Franz Mehring: Die Halben

[Die Neue Zeit, XV. Jahrgang 1895-96, I. Band, Nr. 4, S. 121 f.]

Im vorigen Jahrgang der „Neuen Zeit“ – Nr. 51 – besprach ich das Pamphlet des Herrn v. Wenckstern über Marx. Dabei ging ich zur Erläuterung der Frage, weshalb dies kapitalistische Plädoyer in der kapitalistischen Presse keinen Widerhall gefunden habe, mit einigen Sätzen auf die von mir in der „Leipziger Volkszeitung“ ausführlich besprochene Populäre Volkswirtschaftslehre von Herrn Karl Jentsch ein, die mit ihrem „platt-vulgären Bleche“ dem Geschmack des kapitalistischen Publikums mehr zusage, als Herr v. Wenckstern mit seinem „höheren Bleche“. Hierüber erbosen sich die „Grenzboten“, die in demselben Verlage erscheinen, in dem auch das Buch des Herrn Jentsch erschienen ist. Soweit es nötig war, habe ich in der „Leipziger Volkszeitung“ darauf geantwortet; an dieser Stelle will ich nur noch mit einigen Worten auf die Verdächtigung eingehen, wonach ich im „Interesse des Dietzschen Verlages“ das Buch des Herrn Jentsch „abgeschlachtet“ haben soll.

Welche Gründe haben die „Grenzboten“ zu ihrem ehrabschneiderischen Vorwurfe? Ist jemals früher Herr Jentsch in der „Neuen Zeit“ getadelt oder gar ungerecht getadelt worden? Im Gegenteil – seine früheren Schriften sind sehr günstig in der „Neuen Zeit“ kritisiert worden: siehe Band XI, 2, 693 und Band XII, II, 630. Oder habe ich sonst je Schriften aus dem Verlag der „Grenzboten“ in der „Neuen Zeit“ ungerecht oder überhaupt nur getadelt? Im Gegenteil: ich habe Band X, 2, 417 Wustmanns „Allerhand Sprachdummheiten“ und noch vor wenigen Wochen Band XIV, 2, 641 Göhres „Geschichte der evangelisch-sozialen Bewegung“, beide so ausführlich wie wohlwollend besprochen, ungerechnet dass ich oft genug die „Grenzboten“ als ein in seiner Art ganz verständiges Blatt erwähnt habe. Nach so vielen Proben loyaler Kritik sollten die „Grenzboten“ doch nicht gleich mit Schmutz werfen, wenn nun auch einmal ein Geschwister aus ihrem Hause als missraten gekennzeichnet wird.

Und zwar mit Recht als mißrathen gekennzeichnet, wie die „Grenzboten“ ganz gut wissen. Weshalb gehen sie in dem seitenlangen Bombast über meine angebliche „Hinrichtung“ des Herrn Jentsch nicht mit einer Silbe auf die Sache selbst ein? Weshalb tun sie so, als handle es sich zwischen Herrn Jentsch und mir um sublime Probleme, an deren Lösung „alle bedeutenden Männer“ längst verzweifelt hätten, als hätte ich Herrn Jentsch „abgeschlachtet“ wegen Meinungsverschiedenheiten über Fragen, über die es verschiedene Meinungen geben kann? Von alledem ist ja gar keine Rede gewesen. Hätte Herr Jentsch Leute wie Ricardo und Marx aus freier Faust für „unsinnige“ Kerle erklärt und aus den Tiefen seines schöpferischen Genius eine neue Volkswirtschaftslehre geboren: von meinetwegen wäre er in diesem harmlosen Vergnügen nie gestört worden. Was ich getadelt habe, ist nur das geniale Verfahren, den „Unsinn“ von Ricardo und Marx dadurch zu beweisen, dass Herr Jentsch diesen Denkern Behauptungen in den Mund legt, die sie nicht nur nicht aufgestellt, sondern gegen welche sie sich – Ricardo sogar schon vor achtzig Jahren – ausdrücklich verwahrt haben. Über diese Methode eines Schriftstellers, der ein größeres Publikum, das ihn nicht kontrollieren kann, zu unterrichten beansprucht, kann es nicht zweierlei Meinungen geben, und das ganze Geschwafel der „Grenzboten“ über „achtzehnjährige Sozialdemokratenbüblein“ usw. ist das Gerede einer tödlichen Verlegenheit, die Dinge verteidigen will, welche unter anständigen und verständigen Leuten sich nicht verteidigen lassen.

Indessen das sollte ihnen gern geschenkt sein, wenn sie sich nur nicht noch erdreistet hätten, von dem „Interesse des Dietzschen Verlags“ zu reden, Aus den obigen Ausführungen ergibt sich zur Genüge die Wahrhaftigkeit der noblen Unterstellung. Es ist bemerkenswert, dass diese anmutige Kampfesweise gegen die „Neue Zeit“ zum zweiten Male binnen wenigen Wochen aus derselben Ecke der bürgerlichen Welt auftaucht: aus dem Kreise jener Halben, die gern möchten, aber nicht können. Es scheint, dass die guten Leute und schlechten Musikanten sich über die Rolle täuschen, die ihnen beschieden ist. Wenn sie als Zersetzungsbazillen in der bürgerlichen Gesellschaft wirken wollen, so ist das ja ganz hübsch und nett. Aber wenn sie wieder ins Unreine bringen wollen, was die großen Denker der politischen Ökonomie und des wissenschaftlichen Sozialismus längst ins Reine gebracht haben, so muten sie sich mehr zu, als ihren schwachen Leibern frommt. So fett fidelt Lux nicht, wie es bei meinem Landsmann Reuter heißt. Und sie verbessern ihre Lage am wenigsten, wenn sie eine grausame Enttäuschung hinter giftigen Verdächtigungen verstecken wollen.

Berlin, 13. Oktober 1896.

F. Mehring.


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