[Nach „Die Gleichheit. Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen“, 16. Jahrgang Nr. 20-25, 3., 17. und 31. Oktober, 14. und 28. November und 12. Dezember 1906, S. 138, 146 f., 154, 161 f., 169 f. und 178]
Wir haben noch keine Geschichte der proletarischen Frauenbewegung unseres Landes. Insbesondere dürftig und unvollständig ist, was wir über die ersten Ansätze der Bestrebungen wissen, den Klasseninstinkt der Proletarierin zum klaren Klassenbewusstsein zu läutern und sie als gleichverpflichtete und gleichberechtigte Mitstreiterin dem allgemeinen proletarischen Emanzipationskampf zuzuführen. Von manchen der Frauen, die vor langen Jahren die mühselige und opferreiche Arbeit der ersten Aufklärungs- und Organisationsarbeit unter dem weiblichen Proletariat geleistet haben, gelten die Worte: „gestorben, verdorben, zerstreut“. Die wichtigen Aufschlüsse, die sie über die Kindheitsgeschichte der proletarischen Frauenbewegung geben konnten, haben sie mit ins Grab oder in die Weite genommen. Andere frühere Tragerinnen unserer Bewegung stehen noch heute mitten im Kampfe und ermangeln der Ruhe, die Schätze von Material zu sammeln und zu sichten, die ihre Kasten und ihre Erinnerungen bergen. Alle aber, die einen zusammenfassenden geschichtlichen Überblick über die Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung geben wollten, haben darauf verzichtet, ihren ersten Anfängen auf Grund eines selbständigen, weit fassenden Quellenstudiums nachzugehen. Sie begnügten sich damit, bereits aufbereitetes Material zu verarbeiten oder auch wohl es einfach zu übernehmen. Solches Material, das wertvoll und dabei leicht nutzbar war, lag aber nur über die Bestrebungen zur Organisierung der Proletarierinnen vor, die in Berlin ihren Ausgangs- und Mittelpunkt hatten. Es ist besonders enthalten in den drei Broschuren: „Die zwanzigjährige Arbeiterinnenbewegung Berlins und ihre Ergebnisse“, von Adeline Berger, Berlin 1889; „Die Organisation der Arbeiterinnen Deutschlands“, von Emma Ihrer, Berlin 1893, und „Die Arbeiterinnen im Klassenkampf“, ebenfalls von Genossin Ihrer verfasst, in Hamburg 1898 erschienen.
So ist es gekommen, das die Anfange der proletarischen Frauenbewegung in Berlin als die Anfänge der proletarischen Frauenbewegung in Deutschland überhaupt dargestellt worden sind. Und auch das, was darüber in dem und jenem Werke über die Frauenfrage gegeben worden ist, kann nicht Anspruch auf Vollständigkeit erheben. In keinem historischen Rückblick auf die Entwicklung der proletarischen Frauenbewegung aber steht verzeichnet, dass schon Ende der sechziger Jahre, vor allem in Sachsen, kräftige Bestrebungen eingesetzt haben, die Proletarierinnen der Organisation der Arbeiterklasse und ihren Kämpfen einzugliedern. Und kräftige Bestrebungen nicht bloß, sondern recht erfolgreiche obendrein. An dokumentarischen Nachweisen dafür fehlt es nicht, wenn diese auch weder reichlich noch geschwätzig sind, sich vielmehr spärlich und in geradezu nackter Tatsachlichkeit in einem weitschichtigen Quellenmaterial verstreut finden.
Die ersten Anläufe, die Frauen als Mitträgerinnen der Arbeiterbewegung zu gewinnen, sind zweifelsohne auf den klärenden und treibenden Einfluss der Internationale zurückzuführen. Diese war der echte Sprössling des Kommunistenbundes, dessen Manifest aus der revolutionierten Lage der Frau, die belastet mit allen Gräueln der kapitalistischen Ausbeutung in Erscheinung trat, die kühn-logische Schlussfolgerung zog, es gelte „die Stellung derWeiber als Produktionsinstrumente aufzuheben„. Mit anderen Worten: Nicht die moderne industrielle Frauenarbeit müsse aufgehoben werden, wohl aber ihre heutige Form, die Lohnsklaverei, welche die Arbeiterin in das lebendige Anhängsel der toten Maschine verwandelt, welche den Fortschritt unlöslich verquickt mit Armut, Verknechtung und Schmach für die Frau, mit wirtschaftlicher Schädigung für die Arbeiter, mit der Zerrüttung des proletarischen Familienlebens, mit dem physischen und moralischen Verfall des heranwachsenden Geschlechtes. Aufhebung der Lohnsklaverei durch den gemeinsamen, fest geschlossenen Kampf aller, welche durch die gleichen sozialen Ursachen und Verknüpfungen der Ausbeutung und Unfreiheit überantwortet werden, das war das Mittel zur Losung der „Frauenfrage“, auf welches das „Kommunistische Manifest“ hinwies. An alle Ausgebeuteten, ohne Unterschied des Geschlechtes, richtete sich sein gewaltiger Sammelruf: „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“
In der Internationale lebte und webte die gleiche Auffassung; die Internationale bekannte sich unumwunden zu dem Grundsatz: „Gleiche Rechte für jedermann, der seine Pflicht tut.… Keine Rechte ohne Pflichten, keine Pflichten ohne Rechte.“ Und sie setzte ihre Einsicht in die Tat um. Schon in der Konferenz zu London, 1866, dann auf dem Kongress zu Genf, 1866, beschäftigte sich die Internationale mit dem Problem der Frauenarbeit. Die von ihren geistig führenden Elementen vertretene Erkenntnis der sozialen Zusammenhange schlug das sentimental-bombastisch aufgeputzte kleinbürgerliche Ansinnen zurück, das Verbot der Frauenarbeit, den Kampf gegen die Frauenarbeit zur Losung zu erheben. Die Internationale forderte statt dessen wirksamen gesetzlichen Schutz der arbeitenden Frau gegen die kapitalistische Ausbeutung (Verbot der Wöchnerinnenarbeit, der Nachtarbeit usw.), dessen Eckstein der achtstündige Normalarbeitstag für alle Erwachsenen sein sollte. Bei ihrer Agitation wie bei ihrer Unterstützung der wirtschaftlichen Kampfe des Proletariats hielt sie es mit dem Bibelspruch: „Hier ist nicht Mann, nicht Weib“; sie kannte nur Lohnsklaven des Kapitals, ihre Reihen standen allen ohne Unterschied des Geschlechtes offen. Nach dem Kongress zu Lausanne, 1867, schlossen sich die Frauen des Schuhmacherverbandes inEngland ihr an, 1869 die Ovalistinnen (Seidenzwirnerinnen) von Lyon. In ihrem Generalrat saß seit der Gründung bis zum Kongress von Brüssel, 1868, eine Frau, Mrs. Harriet Law, die nach dem Zeugnis unserer unvergessenen Eleonore Marx rührig für die gewerkschaftliche Organisierung der Arbeiterinnen in England tätig war.
Der Geist der Internationale, der mit glänzender Schärfe unterschied zwischen der fruchtbaren, schöpferischen, geschichtlichen Tendenz der industriellen Frauenarbeit und der abstoßenden, not- und fluchbeladenen Form, in welcher sie sich in der kapitalistischen Ordnung durchsetzt, dieser Geist, der in den Tiefen geschichtlichen Webens die treibenden Kräfte der sozialen Erscheinungen bloßschürfte: er hat in den Anfängen des Zusammenschlusses der deutschen Arbeiter als Klasse die Haltung gegenüber der Frauenarbeit geprägt und auf die gebieterische Notwendigkeit hingezeigt, auch die Proletarierin zum Klassenkampf zu rufen.
