(86. Sitzung, Mittwoch den 11. März 1891)
[Nr. 1221. Stenografische Berichte über die Verhandlungen des Reichstags. 8. Legislaturperiode. I. Session 1890/91. Dritter Band. Berlin 1891, S. 2001-2004]
Vizepräsident Graf von Ballestrem: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Bebel.
Abgeordneter Bebel: Meine Herren, der Herr Vorredner hat im Eingange seiner Erörterungen mit besonderem Nachdruck der Kompetenzfrage Erwähnung getan. Nach seiner Meinung geht es nicht an, dass der Reichstag zu dieser Angelegenheit Stellung nehme, weil die in Erörterung gezogene Frage nicht der Kompetenz des Reichs unterstellt sei. Ich bin etwas überrascht, gerade von dem Herrn Dr. Orterer gegenwärtig mit einem solchen Nachdruck die Kompetenzfrage erörtert zu sehen. Es ist erst wenige Tage her
(hört! Hört!),
wo in diesem Hause verschiedene Fragen, mindestens ebenso sehr wie die vorliegende, Veranlassung zu Kompetenzbedenken gaben, und diese sind zu meiner großen Genugtuung, wie ich hinzufügen will, von Seiten des Herrn Orterer und seiner Freunde damals a limino abgewiesen worden. Ich erinnere daran, dass wir da – ich weiß nicht bestimmt den Paragrafen der Gewerbeordnung, ich glaube, es war § 45
(Zuruf links),
es waren zwei Punkte –, dass wir darin sämtlichen Gewerbetreibenden Deutschlands ohne Rücksicht darauf, ob sie Hilfspersonen beschäftigten oder nicht, durch Reichsbestimmung den Zwang auferlegt haben, zu bestimmten Stunden am Sonntag nur verkaufen zu können. Es unterliegt gar keinem Zweifel, dass der Reichstag mit diesen Beschlüssen einen Eingriff in die Kompetenz der Einzelstaaten machte, da die Frage der Sonntagsruhe bisher eine ausschließliche Angelegenheit derselben war. Herr Dr. Orterer und seine Freunde haben die Kompetenzfrage zwar auch gelinde gestreift, sich aber über dieselbe hinweggesetzt und dem betreffenden Antrag ihre Zustimmung gegeben.
Ich erinnere weiter daran, dass bei der Debatte über § 120, betreffend die Fortbildungsschulen, von einem Redner der linken Seite, von der man sonst solche Bedenken zu erheben nicht gewohnt ist, ebenfalls Kompetenzbedenken laut wurden, und dass es da wieder die Partei des Herrn Dr. Orterer war, die diese Bedenken bekämpfte und trotz derselben für die Bestimmungen des § 120 gestimmt hat.
Wenn man also hier auf einmal in so scharfer Weise, wie es von seiner Seite geschah, Kompetenzbedenken in den Vordergrund schiebt, so geschieht das nur, weil man die Sache, um die es sich handelt, nicht mag. Das ist entscheidend, – täuschen wir uns doch darüber nicht! – das spielt mehr als alles andere hier im Hause in solchen Fällen die entscheidende Rolle, ob der Punkt, der zur Beratung steht, der betreffenden Partei genehm ist oder nicht.
(Zuruf aus dem Zentrum.)
Bei dem heutigen Falle handelt es sich nun um eine Frage, die gerade derjenigen Partei, der Herr Dr. Orterer angehört, in höchstem Maße unsympathisch ist. Das zeigen die frauenfeindlichen Äußerungen, die der Herr Vorredner in Bezug auf die hier vorliegende Frage gemacht hat; und weil sie ihm und seinen Freunden unsympathisch ist, darum wird vorgeschlagen, die Sache, als nicht zur Kompetenz des Reichs gehörend, von der Tagesordnung zurückzuweisen.
