Clara Zetkin: Schwierigkeiten der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen

[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 8. Jahrgang Nr. 18, 19, 22, 24, 31. August, 14. September, 26. Oktober, 23. November 1898, S. 138 f., 145-147, 169 f., 185-187]

I.

In Deutschland waren 1897 von mehr als einer Million industrieller Arbeiterinnen 14.644 in zentralisierten Gewerkschaften organisiert. Wir greifen eher zu hoch als zu niedrig, wenn wir die Zahl der in anderen gewerkschaftlichen Organisationen zusammengeschlossenen deutschen Arbeiterinnen auf 3000 beziffern. In England gehörten 1896 von 2.556.725 Lohnarbeiterinnen rund 104.000 Gewerkvereinen jeglicher Art an. Diese Zahl scheint glänzend gegenüber dem winzigen Häuflein der in Deutschland organisierten Arbeiterinnen. Doch verblasst der Glanz etwas, wenn man bestimmte Umstände ins Auge fasst, unter welchen in England die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen erfolgt ist und noch vor sich geht.

Die hohe Entwicklung und die Erfolge der Trade-Unions der Arbeiter mussten, so sollte man meinen, seit Langem ein mächtiger Anreiz für die Arbeiterinnen sein, sich ebenfalls die Vorteile der Organisation zu sichern. Die englische Gesetzgebung und ihre Handhabung steht dem Vereins- und Versammlungsleben der Frauen und damit der Organisierung der erwerbstätigen Proletarierinnen nicht im Wege. Bereits 1844 griff die Gesetzgebung durch Herabsetzung des Arbeitstags der Frauen in der Textilindustrie zum Schutze der breitesten Schichte industrieller Arbeiterinnen ein, hob diese auf eine höhere Stufe der Erwerbs- und Lebensverhältnisse und schuf damit eine wesentliche Vorbedingung für ihre Organisationsfähigkeit. Durch den wachsenden Umfang der Frauenarbeit in der Textilindustrie belehrt, nahmen die Gewerkvereine der Spinner und Weber von Lancashire schon von 1824 an die Arbeiterinnen als Mitglieder auf. 1874 setzte die sehr tatkräftige frauenrechtlerische Bewegung für die Organisierung der Arbeiterinnen in Nur-Frauenvereinen ein. Wenn dieselbe auch vielfach von verkehrten Gesichtspunkten ausging und Nebensächliches statt der Hauptziele der gewerkschaftlichen Organisation erstrebte, so muss doch eins rückhaltlos anerkannt werden: die wirklich große Opferfreudigkeit und zähe Energie, welche die englischen Frauenrechtlerinnen betätigten, um die Arbeiterinnen in Nur-Frauenorganisationen zusammenzuschließen.

Unter ganz anderen Umständen setzen die Anfänge zur gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen in Deutschland ein. Die rückständige politische Entwicklung war in hohem Maße dem Aufkommen und der Entfaltung einer kräftigen, zielbewussten Gewerkschaftsbewegung überhaupt hinderlich. Das Sozialistengesetz tat dazu das Seinige, um auch auf gewerkschaftlichem Gebiete zu zerschmettern, was unter den größten Opfern und Mühen geschaffen worden war. Diese Umstände waren von vornherein dem Aufkeimen der Tendenz ungünstig, auch die Arbeiterinnen gewerkschaftlich zu organisieren. Die Organisierung der lohnarbeitenden Frauen wurde bedeutend erschwert, wenn nicht hier und da unmöglich gemacht, durch die politische Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts. Die reaktionären Gesetzestexte, welche gerade den Proletarierinnen gegenüber die reaktionärste Anwendung fanden, hemmten in sehr vielen Bundesstaaten jedes Vereins- und Versammlungsleben der Arbeiterinnen. Erst 1892 wurden durch die gesetzliche Festlegung des elfstündigen Maximalarbeitstags für Frauen in der Großindustrie die Fabrikarbeiterinnen ein Weniges gegen ein Übermaß von Ausbeutung geschützt. Die bürgerliche Frauenrechtelei hat in Deutschland so gut wie nichts geleistet, um die Organisierung der Arbeiterinnen zu fördern. Allerdings machten Frauenrechtlerinnen 1869 den Versuch, Arbeiterinnen zu organisieren und zwar bezeichnend genug die Nicht-Fabrikarbeiterinnen. Aber dieser bescheidene Versuch ist sehr bald spurlos im Sande verlaufen.

Seit Anfang der 80er Jahre regten sich im weiblichen Proletariat die Zuckungen eines klassenbewussten Lebens, das zur Organisation drängte. Die Genossinnen Ihrer, Wabnitz, Stegemann, Cantius, Hofmann, Steinbach, Rohrlack etc. bemühten sich, die Arbeiterinnen in zielklaren Organisationen zusammenzuschließen behufs Verteidigung ihrer Interessen gegen das Kapital und seine Ausbeutungswut. Allein die von ihnen geschaffenen Ansätze zur Organisierung der Arbeiterinnen konnten sich trotz der aufgewendeten großen Opfer und bewundernswerten Energie nicht zu kräftigem Leben entfalten. Das Sozialistengesetz und die Rechtlosigkeit des weiblichen Geschlechts zusammen ermöglichten es den Gewalten des Kapitalistenstaats, mit brutaler Faust oder mit verblüffenden juristischen Spitzfindigkeiten die jungen Organisationen zu erwürgen und die Agitation unter den Arbeiterinnen zu unterbinden.

Verhältnismäßig spät erst erkannte die deutsche Gewerkschaftsbewegung die Aufgabe, auch die Arbeiterinnen den Organisationen einzugliedern. Die erwähnten Bemühungen der Genossinnen waren zwar in einzelnen Gewerkschaften ausschlaggebend dafür, dass die Arbeiterinnen der einschlägigen Berufe als Mitglieder aufgenommen wurden. Allein von umfassenderen, allgemeinen Bestrebungen zur Organisierung der Arbeiterinnenmassen kann man eigentlich erst vom Jahre 1892 ab sprechen. Der erste Gewerkschaftskongress, welcher vom 14. bis 18. März des genannten Jahres in Halberstadt tagte, nahm eine von Genossin Steinbach eingebrachte und begründete Resolution an, welche die Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaften forderte, sowie die zu diesem Zwecke nötige Statutenänderung. Die auf dem nämlichen Kongress eingesetzte „Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands“ hat vom Anfang ihres Wirkens an der Frage der Arbeiterinnenorganisierung die größte Aufmerksamkeit zugewendet. So ist die Bewegung für die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen weit jüngeren Datums als in England und hat sich hier unter weit schwierigeren Verhältnissen entwickelt als dort. Luft und Licht war bisher für die Schwesterbewegungen sehr ungleich verteilt.

Es dünkte uns nötig, an die verschieden gearteten Umstände zu erinnern, unter denen die Anfänge der gewerkschaftlichen Arbeiterinnenorganisation im Deutschen Reiche und jenseits des Kanals empor sprossten und sich zu entfalten begannen. Der vergleichende Rückblick bewahrt uns davor, zu unterschätzen, was in Deutschland betreffs der Organisierung der Arbeiterinnen bereits getan und bereits erreicht worden ist. Es lässt vor Allem klar hervortreten, dass auch in England die gewerkschaftliche Arbeiterinnenorganisation – so weit sie auch der Unsrigen voraus ist, und so viel wir von ihr lernen können – durchaus nicht eine erfreuliche Entwicklung aufweist. Diese Rückständigkeit im klassischen Lande des Gewerkschaftslebens ist sehr beachtenswert. Sie drängt die Schlussfolgerung auf, dass auf Seiten der Arbeiterinnen selbst bestimmte Hindernisse vorhanden sein müssen, welche ihren Anschluss an die Organisation erschweren und hintertreiben. Diese Hindernisse kennen zu lernen ist von praktischem Wert. Scharfes Erfassen der besonderen Schwierigkeiten, welche sich der Organisierung der Arbeiterinnen entgegenstemmen, ist eine wesentliche Vorbedingung für das erfolgreiche Überwinden dieser Schwierigkeiten. Wir werden uns deshalb in den folgenden Ausführungen eingehender mit den Umständen beschäftigen, welche die Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaften so ungemein schwierig gestalten und nur langsam Erfolge der einschlägigen Bestrebungen heranreifen lassen.

