li-Hung-Tschang [Li Hongzhang]. Dieselben Kerle, die sich deutschen Arbeitern gegenüber als die unnahbaren Heroen aufspielen möchten, krümmten und wanden sich mit profitlüsternen Eingeweiden vor dem grinsenden Mongolen, der, ehe er den deutschen Boden verließ, ihnen den verdienten Fußtritt gab mit der summarischen Erklärung, sie hätten gar keine Bestellungen von der chinesischen Regierung zu erwartet. Das würdelose Schauspiel empört die naiven Generalpächter des teutschen Patriotismus einigermaßen, wenigstens jetzt, wo unzweifelhaft feststeht, dass dieser Liebe Müh‘ umsonst gewesen ist. Kenner des kapitalistischen Zeitalters hat es natürlich keinen Augenblick überrascht. Sein Gott ist das Geld, und diesen Gott würde es anbeten, selbst wenn er in einer noch viel abstoßenderen Gestalt erschiene, als in der gelben Reitjacke des chinesischen Vizekönigs. Der Besuch, den dieser Biedermann in Friedrichsruh abstattete, war übrigens eine besonders heitere Szene der heiteren Komödie. Die beiden Ehrengreise schwatzten ein Blech zusammen, dessengleichen noch an keinem Berliner Weißbiertisch erhört worden ist. Obendrein hatte jeder von Beiden seinen eigenen Offiziösen bei sich, und das wissbegierige Publikum bekam das geschwatzte Blech in zwei sehr verschiedenen Saucen serviert. Aber es blieb immer dasselbe Blech, und die Chinesen können dem lieben Gott für ihren Bismarck ebenso dankbar sein, wie die Deutschen für ihren Li-Hung-Tschang.
Ein anderer Skandal der letzten Zeit war der Prozess Fritz Friedmann. Den ganzen Winter hatten die liberalen Blätter auf ihren Hammerstein los gehauen, und die konservativen auf ihren Friedmann. Nichts begreiflicher daher, als dass die liberalen Unschuldsengel nach der Freisprechung Friedmanns einmal wieder in ihre geliebten Stoßseufzer ausbrechen: Es gibt noch Richter in Berlin und Recht muss doch Recht bleiben. Wäre es nach dem Willen gewisser Bourgeoisblätter gegangen, so wäre Fritz Friedmann nach seiner Freisprechung im Triumphe aus dem Gerichtsgebäude geleitet worden, wie einst Waldeck nach seiner Freisprechung durch die Geschworenen, Friedmann. selbst allerdings betrachtete als geriebener Gauner die Sachlage viel kaltblütiger und wandte schleunigst dem undankbaren Vaterland den Rücken, Einen wie feinen Riecher er hatte, zeigte sich gleich darauf, als sein Analphabet von Vetter, den er zum Bankdirektor zu poussieren gewusst hatte, wegen der scheußlichsten Schwindeleien mit sechs Jahren Zuchthaus hängen blieb.
Jedenfalls aber beharren die liberalen Blätter mit wenigen Ausnahmen dabei, dass Friedmann im schlimmsten Falle ein ungleich geringerer Gauner sei, als Hammerstein, und auch keineswegs ein kapitalistischer Typus, wie dieser ein feudaler Typus. Nichts liegt uns ferner, als in diesem Streite den Schiedsrichter zu spielen, und auch der Gesichtspunkt, dass Hammerstein den frommen Mann gespielt, Friedmann aber sich stets als frivoler Liederjahn gegeben habe, hat kein sozialpsychologisches Interesse. Jeder sündigt eben nach den Lebensbedingungen seiner Klasse. Nicht in der individuellen Seite dieser Skandale liegt das, was man ihre soziale Bedeutung nennen mag, sondern darin, dass sie den Unterschied zwischen feudaler und kapitalistischer Korruption scharf markieren. Sie sind eine Wiederholung des Schauspiels, das wir vor zwanzig Jahren schon einmal erlebt haben, als Wagener in den Fallstrichen einer ziemlich ungefährlichen und ungeschätzten Gründung hängen blieb und lange Jahre als Typus der feudalen Korruption ausgeschrien wurde, während die Träger der kapitalistischen Korruption, die zehnmal ärgere Dinge auf ihrem Konto hatten, die entrüsteten Tugendhelden spielten und dann entweder mit allen Ehren in die Grube fuhren oder heute noch als berühmte Staatsmänner für Gerechtigkeit und Sittlichkeit kämpfen.