Die Arbeiterbildungsvereine beschäftigten sich auf ihrer Tagung zu Gera, 1867, mit der Frage der Frauenarbeit und forderten in Übereinstimmung mit Beschlüssen der Internationale das Verbot der Nachtarbeit der Frauen und der Arbeit von Wöchnerinnen sechs Wochen nach der Niederkunft. Ihrer Entscheidung war eine tatsachenreiche, packende Schilderung vom Lose der arbeitenden Frau in der Textilindustrie vorausgegangen. Der diese Schilderung vor die Delegierten gebracht, war der Tuchmacher Motteler aus Crimmitschau, welcher mit leidenschaftlichem Eifer im Sinne der Internationale wirkte. Der hart empfundene Druck weiblicher Konkurrenz zeitigte auf dem Kongress zu Eisenach, 1869, den Antrag, die Abschaffung der Frauenarbeit in das Programm der soeben gegründeten sozialdemokratischen Partei aufzunehmen. Der Antrag fand keine Majorität. Ihm wurden die Folgen entgegengehalten, welche das Arbeitsverbot für die zum Erwerb gezwungenen Frauen haben müsse. Die verhängnisvolle Konkurrenz sei zu bekämpfen durch gesetzliche Einschränkung der kapitalistischen Ausbeutungsmacht, durch Erweckung der Proletarierinnen zum Klassenbewusstsein und ihre Organisierung mit den Arbeitern zusammen. Die Delegierten, welche diesem Standpunkt gemäß abstimmten, waren erfüllt vom Wesen der Internationale und zum Teil Führer von Organisationen, die sich zu ihren Grundsätzen bekannten. Der „Volksstaat“ von 1870 spiegelt noch den Kampf der Meinungen und das überwiegen der geklärten geschichtlichen Auffassung wider. In Nr. 23 vom 19. März wird zum Beispiel der Standpunkt der Internationale in der Frage mit allem Nachdruck vertreten Verfasser der Einsendung war Robert Seidel, ein sehr rühriges Mitglied der Internationalen Gewerksgenossenschaft der Manufaktur -, Fabrik- und Handarbeiter und ein überzeugter Vorkampfer für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes.
Die Bestrebungen selbst, die skizzierte Auffassung zur Praxis zu verdichten und die Frauen der werktätigen Massen mit den Männern gemeinsam behufs Wahrung der proletarischen Klasseninteressen zu einer organisierten Macht zusammenzufassen, verlaufen genau in den Furchen, welche die Internationale in der deutschen Arbeiterbewegung gepflügt hat. Ihr hauptsächliches Wirkungsfeld sind die Zentren der niedererzgebirgischen Textilindustrie, ihre vornehmste Trägerin ist die Internationale Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter, mit dem Sitz in Crimmitschau.
(Fortsetzung folgt.)
(Fortsetzung.)
Kein Zufall, die wuchtende Logik der geschichtlichen Entwicklung, der sozialen Zusammenhänge bedingte das. Um die Zeit, als die Internationale den Schlachtruf des Kommunistenbundes erneuerte, befand sich die sächsische Textilindustrie in einem Übergangsstadium vom handwerksmäßigen Kleinbetrieb zum großen mechanischen Fabrikbetrieb. Alle Furien leiblichen und geistigen Elends, welche die siegestrunken-fühllos vorwärts stürmende, kapitalistische Entwicklung – „König Dampf voran“ – entfesselte, zerfleischten die erzgebirgische Bevölkerung. Gleich entsetzlich war das Los der absterbenden Schicht selbständiger Kleinmeister und der sich rasch bildenden Klasse der Fabrikarbeiter. Die Verhandlungen der Webertage zu Glauchau, Mai 1871, und zu Berlin, Mai 1872, sowie der Weberinnungskonferenzen zu Chemnitz, März 1872 und März 1873, spiegeln das erschütternd wider. Eindringlichst reden davon die Angaben in den Berichten der „Zirkulare„, welche das Zentralkomitee der deutschen Manufakturarbeiter laut Beschluss des Webertages zu Glauchau von 1871 bis 1873 herausgab. Was sie feststellen und für jeden Sachvertrauten über die nackten Ziffern hinaus mit tödlicher Sicherheit bekunden, das bestätigten später vollauf die offiziellen Erhebungen, welche nach den Wahlerfolgen der Sozialdemokratie in Sachsen die Furcht dem Reichstag abpresste.
Für die Werktätigen der sächsischen Textilindustrie hatte der Triumph der kapitalistischen Produktion eine Hölle geschaffen, wie sie furchtbarer nicht den Anfängen der englischen Manufaktur eigentümlich gewesen war. Mehring führte in seiner „Geschichte der deutschen Sozialdemokratie“ an: „In der Glauchau-Meeraner Handweberei arbeiteten im Jahre 1863 30.900, im Jahre 1880 nur noch 3194 Handstühle zur Musterweberei; mindestens 40.000 Personen hatten die mechanischen Webstühle in diesem einen Kreise innerhalb eines halben Menschenalters „überflüssig“ gemacht.“ In Waldheim war 1871 die Zahl der Meister von 200 aus 110 gesunken, von denen obendrein die Hälfte auf Handarbeit ging (Zirkular 3). Die mechanische Produktion schleuderte den Handwebstuhl in die Rumpelkammer, jagte Meister und Gesellen brotlos auf die Straße und bevölkerte die dumpfigen, geräuschvollen Fabriksäle mit Frauen und Kindern. Aus Werdau meldet ein Bericht (Zirkular 2) den Rückgang der Meister von 400 auf 200, der Gesellen von 180 auf 15; 200 mechanische Webstühle am Orte wurden ausschließlich von Mädchen bedient. Ausschließlich Mädchen sind zu gleicher Zeit in Meerane an mehr als 600 mechanischen Webstühlen beschäftigt. Mehr als 1200 Kinder fronden dem Kapital in den Reichenbacher Textilfabriken, über 700 davon sind noch nicht zwölf Jahre alt. Fast Seite auf Seite steht in den Zirkularen die widergesetzliche Verwendung proletarischer Kinder in den Fabriken verzeichnet. Wie hätten „die rohen und halbgebildeten Parvenüs“, welche die sächsische Textilindustrie beherrschten, nicht hohnlachend über die Buchstaben des Gesetzes weg schreiten sollen, sie, die fühllos und skrupellos alle Gebote der Menschlichkeit unter die Füße traten! Mit Schaudern liest man die Mitteilungen über Lohnhöhe, Arbeits- und Existenzbedingungen. In Glauchau verdiente ein Weber auf Stapelware – vorausgesetzt, dass Frau und zwei Kinder mitarbeiteten – wöchentlich 4 Taler, 212 Taler im Jahre bei stetiger, voller Beschäftigung, die fast nie vorhanden war. Nach einem Flugblatt der InternationalenGewerksgenossenschaft der Maurer und Zimmerer, das detaillierte Aufstellungen enthält, bedurfte in der damaligen Zeit eine fünfköpfige Arbeiterfamilie bei den bescheidensten Ansprüchen für ihren Lebensunterhalt 464 Taler 10 Ngr. 3 Pf. Die niedrigen Arbeiterinnenlöhne, welche alle Berichte anführen, erscheinen direkt als eine Prämie auf die Prostitution oder eine Anweisung auf langsames Verhungern. Sie betragen von 1 Taler 5 Sgr. Bis 2½ Taler wöchentlich bei 13stündiger täglicher Arbeitszeit und Verpflichtung zu Überzeit- wie Sonntagsarbeit. Der erzgebirgische Weber erreichte nach der Untersuchung von Dr. Michaelis ein Durchschnittsalter von 38 Jahren; die hohe Kindersterblichkeit schrie zum Himmel; das überlebende Geschlecht war skrofulös verseucht; mit der wirtschaftlichen Not ging der Verfall des Familienlebens, mit dem physischen das geistige und sittliche Verkommen Hand in Hand. So hatte die wirtschaftliche Entwicklung unter den niedererzgebirgischen Textilarbeitern den Boden bereitet, auf dem die Ideensaat der Internationale rasch und üppig in die Halme schießen konnte. Die Arbeiterbildungsvereine waren, um mit Motteler zu reden, die „Vorfrucht“ der verschiedenartigsten Organisationen, die binnen weniger Jahre entstanden. Als ihre geistige und propagandistische Zentrale darf die im Juli 1867 gegründete Spinn- und Webgenossenschaft E. Stehfest & Cie. in Crimmitschau angesehen werden. Sie war das feste Rückgrat der Internationalen Gewerksgenossenschaft der Manufaktur -, Fabrik- und Handarbeiter mit ihrer Kranken- und Sterbekasse; an sie war die Druckerei des sozialistischen „Crimmitschauer Bürger- und Bauernfreund“ angegliedert; sie stand in enger Fühlung mit den Konsumvereinen, Vorschuss- und Bildungsvereinen usw. von Sachsen, mit den sechs Schneidergenossenschaften der Schweiz usw. Die Organisationen, welche ihr Netz über Sachsen, das Erzgebirge im Besonderen, spannten, waren der Internationale nicht angegliedert, ja standen nur in losester Fühlung mit ihr. Nichtsdestoweniger waren sie Bein von ihrem Bein und Fleisch von ihrem Fleisch. Ihre hervorragendsten Organisatoren, Agitatoren und Leiter, die Bebel, Motteler, Germann, Franz, Karl Hirsch, Robert Seidel, Wilhelm Stolle usw., wirkten im Zeichen der großzügigen Gedankenwelt des internationalen Sozialismus. Welchen Sonderzweck auch immer eine Organisation hervorkehrte, sie diente dem Ziele, das die Internationale gesteckt: der Zusammenschweißung des Proletariats als revolutionäre Klasse, deren „soziale Erkenntnis sich in soziale Macht“ umsetzen sollte. Als Grundzug war ihnen in der Folge gemeinsam: Mittelpunkte, Stützpunkte „für alle sozialen und politischen Bewegungen“ der Arbeiterklasse schaffen, alle schlummernden Kräfte wecken und zur Betätigung rufen zu wollen für den materiellen und kulturellen Aufstieg des Proletariats. All dies aber zu dem Zwecke, unter den Lohnarbeitenden die Idee auszubreiten und zu fördern, „die genossenschaftliche Arbeit an die Stelle der Lohnarbeit zu setzen, um statt des Arbeitslohnes den Arbeitsertrag zu erringen“.