II.

Eine gemeinsame Wurzel ist es, aus welcher die verschiedenen Verhältnisse und Eigenschaften empor sprossen, welche die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen besonders schwierig gestalten. Es ist das Weibtum der Arbeiterin. Die Rolle, welche die Familie bisher für den Lebensunterhalt und Lebensinhalt der Frau gespielt hat und teilweise noch spielt; die unterbürtige Stellung, welche die Frau in der Familie und im sozialen Leben lange Zeitläufte hindurch einnahm und zum Teil noch einnimmt: wirken zusammen, um auf Seiten der Arbeiterinnen bestimmte Eigenschaften und Verhältnisse zu entwickeln, welche als geradezu organisationsfeindlich bezeichnet werden müssen. „Weil die Arbeiterin eine Frau ist“, so lautet wieder und wieder die Antwort auf die Frage nach den Ursachen, welche sich dem gewerkschaftlichen Zusammenschluss der erwerbstätigen Proletarierinnen entgegenstemmen. Manche der organisationsfeindlichen Eigenschaften und Umstände, welche in dem Frausein der Arbeiterin ihre letzte Wurzel haben, wirken in der Richtung, die Arbeiterin organisationsunlustig zu halten; anderen dagegen ist die Tendenz eigen, die Arbeiterin direkt organisationsunfähig zu machen.

Die Rücksicht auf die Familie ist einer der stärksten Anreize, welche den Arbeiter der Organisation zuführen. Auf Seiten der Arbeiterin ist dagegen der Hinblick auf die Familie gerade ein ganz wesentlicher Grund für das Fernbleiben von der Organisation.

Der Arbeiter ist von der Überzeugung durchdrungen, dass es seine Pflicht als Mann ist, für den Unterhalt der Familie aufzukommen oder wenigstens den größten Teil von deren Existenzkosten zu decken. Er empfindet die Notwendigkeit, durch Arbeit für den Markt der Familie zu geben. In der Arbeiterin lebt dagegen vielfach noch die Auffassung, dass sie als Frau in der Familie ihren Unterhalt oder mindestens einen Teil desselben finden müsse. Sie rechnet mit der Hoffnung, für Leistungen im Hause von der Familie zu empfangen.

Gewiss, dass heutigen Tags in Hunderttausenden von Fällen diese Auffassung sowohl des Arbeiters wie der Arbeiterin nicht mehr der Wirklichkeit entspricht. Die wirtschaftliche Entwicklung setzt mit jedem Tage mehr Männer außer Stand, die Existenz der Familie sichern zu können; sie zwingt mit jedem Tage mehr Frauen, ihren Unterhalt zu erwerben, dafern nicht auch – wenigstens zeitweilig – den der Familie. Allein die Auffassung der breiten Massen humpelt nur langsam hinter den veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen drein. Trotz der Predigt der Tatsachen betrachten deshalb zahlreiche Arbeiterinnen, wenn nicht die meisten, die Berufsarbeit als einen Notbehelf, zu dem sie nur vorübergehend oder nebenbei ihre Zuflucht nehmen. Die ledige Arbeiterin lebt in der Hoffnung, durch die Verheiratung in so günstige Verhältnisse zu kommen, dass sie der industriellen Fron für einen Unternehmer enthoben wird. Der verheirateten Proletarierin liegen aber daheim so zahlreiche Aufgaben ob, dass sie in der Regel nur durch das Muss der materiellen Not dazu getrieben wird, zeitweilig oder nebenbei dem Erwerb nachzugehen und es im Interesse von Mann und Kindern freudig begrüßt, wenn der Verdienst des Mannes es ermöglicht, dass sie sich ganz den häuslichen Pflichten zu widmen vermag.

Die proletarischen Mädchen und Frauen werden eben nicht wie zahlreiche bürgerliche Damen durch den in der Familie mangelnden Pflichtkreis und Lebensinhalt zur Berufsarbeit gedrängt, sondern im Allgemeinen lediglich durch das mangelnde Brot. Ihr Heim ist nicht ein bürgerliches Puppenheim, in welchem die Frau als Dekorationsstück, als Luxusmöbel ihren Platz hat, in welchem sie lebt und webt, wie die Lilien auf dem Felde wachsen, „ohne zu spinnen und zu arbeiten“. Das proletarische Heim weist vielmehr trotz seiner Enge oder richtiger gerade wegen seiner Dürftigkeit der Frau ein ausgedehntes, meist ein übermäßig ausgedehntes Tätigkeitsfeld zu.

Ihr häusliches Wirken findet deshalb auch von Seiten des Mannes eine ganz andere achtungsvolle Bewertung als die Repräsentationsrolle der bürgerlichen Dame. Nicht der Ekel vor dem geschäftigen Müßiggange ist es mithin, welcher die proletarische Frau zur Berufsarbeit treibt. Ebenso wenig der Drang, durch ernstes berufliches Wirken die Gleichwertigkeit mit dem Manne nachzuweisen, eine geachtete Stellung in der Familie und der Gesellschaft zu erringen.

Andererseits erscheint der proletarischen Frau nicht wie der bürgerlichen Dame die Berufsarbeit in der Gloriole der Befreierin von der wirtschaftlichen Abhängigkeit vom Manne, vielmehr belastet mit dem Fluche der kapitalistischen Ausbeutung, als schlimmere Form der wirtschaftlichen Knechtung, nämlich der Knechtung durch einen fremden Ausbeuter. Die unter der kapitalistischen Fuchtel frondende Arbeiterin spürt herzlich wenig von der Ehre, der Würde der „freien und befreienden Berufsarbeit“, von der Freude am Schaffen. In der Regel ist eben ihre Berufstätigkeit weder eine frei gewollte, noch der Art nach eine frei gewählte, vielmehr nach der einen und anderen Richtung hin eine aufgezwungene. Die Proletarierin wird nicht Berufsarbeiterin, weil sie in der Ausübung des Berufs eine innere Befriedigung sucht, sondern weil sie Brot erwerben muss. Sie kann nicht den Beruf ergreifen, auf den Veranlagung und Neigung hinweisen, sie muss auf dem Gebiete tätig sein, wo sie die meiste Aussicht hat, ohne besondere Vorbildung und bei möglichst kurzer Lernzeit ihren Unterhalt zu finden. Nicht die Würde und den Segen der Arbeit lernt sie bei ihrer Berufstätigkeit kennen, sie erfährt die durch ihr Weibtum verstärkte Sklaverei der kapitalistisch ausgebeuteten Lohnarbeit. Nicht die Freude am Wirken und Schaffen empfindet sie, sie muss die Qual kosten der sich im ewigen Einerlei wiederholenden mechanischen Handgriffe, welche den besten Teil der Lebenskraft aufzehren, Nerven und Muskeln überspannen und erschöpfen: die Qual des Schuftens, des in nervöser Überreizung Draufloshastens, gespornt von kapitalistischen Antreibern oder von der bitteren Rot.

