[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 6. Jahrgang Nr. 8, 15. April 1896, S. 57 f.]
Der im nächsten Monat in Berlin tagende Gewerkschaftskongress wird sich einem vorliegenden Antrage entsprechend jedenfalls auch mit der Frage der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen beschäftigen. Denn wenn auch der vom „Verband der Schneider und Schneiderinnen“ gestellte Antrag lautet: „Die Agitation unter den Arbeiterinnen“, so kann unseres Erachtens die Frage nicht diskutiert werden, ohne dass zugleich eine andere erörtert wird: „Zu Gunsten welcher Organisationsform soll unter den Arbeiterinnen agitiert werden.“ Die Frage schien uns durch die bisherige – allerdings noch sehr bescheidene – Entwicklung der Dinge bereits ihre Antwort gefunden zu haben: Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Organisation ihrer Arbeitskameraden, ihrer Berufsgenossen, so lautete sie. Indes im letzte Sommer hat sich der „Korrespondent“, das Organ des Buchdruckerverbandes, gegen die gemeinschaftliche Organisation von Arbeitern und Arbeiterinnen geäußert, und seine Ausführungen gingen unwidersprochen durch einen Teil der Parteipresse.
Wie uns dünkt, mit Unrecht. Predigt man unter Hinweis auf die unbestreitbare Rückständigkeit der Frau, welche die Heranziehung der Arbeiterin zur gewerkschaftlichen Organisation erschwert, die getrennte Gruppierung von Arbeitern und Arbeiterinnen gleicher oder verwandter Berufe, so muss man konsequenterweise auch dafür eintreten, das die der Bewegung noch fernstehenden indifferenten Arbeiter auf Grund ihrer Rückständigkeit nicht den bestehenden Gewerkschaften, vielmehr Sonderorganisationen zugeführt werden. Niemand denkt daran. Der Rückständigkeit und Eigenartigkeit der Arbeiterin als Frau muss Rechnung getragen werden durch die Art der Agitation, welche sich werbend an die Lohnsklavinnen wendet. Sie darf dagegen nicht ausschlaggebend sein für die Art der Organisation, welche die Angeworbenen zum wirtschaftlichen Kampfe erzieht und führt. Zu viele sind der Gründe, welche für die gemeinsame Organisation der Arbeiter und, Arbeiterinnen der gleichen oder verwandten Berufe sprechen, und dies trotz der Rückständigkeit der Frau, zum Teil sogar wegen dieser Rückständigkeit.
Schon die gleichen oder doch verwandten Berufsinteressen schaffen eine Grundlage für die Verständigung und Gruppierung aller Berufsgenossen ohne Unterschied des Geschlechts. Diese Grundlage wird zu einer festgefügten dadurch, dass die Berufstätigkeit – abgesehen von der oft vorhandenen Ungleichheit der Entlohnung von Frau und Mann – fast durchgehends den gleichen Markt- und Arbeitsbedingungen untersteht. Dies um so ausgesprochener, je größer die Rolle ist, welche Maschinerie und vervollkommnete technische Produktionsverfahren spielen, je größer in der Folge meist der Umfang ist, den die Frauenarbeit für eine Industrie gewonnen hat. Gleiche Markt- und Arbeitsbedingungen aber zeitigen für die Masse der Arbeiterschaft eines Gewerbes die gleiche Notwendigkeit, behufs Wahrung ihrer Lebensinteressen in der nämlichen Richtung gegen den nämlichen Feind abwehrend oder angreifend vorzugehen. Und dieser Feind ist stark, er ist mächtig. Diese Lage der Dinge bedingt möglichst einheitliche, möglichst kräftige Aktion der Arbeiterschaft, und Einheitlichkeit und Kraft der Bewegung wird beträchtlich gesteigert, wenn sie getragen ist von einer Organisation, welche alle in Betracht kommenden Arbeitskräfte zusammenfasst und geschult zum planmäßig vorbereiteten Kampfe führt.
Die gemeinsame Organisation männlicher und weiblicher Berufsgenossen bedeutet von vornherein eine Ersparnis an Zeit, an Kräften, an materiellen Mitteln. Ein Verwaltungsapparat, eine Leitung genügen dort, wo die Sonderorganisation von Arbeitern und Arbeiterinnen die doppelte Anzahl von Kräften, die doppelten Leistungen, die doppelten Ausgaben erfordert. Jede solche Ersparnis setzt sich aber um in ein Mehr an Leistungsfähigkeit der Organisierten in Zeiten des Friedens und des Krieges.