Nun wird höchstwahrscheinlich nach der Zusammensetzung dieses Hauses und nach dem Beifall, den der Herr Abgeordnete Dr. Orterer von den Parteien, die jetzt die Mehrheit bilden, bekommen hat, der Antrag der Kommission angenommen werden. Aber ich bin überzeugt, diese Frage wird uns noch öfter beschäftigen
(sehr wahr! links),
wie sie tatsächlich bereits mehrfach an den Reichstag heran gekommen ist. Nun, bis heute hatte man sich noch nicht entschließen können, die Sache hier zur Erörterung kommen zu lassen. Aber endlich sah man doch ein, dass man diese Frage nicht mehr ohne Weiteres von der Erörterung zurückweisen konnte; und so hat sogar die Majorität der Kommission, die die Kompetenz des Reichstags in dieser Frage bestreitet, nicht mehr umhin gekonnt, anzuerkennen, dass die Angelegenheit von solcher Wichtigkeit sei, dass man mit einem schriftlichen Bericht an das Haus gehen müsse. Freilich, wenn der schriftliche Bericht nicht erteilt worden wäre, so wäre das auch schließlich noch dasselbe; denn was in diesem schriftlichen Bericht mitgeteilt ist, ist so herzlich wenig, dass ich mich gewundert habe, wie man dazu kam, nachdem man einen solchen Beschluss gefasst hatte, sich mit den dürftigen, mageren paar Zeilen, die uns präsentiert worden sind, zufrieden zu geben.
(Sehr wahr! links.)
Meine Herren, dass diese Frage hier auftaucht, ist kein Zufall; es ist eine große Täuschung, wie sie ja auch bei anderen sozialen Fragen vorkommt, dass man meint, es seien einzelne Agitatoren oder Agitatorinnen, die solche Fragen aufs Tapet brächten. Nun unterliegt es aber doch gar keinem Zweifel, dass es sich hier um eine schwerwiegende soziale Frage handelt, um einen der schweren Schäden und Benachteiligungen, die in ihrer Gesamtheit als soziale Frage im Vordergrund des allgemeinen Interesses stehen, mit der wir uns zu beschäftigen haben und im weiteren Verlauf unserer Beratungen uns künftig noch in viel höherem Grade zu beschäftigen haben werden.
(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.)
Es kann nicht bestritten werden, dass in weiten Frauenkreisen das Bedürfnis nach sozialer Selbstständigkeit und Unabhängigkeit existiert. Einzig die Tatsache, die besonders für uns in Deutschland gilt, dass wir nach der letzten Volkszählung weit über eine Million weiblicher Staatsangehöriger mehr hatten als Männer – diese einzige Tatsache wirft ihre Schatten weit voraus und zwingt eine Menge Frauen, die ihren sogenannten Naturberuf als Hausfrauen und Mütter zu erfüllen nicht in die Lage kommen, eine selbstständige Lebensstellung sich zu erobern, weil sie anderenfalls dem materiellen Untergange preisgegeben sind. Und das ist gerade in den sogenannten gebildeten Klassen, wo aber der Besitz fehlt, dass die soziale Stellung der Frauen häufig die aller traurigste ist, weil sie wegen Mangels an Vermögen nicht in die Lage kommen, ihren sogenannten Naturberuf als Hausfrauen und Mütter erfüllen zu können. Sie können nicht heiraten und wollen doch existieren. Dass diese Verhältnisse bestehen, kann bei Ihnen doch kaum irgend einem Zweifel unterliegen. Für diese sogenannten höheren Frauenkreise ist die Frage, die eben auf unserer Tagesordnung steht, außerordentlich wichtig. und von dieser Seite wird sie immer mehr in den Vordergrund gedrängt; denn die eigentlichen Proletarierinnen sind es nicht, die gerade diese Frage anregen. Es sind, wie gesagt, die Frauen der höheren Berufsstände, die in Folge ihrer traurigen sozialen Verhältnisse, unter denen sie in besonderem Maße leiden, vielfach genötigt sind, ihre Fähigkeiten und Naturanlagen auch auf anderen Gebieten, als bisher die Gesellschaft ihnen eingeräumt hat, zu betätigen. Sie fordern vor allen Dingen gleich den Männern das Studium auf den Universitäten absolvieren zu können; sie wollen in die Lage kommen, ihre Kräfte und Fähigkeiten in höheren Berufen für die Gesamtheit nützlich und für ihre Person vorteilhaft verwenden zu können, was ihnen bisher versagt blieb.