Da ist es denn erklärlich, dass die Masse der Arbeiterinnen die Berufsarbeit nicht als eine dauernde Lebensaufgabe bewertet, sondern als einen zeitweiligen unvermeidlichen Notbehelf, dem die Einzelne zu entgehen trachtet. In dieser Bewertung wurzelt aber ein sehr großer Teil der Organisationsunlust, welche die meisten Arbeiterinnen abseits von der Gewerkschaft hält. Weil den Arbeiterinnen das klare Bewusstsein ihrer dauernden Berufsarbeiterschaft fehlt, so finden sie sich selbst mit den erbärmlichsten Arbeitsbedingungen als mit einem vorübergehenden Übel leichter ab, als wie die Arbeiter. In der Folge keimt nur schwer die Erkenntnis empor von der Notwendigkeit, durch die Macht der Gewerkschaft gegen das ausbeutende Kapital um gute Arbeitsbedingungen zu kämpfen. Und weil diese Erkenntnis so rückständig ist, so schwer einwurzelt, sind die meisten Arbeiterinnen unlustig, die Opfer an Mitteln und Zeit zu bringen, welche das Gewerkschaftsleben fordert, um sie mit Zins und Zinseszins zurückzuerstatten.

Ein anderer Umstand wirkt im weiblichen Proletariat in der gleichen Richtung. Breite Schichten von Proletarierinnen sind nicht als volle Berufsarbeiterinnen tätig. Der Schwerpunkt ihrer Existenz und ihres Wirkens ruht noch in der Familie und nicht in der Erwerbstätigkeit, die nur „nebenbei“, „zwischendrein“, „gelegentlich“ getrieben wird, um ein gewünschtes Möbel – oder Kleidungsstück anzuschaffen, einen vorübergehenden Notstand abzuwehren, eine behaglichere Lebensführung zu ermöglichen etc. Die leidige Hausindustrie ist es, welche für diese Art der Erwerbstätigkeit den breitesten Spielraum bietet und gerade in der Verwendung der Halb -, Viertels- und Gelegenheitsarbeiterinnen ein wirksames Mittel besitzt, die Löhne niedrig zu halten und zu senken. Diesen Halb -, Viertels- und Gelegenheitsarbeiterinnen mangelt aber der großen Mehrzahl nach aus naheliegenden Gründen das Bewusstsein ihrer Lohnarbeiterschaft so gut wie vollständig. Sie fühlen und denken in der Hauptsache lediglich als Frauen, nicht als Proletarierinnen, nicht als Lohnarbeiterinnen. In ihrem rückständigen Empfinden und Erfassen werden sie wesentlich durch eins gestärkt und erhalten: durch die Isoliertheit, in der sie daheim dem Erwerb nachgehen, statt in der Fabrik, wo vielerlei Umstände und Einflüsse das Solidaritätsgefühl wecken, das Klassenbewusstsein klären und damit zur gewerkschaftlichen Organisation drängen. Die gekennzeichneten Verhältnisse züchten förmlich eine tiefe, unausrottbare Organisationsunlust der Frauen und Mädchen. Nirgends fällt deshalb – der Einfluss noch anderer Umstände vorausgesetzt, auf die wir später zu sprechen kommen – die Agitation für den gewerkschaftlichen Zusammenschluss auf so unfruchtbaren, steinigen Boden, als unter den betreffenden Arbeiterinnenschichten. In der Beziehung Wandel herbeizuführen, Boden, Luft und Licht für den Organisationsgedanken zu schaffen, dazu bedarf es nicht bloß des jähesten, geduldigsten Propagandawerks, da muss vielmehr eine Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse vorausgehen.

Dass die Segnungen der Organisation von der Masse der Arbeiterinnen nur sehr langsam erkannt werden, dass nur sehr langsam die Unlust zur Organisation schwindet, dazu trägt ein weiterer Tatbestand in hervorragendem Maße bei. Für die meisten verheirateten Arbeiter werden durch die Familie die bitteren Wirkungen von Lohnsenkungen, Arbeitslosigkeit, Krankheit etc. aufs Schärfste zugespitzt. In Tausenden von Fällen dagegen werden durch die Familie die traurigen Folgen jener Momente für die Arbeiterin gemildert. Die Arbeiterin ist im Allgemeinen zu geringeren materiellen Leistungen an die Familie verpflichtet, als der Mann, sie findet noch vielfach innerhalb gewisser Grenzen eine Stütze an ihr. Ihre häuslichen Leistungen erleichtern und ermöglichen das Letztere ebenso sehr, wie die ihr als „bedürfnisloser Frau“ eignende Fähigkeit, „sich krumm zu legen“, die weibliche Genügsamkeit bis zum härtesten Dulden und Entbehren zu steigern.

Die weibliche Bedürfnislosigkeit steht übrigens bekanntlich nicht bloß in den Tagen besonderer Ungunst dem Anschluss der Arbeiterin an die Gewerkschaft hindernd im Wege. Sie ist jederzeit ein ganz wesentliches Hemmnis für die Entwicklung und Befestigung der Erkenntnis, dass die Arbeiterinnen der gewerkschaftlichen Organisation noch dringender bedürfen, als sogar die Arbeiter. Die unterbürtige Stellung der Frau in der Familie und der Gesellschaft hat diese „verdammte Bedürfnislosigkeit“ großgezogen und nährt sie noch heute, und das Kapital beutet sie aus. Der Unternehmer schätzt es als eine kostbare Tugend der Arbeiterinnen, dass sie so kulturwidrig „bescheiden und anspruchslos“ sind, mit weit weniger ihren Unterhalt bestreiten, als ihre Brüder der Fron. Diese Genügsamkeit ist ja die Quelle fetter kapitalistischer Profile. Die Arbeiterinnen rauchen nicht und besuchen kein Wirtshaus; die „Bildungslaster“ des Zeitungslesens und Versammlungsbesuches haften ihnen nicht an; sie sind gewöhnt, den Genuss von Fleisch als Luxus und jede Minute der Muße als eine Verletzung der Pflicht des Arbeitstieres zu betrachten. Sie lassen sich deshalb die schmachvollsten Arbeitsbedingungen bieten; sie verstehen nicht die Sprache ihrer kärglichen Lebensverhältnisse, die mit überzeugender Wucht mahnen: Organisiert Euch, damit Ihr wider den Stachel der kapitalistischen Ausbeutung zu löcken, damit Ihr zu einer höheren Lebenshaltung, zu einer höheren Kultur emporzusteigen vermögt.

Die Organisationsunlust der Arbeiterinnen wird noch durch andere „echt weibliche“ Eigenschaft gefördert, die aus der nämlichen Wurzel wie die Bedürfnislosigkeit entspringt und ebenfalls von Kapitalisten und Spießbürgern als tugendsame Zier über den grünen Klee gepriesen wird. Es ist dies die Unterwürfigkeit, die Schmiegsamkeit der Arbeiterinnen, ihre Gewöhnung an das Gebot des Magdtums! „Das Weib diene und sei stille.“ Die Arbeiterin unterwirft sich so leicht dem Willen der Unternehmer, sie findet sich mit den von ihnen geübten Kniffen und Pfiffen der Ausbeutung so widerstandslos ab, weil sie als Frau vielfach von frühester Jugend an an Unterwerfung unter den männlichen Willen gewöhnt ist und in der Fabrik in dem Kapitalisten ihren unumschränkten Herrn erblickt, wie daheim in dem Manne. Sie empfindet deshalb keine Neigung, von ihrer Sklavenrast, ihrem Hungerlohn zu nehmen, um der Gewerkschaft anzugehören und durch deren Macht der kapitalistischen Ausbeutung energischen Widerstand entgegenzusetzen.

Allgemein anerkannt ist, wie ungemein erschwert die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen wird in Folge von Eigenschaften, die unter sich in innigem Zusammenhang stehen und ihre Erklärung finden in der unterbürtigen Stellung der Frau, ihrem Abseitsstehen vom öffentlichen Leben, ihrem einseitigen Wirken im Haus und für die Familie. Lange Zeiträume hindurch ist die Familie die einzige Gemeinschaft gewesen, mit welcher die Frau sich unmittelbar in Zusammenhang fühlte, und auf die sie Einfluss ausüben konnte. Die Frau geht deshalb auch in unseren Tagen mit ihrem Interesse, ihrem Empfinden und Denken meist nicht über den Familienkreis hinaus, sie ermangelt des Bürgersinns, um diesen Ausdruck zu gebrauchen.