Eine so weit und tief zielende Bewegung, die in alle Seiten der proletarischen Existenz hineingriff, konnte sich angesichts der aufgezeigten Situation nicht durchsetzen, ohne auch die Proletarierin in ihren Bannkreis zu ziehen. Die Proletarierin, die als Hausfrau und Mutter wie als Arbeiterin unter der Sündenlast des Kapitals keuchte. Mit zwingender Gebärde wiesen die Verhältnisse auf sie als Schutzbedürftige und als Mitkämpferin hin. Die überlieferten Anschauungen von den Unterschieden des Geschlechtes, von dem, was dem Weibe ziemt und nicht ziemt, wurden von starrnackigen Tatsachen niedergekämpft. Die international gerichtete Arbeiterbewegung des Erzgebirges sah vor sich nur weibliche Sklaven des Kapitals, die den männlichen gleich ausgebeutet wurden, litten und dem proletarischen Kampfesheer eingereiht werden mussten. So ging sie bewusst daran, die Konkurrentin des Mannes auf dem Markte, die Feindin seiner Ideale im Heim zu verwandeln in seine gleichberechtigte und gleichverpflichtete Streitgenossin auf dem Blachfelde des Klassenkampfes. Sie richtete ihre Propaganda an die Proletarier „beiderlei Geschlechtes“, wie es damals hieß, und rief sie unterschiedslos zum Zusammenschluss auf.
Auf dem ersten Verbandstag der sächsischen Konsumvereine zu Chemnitz, Ende März 1869, fand ein Trinkspruch begeistertes Echo „auf unsere Frauen, als die wichtigsten Faktoren unseres Vereinslebens“. Kurz vorher, am 28. Februar, beim Stiftungsfest des Arbeiterfortbildungsvereins Glauchau, hatte sich Motteler mit geradezu programmatischer Klarheit und Bestimmtheit „überdie Frau und ihre Stellung im Hause und in derÖffentlichkeit“ ausgesprochen. In einer Rede, deren schwungvolle Rhetorik an die Zeiten der großen französischen Revolution erinnert und auch sonst charakteristisch für die liebevolle Vertiefung in ihre Geschichte ist, verlangte er die volle soziale und staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Frau und ihre Beteiligung an der Arbeiterbewegung. „Wir fordern für die Frauen eine in vernunftgemäßer Ordnung wurzelnde Freiheit des Erwerbes und die volle Entfaltung ihrer natürlichen Fähigkeiten fürs Haus wie für die Öffentlichkeit Keine Haussklaven für Tisch und Herd, keine Enterbten an Rechten und Pflichten nach außen…“ „Die wirtschaftliche Freiheit des Individuums bedingt und ist dessen politische Freiheit. Das Ideal der Emanzipation des weiblichen Geschlechtes kann aber nur verwirklicht werden in der sozialistischen Ordnung der freien Arbeit. Daher Kampf gegen die gegenwärtigen gesellschaftlichen Verhältnisse, gebrandmarkt durch die bitterste körperliche und geistige Massenarmut, Kampf, der die Pflicht der Frau wie des Mannes ist. Und Sie ganz besonders, meine werten Zuhörerinnen, ob jung, ob alt, frei oder gebunden, Sie sind dazu berufen, Hand ans Werk zu legen … Wir brauchen Kampfgenossen, wenn auch nicht, wie unsere Ahnen, zu blutiger Schlacht. Ein Kampf ist es aber darum nicht minder hart und ernst, ein Kampf gegen Anmaßung und Vorrecht, ein Kampf der Enterbten gegen die Erbschleicher.“
Diese Rede stellt unseren „roten Postmeister“ in die vordersten Reihen der ersten Vorkämpfer für die Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechtes innerhalb der Sozialdemokratie. Sie ist ein glänzendes Zeugnis für die Schärfe, mit welcher er bereits damals vom Standpunkt des Proletariats aus die Frauenfrage erfasste. Ihr Um und Auf lässt aber gleichzeitig einen Rückschluss zu auf das Verständnis, welches ihr die zum Klassenbewusstsein erwachenden Arbeiterkreise des Erzgebirges entgegenbrachten. Denn Motteler behandelte gerade die Stellung der Frau, weil der Arbeiterfortbildungsverein Glauchau „es für seine Pflicht hielt, diese wichtigste der offenen Zeitfragen mit zur Sprache zu bringen“. Unter seiner Zuhörerschaft befanden sich viele Frauen und Mädchen, die er „größtenteils so gespannt und sinnend“ vor sich sah. Und die Rede wurde als Flugblatt verbreitet, allerdings leider nicht in ihrem vollen und wesentlichen Gedankeninhalt. Zufolge eines stadträtlichen Winkens mit pressegesetzlichen Bedenken gegenüber dem Drucker musste in dem Flugblatt wie vorher in dem Bericht eines Lokalblattes die Stelle geopfert werden, wo Motteler den Gegensatz geschildert hatte zwischen der Verhimmelung der Frau in der Poesie und ihrer Versklavung als Arbeitstier und Haustier innerhalb der modernen Kultur. Die stadträtliche Weisheit erachtete damals schon wie heute noch die Aufklärung der Proletarierinnen über ihre Lage als „ordnungsgefährlich“. Tatsachen bestätigten ja, dass unter den Frauen und Mädchen, welche dem Textilkapital zinsten und frondeten, die Aufforderung nicht ungehört verhallte, mit den Brüdern gemeinsam für das Recht der Arbeit, das Recht des Menschentums der Arbeitenden zu kämpfen. Die Proletarierinnen hatten durch ihre Betätigung an der international gerichteten Arbeiterbewegung ihre soziale Reife und Mündigkeit erwiesen, sie standen mit in den vordersten Reihen der sich sammelnden proletarischen Klassenkämpfer.