Das ist mit wenigen Worten das Streben, welches durch die Petitionen nach Geltung verlangt. Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt wird diese Forderung dringender. Immer größer wird die Zahl der Frauen in den höheren Klassen der Gesellschaft, die diese Zulassung verlangen, und aus diesem Grunde ist es töricht, annehmen zu wollen, dass, wenn Sie heute den Übergang zur Tagesordnung annehmen, damit die Frage auf längere Zeit hinaus erledigt wäre.
(Sehr richtig! links.)
Meine Herren, wir haben nun aus den weiteren Ausführungen des Herrn Abgeordneten Dr. Orterer deutlich gehört, welches die wahren Gründe sind, die ihn und seine Parteigenossen – und wahrscheinlich auch die Majorität des Hauses – veranlassen, in dieser Frage so Stellung zu nehmen, wie es die Majorität der Kommission vorgeschlagen hat. Auf der einen Seite sind es die Konkurrenzrücksichten mit Bezug auf die männlichen Studenten, dass männliche Geschlecht, dann aber sogenannte Sittlichkeits- und Anstandsrücksichten. Das sind die Gründe, weshalb Sie nicht wollen, dass die Frauen in den Berufen, die hier im Vordergrund der Erörterung stehen, zugelassen werden.
Nun, die Konkurrenz ist heute auf allen Gebieten das Ton angebende und maßgebende Element, und zwar überall in unserer Gesellschaft. Die Konkurrenz können Sie nicht zurückweisen, ausgenommen, Sie fänden Mittel und Wege, die Vermehrung der Menschen zu verhindern. Und auch das hälfe nicht. In dem Maße, wie die Zahl der Bevölkerung zunimmt, in dem Maße, wie durch die Konkurrenzverhältnisse auf allen Gebieten der Kampf des Einzelnen um seine Existenz schwerer und schwerer wird, in dem Maße wird auch mit Notwendigkeit der Drang nach immer neuen Betätigungen in neuen Berufszweigen größer, besonders in den Schichten, die bisher nach den Einrichtungen der Gesellschaft ganz besonders benachteiligt worden sind, also bei den Frauen. Der Konkurrenzkampf existiert heute – das werden Sie nicht bestreiten wollen – bereits in hohem Grade, und namentlich auch in den Schichten, die für die höheren Berufe und vorzugsweise für das Universitätsstudium in Frage kommen.
Aber auf der anderen Seite unterliegt es auch keinem Zweifel, dass ein erheblicher Teil der jungen Männerwelt, die sich heute dem Studium widmen und demselben nur widmen, weil es ihnen so standesgemäß erscheint, besser täten, den Universitäten fernzubleiben; denn das, was sie nicht selten dort tun, hat sehr wenig mit höherem Streben und dem Verlangen nach höherer Bildung zu schaffen.
(Zustimmung links.)
Es ist in sehr vielen Fällen nur die Rücksicht auf den Stand, die Rücksicht auf gesellschaftliche Ansprüche, die sie veranlasst, ein paar Jahre die Universität zu besuchen, ohne besonderen Drang zum Besuch der Vorlesungen zu verspüren. Schließlich bestehen sie notdürftig ein Examen, um dann in zahlreichen Fällen als unfähige Leute in den Dienst des Staates und der Kommune zu treten. Dass dem so ist, darüber, meine Herren, kann kaum ein Zweifel bestehen. Wenn diesen Herren, die heute vielfach nur zum Schein das Studium ergreifen, durch die weibliche Konkurrenz ein Stachel gegeben würde, sich etwas mehr ihres Studiums zu befleißigen, so wäre das allein schon ein großer Vorteil, der durch die Zulassung der Frauen zum Universitätsstudium erreicht würde.