Als Frau fehlt es der Arbeiterin an jenem regen Interesse für die Allgemeinheit, das unwiderstehlich dazu treibt, nach klarem Einblick in das gesellschaftliche Leben zu streben. Als Frau übersieht die Arbeiterin die hunderterlei groben und feinen Zusammenhänge, welche ihre eigene Existenz mit der Allgemeinheit, ganz besonders aber mit ihrer Klasse verknüpfen; die Wechselbeziehungen, welche zwischen der Gesellschaft und der Familie bestehen. Sie wird sich nicht bewusst, dass für ihr Wohl und Wehe die Lage ihrer Klassenschwestern und Klassenbrüder mit von entscheidender Bedeutung ist, und dass ihr eigenes Sein und Tun die Verhältnisse ihrer Klassengenossen beeinflusst. Das vielfältige Ungemach ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen empfindet sie nur als persönliches Missgeschick, nicht als Ausfluss der proletarischen Klassenlage. Wohl regt sich der Klasseninstinkt in der Masse der Lohnsklavinnen, allein noch ist er nicht zum klaren Klassenbewusstsein entwickelt. In der Folge empfinden die Arbeiterinnen kein kräftiges Solidaritätsgefühl und noch weiter ab liegt ihnen die Betätigung desselben. Den Wenigsten von ihnen ist deshalb die Notwendigkeit des gewerkschaftlichen Zusammenschlusses und gewerkschaftlichen Kampfes klar. Die Verpflichtungen, welche die Zugehörigkeit zur Organisation auferlegt – Mitgliedsbeiträge, Unterstützungsgelder, Versammlungsbesuch, Lesen des Fachblatts etc. – erscheinen ihnen als überflüssige Aufwendungen, wenn nicht gar als Verletzung der Pflichten gegen die Familie. Sie rechnen nur die augenblicklichen Opfer nach, welche die Gewerkschaftsbewegung fordert, sie übersehen dagegen die dauernden Vorteile, welche diese Bewegung der Arbeiterklasse und damit jedem einzelnen Glieds derselben mittelbar oder unmittelbar schafft. Blind für die materiellen Segnungen der Organisation fehlt ihnen für deren große ideelle Bedeutung jedes Verständnis. Blickt die Proletarierin aus den gekennzeichneten Gründen schon scheelen Auges auf die Zugehörigkeit des Mannes zur Gewerkschaft, so erscheint ihr die eigene Beteiligung am Gewerkschaftsleben als etwas ganz Unfassbares, das ihrem hergebrachten Empfinden und Denken aufs Schroffste widerstreitet. Auch in Folge der rückständigen Entwicklung des weiblichen Geschlechts steht deshalb die Masse der Arbeiterinnen gleichgültig, widerwillig und unlustig den Bestrebungen gegenüber, die weibliche Lohnarbeiterschaft in die Gewerkschaften einzubeziehen.

Aber trotz alledem: mag die Organisationsunlust der Arbeiterinnen noch so groß, noch so tief gewurzelt sein, sie ist nicht unüberwindlich, sie muss mit der Zeit vor einer unermüdlichen, zielklaren Agitation weichen. Denn im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Leben sind Kräfte wirksam, welche jenen Eigenschaften und Umständen entgegenarbeiten, in denen die Organisationsunlust der Arbeiterinnen wurzelt, die darauf hindrängen, dass auch die erwerbstätige Proletarierin sich von der widerstandslos billig und willig Frondenden zur organisierten Kämpferin auf wirtschaftlichem Gebiete erhebt. In einem folgenden Artikel werden wir uns mit den Umständen befassen, deren Tendenz ist, die Arbeiterinnen organisationsunfähig zu machen, um zum Schluss zu erörtern, wie sowohl Organisationsunlust, wie Organisationsunfähigkeit zu bekämpfen ist.

III.

Die sehr langsamen und kleinen Fortschritte der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen werden schon erklärlich durch die früher erörterten Umstände, welche eine gewisse Organisationsunlust bedingen. Aber noch bei Weitem hemmender als sie wirken dem Anschluss der erwerbstätigen Proletarierinnen an die Gewerkschaften Verhältnisse entgegen, welchen die Tendenz innewohnt, die Arbeiterinnen geradezu organisationsunfähig zu machen. Es sind dies im Wesentlichen die übermäßige Belastung mit Arbeit und die niedrige Entlohnung. Auch diese Hindernisse wurzeln in letzter Linie in dem Weibtum der Arbeiterinnen, das unter der Herrschaft der kapitalistischen Ordnung zur Vorbedingung wird für den höchstmöglichen Grad der Ausbeutung und damit der Unfreiheit und des Gebundenseins der Persönlichkeit. Ungünstige soziale Verhältnisse, die auf der Arbeiterin als Frau lasten und ungünstige soziale Verhältnisse, welche sie als Proletarierin niederdrücken, wirken zusammen, um für die Massen der industriell tätigen Frauen und Mädchen äußerst wichtige Voraussetzungen der gewerkschaftlichen Organisationsfähigkeit zu zerstören.

Von ausschlaggebendem Einfluss ist da zunächst das Übermaß und die Vielseitigkeit der Pflichtleistungen, welche der Proletarierin obliegen, die dem Erwerb nachzugehen gezwungen ist.

Der Arbeiter – dafern er nicht in der aufs Höchste versklavenden Hausindustrie frondet – hat im Allgemeinen nach Feierabend etliche Stunden frei, in denen er ruhen kann, die er seiner Bildung, dem Vereins- und Versammlungsleben zu widmen vermag. Er hat nur ein wirtschaftliches Tätigkeitsfeld: seinen Beruf. Den Teil seiner Zeit und Kraft, welcher der kapitalistischen Ausbeutung entzogen bleibt, kann er als Staatsbürger öffentlichen Angelegenheiten, kann er als kämpfender Proletarier dem Ringen gegen den Kapitalismus widmen. Die bürgerliche Dame ihrerseits ist durch die Entwicklung unseres Wirtschaftslebens den früheren wirtschaftlichen Leistungen der Frau in der Familie ganz oder zum größten Teil enthoben. Soweit die ehemaligen häuslichen Verrichtungen nicht aus dem Heim verlegt und besondere Berufsarbeiten geworden sind, liegen sie in der Hauptsache Mietpersonen ob. Die Rolle der Hausfrau beschränkt sich meist auf die Leitung und Überwachung des Haushalts, hier und da sogar nur auf den geschäftigen Müßiggang und die Drangsalierung der Dienstboten. Telefon und Telegraf etc., das Nichtvorhandensein der Notwendigkeit, mit jedem Pfennig rechnen zu müssen, vereinfachen die Hausgeschäfte in bürgerlichen Kreisen immer mehr. In Hunderten und Tausenden von Fällen hat die bürgerliche Frau in der Folge in der Familie kein wirtschaftliches Tätigkeitsfeld oder wenigstens keins, das ihre volle Kraft in Anspruch nimmt. Es ist ihr deshalb möglich, sich an allgemeinen Bestrebungen zu beteiligen, ohne ein Übermaß an Charakterstärke und Opfermut aufwenden zu müssen. Diejenigen bürgerlichen Frauen, welche durch ihre materielle Lage und ihre Berufsarbeit in das Proletariat der Kopfarbeit gedrängt werden, erfreuen sich allerdings nicht der gleichen Bewegungsfreiheit, die Enge ihrer Existenz bebürdet vielmehr sie, wie die Proletarierinnen der Handarbeit, mit beruflichen und mit häuslichen Pflichten. Aber immerhin ist für sehr zahlreiche erwerbstätige bürgerliche Frauen nur der Zwang des Wirkens auf einem Gebiete vorhanden: auf dem der Berufsarbeit. Dank eines bürgerlichen Einkommens und anderer Umstände noch ist es ihnen möglich, die Hausarbeiten bezahlten Hilfskräften zu übertragen.

