[Die Neue Zeit, XXIX. Jahrgang 1900-1901, 2. Band, Nr. 29, 21. April 1911, S. 65-71]
Von F. Mehring
Zweimal in seinem Leben ist Karl Marx der leitende Kopf einer Arbeiterorganisation gewesen, und diese Seite seiner historischen Tätigkeit ist sicherlich nicht die am wenigsten wichtige. Aber gerade über sie sind wir bisher verhältnismäßig dürftig unterrichtet, und zwar aus entgegengesetzten Gründen. Während es bei der Internationalen Arbeiterassoziation die Fülle des weitschichtigen und weit zerstreuten Materials ist, die bisher eine erschöpfende Darstellung gehindert hat, ist es bei dem Bunde der Kommunisten umgekehrt die Dürftigkeit des Materials, die sich einer solchen Darstellung entgegensetzt.
Was wir über den Bund der Kommunisten wissen, beruht zumeist auf dem, was Marx und Engels selbst berichtet haben: jener in seinen Enthüllungen über den Kölner Kommunistenprozess und im Vogt-Pamphlet, dieser in seiner Einleitung zu der Züricher Auflage der Enthüllungen. Im Wesentlichen mag das auch genügen, aber man erfährt doch wenig daraus über die Ausbreitung des Bundes, sein inneres Leben, die Art seiner Wirksamkeit usw. Wenn wir diese Lücke in etwas auszufüllen versuchen, so geschieht es an der Hand der Dokumente, die sich im Nachlass von Karl Marx aus den Tagen des Bundes vorgefunden haben und uns durch die Güte von Frau Lafargue zugänglich geworden sind. Es ist eine nicht unbeträchtliche Zahl von Schriftstücken, aber immerhin reichen auch sie nicht aus, eine Geschichte des Bundes im Zusammenhang zu schreiben. Soweit man einen einheitlichen Eindruck aus ihnen gewinnt, ist es der, dass die Organisation des Bundes sehr locker und lose gewesen, dass er – und ähnliches gilt ja auch von der Internationalen Arbeiterassoziation – niemals die geschlossene Kriegsformation des Proletariats gewesen ist, die das böse Gewissen der herrschenden Klassen in ihm sah, aber dass gleichwohl seine anfeuernde, klärende und werbende Wirkung, wie ebenfalls bei der Internationalen, sehr tief und weit gereicht hat. Wo immer sich in den Revolutionsjahren von 1848 und 1849 die deutsche Arbeiterklasse mit einigen Klassenbewusstsein regte, waren Mitglieder des Bundes die treibenden Kräfte.
Bei der Trümmerhaftigkeit der urkundlichen Zeugnisse, die uns vorliegen, würde sich ihr wörtlicher Abdruck nicht empfehlen, doch seien ein paar Stücke daraus gegeben, die das verblasste Bild des Bundes einigermaßen wieder beleben. So gleich die Geburtsurkunde des Bundes, die zudem einen chronologischen Irrtum bei Marx wie bei Engels beseitigt. Nach Marx hat der Bund der Gerechten, die bedeutendste internationale Vereinigung, die innerhalb des europäischen Proletariats sozusagen aus frischer Wurzel erwachsen war, Ende 1846 den Uhrmacher Moll an ihn und Engels nach Brüssel gesandt, während nach Engels Moll im Frühjahr 1847 erst zu Marx nach Brüssel, dann zu ihm nach Paris gekommen ist. Die Vollmacht Molls ergibt nun, dass der entscheidende Entschluss am 20. Januar 1847 in London gefasst worden ist. Sie ergibt aber auch, dass bereits eine gewisse Verbindung zwischen beiden Teilen bestand. Marx und Engels hatten ein Kommunistisches Korrespondenzkomitee in Brüssel gestiftet, als Mittelpunkt einer kommunistischen Propaganda, dessen Fäden Engels nach Paris weiterzuspinnen bemüht war, während sich der Bund der Gerechten als Kommunistisches Korrespondenzkomitee in London angeschlossen hatte. Das Schriftstück, von Schappers Hand auf einen schmalen Streifen Papier geschrieben, lautet im wörtlichen Abdruck:
„An das Kommunistische Korrespondenzkomitee in Brüssel.