Die gemeinsame Organisation von Arbeitern und Arbeiterinnen des nämlichen Berufs verhindert, dass vorhandene kleine Sonderinteressen des einen oder anderen Teils sich in den Vordergrund des Organisationslebens drängen, die Rücksicht auf die wichtigeren Gesamtinteressen überwuchern und höchst schädliche Zersplitterung der Bestrebungen erzeugen. Sonderorganisation bedeutet nur zu oft Sondertun, lässt hier und da Spielerei an Stelle ernster Tätigkeit treten, entfesselt nicht selten Eifersucht und Gegensatz zwischen Persönlichkeiten, damit Gegensatz des Wollens und Handelns zwischen Gruppen der Arbeiterklasse, die den wichtigsten Lebensinteressen verbunden vereint wirken, vereint kämpfen müssen. Gerade aber für Sonderorganisationen der Arbeiterinnen liegt die angedeutete Gefahr nahe in Folge der allgemeinen sozialen Rückständigkeit der Frau, in Folge der Verquickung von Geschlechtssklaverei und Klassensklaverei, welche ihre Lage beeinflusst und bewirkt, dass nur zu oft die Frau statt der Proletarierin zu Worte kommt und handelt. Die bisherige Entwicklung der Sonderorganisationen der Frauen, und nicht bloß in Deutschland, vielmehr auch in England, wo die Verhältnisse ja viel günstiger liegen, bestätigen dies zur Genüge. In dem Maße aber, als Sonderorganisationen und die davon untrennbaren Sonderströmungen die Berufsgenossen einer Industrie im Kampfe für bessere Arbeitsbedingungen schwächen, stärken sie die Machtposition des Unternehmers, erlauben sie ihm, eventuell eine Organisation gegen die andere auszuspielen. Wir erinnern in der Beziehung daran, wie die englische Kapitalistenklasse die unter bürgerlich-frauenrechtlerischem Einfluss stehenden und deshalb den gesetzlichen Arbeiterinnenschutz verwerfenden Nichts-als-Frauengewerkvereine ausgenutzt hat, um den weiteren Ausbau des gesetzlichen Arbeiterschutzes zu hintertreiben, der von den Gewerkschaften der Männer gefordert wurde.
In Anschluss an diese Tatsache sei gleich noch auf einen Vorteil der gemeinsamen Organisation von männlichen und weiblichen Berufsgenossen hingewiesen: sie vermindert bedeutend die Möglichkeit, dass bürgerliche Harmoniedusler im Unterrock Einfluss erlangen auf die Auffassung und Haltung der organisieren Arbeiterinnen, und dass der Kampf von Geschlecht zu Geschlecht, der Kampf gegen die Vorrechte des Mannes den Kampf von Klasse zu Klasse ablöst, den Kampf gegen die Machtstellung des Kapitalisten beeinträchtigt.
Vielleicht wendet man hier ein, dass die bisher erzielten Vorteile der gemeinsamen Organisation auch erzielt werden können durch eine Föderation oder Kartell zwischen den Sondervereinen der männlichen und weiblichen Arbeiter. Unseres Erachtens steht eine solche Föderation an Einheitlichkeit des Ratens und Tatens, Entwicklung und Kriegstüchtigkeit der gemeinsamen Organisation soviel nach, als das Kartell zwischen einzelnen Branchenorganisationen der strammen Zentralisation. Wir finden uns mit dem Kartell ab als mit einem zeitweilig unvermeidlichen Übel, einem hier und da nicht zu überspringenden Übergangsglied, wir begrüßen es als Fortschritt dort, wo man mit zersplitterten Gewerkschaftsorganisationen als Tatsachen zu rechnen hat. Wir können uns jedoch für eine unvollkommene Form der Gewerkschaftsorganisation da nicht begeistern, wo wie im Falle der Organisierung der Arbeiterinnen so wie keine Vergangenheit vorhanden ist, an welche angeknüpft werden müsse.
Außerdem sprechen noch andere als die angeführten Gründe für die Einbeziehung der Arbeiterinnen die Gewerkschaft der Arbeitskameraden. Sie liegen auf dem Gebiete der Rückständigkeit der Arbeiterin als Frau, ihres zwiefachen Pflichtenkreises, ihrer besonders ungünstigen Erwerbsverhältnisse.
Je unentwickelter die Arbeiterin zufolge ihres Weibseins ist in ihrem Erfassen der sozialen Verhältnisse und Zusammenhänge, ihrer Lage und der ihrer Klasse; je tiefer noch ihr Klassenbewusstsein und Solidaritätsgefühl schlummert; je unempfänglicher sie ihren gegenwärtigen sozialen Aufgaben gegenübersteht: um so nötiger und vorteilhafter für das Entfalten ihres neuen Menschen ist in der Organisation die geistige und moralische Berührung dem ihr überlegenen Klassengenossen. Und nicht bloß die allgemeine Entwicklung der Arbeiterin wird in günstiger Weise durch die gemeinsame Organisation angeregt und gefördert. Auch ihre spezielle Schulung in Organisationsfragen gewinnt durch sie mehr als durch den Nur-Frauengewerkverein. Die Arbeiter besitzen eine langjährige Erfahrung im Organisationsleben, die Gewerkschaften haben zum Teil die Kinderkrankheiten desselben hinter sich, sie verfügen Leitung und Verwaltung über eingearbeitete Kräfte. Der Arbeiterin, welche sich der Gewerkschaft der Berufsgenossen anschließt, kommt dieser Stand der Dinge zugute, er beschleunigt ihre gewerkschaftliche Erziehung und rückt die Zeit näher, wo sie geistig gereift und praktisch geschult selbständig in der Organisation und für die Organisation zu wirken vermag.