Ganz anders liegen die Verhältnisse für die Arbeiterin, zumal für die verheiratete Arbeiterin. Ihre Bewegungsfreiheit im öffentlichen Leben und damit die Möglichkeit ihrer vollen Beteiligung am Gewerkschaftsleben ist nicht so groß wie die des Arbeiters, ist nicht so groß wie die der bürgerlichen Frau.

Die Dürftigkeit der proletarischen Existenz zwingt die ums Brot arbeitende Proletarierin auf zwei Gebieten wirtschaftlich tätig zu sein: in der Industrie und im Hause. Sie ist die moderne Lohnsklavin geworden, aber gleichzeitig die Haussklavin geblieben. Die Notwendigkeit, das Einkommen der Familie zu vergrößern, wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen, treibt sie in Fabrik und Werkstatt, fesselt sie als Heimarbeiterin an die Erwerbsarbeit. Aber ihr Verdienst bemisst sich nicht nach ihren Wünschen, ja nicht einmal nach ihren Bedürfnissen. Er ist den Gesetzen der kapitalistischen Ordnung unterworfen und sichert ihr, der zwiefach Widerstandslosen gegenüber der Geldsacksgewalt, wenig mehr als die nackte Existenz, während ihr Schaffen kraft der nämlichen Gesetze dem Unternehmer reichen Profit zuwirft. Sie ist deshalb außer Stande, für die dem Hause, der Familie entzogene Kraft Ersatz zu zahlen, sondern muss neben der Erwerbsarbeit noch den häuslichen Verrichtungen obliegen. Der Arbeitstag der erwerbenden Proletarierin hat deshalb tatsächlich keine Grenzen; er beginnt lange vor der Berufsarbeit und endet lange nach ihr, tief in der Nacht. In vollem Umfange gilt das für die verheiratete Arbeiterin, die noch ehe der Tag graut. Nachts und Sonntags den Haushaltungsgeschäften nachgehen, kochen, scheuern, waschen, ausbessern muss, womöglich auch die neue Kleidung und Wäsche für sich und die Kinder anzufertigen gezwungen ist. Die hauswirtschaftliche Rührigkeit, Tüchtigkeit der Frau ist ja von allergrößter Bedeutung für die proletarische Familie. Aber auch die ledige Arbeiterin ist nach Feierabend nicht etwa völlig frei. Ist sie für ihre Existenz lediglich auf ihren Verdienst angewiesen, so bedingt dessen Knappheit, dass sie den größten Teil der für ihre Lebenshaltung nötigen häuslichen und „weiblichen“ Arbeiten selbst verrichtet; vielfach muss sie noch bedacht sein, durch Arbeit für die „Logiswirtin“, durch Servieren in Restaurants, durch Heimarbeit ein paar Pfennige zu verdienen. Besitzt sie aber noch einen Rückhalt an der Familie, so fällt ihr in der Regel auch ihr Teil an den Hausgeschäften zu. Wir sehen für den Augenblick davon ab, dass der Proletarierin Zeit und Kraft bleiben muss oder wenigstens bleiben müsste für die Pflege der geistig-sittlichen Seite des Familienlebens. Wir rechnen mit der traurigen Tatsache, dass die kapitalistische Ausbeutung die proletarische Familie mehr und mehr in eine bloße Tisch- und Schlafgenossenschaft verwandelt, oft in eine Schlafgenossenschaft allein. In der Folge muss sich die Frau in der proletarischen Familie mit ihrem Wirken fast ganz auf wirtschaftliche Aufgaben beschränken: sie ist der Hauptsache nach Haushälterin: Mutter und Gattin, Erzieherin und Lebensgefährtin dagegen nur nebenbei, nach der äußeren Seite hin, soweit es die Not des Lebens zulässt.

Diese Umstände muss man vor allein in Betracht ziehen, wenn man die vollen Schwierigkeiten ermessen will, welche sich der gewerkschaftlichen Organisierung der Arbeiterinnen entgegenstellen. Denn diese Umstände vernichten für breite Massen der erwerbstätigen Frauen und Mädchen unerlässliche Vorbedingungen der Zugehörigkeit zur Gewerkschaft, des dauernden, inneren und innigen Zusammenhangs mit ihr.

Woher soll die für den Erwerb frondende, im Hause wirtschaftende Proletarierin die Zeit nehmen, eine regelmäßige Besucherin der gewerkschaftlichen Versammlungen zu sein? Woher die nötige körperliche und geistige Kraft und Frische, die Energie und Stärke des Charakters, über ihre Lage nachzudenken, in Presse und Versammlungen Belehrung über die Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung zu suchen? Jede Minute ihrer Zeit, jedes Fünkchen ihrer Kraft wird von unabweisbaren Aufgaben in Anspruch genommen. Von zwei Seiten her mit Pflichten belastet, hetzt sie von Arbeit zu Arbeit; müde, abgerackert, vielleicht von erfahrener Unbill erbittert, von schweren Sorgen geängstigt, kehrt sie Abends in das ärmliche Heim zurück, wo ihrer statt der Ruhe ein zweiter Arbeitstag wartet. Der aufs Äußerste Abgearbeiteten bleibt im Allgemeinen nicht jener Überschuss von Zeit, geistiger Kraft und Charakterstärke, der für die verständige und treue Beteiligung an der gewerkschaftlichen Bewegung unerlässlich ist.

Dieser Tatbestand ist eine der wesentlichsten Ursachen davon, dass die Arbeiterinnenmassen der Organisation fernbleiben. Er erklärt aber auch mehr als die „weibliche Unbeständigkeit und Rückständigkeit“ allein, warum die heule für die Gewerkschaft gewonnenen weiblichen Mitglieder vielfach morgen schon wieder fahnenflüchtig werden, warum die organisierten Arbeiterinnen in den Gewerkschaftsversammlungen nur vereinzelt, ausnahmsweise, seltenen Zugvögeln gleich, anzutreffen sind.

Der Druck der kapitalistischen Ausbeutung lässt die Arbeiterin nach einem Weg ausschauen, der aus ihrem Elend zu lichteren Daseinsbedingungen fühlt. Sie ermöglicht es daher trotz aller ungünstigen Verhältnisse, hier und da einmal einer Agitationsversammlung beizuwohnen, wo sie die frohe Botschaft von den Segnungen der Organisation hört. Begeistert und überzeugt schließt sie sich der Gewerkschaft an, zumal in Zeiten wirtschaftlicher Kämpfe. Aber die Überbürdung mit Arbeiten setzt sie außer Stand, regelmäßig die Gewerkschaftsversammlungen zu besuchen, sie verliert deshalb die Fühlung mit der Organisation. Die entfachte Begeisterung erlischt allmählich wie eine Lampe, der das Öl ausgegangen ist. Denn das eigentliche Leben, die innere und äußere Entwicklung der Gewerkschaft bleibt der Arbeiterin fremd, sie nimmt keinen tätigen Anteil daran, sie verwächst nicht geistig damit. In der Folge ist ihr im Allgemeinen die Neigung eigentümlich, die Gewerkschaft lediglich unter dem Gesichtswinkel einzelner Ereignisse, einzelner Lohnkämpfe etc. und deren Ausgang zu betrachten. Es mangelt ihr der klare Blick für das, was diese im Laufe der Zeit und dauernd für die wirtschaftliche Hebung der Arbeiterklasse leistet, welch hohe erzieherische Wirkung sie auf ihre Mitglieder ausübt, mit einem Worte, welch hohe kulturelle Bedeutung ihr innewohnt. Das Unterbleiben des Versammlungsbesuchs führt zu einem Ausbleiben der tieferen gewerkschaftlichen Schulung. Und weil dem so ist, so genügt oft ein Zufall, die der Organisation beigetretenen weiblichen Mitglieder zum Austritt zu bestimmen. Und weil dem so ist, so bleiben recht viele der organisierten Arbeiterinnen laue Gewerkschaftlerinnen, die ihre Pflicht der Organisation gegenüber mit Zahlung der Mitgliedsbeiträge erfüllt wähnen, denen aber jene durch Schulung gefestigte klare und begeisterte Überzeugung von der Bedeutung der Gewerkschaft abgeht, die zum steten Wirken für deren Entwicklung treibt, insbesondere aber zur werbenden Agitation unter den Arbeitsgenossinnen und Genossen.