In Crimmitschau war am 10. Februar 1869 in innerer Verbindung mit der Spinn- und Webgenossenschaft von 300 Genossen eine Internationale Gewerksgenossenschaft der Manufaktur -, Fabrik- und Handarbeiter gegründet worden. Sie setzte ein Komitee ein, welches mit den Vorarbeiten für die Einberufung eines allgemeinen Kongresses der Manufaktur -, Fabrik- und Handarbeiter betraut wurde. Diesem Organisationskomitee, in dem alle Arten der Textilarbeiter vertreten waren, gehörten zwei Proletarierinnen an: Frau Wilhelmine Weber und Frau Peuschel, Handarbeiterinnen. Am 10. April berief es für die Pfingstfeiertage den geplanten Kongress nach Leipzig ein. Es wendete sich an „alle Manufaktur -, Fabrik- und Handarbeiter: als Weber, Tuch -, Buckskin- und Zeugmacher, Wirker und Posamentierer, Spinnerei -, Appretur- und Färbereiarbeiter, sowie Fachverwandte jeglicher Stellung und beiderlei Geschlechtes„. „Im Auftrag von mehr als 800 Köpfen der benannten Berufsarten“ in Crimmitschau bezeichnete es als Zweck des Kongresses, eine „Internationale Gewerksgenossenschaft der Manufaktur -, Fabrik- und Handarbeiter beiderlei Geschlechtes“ zu bilden, mit anderen Worten: die bereits bestehende Organisation auf breitere als die lokale Basis zu stellen, zum Verband zu erweitern. Der starke, frische Odem des proletarischen Klassenbewusstseins durchwehte den Aufruf des Komitees, dem Stehfest, Motteler, L. Mehlhorn, H. Albert, Franz in Glauchau und andere angehörten. Und nicht eine leere Formel, der Ausdruck zielklaren Wissens und Wollens war es, dass Proletarierinnen in ihm Sitz und Stimme hatten, und dass an die Textilarbeiter „beiderlei Geschlechtes“ die Mahnung zum geschlossenen Aufmarsch erging. „Denn,“ so erklärte das Komitee, „auch unsere Frauen und unsere Töchter sind hineingerissen und als eine zwiefach schmachvolle Beute schmachvoll preisgegeben in diesem Kriege aller gegen alle.“
Aus der Erkenntnis, dass die Proletarierin der kapitalistischen Ordnung schutzbedürftig und kampfesfähig zugleich gegenübersteht, wurde das Streben geboren, die Frauen als gleichberechtigte und gleichverpflichtete Mitglieder der Internationalen Gewerksgenossenschaft einzugliedern. Bei ihrer Gründung, welche auf der Leipziger Tagung am 15., 16. und 17. Mai erfolgte, erhob der Delegierte Szymanowski die Frage, ob auch die Frauen gleiches Stimmrecht haben sollten. Aus den Berichten über die Verhandlungen des Kongresses erhellt nur indirekt die bejahende Antwort auf diese Frage. Direkt liegt sie in dem Statut der Organisation vor. Nach § 3 war als gleichberechtigtes Mitglied zuzulassen: „jeder Arbeiter der oben benannten Gewerbe ohne Unterschied des Alters, Geschlechtes und der Verrichtung, sowie jeder Kleinmeister und jede Kleinmeisterin.“ § 4 setzte fest: „Jedes Mitglied ist zu jedem Amte der Genossenschaft wählbar.“ Die weiblichen Mitglieder besaßen also zum Stimmrecht auch das Recht der Wählbarkeit. Bezüglich der materiellen Verpflichtungen gegen die Gewerksgenossenschaft, wie der Vorteile, welche sie gewährte, waren sie den männlichen Mitgliedern völlig gleichgestellt. Sie zahlten wie diese 2 Sgr. Eintrittsgeld und 2 Sgr. Monatsbeitrag und bezogen im Falle unverschuldeter Arbeits- oder Erwerbslosigkeit vom ersten Tage an eine Unterstützung von täglich 12½ Sgr.
(Forts. folgt.)
(Fortsetzung.)
Der Kongress verlegte den Sitz der Gewerksgenossenschaft unter Berücksichtigung der vereinsgesetzlichen Verhältnisse nach Esslingen in Württemberg, den Ausschuss nach Crimmitschau. Crimmitschau war der Mittelpunkt des Verbandslebens, seine Seele war Motteler. Die Organisation baute sich auf der Grundlage des Unterstützungswesens auf. Sie gewährte Unterstützung bei unverschuldeter Arbeits- und Erwerbslosigkeit, Unterstützung und Rechtsschutz bei Bedrückungen und ungerechtfertigten Anforderungen der Arbeitgeber und Behörden und Wanderunterstützung aus einer allgemeinen Kasse. Jedes Mitglied war verpflichtet, an seinem Aufenthaltsort einer Krankenkasse anzugehören, zwischen den verschiedenen Kranken- und Unterstützungskassen sollte „Freizügigkeit“ herbeigeführt werden, das heißt der kostenlose Übertritt der Mitglieder im Falle des Ortswechsels. Die Gründung weiterer Krankenkassen usw. wurde vorgesehen. Das Unterstützungswesen – darüber ließen die Verhandlungen des Kongresses wie alle späteren Generalversammlungen keinen Zweifel – war gleichzeitig Selbstzweck und Mittel zum Zweck. Es sollte die Textilarbeiter gegen die schlimmste Unbill des ausbeutenden Kapitalismus schützen und diese dadurch verteidigungs- und kampfesfähig gegen diesen selbst halten. Es sollte durch materiellen Beistand bei Kämpfen und Lohnbewegungen den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen erleichtern, wie dies die Genossenschaft außerdem durch „Regelung und Beaufsichtigung des Lehrlingswesens, der Frauen- und Kinderarbeit“ erstrebte. Es sollte einen festen, materiell bindenden Sammelpunkt schaffen, der Träger der Klassenkampfideen war, von dem aus das Ideelle, Fruchtbare von der Erkenntnis der Klassengegensätze verbreitet wurde.
Ziffern erzählen von den Bemühungen, die Frauen für die Gewerksgenossenschaft zu gewinnen, und der werbenden Kraft der entfalteten Agitation. Als auf der ersten Generalversammlung zu Crimmitschau am 9., 10. und 11. Juli 1870 Wilhelm Stolle, einer von unserer alten Garde, der heute noch kämpft, den Bericht gab, konstatierte er, dass der Organisation „6000 bis 7000 Mitglieder angehörten, davon ein Sechstel weiblichen Geschlechtes“. Seinen Angaben lagen die Ergebnisse von Fragebogen zugrunde, die auch Auskunft über die Zahl der weiblichen Mitglieder verlangt hatten. Die Befriedigung über den weiblichen Mitgliederstand fand ihren Ausdruck in einer bezeichnenden Redewendung, die seit der Crimmitschauer Generalversammlung aufkam. Man nannte die Gewerksgenossenschaft „die Mutter mit den fünf Söhnen“. Das wichtigste Resultat der Crimmitschauer Beratungen war die Gründung einer Krankenkasse der Gewerksgenossenschaft. Sie erfolgte unter Berücksichtigung der Interessen der Frauen und im Hinblick auf ihre Organisierung.