Die gemeinsame Organisation der weiblichen und männlichen Berufsgenossen scheint uns auch geboten mit Rücksicht darauf, dass die Arbeiterin meist zugleich Fabriksklavin und Haussklavin ist. Zumal die verheirateten Frauen, vielfach auch die Mädchen, haben ein gerüttelt und geschüttelt Maß häuslicher Pflichten zu erfüllen. In der Folge verbleibt den Arbeiterinnen sehr wenig Zeit, äußerst wenig körperliche und geistige Frische für das Organisationsleben Dies einer der wesentlichsten Gründe, weshalb die Versammlungen der Frauenorganisationen so oft schlecht besucht sind, eine schläfrige Physiognomie zeigen, weshalb es an Kräften fehlt, die sich der Leitung und Verwaltung widmen, abgeschlossene Schulung erringen können. Die Nur-Frauenorganisationen leiden unter diesen ungünstigen Bedingungen, ihre werbende Kraft auf Neulinge, ihr erzieherischer Einfluss die Mitglieder ist der Folge meist geringer als werbende Kraft und Einfluss der gemeinsamen Organisation.
Für diese spricht noch besonders ein Grund: ihre höhere materielle Leistungsfähigkeit. Es ist klar, dass die durchgängig um ein Drittel, ja um die Hälfte niedriger als die Arbeiter gelohnten Frauen sehr niedrige Beiträge an die Gewerkschaft zu leisten vermögen. Die Folge davon ist, wie die englischen Frauengewerkvereine beweisen, die kümmerlich vegetieren und auch das nur Dank der Unterstützung bürgerlicher Gönner und Gönnerinnen – dass die Sonderorganisationen der Arbeiterinnen bezüglich der Besserstellung ihrer Mitglieder so gut wie zur Untätigkeit verurteilt sind. Insbesondere verfügen sie nicht über die Mittel, welche zur Aufnahme eines Kampfes mit dem Unternehmertum befähigen. Die Gewerkschaftsorganisation aber, welche ihren Mitgliedern keine materiellen Vorteile zu bieten vermag, ermangelt auch der Hauptanziehung in den Augen der indifferenten Masse. Die materiell schwache Frauengewerkschaft reizt die stumpfsinnig robotende Arbeiterin kaum zum Beitritt. In der gemeinsamen Organisation dagegen wird die geringe wirtschaftliche Kraft der weiblichen Mitglieder ausgeglichen durch die höheren Beiträge der männlichen Genossen. Nicht die materielle Schwäche der Ersteren, das finanzielle Können der Letzteren entscheidet über ihre Leistungsfähigkeit, ermöglicht die Bedürftigen zu stützen, das Unternehmertum in Schach zu halten und zu bekämpfen. In dem Maße, als dies der Fall ist, vermag die gemeinsame Organisation in vollkommenerer Weise als der Frauengewerkverein die eigentlichen Aufgaben der Gewerkschaft zu erfüllen, die wirtschaftliche Besserstellung der zusammengeschlossenen Berufsgenossen zu erzielen. Dass sie auch imstande ist, mehr Mittel für andere Zwecke aufzuwenden, ihren Mitgliedern geistiger, gesellschaftlicher etc. Beziehung etwas zu bieten, versteht sich von selbst. Damit wächst die Anziehungskraft der Organisation, die Zahl ihrer Mitglieder, ihre Macht.
Gewiss, dass die gemeinsame Organisation der Arbeiter und Arbeiterinnen den Ersteren Opfer auferlegt. Aber es sind dies Opfer, die gebracht werden müssen, wenn man die schlimmen wirtschaftlichen Folgen der kapitalistischen Ausbeutung der Frauenarbeit soviel beschränken will, als dies innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft durch die gewerkschaftliche Organisation geschehen kann. Es sind dies auch Opfer, die wohl belohnt werden, indem sie zusammen mit dem gesetzlichen Schutz der Arbeit wesentlich dazu beitragen, die Arbeiterin aus einer Schmutzkonkurrentin des proletarischen Mannes in eine Mitstreiterin für bessere Arbeitsbedingungen zu verwandeln. Die, welche ohne Rücksicht auf das Geschlecht vom Kapital den gleichen Bedingungen gleich hart und gewissenlos ausgebeutet werden, die Mühsal der kapitalistischen Fron und die Entbehrungen der proletarischen Existenz tragen müssen: die gehören auch im Kampf gegen das Unternehmertum zusammen, sie müssen vereint marschieren und vereint schlagen.
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