Hammerstein sagte in seiner Verteidigungsrede, er hätte sich leicht aus seiner Schuldennot retten und zum reichen Mann werden können, wenn er den Börsen- und Handelsteil der „Kreuz-Zeitung“ in derjenigen Weise ausgebeutet hätte, die in dem größten Teile der kapitalistischen Presse eine althergebrachte Sitte ist. Und das war unzweifelhaft richtig. Er hätte auf diese Weise fabelhafte Reichtümer zusammenscheffeln können, wie Dutzende von Beispielen beweisen. Diese Methode der Gaunerei ging ihm aber gegen seine feudale Kavaliersehre und er ließ es bei einer anderen höchst altväterischen Methode bewenden, wie sie in grauer feudal-zünftiger Vorzeit gebräuchlich sein mochte. Er spiegelte dem Papierlieferanten der notorisch reichen „Kreuz-Zeitung“ vor, das Kuratorium dieses Blattes müsse einen Pump von ein paarmal hunderttausend Mark aufnehmen, von dem Niemand nichts wissen dürfe, und machte ihm den Vorschlag, diese Summe vorzuschießen und dann durch entsprechende Aufschläge auf das der Zeitung gelieferte Papier das Darlehen, die Zinsen und noch ein beträchtliches Draufgeld von fünfzigtausend Mark einzukassieren. Plump wie das Manöver selbst waren die urkundlichen Fälschungen, durch die Hammerstein es beglaubigte. Man kann nur staunen, dass ein so gewiegter Großkapitalist, wie der Papierlieferant der „Kreuz-Zeitung“, es nicht von Anfang an durchschaute, und es ist nicht ohne Interesse, dass von all den liberalen Blättern, welche die Sturzbäche ihrer sittlichen Entrüstung über Hammerstein entluden, auch nicht ein einziges ein Wort der Kritik übrig hatte für die eigentümliche Blindheit, in der sich ein so erfahrener Geschäftsmann, wie einer der größten hiesigen Papierlieferanten unzweifelhaft ist, bei dem Abschlusse seines Vertrages mit Hammerstein befunden haben muss. Es ist schon deshalb nicht ohne Interesse, weil dieselben liberalen Blätter die ja auch bedenklich große, wenn auch nicht ganz so eigentümliche Blindheit, welche das feudale Kuratorium der „Kreuz-Zeitung“ lange für das Treiben Hammersteins gezeigt hat, in erschöpfend und manchmal selbst ermüdend gründlicher Weise zu analysieren wussten, Abgesehen davon, so mussten die plumpen Betrügereien und Unterschlagungen Hammersteins über kurz oder lang ans Tageslicht kommen, und nachdem sie ans Tageslicht gekommen sind, büßt er seine Sünden von Rechtswegen im Zuchthause.