Nach Seiten der Pflichten und Rechte hin kannte das Statut nur gleichgestellte Mitglieder ohne Unterschied des Geschlechtes, zeigte aber bereits einen bescheidenen Ansatz zum gebührenden Sonderschutz, dessen die Proletarierin als Mutter bedarf. Wenn weibliche Mitglieder nach der Niederkunft länger als neun Tage krank waren, so sicherte es ihnen vom zehnten Tage an die Krankenunterstützung zu; diese wurde vom ersten Tage der Entbindung an gewährt, sofern ärztlicher Beistand erforderlich gewesen war. Das Referat über die Krankenkassenfrage wurde von Robert Seidel erstattet, der damals als Weber in den vordersten Reihen des kleinen Fähnleins klassenbewusster sächsischer Arbeiter stand, wie er heute als geachteter Pädagoge und Schriftsteller unermüdlich für die sozialistische Weltanschauung kämpft. Er beleuchtete die sozialen Wurzeln der Krankheiten im Proletariat, bezeichnete es als eine Hauptaufgabe der Krankenkassen, den Krankheiten durch Aufklärung über ihre Ursachen entgegenzuwirken, und tadelte, dass die Kassen teilweise die Frauen ausschlössen. Motteler empfahl ausdrücklich, die Krankheiten der Frauen gebührend zu berücksichtigen. Um den Proletarierinnen den Beitritt zur Krankenkasse zu erleichtern, dabei aber die Ausbreitung der Stammesgenossenschaft zu fördern, beschloss die Generalversammlung: „Wer Mitglied der Krankenkasse werden will, muss auch Mitglied der Gewerksgenossenschaft sein; Frauen von Mitgliedern brauchen jedoch nur Mitglieder der Krankenkasse zu werden.“
Für die Geschichte der proletarischen Frauenbewegung aber ist es das bedeutsamste Ereignis der Crimmitschauer Tagung, dass eine Proletarierin als Gleiche unter Gleichen für ihre Klassen- und Geschlechtsgenossinnen die Stimme erhob. Frau Christiane Peuschel, welche die Gründung der Gewerksgenossenschaft mit in die Wege geleitet hatte, nahm als Mitglied des Lokalkomitees an der Generalversammlung teil. Sie befürwortete die Gewährung von Krankenunterstützung bei längerer als neuntägiger Dauer des Wochenbetts. Aus der Erfahrung ihrer proletarischen Existenz heraus wendete sie sich gegen die fiskalisch-misstrauische Meinung, die Frauen würden durch lange Inanspruchnahme des Bonum die Kasse brandschatzen. Sie betonte, dass „den Frauen hauptsächlich darum zu tun sei, ihre Wirtschaft sobald wie möglich wieder versorgen zu können“.
Trotz der Schwierigkeiten und Gefahren, welche die politische Situation in der nächsten Zeit für die Internationale Gewerksgenossenschaft schuf, ergänzte diese ihre Tätigkeit durch die Bemühungen, im Sinne der Internationale aufklärend und vorwärtstreibend innerhalb anderer Organisationen und Strömungen zur Sammlung und Hebung des Textilproletariats zu wirken. Delegierte der Gewerksgenossen nahmen hervorragenden Anteil an den beiden Weberinnungskonferenzen, an dem ersten deutschen Webertag zu Glauchau und dem zweiten zu Berlin, der zur Gründung des Deutschen Weber- und Manufakturarbeiterverbandes führte. In Gemeinschaft mit den Genossen Lassalleanischer Richtung – von denen sie sich in der Hauptsache nur durch das stärkere Hervorheben der Notwendigkeit internationaler Organisation unterschieden – traten sie vor allem jeder zünftigen Beschränktheit entgegen und suchten den kleinmeisterlichen Standesdünkel durch das proletarische Klassenbewusstsein zu verdrängen. Sie waren es vor allem, welche die wieder und wieder auftauchende Neigung bekämpften, die organisierten Textilarbeiter für die Abschaffung der industriellen Frauenarbeit zu mobilisieren. Die maßgebende Entscheidung, auf welche spätere Tagungen zurückgriffen, wurde in Glauchau (28. bis 30. März 1871) gefasst, dies aber sicherlich unter dem Eindruck der wohlbegründeten Auffassung wie des Beispiels der Internationalen Gewerksgenossenschaft. Frau Peuschel, welche von den Crimmitschauer Gewerksgenossen als Delegierte zum ersten Webertag entsendet war, wendete sich gegen das Verlangen nach Beseitigung der Frauenarbeit. Gegen ihre verderblichen Begleiterscheinungen rief sie zur internationalen Organisation auf und forderte dabei die Einbeziehung der weiblichen Arbeiter als Gleichberechtigte in die Genossenschaften und Gewerkschaften, gleichen Lohn für gleiche Leistung ohne Unterschied des Geschlechtes und einen gesetzlichen Normalarbeitstag. Genossin Peuschel beteiligte sich auch an der Debatte, um den Antrag Bebel zu befürworten, dass es „dringende Pflicht der Arbeiter sei, Gemaßregelte materiell und moralisch zu unterstützen“. Ihre Ausführungen künden unzweideutig die Schule der Internationale. Sie erweisen des weiteren, dass die Internationale Gewerksgenossenschaft Kämpferinnen umschloss, die den Männern nicht bloß gleichberechtigt, sondern auch ebenbürtig an Fähigkeiten und Schulung waren. Denn wahrlich, an sachlichem Wert, an Klarheit, Bestimmtheit und Logik des Gedankens übertrafen Frau Peuschels Ausführungen die Reden zahlreicher männlicher Delegierter und stellten sich denen der geschultesten Köpfe ebenbürtig zur Seite. Der Vorkämpferin der klassenbewussten Proletarierinnen gebührt ein gut Teil des Verdienstes, dass entgegen dem Antrag Malech auf Verbot der Frauenarbeit die Resolution Bebel zur Annahme gelangte, welche besagt: „Es ist Pflicht der Fachgenossen, dahin zu wirken, dass die Frauen in den Fabriken und Werkstätten mit in die Gewerks- und Fachorganisationen als gleichberechtigt eintreten, und es dahin zu bringen, dass die Löhne der Frauen und Männer gleichgestellt werden.“
(Forts. folgt.)
(Fortsetzung.)
Leider fehlen genaue Nachweise darüber, in welchem Maße die Agitation und der Ausbau der Internationalen Gewerksgenossenschaft weiterhin die Frauen zu Schutz und Trutz in den Bannkreis der Organisation geführt hat. Die Generalversammlung zu Crimmitschau, welche Zeugnis von ihrer gesunden Blüte ablegte, hatte am Vorabend weltgeschichtlicher Ereignisse getagt. Sie griffen mit starker Hand in die historischen Bedingungen der Emanzipationsbestrebungen des deutschen Proletariats ein. Die wirtschaftlichen und politischen Folgen des deutsch-französischen Krieges wirkten lähmend auf die Entwicklung der Gewerksgenossenschaft zurück. Handel und Wandel stockten: die materielle Leistungsfähigkeit der werktätigen Masse gegenüber der Organisation sank, ihre Hilfsbedürftigkeit und damit die Inanspruchnahme der Kassen steigerte sich. Der Krieg selbst lichtete die Mitgliedschaften und entriss der Agitation, den lokalen Ausschüssen und Verwaltungen, dem Aufsichtsrat viele der tüchtigsten Kräfte. Als ausgesprochen proletarische Kampfesorganisation bekam die Gewerksgenossenschaft ihr gut Teil von der Sturmflut der Verfolgungen ab, welche der ruhmvolle Protest der Sozialdemokraten gegen den Krieg, ihre Sympathien für die heldenhaften Kommunekämpfer wider die „Vaterlandsfeinde“ und „Umstürzler“ entfesselte. Der auf den Schlachtfeldern aus der Taufe gehobene Nationalstaat der deutschen Bourgeoisie wusste, was seines Amtes gegenüber den Lebensäußerungen und Organen der jungen Klassenbewegung des Proletariats war. Die Behörden lösten manche Mitgliedschaften der Internationalen Gewerksgenossenschaft auf und schikanierten in unglaublicher Weise andere. Zweimal wurde die zweite Generalversammlung verboten, die zuerst in Meerane, dann in Hof tagen sollte. „Um der Willkür gewisser Polizeibehörden zur beliebigen Auslegung unserer Organisation nicht mehr Anhalt zum Einschreiten, zur Verfolgung und Schädigung, ja zur Auflösung der Gewerksgenossenschaft zu geben,“ mussten die statutenmäßigen Veröffentlichungen im „Volksstaat“ unterbleiben.