Die unterzeichneten Mitglieder des Kommunistischen Korrespondenzkomitees in London geben. hiermit dem Bürger Joseph Moll die Vollmacht und den Auftrag, in ihrem Namen mit dem Kommunistischen Korrespondenzkomitee in Brüssel in Unterhandlung zu treten und demselben einen mündlichen Bericht über den hiesigen Zustand der Dinge abzustatten. Zu gleicher Zeit ersuchen wir das Komitee in Brüssel, dem Bürger Moll, welcher Mitglied des hiesigen Komitees ist, über alle Gegenstände von Wichtigkeit genauen Aufschluss zu geben und ihn mit allem, was für das Komitee in London bestimmt ist, zu beauftragen.
London, den 20, Januar 1847.
Karl Schapper. Henry Bauer, Karl Pfänder. Friedrich Doepel. Albert Lehmann. Charles Molly. (?) Joh. Goebel“
Man wird aus der diplomatischen Haltung dieses Schriftstücks leicht ein gewisses Misstrauen herausspüren, das damals auch wirklich noch auf beiden Seiten bestand; beim Bunde der Gerechten gegen die „Gelehrten“, die doch nicht wissen könnten, wo den Arbeiter eigentlich der Schuh drücke, und bei Marx wie Engels gegen die „Straubinger“, das heißt gegen die handwerksmäßig-zünftlerische Beschränktheit, die unter den damaligen Arbeitern noch sehr stark vorherrschte. Dies Misstrauen trat sogar noch viel krasser ein Jahr später – das heißt als man sich schon gegenseitig auf zwei Londoner Kongressen. über Organisation und Programm der kommunistischen Propaganda geeinigt hatte -– in einem kuriosen Schriftstück hervor, das folgenden Wortlaut hat:
„London, 25. Januar 1848
Die Zentralbehörde an die Kreisbehörde Brüssel
Beschluss vom 24. Januar 1848.
Die Zentralbehörde beauftragt hiermit die Kreisbehörde Brüssel, dem Bürger Marx anzuzeigen, dass, wenn das Manifest der kommunistischen Partei, dessen Abfassung er auf letztem Kongress übernommen, nicht bis Dienstag, 1. Februar dieses Jahres, in London angekommen ist, weitere Maßregeln gegen ihn ergriffen werden. In dem Falle, dass Bürger Marx das Manifest nicht abfasst, verlangt die Zentralbehörde augenblickliche Zurücksendung der ihm vom Kongress zugestellten Dokumente.
Im Namen und Auftrag der Zentralbehörde
Gez. Schapper. Bauer. Moll“
Inzwischen lieferte der Bürger Marx sein Pensum ab, und das Kommunistische Manifest scheint denn auch alsbald eine versöhnende Wirkung ausgeübt zu haben. Noch stärker hat dann wohl das Feuer der Revolution beide Teile verschmolzen; gleich nachdem die Pariser Arbeiter den Thron des Bürgerkönigs zertrümmert hatten, übertrug die Zentralbehörde in London ihre Befugnisse auf den Kreis Brüssel, das heißt mit anderen Worten: auf Marx und Engels. Aus Brüssel durch die Polizei vertrieben, richtete dann Marx in Paris eine neue Zentralbehörde ein, die halb aus ehemaligen Brüsselern (Marx, Engels, Wilhelm Wolff), halb aus ehemaligen Londonern (Bauer, Moll, Schapper) bestand. Urkundliche Zeugnisse dieser Zentralbehörde sind mehrere Quittungen, die. sie für empfangene Vorschüsse an Marx ausgestellt hat.