Gewiss, dass es Arbeiterinnen gibt, die ungeachtet der Bebürdung mit Zwangsleistungen für den Kapitalismus und mit Pflichtleistungen für die Familie vorzügliche Gewerkschaftlerinnen sind, Muße und Kraft gefunden haben, sich zu schulen und die nicht bloß als gleichwertige, sondern als hervorragende Mitglieder einer Organisation in Reih und Glied stehen. Aber diese Arbeiterinnen machen nur eine Handvoll von den Massen aus, die es gewerkschaftlich zu organisieren gilt. Und sie stellen bezüglich ihres Dranges nach geistiger Entwicklung, bezüglich ihrer Willensstärke und Opferfreudigkeit Ausnahmen dar, die weit eher das überschwänglichste Lob verdienen, als jene Fürstinnen und vornehme Damen, die eine feile Geschichtsklitterung als „Zierden ihres Geschlechts“ besingt.

Gewiss, dass es auch Tausende von Arbeiterinnen gibt, die trotz der zwiefachen Ansprüche an ihr Leistungsvermögen gewerkschaftlich organisiert sind. Aber diese Tausende gehören der Elite der erwerbstätigen proletarischen Frauenwelt an und kommen der Mehrzahl nach doch nicht über die äußere Zugehörigkeit zur Gewerkschaft hinaus.

Unter den Ausnahmen, unter der Elite der Arbeiterinnen jedoch da flutet das gewaltige Meer der Lohnsklavinnen, die noch ohne Erkenntnis vom Nutzen und der Notwendigkeit der Gewerkschaft sind. Was die Organisationsfähigkeit dieser Massen anbetrifft, so dürfen wir uns nicht auf das verlassen, was da sein sollte, wir müssen vielmehr mit dem rechnen, was da ist. Wir dürfen sie also weder bewerten nach den Leistungen der einzelnen glänzenden Ausnahmen, noch nach der Haltung der Arbeiterinnenelite. Wir müssen vielmehr die Tatsache im Auge behalten, dass das Übermaß der von der Proletarierin geforderten Pflichtleistungen die Masse der Arbeiterinnen so vollständig versklavt, dass ihnen die materielle Vorbedingung fehlt, ratende und tatende Mitglieder der Gewerkschaft zu sein.

Diese Tatsache muss festgehalten werden, nicht etwa zu dem Zwecke, den Eifer für die gewerkschaftliche Agitation zu lähmen, vielmehr um vor Enttäuschungen zu bewahren, wenn die Einbeziehung der Arbeiterinnen in die Gewerkschaften so langsam erfolgt. Sie muss aber auch vor allem festgehalten werden, um Mittel und Wege zu finden, der Organisationsunfähigkeit der Arbeiterinnenmassen entgegenzuwirken. Das vorzüglichste Mittel zu ihrer Bekämpfung ist der gesetzliche Arbeiterinnenschutz, sind soziale Reformen, welche im Interesse der gesamten Arbeiterklasse liegen. Wir werden das noch ausführlich nachweisen. Zum Schlusse nur noch die Bemerkung, dass eine so vorzügliche Kennerin und beredte Vorkämpferin der Gewerkschaftsbewegung wie Beatrice Webb mit uns in dem gesetzlichen Arbeiterinnenschutz die wesentlichste Vorbedingung für die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnenmassen erblickt. Es ist kein Zufall, es ist in den tatsächlichen Verhältnissen begründet, dass die Kategorie der englischen Arbeiterinnen, die sich am längsten des gesetzlichen Schutzes gegen die kapitalistische Ausbeutung erfreut, nämlich die Textilarbeiterinnen, in der gewerkschaftlichen Organisation in einer Stärke vertreten ist, wie keine andere Arbeiterinnenschicht. Von den mehr als 100.000 gewerkschaftlich organisierten englischen Arbeiterinnen sind mehr als 90.000 Textilarbeiterinnen. Angesichts der durch die gekennzeichneten Verhältnisse bedingten Organisationsunfähigkeit der breiten Arbeiterinnenmassen darf die Losung also keineswegs heißen: Verzicht auf die gewerkschaftliche Agitation. Sie muss vielmehr durch die Parole ergänzt werden: Her mit dem gesetzlichen Arbeiterinnenschutz, um eine unerlässlichen Vorbedingung für den dauernden Erfolg der gewerkschaftlichen Agitation zu schaffen.

IV.

Zu den Hindernissen, welche die Überbürdung der Proletarierin mit Mühen und Pflichten ihrer Beteiligung an der Gewerkschaftsbewegung entgegenstellt, tritt noch der Einfluss des niedrigen Verdienstes.

Man geht gewöhnlich von der Voraussetzung aus, dass die bekannten Hungerlöhne der Arbeiterinnen ein besonders starker Anreiz sein müssten, welcher die in der Industrie frondenden Frauen und Mädchen in Masse den Organisationen zutreibt. Nun begründet die meist geradezu schmachvolle Entlohnung der Frauenarbeit sicherlich überzeugend die Notwendigkeit, die Arbeiterinnen gewerkschaftlich zu organisieren, und dies in ihrem eigenen Interesse an einem höheren Verdienst, wie in dem der Arbeiter an einer Bekämpfung der Schmutzkonkurrenz. Aber andererseits erweist sich, dass die niedrigen Löhne weit weniger zur Organisierung anspornen, als vielmehr von der Gewerkschaft fernhalten. Die Geschichte der Gewerkschaftsbewegung bestätigt das durchaus. Im Allgemeinen sind es bekanntlich überall nicht die schlechtest gelohnten Arbeiter, welche die stärksten, leistungsfähigsten Organisationen haben, sondern die verhältnismäßig gut gelohnten sind es, die „Aristokraten“ der Arbeiterklasse. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Die leidlich verdienenden Proletarier können eher die paar Groschen aufwenden, welche die Gewerkschaftsbewegung fordert; für die gering entlohnten Arbeitskräfte dagegen bedeutet jede Ausgabe für Gewerkschaftszwecke ein Opfer, das zu bringen schwer fällt, ja sehr oft unmöglich ist. Was für die Einen ein Sparen von einem geringen Überschuss ist, das wird für die Anderen ein Entbehren vom Nötigsten.

Was in dieser Beziehung im Allgemeinen gilt, das trifft ganz besonders für die Arbeiterinnen zu. Ihre Löhne pendeln in der Regel hart an der Hungergrenze hin und her, und äußerst dünn ist die Schicht der Lohnsklavinnen, die genügend für einen auskömmlichen Lebensunterhalt erwerben. Eine umfassende offizielle Statistik über die Erwerbsverhältnisse der deutschen Arbeiterinnen ist leider nicht vorhanden. Aber soweit zuverlässige Ermittlungen vorliegen, zeichnen sie das denkbar düsterste Bild von der Entlohnung der Frauenarbeit auf industriellem Gebiet. Zehntausende und Zehntausende von deutschen Proletarierinnen müssen sich noch heute mit dem wöchentlichen Durchschnittslohn von 6 Mk. begnügen, den der konservative Kuno Frankenstein seiner Zeit für das Gros der Breslauer Arbeiterinnen herausrechnete. Und die Erhebung der Reichskommission für Arbeiterstatistik über die Verhältnisse in der Konfektionsindustrie hat klärlich erwiesen, dass in der Berliner Bekleidungsindustrie sehr viele Arbeiterinnen bei Weitem nicht den vom genannten Gelehrten angegebenen Durchschnittsverdienst von 10 bis 12 Mk. pro Woche erreichen. Die Zahl der Konfektionsarbeiterinnen und Wäschenäherinnen in den verschiedensten Zentren ist beträchtlich, welchen nicht ein Jahreseinkommen von 400 Mk. gesichert ist. Die Blumenmacherinnen, Kartonagenarbeiterinnen, Krawattennäherinnen, Stickerinnen erzielen im Allgemeinen keinen höheren Verdienst; Buchbinderinnen und Falzerinnen sind nicht viel besser gestellt, und bekannt ist, dass die Textilarbeiterinnen, die Fabrikarbeiterinnen verschiedener Art in der Regel mit wahren Bettelpfennigen entlohnt werden.