Aber, meine Herren, was nun die andere Frage – und das ist bei den Gegnern die Hauptfrage – die Frage nach den Sittlichkeits- und sogenannten Anstandsrücksichten anbelangt, so möchte ich denjenigen, die besonders diese Einwendungen machen, damit man die Frauen nicht zum Universitätsstudium und speziell nicht zum ärztlichen Beruf zulasse, zu bedenken geben, dass sie alle absolut nichts dagegen haben, dass alljährlich Tausende und Abertausende von Frauen berufsmäßig dazu ausgebildet werden, als Krankenpflegerinnen sich herzugeben. Nun kann es aber doch gar keinem Zweifel unterliegen, dass eine Krankenpflegerin mindestens ebenso sehr in die Geheimnisse des menschlichen Körpers und die intimsten Vorgänge der menschlichen Natur eingeweiht wird, als ein Arzt oder eine Studierende der Medizin. Es kann auch darüber niemand im Zweifel sein, dass der Erfolg der ärztlichen Praxis sehr wesentlich davon abhängt, in welcher Weise die Krankenpflegerinnen in ihrem schweren Berufe aus- und durchgebildet sind. Und nun ist es wieder insbesondere die katholische Kirche, die sich bemüht, und mit Nachdruck und in einem gewissen Maße mit Recht sich rühmt, zahlreiche Krankenpflegerinnen auszubilden. Dem stehen die strengen Gelübde, die andererseits diese weiblichen Ordensangehörigen in Bezug auf den Verkehr mit Männern auferlegt erhalten, gar nicht im Wege, und man nimmt keinen Anstoß, trotzdem diese Tausende und Abertausende von Frauen für diesen ebenso delikaten wie äußerst schweren und verantwortlichen Beruf auszubilden. Nun, es gibt sicher keine Frau, die einige Jahre als Krankenpflegerin in Übung war, welche etwa durch das Studium als Ärztin in Bezug auf den menschlichen Organismus noch etwas Neues erfahren könnte – sicher nicht! Also Sie führen in dieser Beziehung ihre eigenen Einwände ad absurdum. Finden Sie es in der Ordnung, begrüßen Sie es mit Freuden, sind Sie insbesondere genötigt, in Rücksicht auf die massenhaften Opfer, die ein künftiger Krieg ja leider kosten wird, Frauen, die sich diesem Beruf als Krankenpflegerinnen, als sogenannte Samariterinnen widmen, in immer größerer und größerer Zahl auszubilden, dann liegt von dem sogenannten Sittlichkeits- und Anstandsstandpunkte aus gar kein Bedenken vor, die Frauen auch zum Studium der Medizin zuzulassen.
(Sehr wahr! links.)
Auf der anderen Seite können Sie es dem Takt und dem Anstandsgefühl der Frauen, die sich diesem Studium widmen, selbst überlassen, wie sie in dieser Beziehung denken und sich zurechtfinden werden. Das eine steht wenigstens fest, dass bis heute da, wo Männer und Frauen gemeinsam dem Studium oblagen, sei es dem Studium der Medizin oder irgend einer anderen Wissenschaft, keinerlei Gefahr für die Sittlichkeit und für die Moral der betreffenden Geschlechter dabei hervorgetreten ist. Wohl aber ist das der Fall dort, wo eine gegenseitige Entfremdung der Geschlechter besteht. Mit Recht hat einer der Herren – ich glaube, es war der Herr Abgeordnete Schräder – darauf hingewiesen, dass vielfache Bedenken, die Frauen zum ärztlichen Studium zuzulassen, wegen des rohen Tons der Studenten vorhanden seien. Nun, ich meine, dann sind die Studenten zu bedauern, die solchen Ton anzuschlagen die Gewohnheit haben, aber nicht die Frauen. Ich habe aber die Überzeugung, dass durch nichts mehr der rohe Ton der Studenten und das leider vielfach nichts weniger als höfliche Betragen dieser Herren modifiziert werden würde als dadurch, dass sie genötigt wären, mit Angehörigen des anderen Geschlechts tagtäglich zu verkehren, im Hörsaal mit ihnen zusammenzukommen, und dadurch genötigt würden, sich einen gewissen Zwang aufzuerlegen. Jedenfalls sind überall in den Staaten, wo das Frauenstudium ohne jede Einschränkung zugelassen worden ist, keinerlei Erfahrungen gemacht worden, die diejenigen Befürchtungen rechtfertigen, die von Ihrer Seite in Bezug auf diesen Punkt geltend gemacht werden.