Erst am 25., 26. und 27. Dezember 1872 konnte in Weimar die dritte Generalversammlung tagen. Hier wurden ebenso wie bei der vierten Generalversammlung zu Chemnitz am 24., 25. und 26. Mai 1874 nur schätzungsweise Angaben über den Mitgliederstand im Allgemeinen vorgelegt, ohne Hinweis auf die Zahl der weiblichen Mitglieder. Die Beteiligung der Frauen an der Organisation scheint jedoch nach wie vor eine rege gewesen zu sein. Allerdings wurde sie zum Teil nicht durch das Verständnis für die gesamten und höchsten Ziele der Internationalen Gewerksgenossenschaft bestimmt, vielmehr durch den Anreiz der Krankenkasse. Die Verhandlungen der dritten und vierten Generalversammlung lassen das klar hervortreten. Aber immerhin hatte sich nach dem Zeugnis unseres Motteler eine nicht unbeträchtliche Zahl von Frauen der Stammgenossenschaft in zielklarer Würdigung ihres Wesens und Strebens angeschlossen. Inwieweit dies bei den einzelnen Mitgliedschaften der Fall war, dafür waren meiner Ansicht nach zwei Umstände ausschlaggebend: der Reifegrad der industriellen Produktion und von ihr bedingt der Umfang der industriellen Frauenarbeit; die Einsicht und der Eifer, mit welchen ein kleiner Stab von Genossinnen und Genossen unter den Proletarierinnen für den Sozialismus tätig waren. In den Textilzentren des sächsischen Erzgebirges wirkten beide Umstände zusammen. Hier rekrutierte daher die Stammesgenossenschaft und ihr tiefster Wesensinhalt die große Zahl ihrer Anhängerinnen, hier erstanden unter den Proletarierinnen selbst Evangelistinnen des sozialistischen Befreiungsgedankens.
Die oben aufgezeigte Situation aber erklärt den Charakter der Debatten, die sich auf der dritten und vierten Generalversammlung der Gewerksgenossenschaft um die Mitgliedschaft der Frauen drehten. Zwei Tendenzen traten betreffs ihrer in Erscheinung: die Neigung, aus engherziger Besorgnis um den Kassenstand die Frauen von den Unterstützungseinrichtungen auszuschließen beziehungsweise ihr Anspruchsrecht herabzumindern; die andere Meinung, die Frauen mittels der Krankenkasse zum Anschluss an die Stammesgenossenschaft zu zwingen. In Weimar stellte die Mitgliedschaft Braunschweig den Antrag: „dass in die Krankenkasse keine Frauen mehr aufgenommen werden sollten“. Die Mitgliedschaft Schweinau forderte in Chemnitz, dass die Wöchnerinnenunterstützung erst vom vierzehnten Tage nach der Niederkunst an zu gewähren sei. Beide Ansinnen wurden glatt zurückgeschlagen. Motteler entkräftete die Drohung der Braunschweiger Mitgliedschaft, auf Grund des lokalen Selbstverwaltungsrechtes die Frauen ausschließen zu wollen, durch den Hinweis, dass dieses Recht eine Grenze finde an den Satzungen der Gesamtgenossenschaft. Die Hauptverwaltung werde über die Filiale hinweg die ausgeschlossenen Frauen in die Kasse aufnehmen, die ausdrücklich für die Fachgenossen „beiderlei Geschlechtes“ gegründet worden sei. Der Behauptung, dass vorzüglich Frauen die Kasse stark in Anspruch nähmen, und zwar oft Frauen, deren Männer der Bewegung feindlich gesinnt wären, stellte ein Delegierter aus Crimmitschau eine Tatsache entgegen. In Crimmitschau waren mehr Frauen als Männer organisiert, aber die Männer beanspruchten mehr Unterstützung als die Frauen. Ein Vermittlungsbeschluss beantwortete auf beiden Generalversammlungen den Antrag, dass jedes Mitglied der Kranken- und Sterbekasse auch der Stammesgenossenschaft angehören müsse. In Weimar wurde für Ausnahmefälle, in Chemnitz jedoch überhaupt jeder Mitgliedschaft das Recht zuerkannt, die Zugehörigkeit zur Kranken- und Sterbekasse von der Zugehörigkeit zur Stammesgenossenschaft abhängig zu machen, vorausgesetzt, dass erstere dadurch nicht geschädigt werde. Die Gründung einer Sterbekasse war von der Generalversammlung zu Weimar beschlossen worden. Der Beitritt zu ihr stand „jedem Arbeiter oder dessen Frau respektive jeder Arbeiterin der Manufaktur -, Fabrik- und Handarbeiterbranche“ offen. Die Leitung und Verwaltung der Kasse sollte in den Händen von „gewählten Vertrauenspersonen beiderlei Geschlechtes“ ruhen. Der Einsicht der Gewerksgenossen wird ein ehrendes Zeugnis durch die Entscheidung ausgestellt, im Statut der Krankenkasse die Bestimmung zu streichen, dass Syphilitische nicht unterstützungsberechtigt seien. Im Allgemeinen standen die beiden letzten Generalversammlungen der Gewerkschaftsgenossenschaft im Zeichen des heißen Bemühens, wieder aufzubauen, was durch die skizzierte politische Situation zertrümmert worden war, die gelichteten und gelockerten Reihen wieder fest zusammenzuschließen und aktionsfähig zu machen. Sie erstrebten ferner ein vereintes Marschieren, auf alle Fälle aber ein vereintes Wagen und Schlagen mit dem Allgemeinen deutschen Weber- und Manufakturarbeiterverband, sowie die Verbindung aller gewerkschaftlichen Organisationen, welche auf dem Boden des Klassenkampfes standen. Der Anschluss an die „Gewerkschaftsunion“ wurde in Chemnitz beschlossen. Der Verfall der Internationalen Gewerksgenossenschaft, die so rasch einen viel verheißenden Aufschwung genommen hatte, ließ sich jedoch nicht aufhalten. Aus ihren Ruinen aber, wie aus den Trümmern des Allgemeinen deutschen Weber- und Manufakturarbeiterverbandes blühte bald neues, klassenbewusstes, proletarisches Leben in neuen Formen. In beiden Organisationen haben wir Vorläufer des Textilarbeiterverbandes, Bahnbrecher und Wegbereiter der Sozialdemokratie zu grüßen.
Die Geschichte der Internationalen Gewerksgenossenschaft der Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeiter ist ein Kapitel aus der Geschichte der proletarischen Frauenbewegung. Persönliche Mitteilungen der Genossen Motteler und Vahlteich ergänzen, was offizielle Dokumente davon melden. Wie schon diese Dokumente genügend klar erkennen ließen, blieben die Satzungen der Internationalen Gewerksgenossenschaft über die volle Gleichberechtigung der weiblichen Mitglieder keine platonischen Prinzipienerklärungen. Frauen gehörten – wenigstens in Sachsen – lokalen Verwaltungen, Ausschüssen, Komitees der Organisation an und erfüllten mit Eifer und Geschick die Ausgabe ihres Vertrauensamtes. Der Vorstand in Crimmitschau sandte gern erfahrene Frauen als Beauftragte in Orte, in denen neugegründete Filialen eingerichtet werden sollten; auch in Revisionsfällen zog er gern Frauen zur Mitarbeit heran. Ein kleiner Elitestamm der weiblichen Mitglieder nahm regen Anteil an den Sitzungen und Versammlungen der Gewerksgenossenschaft und verfolgte mit lebhaftem Eifer ihre Entwicklung. Außer der bereits wiederholt genannten Genossin Peuschel waren besonders die Genossinnen Weber und Colditz in Crimmitschau, Genossin Misselwitz in Chemnitz bestrebt, Kopf und Herz der Proletarierinnen für die sozialistischen Ideen zu erobern. Frau Peuschel und Frau Weber zeichneten sich als geschickte Debatterednerinnen aus und verstanden es dadurch, wie durch gut gewählte Fragen, die Verhandlungen zu beleben, praktische Anregungen zu geben und das Interesse der Frauen für die Organisation und ihre Ziele zu wecken. Genossin Weber erschien – ein schönes Beispiel – meist in Begleitung ihrer Söhne in den Versammlungen und wurde wie eine Mutter begrüßt. Außerordentlich wertvoll war die Agitation von Person zu Person, durch welche die vier Genossinnen und andere noch die Proletarier des Erzgebirges der klassenbewussten Arbeiterbewegung zuführten. Jedes Zusammentreffen, jedes Ereignis des öffentlichen oder persönlichen Lebens war ihnen willkommener Anlass, als Sendbotinnen des Sozialismus zu sprechen.