Geld brauchte sie namentlich für die Aussendung von Emissären, die – solange den Arbeitern Presse-, Vereins- und Versammlungsfreiheit fehlte – notwendig war, um neue Anhänger zu werben. Lägen die Berichte dieser Emissäre vollständig oder auch nur annähernd vollständig vor, so würden sie die sicherste Grundlage für eine Bundesgeschichte liefern, aber es sind ihrer nur wenige erhalten, von denen jeder an sich nicht eben viel besagt. Als Probe sei hier ein Bericht Dronkes aus dem Frühjahr 1848 wiedergegeben, der freilich eher über als unter vom Durchschnitt steht (zu seinem Verständnis sei noch bemerkt, dass eine Gemeinde nicht unter drei, aber nicht über zwanzig Mitglieder umfassen durfte):
„Koblenz, den 5. Mai
An die Generalbehörde des Bundes!
Lieben Brüder!
Eurem Auftrag gemäß gebe ich Euch von dem Erfolg meiner Reise nach Koblenz und Kurhessen Nachricht.
1. In Koblenz habe ich eine Gemeinde konstituiert, und bis jetzt 4 Mitglieder aufgenommen; Wendelin Nix, Schmiedemeister, (eine außerordentlich revolutionäre Figur), einen Kaufmann Namens Feuerbach und zwei Arbeiter. Den Präsidenten des Handwerkervereins, Stadtrat Gabriel Drimborn, habe ich, obwohl er dazu bereit ist, nicht aufgenommen, weil mir sein Ehrgeiz nicht behagt; indes werde ich noch zusehen, was zu machen ist, da dieser Drimborn großen Einfluss hier übt, – Die Leute sind im Augenblick hier durch die Wahlen sehr in Anspruch genommen; ich werde indes in diesen Tagen einen Brief der Gemeinde an Euch veranlassen.
2. In Frankfurt, (wo man fast gesteinigt wird, wenn man sich als Kommunisten bekennt) habe ich zwei sehr tüchtige Leute bereits gewonnen, und andere noch auf dem Zuge: Ich werde speziell darüber Aufschluss geben, wenn ich die Gemeinde dort konstituiert habe
3. In Kurhessen habe ich nicht handeln können, weil ich in Frankfurt ohne Geld festsaß; doch habe ich mit Bestimmtheit erfahren, dass in Hanau und in Kassel (wenn hier nicht schon eine Gemeinde ist?) der Bund konstituiert werden kann. Ich überlasse Euch, ob Ihr einen Emissär dahin absenden wolltet, dem Ihr folgende Adressen mitgeben mögt: Hanau, Schaertner und Flüger; Kassel, Dr. Kellner.
4. In Mainz habe ich im Bunde den Beginn zu völliger Anarchie gefunden; Wallau war in Wiesbaden, Neubeck spielte im Café Domino, während Versammlung anberaumt war, Metternich, der allerdings viel zu tun hat, scheint die Sache mit großer Gleichgültigkeit anzusehen. Bloß Schickel und Stumpf sind tätig. – Ich habe nun vor Allem darauf gewirkt, dass Wallau von Wiesbaden weg und nach Mainz kommt; ich habe mit dem Redakteur der Mainzer Zeitung selbst gesprochen und die übrigen zu demselben Schritt beauftragt, dass Wallau in einer Mainzer Druckerei angestellt werde. Ich glaube, es wäre gut, wenn Ihr selbst noch darum hinschriebet, – Die Mainzer haben mich beauftragt, Euch um Aussendung eines Emissärs nach dem Oberlande, Baden, zu ersuchen, da dort sehr viel zu wirken sei, und sie selbst keine Leute dazu hätten.
5. Die verschiedenen Arbeiterclubs sind sehr ungeduldig. Wäre es nicht an der Zeit, eine Petition in Art der Chartisten in allen Städten zur Unterzeichnung für das sog. Parlament auszulegen? Die „Forderungen“. würden nicht so berücksichtigt werden, wohl aber eine Arbeiter-Petition von 6–8 Punkten, mit ausführendem Memoire.
Gebt mir Instruktion, was ich sagen soll, wenn die Arbeiter wieder von der Petition anfangen?