Und dann, meine Herren, es ist doch wahrhaftig nichts Neues, was wir wollen. Man tut ja gerade, als käme man hier zum ersten Mal in der Welt mit einer solchen Forderung, als gäbe es gar keine Staaten, in denen die Sache bereits praktisch durchgeführt ist! Ich will gar nicht einmal von den Vereinigten Staaten reden, wo in diesem Augen blicke zirka 3.000 Ärztinnen in der Praxis sich befinden
(hört! hört! links),
und wo zirka 18.000 Studierende weiblichen Geschlechts auf Gymnasien und Universitäten im Verkehr mit dem anderen Geschlechte stehen, und nach dem einstimmigen Zeugnisse kompetenter Personen das Verhältnis der beiden Geschlechter das allerbeste war, wo ferner in keiner Weise irgend welche Schädigung für den Unterricht oder die Moral eingetreten ist, wohl aber ein gegenseitiger Wetteifer herrscht und gerade durch die Konkurrenz des weiblichen Geschlechts eine nützliche Einwirkung auf das Studium des männlichen Geschlechts eingetreten ist. Ich erinnere Sie aber hauptsächlich an unser kleines Nachbarland, die Schweiz. Es ist bereits darauf aufmerksam gemacht worden: in der Schweiz hat – abgesehen davon, dass seit einigen Jahren durch einen Ukas des Kaisers von Russland den russischen Frauen es sehr erschwert ist, in der Schweiz noch ferner ihren Studien obliegen zu können – das Studium der russischen Frauen wenigstens das Gute gehabt, dass zahlreiche Frauen anderer Nationalitäten, und namentlich auch Schweizerinnen, sich mehr und mehr dem Studium für die verschiedensten Berufe gewidmet haben. Die Zahl der studienbeflissenen Schweizerinnen ist in der letzten Zeit von Jahr zu Jahr gewachsen; und wenn auch die große Mehrzahl sich dem ärztlichen Beruf gewidmet hat, so gibt es doch auch noch viele, die sich anderen Berufen, besonders dem höheren Lehrfach, widmeten und darin zum Teil Ausgezeichnetes leisteten. Gehen Sie doch hin nach den Schweizer Universitäten, nach Zürich, Genf und Bern – denn diese drei Universitäten kommen hier in Betracht – und hören Sie einmal bei den Professoren, fragen Sie einmal die Studenten selbst, welchen Einfluss diese Studien gehabt, ob die Gefahren, die Sie in einer solchen Berechtigung sehen, hervorgetreten sind! Wenn man aufrichtig und ehrlich sein will, wird man es verneinen müssen.
Auch bei uns in Deutschland ist die Sache keineswegs neu. Wir haben im Deutschen Reich mehrere Universitäten, wo bis vor wenigen Jahren Frauen zum Studium zugelassen wurden, wenn auch nur als Ausnahmen mit besonderer Genehmigung der Universitätsbehörden. So hat es in den sechziger und siebziger Jahren eine Anzahl Frauen gegeben, die in Leipzig studierten; später ist durch eine Verordnung des sächsischen Kultusministers die Bestimmung getroffen worden, dass Frauen nur dann zugelassen werden könnten, wenn er, der Kultusminister, ausdrücklich seine Einwilligung dazu gebe; die Universität an sich hat also nicht mehr das Recht, Frauen zuzulassen. Auf Grund dieser kultusministeriellen Zustimmung studieren im Augenblick in Leipzig zwei Töchter eines unserer ersten Professoren der Medizin. Wir haben ferner weibliche Studenten in Heidelberg gehabt. Also Sie sehen, diese Tatsache war auch schon in Deutschland vorhanden. Es ist also einerseits die Furcht vor der Konkurrenz, andererseits das Vorurteil, der Zopf, der dazu geführt hat, den Frauen die Zulassung zur Universität möglichst zu er schweren oder gar abzuschneiden. Und etwas anderes kann auch nicht eingewendet werden; denn es sind wahrhaftig in allen diesen Beziehungen der Beweise bereits genügende da, die zeigen, dass alle Einwände, die sonst von gegnerischer Seite wie über die Befähigung etc. gemacht worden sind, nicht zutreffen. Derjenige Staat in Deutschland, der bisher keine Frauen zum Studium zugelassen, und der bisher am feindseligsten sich gegen das Frauenstudium verhalten hat, ist Preußen. In Preußen sind bis Dato weibliche Studenten überall zurückgewiesen worden; aber charakteristisch ist, dass derselbe Minister, der bis zum heutigen Tage im Amte war und das Frauenstudium auf den Universitäten bekämpfte, – dass derselbe Minister, nämlich Herr von Goßler, nicht umhin konnte, seiner Hochachtung vor einer Studentin, die später Professorin wurde, in eklatanter Weise Ausdruck zu geben. Es ist die bereits von einer Seite erwähnte Frau von Kowalewsky, die leider vor einigen Wochen in Stockholm verstarb. Herr von Goßler konnte nicht umhin, als diese Frau im letzten Herbst hier in Berlin einen Besuch machte, sie zu sich in eine Gesellschaft zu laden und sie bei dieser Gelegenheit den ersten Koryphäen der Wissenschaft an der Berliner Universität vorzustellen. Und diese Frau war es, die vor einigen Jahren in ihrem Abgangszeugnis auf der Universität Paris in Bezug auf Mathematik den ersten Preis davongetragen hat, wie sie denn auch als Professor der Mathematik bis zu ihrem Tode in Stockholm tätig war.