Einen besonders erfolgreichen Wirkungskreis fand die propagandistische Kleinarbeit der Genossinnen an den Tagen, wo aus dem Umkreis von Crimmitschau und Glauchau für die Produktivgenossenschaft, Faktore, Kleinfabrikanten usw. geliefert wurde; meist waren es Frauen, welche die Lieferung besorgten. Die führenden Genossinnen trafen dann da und dort mit ihnen zusammen, wo ein „Happen“ gegessen, ein „Schälchen Heeßer“ getrunken wurde. In gemütlicher Aussprache öffneten sich die Herzen, auf die Lippen drängten sich Klagen über die Leiden, welche der Ausgebeuteten Erbteil sind. Die Genossinnen entzündeten an den schwachen Fünkchen der Hoffnung auf bessere Zeiten die hell lodernde Flamme der Begeisterung für die sozialistische Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, das strahlende Licht des Glaubens an die Befreiung der Arbeit durch die Erkenntnis und den Willen der Arbeitenden selbst. Wenn die Frauen mit ihren Bürden sich wieder in alle Windrichtungen des Kreises zerstreuten, so nahmen sie eine reiche Ideensaat mit heim, die selten auf dürrem oder felsigem Boden verkümmerte; sie trugen das erste täglich erscheinende sächsische Parteiblatt, den „Crimmitschauer Bürger- und Bauernfreund“, Organ fürs gesamte Osterland, in die armseligen Wohnungen der Dörfer; als Werbetruppen der Internationalen Gewerksgenossenschaft wanderten sie hin und her.
[Fortsetzung folgt.]
(Fortsetzung.)
Die Lieferungstage waren besonders Arbeitstage und Festtage der Seele für Genossin Colditz, ein „Typ vom kerngesunden, zielklaren Charakter jener ausgesprochen proletarischen Bewegung“. Sie ist rednerisch wohl kaum je in größerem Kreise hervorgetreten; bei den ungezwungenen Zusammenkünften der Lieferungstage wie bei Besprechungen der führenden Persönlichkeiten bewahrten sich ihre agitatorische Veranlagung, ihr kluger Sinn, ihre Energie glänzend. Dabei war sie „ausdauernd, opfermutig und der Schrecken aller Halben und Undurchsichtigen, die ihr Haus – das zeitweilige Hauptquartier – betraten“, wie sie es noch heute ist, wo sie fast 65jährig treu zur Fahne der Sozialdemokratie steht. Fräulein Misselwitz, ein älteres Mädchen, wirkte besonders in Chemnitz. Sie war von den Lassalleanern zu der Internationalen Gewerksgenossenschaft gekommen, vergaß am Quartalsschluss nie, ihre Mitgliedskarte zu erneuern, und führte diese stets mit Stolz bei sich. Motteler schreibt von ihr: „Sie verkörperte den typischen, aber freiwilligen britischen walking delegate … belesen, redegewandt, von kluger Disputierlust und einem meisterhaften Erzähler- und Lehrtalent war sie in Chemnitz freiwillige Propagandistin für die Gewerkschafts- und Parteisache zugleich.… Eine offizielle Amtierung zu übernehmen war ihr nicht möglich. Ihr Fußleiden (sie hinkte stark) hinderte sie, anders als in kleinerem Kreise und in den Familien, wo sie schneiderte oder Gast war, zugleich unsere Grundsätze und Ziele einzubürgern und sie ganz speziell weiter pflegen zu lehren.“ Vahlteich, der während seiner Chemnitzer Kampagne von 1872 bis 1878 Genossin Misselwitz kennen lernte, zeichnete ihre Persönlichkeit und ihre Hingabe an den Sozialismus mit diesen Strichen: „Ich bin immer, wenn ich die Misselwitz sah, an die arme verwachsene Näherin in einem der großen Sueschen Romane erinnert worden, die ein so heißes Herz hatte, die so heiß und hoffnungslos liebte und so bescheiden und opferwillig für andere lebte. Ihr Eifer im Parteidienst war mustergültig für jeden Mann. Es war das Pflichtgefühl, und nur dieses, was sie zu jedem Opfer bereit machte. Sie hat, soweit ich mich erinnere, nie öffentlich gesprochen, konnte aber ihren Gedanken recht wohl klaren Ausdruck geben und hatte die Bedeutung unserer Sache vollkommen klar begriffen… Ich erinnere mich nicht, das sie etwas besonderes Hervorragendes getan hatte, wodurch die allgemeine Aufmerksamkeit auf sie gelenkt worden wäre, aber sie war bei allem dabei, und man konnte darauf rechnen, das sie eine übernommene Pflicht voll und ganz erfüllte. Mit der Organisation der Arbeiterinnen stand es damals noch sehr schlecht. Dieselben waren so rückständig, das jeder Versuch, sie in Reih und Glied zu stellen, leicht ins Lächerliche umschlug. Die Verdienste der Misselwitz und der wenigen Frauen und Mädchen, die damals gleich ihr am sozialen Kampfe teilnahmen, können deshalb nicht hoch genug eingeschätzt werden. Ich konstatiere übrigens mit Vergnügen, das nach meinen vielen und langjährigen Erfahrungen innerhalb und außerhalb der Parteikreise Frauen und Mädchen, sofern sie sich am öffentlichen Leben beteiligen, eifriger, ausdauernder und pflichtgetreuer arbeiten als die Männer“ Als die alte freudige Bekennerin des Sozialismus fand Vahlteich Genossin Misselwitz in den neunziger Jahren in Milwaukee wieder; sie ist gestorben, „ohne einen Lichtblick in ihrem Leben gehabt zu haben“. Auch Genossin Weber hat jenseits des großen Wassers Gluck und Stern gesucht, und Genosse Motteler findet ab und zu in der deutschsprachigen amerikanischen Parteipresse Beitrage, die ihre treue Mitarbeit an der Bewegung bezeugen. Die offenbar sehr begabte und gut geschulte Genossin Peuschel scheint aus dem Kampfe verschollen zu sein.
Das Verdienst unseres „roten Postmeisters“ ist es, dass dieses Kapitel aus den Anfängen der proletarischen Frauenbewegung Blatt um Blatt zusammengefügt werden konnte. Mit eindringendem geschichtlichen Verständnis und liebevollem Sammelfleiß hat er die nun zum ersten Mal verarbeiteten Dokumente – verschollene und unbeachtete Dokumente – mühsam zusammengetragen und durch wertvolle persönliche Informationen vervollständigt. Den ihm gebührenden Dank zolle ich ihm in seinem eigensten Sinne, indem ich die Aufforderung weitergebe, die er in seine Erläuterungen zum Quellenmaterial einschloss: Sammelt die Bausteine zu einer proletarischen Frauenbewegung, solange die Dokumente nicht zerfallen und verweht sind, die von ihren ersten Ansätzen erzählen, solange die Persönlichkeiten noch leben, die ihre ersten Pioniere gewesen sind.