Gruß und Bruderhand!
E. Dronke, Emissär für Koblenz und Kurhessen“
Seit dem Juni 1848 hatten die deutschen Arbeiter eigene Blätter, die „Neue Rheinische Zeitung“ in Köln, das „Volk“ in Berlin, später die „Verbrüderung“ in Leipzig; in allen waren Mitglieder des Kommunistenbundes tätig, aber der Bund selbst löste sich tatsächlich auf, zumal da die Arbeiter auch Vereins- und. Versammlungsfreiheit besaßen. Erst als mit dem endgültigen Siege der Gegenrevolution im Sommer 1849 der Arbeiterklasse wieder alle gesetzlichen Mittel der Parteiorganisation geraubt worden waren, erstand der Bund der Kommunisten aufs Neue; seine alten erprobten Mitglieder fanden sich fast alle in London zusammen, und es begann. nun diejenige Periode seiner Wirksamkeit, die aus den Veröffentlichungen von Marx und Engels am bekanntesten geworden ist.
Sie währte etwa ein Jahr, bis sich der Bund im September 1850 aus den bekannten Gründen spaltete. Das war aber noch keineswegs sein Ende; vielmehr begann die neue Zentralbehörde in Köln mit frischen Kräften ihre Tätigkeit, und sie verfügte noch über eine tüchtige Reserve an Energie und Intelligenz; weniger Heinrich Bürgers, der spätere fortschrittliche Abgeordnete, als Hermann Becker und Ferdinand Freiligrath, deren bürgerliche Biografen vergebens zu vertuschen suchen, dass beide damals im obersten Rate des Kommunistenbundes gesessen haben, stellten schon etwas vor; der eigentlich leitende Kopf der Kölner Zentralbehörde scheint der Arzt Roland Daniels gewesen zu sein, der später im Kölner Kommunistenprozess freigesprochen wurde, aber bald darauf an der Schwindsucht starb, die er sich in der langwierigen Untersuchungshaft zugezogen hatte. Einen großen Namen vermisst man freilich, doch war es nicht die Schuld von Marx, dass dieser Name in der Geschichte des Kommunistenbundes fehlt, wie folgendes Schreiben zeigt:
„Köln, 18, Juni 1851
Bürger Marx! Die bewusste Sache durch Bürger Klein erhalten. Dem Auftrag, welchen p. Klein uns mündlich brachte, den Bürger L, aus Düsseldorf einzuweihen, konnten wir nicht nachkommen, weil wir denselben hier näher beaufsichtigen und gefunden haben, dass er noch immer aristokratische Grundsätze hegt und für das allgemeine Wohl der Arbeiter nicht so begeistert ist, wie er sein sollte. In den nächsten Wochen werden wir Bericht erstatten.
Herzlichen Gruß an Dich und alle Freunde.
G. Roeser“
Roeser war. ein Zigarrenarbeiter, der später der Kölner Zentralbehörde angehörte, aber auch dann nicht sein Misstrauen gegen Lassalle aufgegeben zu haben scheint, obgleich er mit ihm verkehrte. Wie bekannt, war Freiligrath gerade nach London übergesiedelt, als Nothjung am 10. Mai 1851 in Leipzig verhaftet wurde, wodurch die Polizei auf die Spur des Kommunistenbundes kam; gleich darauf wurden die Mitglieder der Kölner Zentralbehörde verhaftet, und nun heißt es in einem undatierten Briefe Freiligraths an Marx: „Ein Brief meiner Frau, den ich heute erhielt, bringt nichts Neues. Ihre einzigen Quellen waren die ,Kölnische Zeitung‘ und Lassalle, der zufällig bei Roeser im Hause war, als dieser verhaftet wurde, sonst aber natürlich nichts weiß und den ganzen Zusammenhang wahrscheinlich nur ahndet.“ Danach scheint es auch Freiligrath „natürlich“ gefunden zu haben, dass Lassalle von der Existenz des Kommunistenbundes nichts wusste, Roeser hat später allerdings seine Ansichten über Lassalle sehr geändert; als Marx und Engels bald nach Lassalles Tode in den bekannten. Konflikt mit Schweitzer gerieten, trat Roeser sehr energisch für die Fortsetzung der Agitation in vom Sinne Lassalles ein und trug nicht wenig dazu bei, dass die rheinischen Arbeiter damals für Schweitzer entschieden.