Zu beachten ist, dass sich das Jahreseinkommen zahlreicher Arbeiterinnen bei Weitem niedriger stellt, als der Wochenverdienst es vermuten lässt. Denn gerade in manchen Industrien, wo vorwiegend Frauen und Mädchen beschäftigt sind, spielt die Saisonarbeit eine hervorragende Rolle. Die Arbeitskräfte werden abwechselnd angezogen und abgestoßen, der Verdienst ist ein unregelmäßiger und schwankender, und die Arbeiterinnen können hier um so weniger auf dauernden Erwerb rechnen, als in den betreffenden Berufszweigen die Gelegenheitsarbeiterinnen, die „höheren Töchter“ und „besseren Frauen“ als Schmutzkonkurrentinnen auf den Plan treten. Dazu noch eins: sehr viele Frauen und Mädchen sind als Heimarbeiterinnen tätig. Von ihrem nominellen Verdienst, der ohnehin knapp genug ist, muss ein nicht unbeträchtlicher Teil in Abrechnung gebracht werden für Zutaten, Betriebskosten an Beleuchtung, Beheizung etc.

Übrigens ist die Kärglichkeit der Frauenlöhne eine bekannte und anerkannte Tatsache. Fast durchgehend halten sie sich unter dem Verdienst der Männer und sind zum Teil um ein Drittel, um die Hälfte niedriger als dieser. Der letzte Grund dafür ist das Weibtum der Proletarierin. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung ermöglicht es dem Unternehmer, dasselbe als einen lohnverbilligenden Umstand auszunutzen. Der Kapitalist rechnet damit, dass die Arbeiterin als Weib in der Ehe, in der Familie einen Teil ihrer Existenz findet, dass ihr als Weib in der Prostitution eine zeitweilige Einnahmequelle, ein Nebenerwerb offen steht. So ist der Lohn der weiblichen Arbeitskräfte von vornherein nicht mit Rücksicht auf die Sicherung des vollen Lebensunterhalts bemessen, vielmehr lediglich unter dem Gesichtswinkel eines Zuschusses zu anderweitigem Verdienst. Je weniger heutzutage die proletarische Familie noch ihren weiblichen Mitgliedern den Unterhalt zu sichern vermag, um so krasser tritt die Unzulänglichkeit der Arbeiterinnenlöhne zu Tage, um so häufiger muss die ledige Proletarierin aus dem Verkauf ihres Körpers auf dem Markte der Prostitution für ihre Existenz die Grundlage suchen, welche der Verkauf ihrer Arbeitskraft nicht schafft.

Das bestätigt klipp und klar das Zeugnis von Leuten, die gewiss frei von dem Verdacht sind, als ††† „Umstürzler“ diese Welt der kapitalistischen Ausbeutung nicht für die beste aller Welten zu halten und ihr aus Lust und Liebe zum „Hetzen“ eins am Zeuge flicken zu wollen. So erklärt z.B. der bereits angeführte Kuno Frankenstein: „Eine sehr große Zahl der Arbeiterinnen unserer Großstädte erhält Löhne, welche nicht hinreichen, die notwendigsten Bedürfnisse des Lebens zu befriedigen und befindet sich aus diesem Grunde in der Zwangslage, entweder einen ergänzenden Erwerbszweig in der Prostitution zu suchen, oder den unabwendbaren Folgen körperlicher und geistiger Zerrüttung zu verfallen.“ (Schmollers Jahrbuch XII, 2, „Die Lage der Arbeiterinnen in den Großstädten.“) In dem gleichen Sinne äußert sich Gertrud Dyhrenfurth in ihrer kürzlich erschienenen Broschüre: „Die hausindustriellen Arbeiterinnen in der Berliner Blusen -, Unterrock -, Schürzen- und Trikotfabrikation“. (Siehe Nr. 22 und 23 der „Gleichheit.“) Gewerberäte, Handelskammern von fast allen größeren deutschen Städten anerkannten 1887 unumwunden die Tatsache in den „Ergebnissen der Ermittlungen über die Lohnverhältnisse der Arbeiterinnen in der Wäschekonfektion und der Konfektionsbranche etc.“ 1896 suchte man zwar auf Grund der Vernehmung von Auskunftspersonen über die Verhältnisse in der Kleiderkonfektion durch die Reichskommission die unbequeme Wahrheit zu vertuschen. Allein die im „Protokoll über die Verhandlungen der Kommission für Arbeiterstatistik etc.“ enthaltenen Angaben über die Einkommensverhältnisse der Konfektionsarbeiterinnen strafen den Vertuschungsversuch Lügen und lassen ihn als verlorene Liebesmüh‘ kapitalfrommer Geheimbderätelei [?] erscheinen.

Man macht sich gewiss keiner Übertreibung schuldig, wenn man annimmt, dass die Mehrzahl unserer Arbeiterinnen durch ihre Berufstätigkeit zu wenig zum Leben und zu viel zum Sterben erwirbt. Das Zu-viel-zum-Sterben unter dem Vorbehalt verstanden, dass damit ein schneller Tod gemeint ist. Denn wer die Ernährungsverhältnisse kennt, zu denen die übergroße Mehrzahl der Arbeiterinnen auf Grund ihres schmalen Verdienstes verurteilt ist, für den kann es nicht zweifelhaft sein, dass Tausende und Abertausende von ihnen durch chronische Verhungerung, durch stete Unterernährung in täglicher Qual langsam einem vorzeitigen Tode überantwortet werden. Eine stattliche Zahl der Leiden, welche an der Lebenskraft der Proletarierinnen zehren, wurzeln in ungenügender Ernährung, in Überarbeit, ungesunden Wohnungsbedingungen, kurz in den unvermeidlichen Wirkungen der niedrigen Entlohnung. Tatsachen über Tatsachen zeigen, dass im Allgemeinen der Erwerb der Arbeiterinnen kaum die nackten Existenzkosten deckt, ja vielfach nicht einmal zur Bestreitung derselben ausreicht. Wo soll da das Mehr über die Existenzkosten herkommen, das – wie auch Mrs. Webb betont – die Möglichkeit von Aufwendungen zu Gewerkschaftszwecken verbürgt?

Gewiss, die Beiträge der weiblichen Mitglieder der Gewerkschaften sind äußerst niedrig; 20 Pf. im Monat, 10, 15 Pf. die Woche etc. Was die Gewerkschaftlerin vorkommenden Falles an außerordentlichen Beiträgen für Streiks u. A. leisten muss, das macht im Jahre noch nicht die Summe aus, welche der Kapitalistenstaat ihr im Laufe eines einzigen Monats durch besteuerte und verteuerte Lebensmittel abknöpft. Und die Ausgaben, welche sich die „Begehrliche“ beim Besuch von Versammlungen etwa für ein Viertel Bier oder eine Tasse Kaffee gestattet, bleiben um ein Erkleckliches hinter den Rechnungen zurück, welche den notleidenden Agrariern bei ihren Tagungen im renommierten Moderestaurant überreicht werden. Aber wenn es sich bei den Ausgaben, welche die Gewerkschaftsbewegung mit sich bringt, auch nur um Pfennige und Groschen handelt: die Arbeiterin muss mit Pfennigen und Groschen rechnen. Bei der Dürftigkeit ihres Verdienstes und dem daraus sich ergebenden ärmlichen Zuschnitt ihrer Existenz sind Groschen, selbst Pfennige Summen, welche für andere Zwecke als die der nackten Lebensnotdurft öfters nur um den Preis der härtesten Entbehrungen verausgabt werden können.