Also Sie sehen, dass alle Ihre Gründe, die Sie gegen das Frauenstudium einwenden, in der Praxis nicht begründet sind und vor ihr nicht bestehen können.
Herr Dr. Orterer sagte ferner: überlegen Sie sich die Konsequenzen, die, wenn Sie die Anträge, die darauf hinausgehen, die Petition dem Reichskanzler und den verbündeten Regierungen zur Berücksichtigung zu überweisen, annehmen, daraus entstehen; es wird alsdann auch notwendig sein, dass Sie die Frauen an den Gymnasien zulassen, und was da entstehen möchte, das wage er nicht auszumalen; das könne sich wohl jeder denken. Da antworte ich wieder: probiere wir es doch erst einmal, und vor allen Dingen beobachten wir die Resultate jener Länder, in denen das, was Herr Dr. Orterer so sehr befürchtet, tatsächlich eingeführt ist, vor allen Dingen wieder die Vereinigten Staaten –! Meine Herren, wir leben in allen diesen Fragen noch in den tiefsten Vorurteilen, wir hängen dem ärgsten Zopftume an.
(Sehr richtig! links.)
Das ist, wovon wir uns noch immer nicht befreien können, und weshalb wir zu den reaktionären Anschauungen kommen, wie sie von jener Seite (rechts) vertreten werden. Ich sehe auch in dieser Sache keine Gefahr für die Sittlichkeit. Im Gegenteil! Ich glaube gerade, dass durch die künstliche Trennung und das Fernhalten der Geschlechter, wie es bei uns in der Schule stattfindet, die Gefahr für Sittlichkeit und Moral ganz erheblich mehr verstärkt und verschärft wird
(sehr wahr! links),
als wenn die beiden Geschlechter in natürlicher Weise als „gute Kameraden“, wie es mit Recht hier von einer Seite genannt wurde, verkehren. Wer in England nur kurze Zeit gelebt und Gelegenheit gehabt hat, zu sehen, wie dort auch in den höheren Schichten die Angehörigen beider Geschlechter mit einander verkehren, der wird unwillkürlich zu der Überzeugung kommen, dass das ein weiter Unterschied gegen den gleichen Verkehr in Deutschland ist, und zwar zu Gunsten des freien Verkehrs der Geschlechter, wie er in England besteht. Und ich meine denn doch, in Bezug auf die Moral gibt es wahrhaftig kein Land, in dem größere Strenge und selbst Prüderie besteht, als in England. Das gleiche ist in den Vereinigten Staaten der Fall. Wenn man nun auf Grund freierer Auffassungen in dieser Beziehung die besseren Erfahrungen gemacht hat, dann haben wir keine Ursache, uns vor denselben zu fürchten. Also ich kann nur bitten, dass Sie den Anträgen, die wir gestellt haben, Ihre Zustimmung geben. Und sollte in der Tat die Universität Straßburg einmal, wie Herr Dr. Orterer sich ausdrückte, dazu degradiert werden, das Experimentierungsfeld für das Studium der Frauen abzugeben, ich glaube, alsdann wird die Erfahrung sehr bald zeigen, dass nicht eine Degradierung, sondern eine Avancierung der dortigen Universität eingetreten ist.
(Bravo! bei den Sozialdemokraten.)
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