Mit den Verhaftungen in Leipzig und in Köln begann die letzte Periode in der Geschichte des Kommunistenbundes, die wesentlich ein Kampf mit der Staatsgewalt war, vertreten durch den würdigen Lockspitzelvater Stieber, der auf ausdrücklichen Befehl des Königs Friedrich Wilhelm IV. jenes System von Lug und Trug, von Meineid und Verrat inszenierte, das zu dem Kölner Kommunistenprozess führte. Leider fand Stieber einen Verräter in den Reihen des Bundes selbst, in dem Handlungsgehilfen Haupt, der, wie einige vorliegende Briefe von ihm an Marx beweisen, zu den eifrigsten und intelligentesten Mitgliedern gehört hatte, so dass Marx selbst lange nicht an seine Judasrolle glauben wollte. Haupt scheint nicht einmal unter dem Drucke seiner Familie gehandelt zu haben, über. deren kommunistenfeindliche Gesinnung er in jenen Briefen wohl klagt; sie spedierte ihn vielmehr nach Brasilien, um nicht die Schande zu erleben, dass er als Kronzeuge vor den Kölner Assisen erschien.
So schändlich aber der Verrat Haupts war, so stand er doch einzig da; auch die jüngeren Mitglieder des Bundes hielten Fuß beim Male, wie Johannes Miquel in Göttingen. Er hat sich erst allmählich den Tendenzen des Bundes entfremdet, ebenso wie Hermann Beer, wie Stephan Born und Wallau, die beiden ehemaligen Setzer der Deutschen Brüsseler Zeitung. Es ist beiläufig bemerkenswert, dass auch die bürgerliche Gesellschaft den Bund der Kommunisten als einen urwüchsigen Stamm anerkannte, indem sie mit seinen abgefallenen Zweigen die Zierplätze ihres Gartens zu schmücken verstand: Born brachte es zum Professor an der Universität Basel, Wallau zum Oberbürgermeister von Mainz, Becker zum Mitglied des preußischen Herrenhauses und Oberbürgermeister von Köln, Haupt zum Generalkonsul des Deutschen Reiches in Brasilien, und wozu es Johannes Miquel gebracht hat, weiß ja alle Welt.
Über die anderthalbjährigen Prozeduren gegen die Kölner Angeklagten wurde Marx durch den Notariatskandidaten Bermbach auf dem laufenden erhalten. Doch ist der Inhalt von dessen Briefen, soweit er historisches Interesse besitzt, von Marx in die „Enthüllungen“ aufgenommen worden. Nur ein kleines Genrebild aus den ersten Tagen der Prozessverhandlungen sei hier aus einem Briefe Bermbachs wiedergegeben:
„Die Zeitungen bringen hier gar keinen oder mir sehr kurzen und oberflächlichen Bericht; sonst würde ich Ihnen die betr. Nummern schicken. Die Angeklagten sehen nach einer so langen Haft noch ziemlich erträglich aus; Daniels sah anfänglich am schlechtesten aus, aber die Umgebung und der Verkehr mit Menschen wirkt sichtlich belebend auf ihn ein. Ein lautes Hoch, das sich weit fortpflanzte und mit entblößten Häuptern von einer zahlreich versammelten Menge dargebracht wurde, empfing den von Kürassieren umgebenen Omnibus, in dem die Gefangenen saßen, am ersten Morgen. Das machte der königlich preußischen würdigen Polizei natürlich viel Verdruss, und seitdem wird mit einer wahren Unverschämtheit selbst gegen diejenigen verfahren, welche nur grüßen. Das ist natürlich ein würdiges Feld für preußische Polizisten. – Welch nette Kollektion von Spitzelgesichtern überhaupt auf der Zeugenbank sitzen, davon machen Sie sich keinen Begriff; sieben oder acht offizielle