Man denke sich in die Lage der Arbeiterinnen, welche mit einem Verdienst von 9 Mk. in der Woche ihre gesamten Bedürfnisse bestreiten müssen: die Miete für das Dachkämmerchen oder die Schlafstelle, Ernährung, Wäsche, Kleidung, Versicherungsbeiträge etc. Welche Kunststücke des Sparens, des Darbens sind nicht unter solchen Verhältnissen erforderlich, um von Tag zu Tag die Existenz zu fristen, ohne dass Schulden auflaufen! Von der Lage der breiten Schicht von Arbeiterinnen zu schweigen, die mit ihrem wöchentlichen Verdienst unter 9 Mk. bleiben, wohl gar nicht über 6 Mk. kommen, und auf Grund dieses Einkommens Gesundheit, Arbeitskraft und – Tugend bewahren sollen. Mit Groschen und Pfennigen müssen selbst die meisten Arbeiterinnen rechnen, welche in der Familie leben. Denn abgesehen von denen, welche nur nebenbei erwerbstätig sind, um ein Eckchen verhältnismäßigen Luxus erhaschen zu können, müssen auch sie für die Kosten ihres Lebensunterhalts arbeiten, ja sehr oft noch zur Unterstützung arbeitsunfähiger Eltern, Geschwister beitragen, für ein Kind sorgen etc.

Angesichts dieser Sachlage begreift es sich, dass die Masse der Arbeiterinnen vor den bescheidenen materiellen Opfern für Gewerkschaftszwecke zurückschreckt. Zurückschreckt auch dann, wenn sich die Einzelne sagt, dass die kleinen Aufwendungen im Interesse eines späteren größeren Nutzens liegen. Die Existenzbedürfnisse der Gegenwart, die tagtäglich, stündlich ihr Recht mit zwingender Gewalt heischen, schlagen die Rücksicht auf die in der Zukunft liegenden Vorteile tot. Es ist dies um so weniger verwunderlich, wenn man bedenkt, dass die äußerst unsichere proletarische Lage, die aus der Hand in den Mund zu leben zwingt, so wenig als möglich dazu angetan ist, die Voraussicht zu begünstigen. Hat die einzelne Arbeiterin sich zehnmal vorgenommen, der Gewerkschaft anzugehören und die Verpflichtungen ihr gegenüber gewissenhaft zu erfüllen, so wirft doch in vielen Fällen schon der nächste Lohntag den guten Vorsatz über den Haufen. Es gibt einen Abzug, und gerade in dieser Woche müssen die Schuhe ausgebessert werden. Die Leistung des Mitgliedsbeitrags für die Organisation unterbleibt, muss unterbleiben, die Arbeiterin hofft nächste Woche für zwei Mal zahlen zu können. Und die nächste Woche bringt abermals kärglichsten Lohn und ein neues unabweisbares Bedürfnis. Aus Sparsamkeitsrücksichten hält sich die Arbeiterin wieder und wieder von den Gewerkschaftsversammlungen fern, und wieder und wieder verschiebt sie die Begleichung des Mitgliedsbeitrags, sie kommt drei, vier Wochen in Rückstand. Stehen die Dinge erst derart, so ist die Arbeiterin in den meisten Fällen für die Gewerkschaft verloren. Von dem armseligen Verdienst einer Woche 80 Pf., 1 Mk. für rückständige Mitgliedsbeiträge entrichten, das ist den meisten Lohnsklavinnen unmöglich. Angesichts der dringenden Tagesbedürfnisse unterbleibt das Nachzahlen um so eher, als das Interesse an der Gewerkschaftsbewegung vielfach nicht mehr so heiß ist, um die Pflichterfüllung mit dem Preise einer schweren Entbehrung zu erkaufen. Das Interesse aber ist erloschen, weil es nicht durch regelmäßigen Versammlungsbesuch wachgehalten, belebt, genährt wurde. Und dass die Arbeiterin den Versammlungen fern bleibt, dafür ist neben der ihr mangelnden Zeit ihr jämmerlicher Verdienst verantwortlich. Die Proletarierin wird sich nicht entschließen, heute bei einem Versammlungsbesuch 10 Pf. in Bier zu „verschlampampen“, wie der Gutgesinnte sich ausdrückt, wenn sie weiß, dass sie mit diesen 10 Pf. morgen ihr Frühstück bestreiten muss.

Gewiss, dass das nämliche junge Mädchen, welches vor einer Ausgabe von 50 Pf. für Gewerkschaftszwecke zurückscheut, hin und wieder eine Mark aufwendet, um sich einen Putz oft recht zweifelhafter Art anzuschaffen. Aber das ist eine Tatsache, mit welcher wir rechnen müssen, und gegen die im Tone salbadernder Moralprediger zu eifern weder wirksam noch berechtigt ist. In der Freude am Putz äußert sich mehr als die von bürgerlicher Seite vielberufene „Genusssucht und Leichtfertigkeit“ der Arbeiterinnen. In ihr äußert sich ihr allerdings meist noch unerzogenes Schönheitsbedürfnis, ihr Drang nach sozialer Gleichberechtigung, der wider die Kennzeichnung als Paria rebelliert; schließlich spricht dabei der Wunsch mit, dem Manne zu gefallen, Liebe und Glück zu finden, womöglich durch die Ehe der Lohnarbeit enthoben zu werden.

Viele Tausende von Arbeiterinnen besitzen die klare Erkenntnis ihrer Lage, welche im Hinblick auf die großen Vorteile, den hohen Wert der Gewerkschaftsbewegung opferfreudig Entbehrungen tragen heißt, nicht bloß auf den bescheidensten Luxus verzichten lässt, sondern auch auf das Notwendige. Ehre ihnen, sie sind ein schönes Beispiel dafür, was Klarheit der Auffassung und Stärke des Willens vermag! Die Tausende sind jedoch wenige im Verhältnis zu dem Riesenheere der Frauen und Mädchen, die als Ausgebeutete um ihr Brot ringen, und nicht Jedem ist es gegeben, der bittersten Tagesmühsale und Tagesplagen ungeachtet, um höherer Ziele willen die Selbstverleugnung eines Märtyrers, die Kraft eines Helden zu betätigen. Für die breite Masse der Lohnsklavinnen bildet unstreitig die jämmerliche Entlohnung in Verbindung mit der Überlastung mit Arbeit das schwerste Hindernis der gewerkschaftlichen Organisierung.

Wollen wir die Arbeiterinnenmassen gewerkschaftlich organisieren – und wir müssen sie gewerkschaftlich organisieren, im Interesse der Arbeiterinnen selbst, wie dem des gesamten Proletariats – so muss deshalb zu der nimmer rastenden gewerkschaftlichen Agitation der Kampf treten für gründlichen, tatsächlichen Arbeiterinnenschutz und für soziale Reformen, welche geeignet sind, die wirtschaftliche Arbeitslast der Frau im Hanse zu erleichtern, mit der Lage des Proletariers auch die der Seinen günstiger zu gestalten. Das aufklärende Wort gegen die Organisationsunlust der Arbeiterinnen; Arbeiterinnenschutz und andere Reformen gegen die Organisationsunfähigkeit der Arbeiterinnen! Klare Erkenntnis von der Notwendigkeit und der Bedeutung der Gewerkschaftsbewegung unter den Arbeiterinnenmassen; materielle Möglichkeit für die Betätigung der Erkenntnis für die Arbeiterinnenmassen!


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