Friedmann dagegen hatte Mündelgelder unterschlagen, die ihm in seiner amtlichen Eigenschaft als Rechtsanwalt anvertraut worden waren. Es handelte sich nur um sechstausend Mark, aber es war das Vermögen unmündiger Kinder, für welche diese kleine Summe vermutlich mehr bedeutete, als jene große für die reiche „Kreuz-Zeitung“, und es war ein Depot. Moralisch wird also die Sache bei beiden Sündern so ziemlich auf dasselbe hinauslaufen, wenn man nicht noch einen Überschuss zu Ungunsten Friedmanns herausrechnen will. Dieser kapitalistische Schwerenöter wusste aber recht genau, dass man am Ende des neunzehnten Jahrhunderts nicht so gaunert, wie am Ende des achtzehnten oder siebzehnten Jahrhunderts. Er stellte dem biederen Handwerksmeister, der ihm das Depot überbrachte, eine Quittung aus, die es zwar nicht vom Standpunkte des gesunden Menschenverstandes, aber vom Standpunkte juristischer Finesse aus ungewiss ließ, ob er die sechstausend Mark als Depot oder Darlehen empfangen habe. Und damit schlüpfte er glorreich durch die Maschen des Strafgesetzes. Wir werden uns hüten, das Urteil zu kritisieren, das Friedmann freisprach, und wir glauben auch ganz gerne, dass es so gerecht ist, wie die kapitalistische Welt nur immer gerecht richten kann. Für ihre Kniffe und Pfiffe ist das Strafgesetz ein viel zu grobes Netz, und wer heutzutage als Gauner fortkommen will, muss mit der Zeit fortzuschreiten wissen. Die „beste der Welten“ gibt nach dem Rechte, das mit ihr geboren ist, dem in allen Klassengesellschaften wahren Worte von den großen und kleinen Dieben die besondere Schattierung, dass sie die feudalen Diebe hängt und die kapitalistischen Diebe laufen lässt.
Ein dritter Skandal, der den Schmutz der kapitalistischen Gesellschaft aufwühlt, sind die im dunklen Erdteil vollbrachten Mord- und Schandtaten des Herrn Wehlan, die eben jetzt durch ihre nochmalige Aburteilung vor dem Reichsdisziplinarhof in Leipzig in frische Erinnerung gekommen sind. Die zweite Instanz hat es bei dem milden Urteil der ersten Instanz bewenden lassen, ja in der Begründung des Urteils den Mohren noch weißer zu waschen gesucht, als die Potsdamer Kammer ihn schon weiß zu waschen gesucht hatte. Herr Wehlan muss ein paar hundert Mark zahlen, die ihm nicht wehe tun werden, bleibt aber in all seiner bluttriefenden Gottähnlichkeit eine Zierde der Reichsbeamtenschaft. Das Urteil macht passables Aufsehen, und der Philister reißt sich wieder einmal die Haare aus. Ihm selbst macht es Spaß, und anderer Leute Haare werden dadurch nicht gekrümmt. Es liegt mit den Gräueln der Kolonialbeamten ganz ähnlich, wie mit den Duellen der Offiziere. Die Bürokratie ist eine Klasse mit ganz bestimmten Interessen, ebenso wie das Offizierskorps; ehe man die Macht der einen wie des anderen bricht, wird man weder der einen noch dem anderen ihre Unarten abgewöhnen können. Die Ehrengerichte der Armee wie die Disziplinarhöfe der Bürokratie sind Klassengerichte; unbarmherzig verurteilend jeden Genossen, der die Interessen der Klasse verletzt, nachsichtig urteilend über jedes Verbrechen, das im Herrschaftsinteresse der Klasse verübt wird. Das ist so, wie es von jeher gewesen ist und wie es auch in aller Zukunft sein wird, so viel immer der Philister darüber stöhnen mag und selbst wenn die einsichtigeren Klassengenossen einsehen, dass es nicht ewig so weiter gehen kann und dass es, wenn es noch lange so weiter geht, doch einmal zum Krache kommen muss. Die Regierung hat sich ja redlich bemüht, Herrn Wehlan als ein räudiges Schaf aus dem Reichsdienste auszustoßen, aber sie ist, wie schon manches Mal früher in ähnlichen Fällen, an dem hartnäckigen Widerstande der Klassengerichtsbarkeit gescheitert. Wenn der deutsche Philister über diesen Zusammenhang ein wenig nachdenken wollte, so würde er schneller in der Welt vorwärts kommen, als wenn er drei Tage über den neuen Skandal lamentiert, um dann gelassen zum neuesten Skandal überzugehen.
Aber das Nachdenken ist nun einmal seine Sache nicht, und so schlägt er sich recht und schlecht mit allerlei Skandalen durch die politischen Hundstagsferien.
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