Die bedeutsamsten Züge der skizzierten Anfänge einer proletarischen Frauenbewegung scheinen mir diese: Die zielklare Erkenntnis von der Notwendigkeit der gemeinsamen Organisation und des gemeinsamen Kampfes der Proletarier ohne Unterschied des Geschlechtes; die Würdigung der Frau als einer voll gleichberechtigten, aber auch gleich verpflichteten Mitstreiterin im Klassenkampf; der ausgesprochen proletarische, international gerichtete Charakter der Bewegung, die rein von jeder bürgerlich frauenrechtlerischen Beimengung war. Dadurch unterschied sich dieser Versuch, die Frauen des Proletariats auf dem Boden des Klassenkampfes zusammenzuschließen, wesentlich von den ersten Berliner Bestrebungen, die das gleiche Ziel verfolgten. Dem „Verein zur Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen“, der in Berlin 1885 gegründet wurde, konnten nach § 3 seines Statuts nur Frauen und Mädchen angeboren, und § 8 besagte: „Männer haben gewöhnlich zu den Vereinsversammlungen keinen Zutritt.“ Unter dem Einfluss frauenrechtlerischer Gedankengänge verwarfen viele führende Berliner Genossinnen bis zum Internationalen Kongress zu Zürich 1893 jeden besonderen gesetzlichen Arbeiterinnenschutz. Der hervorstechende Unterschied ist sicherlich mit auf Rechnung der vereinsgesetzlichen Sonderstellung der Frau in Preußen zu setzen, welche unter dem Ausnahmegesetz durch die polizeiliche Praxis noch verschlimmert wurde. In hohem Grade ist er aber auch der naturgemäße Niederschlag des Entwicklungsganges hervorragender Trägerinnen der Berliner Bewegung. Er hatte sie von der Frauenfrage zur sozialen Frage, von der bürgerlichen Frauenrechtelei zur Sozialdemokratie geführt. Die Vorkämpfer für die Einbeziehung der Frauen in die Internationale Gewerksgenossenschaft kamen dagegen von der sozialen Frage zur Frauenfrage. Dies aber nicht allein an der Hand einer reiferen geschichtlichen Erkenntnis und Schulung, sondern vor allem auch auf Grund der zwingenden Bedürfnisse eines Milieus, das, von der modernen Großindustrie geprägt, einen geradezu klassischen Boden für die Gemeinsamkeit der Interessen und die Gemeinsamkeit des Kampfes von Frauen und Männern des Proletariats gegen den Kapitalismus schuf. In Berlin fehlte damals dieses Milieu; das wirtschaftliche Leben wurde noch vom Kleinbetrieb und handwerksmäßigen Betrieb beherrscht; die Frauenarbeit war vor allem Heimarbeit.
(Schluss folgt.)
(Schluss)
Mit der Internationalen Gewerksgenossenschaft brachen in Sachsen vorläufig die zielklaren und konsequent festgehaltenen Bestrebungen zusammen, die Proletarierinnen dem Klassenkampf einzureihen. Seitdem mit der Reichsgründung der bourgeoise Nationalstaat auf den Plan der Geschichte getreten war, konzentrierte sich die Hauptkraft des deutschen Proletariats zunächst darauf, die proletarischen Heermassen zum Klassenkampf auf politischem Gebiet zusammenzuschweißen. Und der Aufmarsch der Arbeiter als einer politischen Klassenpartei vollzog sich obendrein unter dem Unstern des Bruderzwistes zwischen Lassalleanern und Eisenachern. Die Frau aber ist auf dem politischen Kampfplatz eine Rechtlose und erscheint daher bei oberflächlicher Betrachtung vielen als eine Machtlose und Entbehrliche. Dazu fügte sich, das unter den Genossinnen, welche die Internationale Gewerksgenossenschaft gesammelt hatte, sich keine befand, welche in den Fraktionskämpfen in den vordersten Reihen gefochten hatte. So kam es, das betreffs der Mitarbeit der Frauen am proletarischen Emanzipationswerk vorübergehend die Tendenzen in den Hintergrund traten, deren tapfere Vorkämpferin die Internationale Gewerksgenossenschaft gewesen war. Meines Erachtens ist es charakteristisch, das schon der Einigungskongress zu Gotha 1875 beschloss, als Delegierte zu den Parteitagen Frauen zuzulassen, die entweder als Vertreterinnen von Wahlkreisen in Volksversammlungen oder in besonderen Frauenversammlungen gewählt wurden. Das Sozialistengesetz schmiedete dann mit harten Schlagen die Erkenntnis, das auch im politischen Kampfe das Proletariat die Frau als disziplinierte und organisierte Mitstreiterin nicht missen kann.
Das überblätterte Kapitel aus den Anfangen der proletarischen Frauenbewegung in Deutschland lenkt zwingend die Aufmerksamkeit auf den vielseitigen, schöpferischen Wesensgehalt der alten Internationale, auf die in der Sonne ihrer Gedankenwelt blühende Vereinigung einer großzügigen revolutionären Auffassung vom Klassenkampf und seinem Endziel mit der praktisch-klugen, rührigen Tagesarbeit im Dienste der mannigfaltigsten proletarischen Gegenwartsinteressen. Im Keime hat sie alle Betätigungsgebiete klassenbewussten proletarischen Lebens umschlossen, die Ansätze zu den verschiedensten Bestrebungen, welche der Sammlung des Proletariats und der Erhöhung seiner Kampfestüchtigkeit dienen. Als schwache, oft unscheinbare Sprösslinge in engem Mit- und Nebeneinander brach aus der Schale der Internationale hervor, was heute zu kräftigen, sich weit verzweigenden Organen des proletarischen Klassenkampfes geworden ist. So auch die proletarische Frauenbewegung.
Die Form zerfiel, in welcher die Internationale Gewerksgenossenschaft die Bestrebungen zur Aufklärung und Organisierung der Proletarierinnen zusammengefasst hatte. Aber die von ihr getragenen Tendenzen sind lebendig geblieben, die von ihr ausgehende Ideensaat ist in die Halme geschossen. Das künden die Kämpfe des erzgebirgischen Textilproletariats, in denen die Frauen des Crimmitschauer Bezirkes stets mit bewunderungswürdiger Einsicht und Disziplin in Reih und Glied gestanden sind, das bestätigt die eifrige Mitarbeit der sächsischen Genossinnen an allen Emanzipationsbestrebungen des Proletariats. Die gesamte proletarische Frauenbewegung Deutschlands ist die Erbin und Testamentsvollstreckerin der Internationalen Gewerksgenossenschaft. Sie schreitet auf der klar vorgezeichneten Bahn vorwärts, die uns die Internationale gewiesen, dem stolzen Ziele entgegen, das sie uns errichtete, und auch sie erobert und besetzt – um an ein herrliches Wort unseres unvergesslichen Liebknecht anzuknüpfen – im Klassenkampf ein Land, in welches die internationale Vorhut des revolutionären Proletariats im ersten kühnen Anlauf besitzergreifend seine Speere geschleudert hatte.
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Quellenmaterial: Aufruf des Crimmitschauer Organisationskomitees an alle Berufsgenossen 1869. Bericht über die Gründung der Internationalen Manufaktur -, Fabrik- und Handarbeitergewerksgenossenschaft zu Leipzig 1869. Protokoll der ersten Generalversammlung der Internationalen Manufaktur -, Fabrik- und Handarbeitergewerksgenossenschaft zu Crimmitschau 1870, der dritten Generalversammlung zu Weimar 1872, der vierten zu Chemnitz 1874. Statuten der Internationalen Manufaktur-, Fabrik- und Handarbeitergewerksgenossenschaft, ihrer Kranken- und Sterbekasse. Statuten des Vereins für die Vertretung der Interessen der Arbeiterinnen, Berlin 1885. „Demokratisches Wochenblatt“, Leipzig 1869. Bericht über den ersten Verbandstag sächsischer Konsumvereine, Chemnitz 1869. Bericht des ersten deutschen Webertags zu Glauchau 1871, des zweiten deutschen Webertags zu Berlin 1872, des zweiten deutschen Weberinnungstags zu Chemnitz 1873. Webertagszirkulare 1 bis 15. Flugblatt über die Stellung der Frau im Hause und in der Öffentlichkeit, Glauchau 1869. Protokoll über die Sitzungen des Gewerkschaftskongresses zu Erfurt 1872. Wilhelm Eichhoff: „Die Internationale Arbeiterassoziation“, Berlin 1863. Karl Hillmann: „Die Internationale Arbeiterassoziation“, Leipzig-Hamburg 1871. „Der Volksstaat“ 1870. G. Jaeckh: „Die Internationale“, Leipzig 1904. Briefe von Julius Motteler und Julius Vahlteich. –
* Aus dem „Neue Welt-Kalender“ für 1906. Hamburg, Verlag von Auer & Co. Nachdruck des Artikels nur mit Erlaubnis der Verfasserin gestattet.
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