und mindestens ein Dutzend. offiziöse Polizeikerls sind Retter des Staats in dieser Anklage. Der klassische Zeuge Haupt hat sich durch die Lappen gemacht und ist nicht beizuschaffen gewesen. Die Zahl der Zeugen beträgt übrigens etwa sechzig. Die Geschworenen bestehen aus der Elite der hohen Bourgeoisie und selbst zwei Regierungsräte befinden sich darunter. Sie können sich also denken, was das für eine Bande gewesen sein muss, wo die Angeklagten nicht einmal wagen durften, Regierungsräte zu refusieren.“
Am 12. November 1852 wurde der größere Teil der Angeklagten zu harter Festungsstrafe verurteilt, und eine Woche später schrieb Marx dem Bunde der Kommunisten den Totenschein: in einem Briefe an Engels, von dem Marx im Vogt-Pamphlet erzählt, dass er ihn zu den Alken des von ihm 1860 gegen die „Nationalzeitung“ angestrengten Prozesses gegeben habe. Hier wird die Abschrift mitgeteilt, die Marx in einem Briefe an Freiligrath vom 29. Februar 1860 gibt:
„28 Dean Street, Soho, London, 19. November 1852
Lieber Engels!
Der Bund hat sich vergangenen Mittwoch auf meinen Antrag hin aufgelöst und die Fortdauer des Bundes auch auf dem Kontinent für nicht mehr zeitgemäß erklärt. Auf dem Kontinent hatte er übrigens ja seit der Verhaftung von Bürgers Roeser faktisch schon aufgehört. Einliegend eine Erklärung für die englischen Blätter etc. Außerdem mache ich noch eine lithografierte Korrespondenz [statt dessen machte ich die Broschüre bei Schabelitz] ausführlich über die Polizeischweinereien und für Amerika eine Aufforderung zu Geld für die Gefangenen und ihre Familien. Freiligrath Kassierer. Gezeichnet von allen unseren Leuten. [Die paar Zeilen Rest irrelevant.]
Dein K.M.“
Der Aufruf, wie er in deutsch-amerikanischen Blättern erschien, ist von 21 Namen unterzeichnet, neben Marx und Engels unter anderen von dem Chartistenführer Jones, von den beiden Eccarius, Freiligrath, Liebknecht, Lochner, Pfänder und den beiden Wolff. Am eifrigsten nahm sich die sozialistische Turngemeinde in New York der Sache an; sonst ist kein Zeugnis dafür erhalten, dass namhafte Beträge eingelaufen sind.
Über dem Grabe des Bundes häufte die bürgerliche Mitwelt Berge von Verleumdungen auf. Als sich selbst Freiligrath nach Jahren davon angehaucht zeigte, schrieb Marx in dem schon erwähnten Briefe dem Bunde die Nachschrift. die auch das Urteil der Geschichte sein wird: „Dass Dreck aufgeworfen wird in Stürmen, dass keine revolutionäre Zeit nach Rosenöl riecht, dass hier und da selbst allerlei Unrat an einen anfliegt, ist sicher. – Aut, aut. übrigens wenn man die ungeheuren Anstrengungen der ganzen offiziellen Welt gegen uns bedenkt, die, um uns zu ruinieren, den code pénal nicht etwa nur streifte, sondern tief durchwatete; wenn man das Lästermaul der ,Demokratie der Dummheit‘ bedenkt, die unserer Partei nie verzeihen konnte, mehr Verstand und Charakter zu haben als sie selbst; wenn man die gleichzeitige Geschichte aller anderen Parteien kennt; wenn man sich endlich fragt, was denn nun tatsächlich gegen die ganze Partei vorgebracht werden kann, so kommt man zum Schlusse, dass sie in diesem 19. Jahrhundert durch ihre Reinheit ausgezeichnet dasteht.“
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